Auf die Befreiung folgt der Wiederaufbau eines in Trümmern liegenden Landes…

... Die Kriegsschäden betrafen das gesamte Staatsgebiet. Mit der Auswertung dieser Schäden wurde eine am 21. Oktober 1944 geschaffene Kommission für die Besatzungskosten betraut, die ein Jahr später zur Commission consultative des dommages et des réparations wurde.
 

Le Gouillonneys, Minenräumer in den Dünen, 1946. ©Ministère de l'équipement (Planungsministerium)

 

  
Lorient. ©Privatsammlung - Dünkirchen, 20.07.1945. - Brest, Besuch von General de Gaulle, 26.07.1945. ©ECPAD

Mehrere Hindernisse erschwerten die Auswertung der Schäden: die Zeit, die zwischen der Befreiung der ersten Departements im Juni 1944 und dem endgültigen Abzug der feindlichen Truppen im Mai 1945 vergangen war, die sozialen und politischen Unsicherheiten, sowie die schwierige Kommunikation zwischen den verschiedenen Regionen.  Darüber hinaus wollte die aus der Widerstandsbewegung hervorgegangene Regierung außer der Bestandsaufnahme der Ruinen auch den Anteil der Schäden berechnen, die respektive Vichy, den Besatzern und verschiedenen Militäroperationen, zu denen auch die Bombardierungen der Alliierten zählten, zuzuschreiben waren. 

 

Bilanz der Zerstörungen

 

Lorient, 04.06.1945. ©ECPAD/Tourand Jean-Jacques

 

Es war unerlässlich, das Ausmaß der Verluste festzustellen, um die Wiederbelebung der wirtschaftlichen Produktion anzukurbeln. Dazu mussten Prioritäten für die Aufteilung der finanziellen Mittel gesetzt werden. Es handelte sich hierbei auch um eine moralische, juristische und politische Herausforderung, da die Einschätzung der Schäden und der daraus entstehenden Bedürfnisse ein Argument für die Anfragen an internationale Hilfsleistungen darstellten. Dies erklärt gewisse hohe Schätzungen der öffentlichen Behörden, sei es aus Vorsicht bei der Erstellung der Budgets oder zur Sicherung eines Spielraums für die Verhandlungen des zukünftigen Friedensvertrags. Außer auf ihre eigenen Zählungen, die bald vom Ministerium für Wiederaufbau und Städteplanung bestätigt wurden, stützte sich die Kommission auch auf Daten, die seit 1940 vom nationalen Amt für Statistik, von den Gemeinden, der Brücken- und Straßenbauverwaltung und den Städteplanungsämtern Vichys aufgezeichnet worden waren. Was die Privathaushalte betrifft, wussten sie, dass in einem Verfahren ähnlich dem der Gemeindeverwaltungen, die Einschätzung der von ihnen erlittenen Schäden als Basis für die Berechnung ihrer Entschädigungen dienen würde. Sie neigten demnach dazu, ihre Schäden großzügig zu bemessen.

 

Mit meinem Verlust von mehr als 30% ihres Gebäudeparks wurden im Jahr 1946 1.838 Gemeinden offiziell als geschädigt deklariert. Darunter 15 der 17 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, 21 von 39 jener mit einer Einwohnerzahl zwischen 50.000 und 100.000 und 154 Gemeinden mit einer Einwohnerzahl zwischen 10 und 50.000 (von 278). Die gesamte urbane Struktur des Landes war getroffen, auch wenn ca. ein Viertel der geschädigten Gemeinden nur ländliche Dörfer mit 200 bis 2.000 Einwohnern waren. 460.000 Gebäude waren völlig zerstört und 1.900.000 beschädigt, was 18% des Gebäudeparks entspricht. Wobei diese Zahlen eher abstrakt sind, da gewisse Stellen in Gebäuden zählten, andere in Wohnungen oder benutzten Räumen, der Begriff Gebäude konnte sowohl ein gesamtes Bauwerk als auch nur seinen Hauptkörper bezeichnen. Dies war für städtische Bauwerke wenig störend (wobei Bahnhöfe, Fabriken und Geschäfte dieser Ungenauigkeit ausgesetzt waren), die Schätzungen betreffs landwirtschaftlicher Betriebe schwankten jedoch gewaltig auf Grund dieser Bewertung.

 
Bahnhof von Le Mans, 1945. ©ECPAD

 

Zu den Zerstörungen öffentlicher Gebäude (Rathäuser, Finanzämter, Justizpaläste, Gerichte) kamen jene der historischen Denkmäler (Kirchen, Schlösser, Kloster) hinzu.
 
 
Letztlich erschwerte die Zerstörung von ca. 1.900 Kunstbauten (Brücken, Tunnel und Viadukte), von 115 Bahnhöfen, 7.500 Straßenbrücken und 4.000 Wasserbrücken die Verbindungen und machte Frankreich bis Anfang 1946 zu einem zerstückelten Land.
 
Parallel zur Zählung der zerstörten Bauwerke erstellte die Kommission die Gesamtbeträge im Rahmen der Hauptaktivitäten der Nation (Landwirtschaft, Industrie und Handel, Transport und Kommunikation), welche in Milliarden Francs berechnet wurden, im Bezug auf den Wert von 1939. Die Schäden umfassten, in absteigender Reihenfolge, die Plünderungen, die Zerstörungen, die Personenschäden und die Schäden an nicht immobilen Gütern. 

 

 
 
Marseille, 03.07.1945. ©ECPAD

 

Nach Sektoren liegen die Schäden im Immobilien- und Mobilienbereich weit an der Spitze, gefolgt von Transport und Kommunikation, und danach beinahe gleichauf von Industrie und Handel sowie der Landwirtschaft. Die Bewertungskriterien berücksichtigten ebenfalls die Größe und die Funktion der jeweiligen Stadt. Die Existenz beschädigter historischer Monumente sowie die Originalität des architektonischen Charakters spielten ebenso eine Rolle wie die Frühzeitigkeit und die Wiederholungen der Zerstörungen. Und selbstverständlich fielen die großen Häfen mehr ins Gewicht als die kleinen Reeden, ganz zu schweigen vom Stimmengewicht der ländlichen Gemeinden, die zwar schwer betroffen waren, aber im Hinblick auf den wirtschaftlichen Aufschwung kaum Bedeutung hatten. Und schließlich spielte auch die Art der Zerstörung eine gewisse Rolle in der Einschätzung, die Grausamkeit oder Unnötigkeit verlieh den Ruinen eines aus Vergeltungsmaßnahmen eingeäscherten Dorfes mehr Bedeutung als einer bombardierten deutschen U-Boot-Basis. 

 

 

Die Aufgabe des Wiederaufbaus erwies sich als sehr schwierig. Es dauerte zehn Jahre, um einen Großteil der Ruinen neu zu errichten.

 

 

Ein Ministerium für Wiederaufbau und Städteplanung

 

Einmal in der Hauptstadt installiert, bediente sich die provisorische Regierung der von Vichy getroffenen Maßnahmen, um den Zerstörungen entgegenzutreten, die seit Frühjahr 1940 nicht aufgehört hatten. Im November 1944 beginnt sie mit der Einrichtung des Ministeriums für Wiederaufbau und Städteplanung (MRU). Unter der Leitung von Raoul Dautry, seinem ersten Minister, bildeten Architekten, Urbanisten, Geometer, Ingenieure und Techniker, die seit 1940 im Amt gewesen und größtenteils der Säuberung entkommen waren, das Rückgrat des neuen Ministeriums.

 

Lorient, 1956. ©Archives du Morbihan

 

Die Finanzierung des Wiederaufbaus unterstand dem Gesetz über Kriegsschäden vom Oktober 1946, welches relativ großzügig war. Einzige Einschränkung: die Geschädigten mussten beweisen, dass der Wiederaufbau ihres zerstörten Besitzes nicht nur ein persönliches Bedürfnis war, sondern auch dem „allgemeinen Wohl“ diente. Das heißt, Wohngebäude, Geschäfts- und Industriegebäude hatten Vorrang vor Ferienorten, während private Immobilien nur wenig oder gar nicht entschädigt wurden. Im Gegenzug mussten sich die zukünftigen Entschädigten (Gemeinden oder Einzelpersonen) strengen Regeln unterwerfen: Zunächst mussten die Dörfer und Städte ihren Status als „Geschädigte“ erlangen, das heißt, den Grad der Zerstörung bewerten lassen, ab dem die Entschädigungen gewährt wurden. Anschließend konnten sie nicht mit dem Wiederaufbau beginnen, bevor sie dem MRU einen Plan für den Wiederaufbau und die Raumordnung vorgelegt hatten. Der Plan wurde von den Technikern des Ministeriums geprüft und nur dann genehmigt, wenn er den Richtlinien der Regierung entsprach. Die Dauer all dieser amtlichen Schritte wurde dazu genutzt, die enormen Mengen an Schutt (geschätzte hundert Millionen Kubikmeter) zu entfernen, die die zerstörten Stadtviertel blockierten, und die ca. 13 Millionen Minen zu entschärfen, die auf dem Staatsgebiet verstreut waren.

 

Um von den Entschädigungen profitieren zu können, mussten sich Privatpersonen, nachdem sie die erlittenen Verluste deklariert hatten, zu Verbänden zusammenschließen, die „associations syndicales de reconstruction“ genannt wurden, und die Standorte der neuen Bauten und deren Normen, was Oberfläche und Komfort betraf, akzeptieren. Die Baustellen wurden Städteplanern, Architekten und Unternehmen anvertraut, welche vom Staat autorisiert und von Paris gewählt und vorgeschrieben wurden.
 
Zwei Notwendigkeiten bestimmten das Handeln des MRU: eine Städteplanung, die der von der Regierung geforderten wirtschaftlichen Modernisierung entsprach, sowie das Eindämmen der Wohnungskrise, die schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts latent war, sich aber durch die Zerstörungen und den neuen Anstieg der Geburtenrate verschlimmert hatte.

 

 

 

 

Von links nach rechts: Cité Commerciale, Lorient. - Equihen, Pas de Calais. ©Coll. P. Bernard - Brest, 1960er Jahre. ©Association Les Amis du Polygone Point du Jour

 

 

Provisorische Bauten

 

Holzbaracken, Caen.
©Coll. IWM DP
 
Die Errichtung provisorischer Bauten zur Unterbringung von Flüchtlingen und Geschädigten ist untrennbar mit den Kriegen und den daraus hervorgehenden Zerstörungen verbunden. Der Norden und der Osten des Landes waren nach 1918 übersät von solchen Bauten, von denen einige 1945 noch bewohnt waren. Die Regierung von Vichy hatte ihrerseits eine spezielle Abteilung geschaffen, die mit deren Errichtung nach jeder schweren Bombardierung beauftragt war. Auch wenn diese Erfahrung auf Grund eines Mangels an Mitteln, wie auch in anderen Bereichen, enttäuschend war, erwies sie sich nach 1945 als nützlich. Zwei Probleme behinderten jedoch die Verbreitung der provisorischen Bauten. Zuerst den Sinn ihrer Existenz, der von einem Teil der Städteplaner und Politiker bestritten wurde. Um nicht auf lange Frist unnötige Kosten zu tragen und keine Baugründe innerhalb der für den Wiederaufbau vorgesehenen Zonen zu besetzen meinten sie, dass die Geschädigten darauf verzichten müssten, rasch in demontierbaren Baracken untergebracht zu werden und selbst eine Übergangslösung finden müssten. Zudem war ihre Produktion trotz der während des Krieges geführten Recherchen begrenzt, und man musste sich des Außenmarktes bedienen, was das begrenzte Budget zusätzlich belastete. Außerdem machten die Leitlinien des „Premier plan de modernisation et d’équipement“ (Nationalplan) das Wohnungswesen zu einem Konsumgut, welches im Vergleich zur Instandsetzung und Entwicklung der produktiven Sektoren wie Energie, Werkzeugmaschinen und Transport-Infrastrukturen zweitrangig war.  Diese Prinzipien, deren Konsequenzen durch den Anstieg der Geburtenrate und die Konzentration der Arbeitskräfte in städtischen Gebieten verstärkt wurden, führten zu einer akuten Wohnungskrise, sowohl auf dem Land als auch in den Städten.
Angesichts der Tatsache, dass die definitiven Gebäude noch lange nicht fertig gestellt würden und angesichts einer wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung mussten sich Regierungsverantwortliche, Behörden und Städteplaner dazu entschließen, provisorische Bauten zu errichten.  Während die Planer ihrerseits im Zweiten Nationalplan eine Neuorientierung zu Gunsten des Wohnungsbaus vorsahen, war das Jahr 1947 jenes der massiven Errichtung von Baracken in allen geschädigten Städten. In Caen, sowie in Lorient, Le Havre oder Dünkirchen öffneten die Geschäfte in Holzhütten, schnell zusammengestellte Baracken dienten als Schulen, die Gläubigen folgten der Messe in Notkirchen und die Bewohner ganzer zerstörter Stadtviertel wohnten in Hütten, die in Frankreich produziert wurden oder aus Schweden, Großbritannien und den Vereinigten Staaten sowie aus Deutschland und Österreich als Entschädigung geliefert wurden.
 
Diese Barackenviertel machten jene glücklich, die dort einziehen konnten, und jene Familien neidisch, die zwar auch geschädigt waren, aber aus verschiedenen Gründen (zu hohes oder unzureichendes Einkommen, Nichteinhalten der Anfragefristen, politische Orientierung) ausgeschlossen wurden. Im Vergleich zu den zahlreichen heruntergekommenen Wohnungen im ganzen Land boten sie einen gewissen Komfort. Dies erklärt, warum diese Komplexe zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch von den Nachfahren ihrer ersten Bewohner genutzt werden, z. B. in Le Havre oder Brest.
 
Nach Abschluss der provisorischen Bauten galt es, das Erscheinungsbild der wieder aufzubauenden Städte zu bestimmen.

 

 

Formes urbaines et architecturales

 

 
Fassade der Cité radieuse. Marseille.
©M.-G. Bernard Creative Commons
 

Für die Städteplaner bot der Wiederaufbau die Gelegenheit, die Städte zu modernisieren. Sie wollten die verschlungenen Gassen der Elendsviertel entfernen und die Viertel renovieren, in denen kleine Werkstätten, verpestende Fabriken und Wohnhäuser sich aneinander reihten, die Ursache waren für Krankheiten und schlechte hygienische Bedingungen. Deshalb wurden alle Pläne für den Wiederaufbau nach den Prinzipien der Trennung der wichtigsten städtischen Funktionen angelegt, genannt Zonierung. Während die geschädigten Unternehmen ihre Niederlassungen im städtischen Randgebiet aufbauten, wurde der so freigewordene Platz der Errichtung geräumigerer und weniger dichter Wohnhäuser gewidmet. Auch Handel und Behörden wurden zentralisiert, was eine große Neuigkeit in den Städten der 50er Jahre darstellte.

Der Vieux-Port und der Komplex Tourette, realisiert von Fernand Pouillon zwischen 1948 und 1953, Marseille. © DP
 
Für diese Auflockerung des städtischen Raums beschloss das MRU, die Raumaufteilung neu zu gestalten. Diese war das Ergebnis einer langen, städtebaulichen Geschichte. Zahlreiche, schmale Parzellen waren verschachtelt. Die Änderung war sehr schwierig: es bedurfte der Zustimmung der Besitzer und der Berechnung der Gleichwertigkeit der Oberflächen, der Lage und der Ausrichtung. Zähe Verhandlungen führten schließlich zu einem akzeptablen Übereinkommen zwischen den Behörden und den Geschädigten. Diese freundschaftlichen Lösungen, die Einzigen, die im Rahmen einer Rückkehr zur Demokratie möglich waren, machten die Ergebnisse der städtischen Umbelegung weniger dramatisch, als es von den Städtebauern vorgesehen war. Nichtsdestotrotz brachte die neue Raumverteilung eine allgemeine Vergrößerung und Begleichung der Parzellen mit sich, auch wenn diese Operation mehr oder weniger den Sinn vor der Zerstörung respektierte. 
 
Die Städteplaner wollten auch die Straßen begradigen, eine neue Gelegenheit, mit den Anrainern zu verhandeln, die wertvolle Quadratmeter verloren, zu Gunsten des „allgemeinen Wohls“, welches nicht immer gerne von den Bürgern, die noch immer vom Krieg, der Besatzung und dem Verlust ihrer Güter getroffen waren, angenommen wurde. Auch wenn es einige große Neuerungen gab, wie die breiten Straßen, die vom Bahnhof ins Zentrum von Caen oder Saint-Nazaire führten, so konnten die Städteplaner nicht überall bedeutende Änderungen durchsetzen. Die neuen Straßen blieben trotz des Ausmaßes an Begradigungen den früheren Linienführungen treu. 
 
Was die Wahl der Formen betrifft, legte das MRU einen konsensuelleren Pragmatismus an den Tag. Mit den Bauarbeiten wurden sowohl Anhänger des Mouvement moderne en architecture als auch Verteidiger der in der l’École des Beaux-Arts gelehrten Tradition betraut. Aus diesem Grund sind die Wiederaufbauten in ihrer Gesamtheit weder komplett modernistisch, noch komplett identisch. Diese „durchschnittlichen“ Wiederaufbauten bemühten sich, nicht zu brutal mit der Geschichte zu brechen. Die Formen der neuen Gebäude versuchten, sich in die alte Landschaft einzugliedern. Jedoch wurden einige Städte aufgrund ihres symbolischen Charakters ausgewählt. So wurden in Oradour-sur-Glane, einem Dorf im Limousin, das während des Rückzugs der Deutschen im Juni 1944 eingeäschert wurde, die Ruinen zur Erinnerung an das Martyrium der Bewohner erhalten, und ein neuer Ort wurde wenige hundert Meter davon entfernt errichtet. Diese Erhaltung der Ruinen, die Zeugnis über die Gräuel des Krieges ablegen, blieb jedoch eine Ausnahme.

 

Dünkirchen, 50er Jahre. ©DP

 

Die Mehrheit der Instandsetzer, im Einklang mit einem Großteil der Geschädigten, war für einen sogenannten identischen Wiederaufbau. In Saint-Dié war dies das Resultat der Opposition der Einwohner gegen das modernistische Projekt von Le Corbusier. In Gien, Saint-Malo und Blois war das Eintreten für die Beibehaltung der alten Formen wirtschaftlich begründet, und die Gemeinden rückten vor allem die touristische Attraktivität in den Vordergrund. Im Gegensatz dazu wurden die Anhänger der modernen Architektur in Le Havre mit den Projekten Auguste Perrets zufrieden gestellt, in Royan, wo viele der im Zuge der Entwicklung des Seebads Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Rokoko-Bauten zerstört worden waren, und in Sotteville-Lès-Rouen, wiederaufgebaut nach den Plänen von Marcel Lods. Neben diesen charakteristischen Wiederaufbauten setzten in den meisten Städten die Experten alles daran, die zerstörten urbanen Verwebungen wieder zusammenzufügen und den Übergang zwischen alten, renovierten Gebäuden und komplett neu errichteten Stadtvierteln zu gewährleisten, wie dies in Marseille und Caen der Fall war. 
Um zu diesen Lösungen zu gelangen, gab es hitzige Diskussionen zwischen Architekten und Städteplanern, auf die Wünsche der Geschädigten wurde jedoch kaum Rücksicht genommen. Diese fanden, dass die Richtlinien aus Paris, die des MRU sowie die der Experten nicht auf ihre persönliche Situation und ihre Wünsche Rücksicht nahmen. Aus dieser Sicht kann der Wiederaufbau auch als ein Kräftemessen zwischen der zentralen Macht, die die generellen Regeln festlegte, und den Gemeinden, die den Wünschen und Bedürfnissen der Geschädigten näher standen, angesehen werden. Die Einwohner der zerstörten Städte wussten nur wenig über den Streit der Anhänger der verschiedenen Architekturschulen. Hohe Gebäude, wie sie die Verfechter des Mouvement moderne bevorzugten, schienen ihnen ein „amerikanischer“ Import zu sein, weitab von ihren Traditionen. Darüber hinaus entsprachen die städtebaulichen Regeln, die sich seit Beginn des Jahrhunderts für den Abriss der Elendsviertel, die Erweiterung der engen Straßen und das Verschwinden kleiner Industriebetriebe aus Wohngebieten einsetzten, keinesfalls ihrem Alltag. Sie wussten Beton und Flachdächer nicht zu schätzen, was Le Corbusier und sein Freund Eugène Claudius-Petit sehr bedauerten. Das Ministerium war wiederholt unglücklich über die Wahl der Franzosen, die den modernen Formen nichts abgewinnen konnten.
 
Denn dieser archetektonische Stil wurde vom MRU bevorzugt, nach der Devise „Luft, Sonne, Licht“, was das Ende von ganzen Stadtvierteln und Straßenlinien bedeutete, die senkrechten, auf Grünflächen errichteten Gebäuden weichen mussten. Das Ministerium betrachtete den Wiederaufbau als Gesamtheit, für die die gleichen Regeln galten. Die einzelnen Gemeinden kannten ihre Bedürfnisse. In Lorient zum Beispiel sah der erste Plan für den Wiederaufbau eine weitläufige Grünfläche vor, die das Arsenal vom Rest der Stadt getrennt hätte, was nicht den Wünschen des Gemeinderates entsprach. Zahlreiche Verhandlungen waren nötig, um zu einem Konsens zu kommen. Gleiches gilt auch für Marseille. Insgesamt drei große Projekte wurden ausgearbeitet, bevor die Gebäude des Viertels Vieux-Port ohne Wolkenkratzer entlang der alten Quais neu gebaut wurden. In Dünkirchen widersetzten sich die Verbände der Geschädigten dem verantwortlichen Städteplaner. Zugleich wurden die Ansinnen des Ministeriums Dugny, welches von den auf den Flughafen von Bourget gerichteten Bombardierungen getroffen war, nicht wieder aufzubauen von den Bewohnern der Stadt zunichte gemacht, die eine so radikale Vorgangsweise ablehnten.
 
Trotz all dieser Schwierigkeiten begannen ab 1947 alle Bauarbeiten, die der französischen Landschaft ein neues Erscheinungsbild geben sollten. Zehn Jahre später fand der Wiederaufbau ein Ende, gleichzeitig mit dem Beginn der industriellen Massenbauten und der Raumplanung, die ein direktes Ergebnis der Politik des Wiederaufbaus waren.
Autor: Danièle Voldman – Emeritierte Forschungsdirektorin beim CNRS – Universität Paris 1