Charlotte Delbo

1913-1985

 

O ihr, die ihr so viel wisst,

Wisst ihr, wie die Augen vor Hunger leuchten und der Durst sie verblassen lässt

O ihr, die ihr so viel wisst,

Wisst ihr, wie es ist, seine Mutter sterben zu sehen und keine Tränen zu haben

O ihr, die ihr so viel wisst,

Wisst ihr, wie sehr man am Morgen sterben möchte, und am Abend nur noch Angst hat

O ihr, die ihr so viel wisst,

Wisst ihr, dass ein Tag länger dauert als ein Jahr und eine Minute länger als ein ganzes Leben

O ihr, die ihr so viel wisst,

Wisst ihr, wie die Beine keinen Schmerz mehr empfinden, die Augen und Nerven immer schwerer werden und unsere Herzen schwerer sind als Stahl

Wisst ihr, dass die Pflastersteine nicht weinen, dass es keine Worte gibt für dieses Grauen, keine Worte für diese Angst

Wisst ihr, dass das Leiden und der Horror keine Grenzen kennen

Wisst ihr das

Ihr, die ihr alles wisst


 

Charlotte Delbo, aus Keiner von uns wird zurückkehren, Verlag Gonthier, 1965

  • Charlotte Delbo in Auschwitz

    Charlotte Delbo in Auschwitz. Quelle: Foto aus Privatsammlung

 

Charlotte Delbo wird am 10. August 1913 in Vigneux-sur-Seine, in Seine-et-Oise, als Tochter von Charles Delbo, Maschinenbauer, und Erménie Morero geboren. Sie ist die älteste von vier Kindern.

Nach abgeschlossenem Abitur studiert sie Philosophie an der Sorbonne und schließt sich den jungen Kommunisten an. Dort lernt sie Georges Dudach kennen, den sie dann am 17. März 1936 heiratet. 1937 unterbricht sie ihr Studium und wird 1939 die Sekretärin des Comedian und Regisseurs Louis Jouvet. Im Mai 1941 begleitet sie die Truppe von Jouvet auf deren Tournee durch Südamerika. Ihr Ehemann bleibt in Frankreich und schließt sich dem kommunistischen Widerstand an.

Im September 1941 erfährt Charlotte in Buenos-Aires von der Hinrichtung ihres Freundes Jacques Woog, verurteilt wegen „kommunistischer Propaganda“. Voller Wut und bereit für den Widerstand, kehrt sie nach Frankreich zurück. In Paris tritt das Ehepaar dem Widerstand bei. Charlotte schreibt die Mitteilungen von Radio London und Radio Moskau mit und arbeitet für die von Jacques Decour gegründete französische Zeitschrift Les Lettres.


 

Am 2. März 1942 werden Charlotte und ihr Mann von fünf französischen Polizisten des Sonderkommandos verhaftet. Sie wird ins Gefängnis von Santé gebracht, wo sie am 23. Mai von der Hinrichtung Georges am Mont Valérien erfährt. Am 17. August wird sie in die Festung von Romainville verlegt, wo sie auf zahlreiche andere Frauen trifft, insbesondere Kommunistinnen. Eine Woche später wird sie nach Fresnes verlegt.


Sie ist eine von 230 Frauen, die Compiègne am 24. Januar 1943 in Richtung Auschwitz verlassen. Als diese Frauen am 27. Januar in Auschwitz ankommen, singen sie die Marseillaise. Die zunächst dem Block 14 der Frauen von Birkenau zugewiesenen Frauen, werden dann isoliert von den anderen zu schweren Arbeiten gezwungen, insbesondere in den Sümpfen. Viele von ihnen starben an Typhus. Am 3. August waren nur noch 57 von ihnen am Leben. Auch sie kommen unter Quarantäne. Am 7. Januar 1944 wird Charlotte Delbo mit sieben anderen Deportierten ins Lager Ravensbrück verlegt. Sie kommt nach Furstenberg, ein Arbeitskommando des Hauptlagers.


Die meisten der Überlebenden des Konvois wurden im Sommer 1944 nach Ravensbrück deportiert. Dank des Roten Kreuzes gelang es ihr mit anderen Frauen, das Lager am 23. April 1945 in Richtung Schweden zu verlassen und im Juni 1945 nach Frankreich zurückzukehren. Von den 230 Frauen des Transports vom 24. Januar 1943 haben 49 überlebt.

Nachdem sie in der Schweiz Fuß gefasst hatte, verfasste sie mit dem Buch „Keiner von uns wird zurückkehren“ ihr erstes literarisches Werk über die Deportation und die Transporte von Frankreich in Richtung Auschwitz. Das Buch wird erst im Jahr 1965 vom Gonthier Verlag veröffentlicht.


 

Nach Kriegsende arbeitet sie bei der UNO und dann im Französischen Zentrum für Wissenschaft. Sie stirbt im März 1985. Zuvor hatte sie zahlreiche Werke verfasst: Berichte über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern und den Transport am 24. Januar (1965), Une connaissance inutile (1970), Mesure de nos jours (1971, Minuit-Verlag) und Qui rapportera ses paroles (1974, Verlag P.J. Oswald).


 

Georges Dudach:
Zum Zum Gedächtnis der erschossenen Männer von Mont-Valérien 1939−1945

Name: Dudach. Familienname. Vornamen: Georges Paul. Geburtsdatum 18.09.1914. Geburtsort: Saint Maur des Fossés. Département des Geburtsorts: Seine. Geburtsland: Frankreich. Beruf: Journalist. Wohnort: Paris 16. Département Wohnort: Seine. Land des Wohnsitzes: Frankreich. Ort der Inhaftierung. Anklage: Geiselnahme. Prozessdatum. Ort der Hinrichtung: Mont Valérien. Datum der Hinrichtung: 23.05.1942.

 

Source : Mindef/SGA/DMPA
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