Die Landung und die Schlacht in der Provence

Die Operation Anvil, später zu Dragoon umgetauft, soll es ermöglichen, die feindlichen Truppen aufzuhalten, über Tiefseehäfen zu verfügen und anschließend die rechte Flanke der amerikanischen Armee zu beschützen, die aus der Normandie kommt. Das Vorkommen von Untiefen sowie die Verteilung der feindlichen Batterien haben die Entscheidung für die Strände zur Landung beeinflusst.
 

Der Tag X wurde für den 15. August 1944 festgelegt.
 

Der Oberbefehlshaber des Operationsgebietes Mittelmeer ist der britische General Wilson. Die amerikanische 7. Armee, die dem Befehl von General Patch untersteht, wird den Expeditionskorps bilden. Sie setzt sich zusammen aus dem 6. Armeekorps (General Truscott) und einer Luftlandedivision (General Frederick). Zu ihr gehört ebenso die B-Armee unter dem Kommando von General de Lattre de Tassigny, ein Offizier, der für seinen legendären Tatendrang und seinen Mut bekannt war. In Bezug auf die kommenden Ereignisse hat de Lattre einen weiteren Vorteil: Er weiß um die Rolle, die die Partisanen spielen können.
 

Ein Kompromiss klärte die Situation der französischen Truppen: General Patch würde sie während der ersten Phase der Operation befehligen, General de Lattre würde mit Beginn ihres Einsatzes das taktische Kommando übernehmen. Die B-Armee umfasst fünf Infanteriedivisionen, zwei Panzerdivisionen (die 1. und die 5.), zwei Taborgruppen und zahlreiche Reservisten ohne Divisionszuweisung. Dort finden die Kämpfer des Expeditionskorps, der in Italien zu Ruhm gelangt war, sowie die frisch nach Nordafrika entsendeten Soldaten zusammen: gebürtige Franzosen, muslimische Soldaten aus Algerien, Tunesien und Marokko, Truppen aus dem französischen Westafrika, aus dem französischen Äquatorialafrika usw.
 

600 Transportschiffe und 1.270 Boote werden diese Landstreitkräfte an Land bringen, unter dem Schutz von 250 Kriegsschiffen (davon 14 französische), die die „Naval Western Task Force“ des amerikanischen Admiral Hewitt bilden. Sie werden von Flugzeugen der „Mediterranean Allied Air Force“ (2.000 Maschinen) unter dem amerikanischen General Eaker unterstützt.
 

Auf deutscher Seite sind die acht Divisionen der 19. Armee seit der zweiten Augustwoche im Alarmzustand. Sie werden von General Wiese befehligt, dessen Hauptquartier in Avignon liegt. Die Alliiertenflotte hatte aus strategischen Gründen ihre Schiffe vor Korsika versammelt, die in zehn Konvois aus den weit entfernten Häfen von Oran, Neapel und Tarent gekommen waren. Sie ist anschließend Richtung Genua aufgebrochen, um den Gegner zu täuschen. Aber am Abend des 14. August steuert sie auf die provenzalische Küste zu.
 

Am selben Abend erhalten die französischen Landstreitkräfte drei Nachrichten aus London, von denen die letzte, „Der Chef ist hungrig“, für den Beginn der Operation stand.
 

Am 15. August, kurz nach Mitternacht, neutralisiert die „First Special Service Force“ (Colonel Walker) die Batterien auf den Hyères-Inseln. Die Kommandos aus Afrika (Colonel Bouvet) erreichen die Küste nahe des Cap Nègre, das sie einnehmen werden.
 

Die maritime Angriffstruppe (Kommandant Seriot), die an der Spitze von Esquillon angekommen war, stößt auf die Minenfelder von Trayas. Gegen 4 Uhr morgens werfen 400 Flugzeuge mehr als 5.000 alliierte Fallschirmjäger über dem Flusstal des Argens ab. Verstärkung und Material kommen mit Lastenseglern (insgesamt werden 10.000 Fallschirmjäger am Ende des Tages an Land gegangen sein).
 

Mithilfe lokaler Widerstandskämpfer verriegeln sie die Zugänge zu den Landungsgebieten. Im Morgengrauen erschüttert ein fürchterlicher Bombenangriff aus der Luft und vom Meer aus die Küste. Er zerstört die deutschen Positionen, die von der 242. Division unter General Basler gehalten werden.
 

Um 8 Uhr morgens stürmen die amerikanischen Angriffswellen der 3. DIUS (General O’Daniel), der 36. DIUS (General Dahlquist) und der 45. DIUS (General Eagles) aus ihren Landungsbooten, um zwischen Cavalaire und Saint-Raphaël an Land zu gehen – an den Stränden mit den Codenamen Alpha, Camel und Delta.
 

Unter diesen Soldaten befinden sich auch die Franzosen des Combat Command 1 (CC1) unter General Sudre. Am Abend des 15. August sind um Fréjus zwei Brückenköpfe errichtet. Unter den etwa 100.000 gelandeten Männern werden in den alliierten Reihen tausend Getötete und Vermisste gezählt. Am nächsten Morgen landet der Großteil der B-Armee: die 1. DFL in Calvaire, die 3. DIA in La Foux. Am 17. August errichtet De Lattre in Cogolin seinen Kommandoposten.
 

Die Strategie wurde festgelegt: Die amerikanischen Truppen rücken über die Haute Provence Richtung Isère und Rhône-Tal vor. Die Franzosen nehmen die Häfen von Toulon und Marseille ein.
 

Am 17. August hatte Hitler der deutschen 19. Armee tatsächlich den Befehl gegeben, nach Norden abzuziehen: Nur die in den zwei großen Häfen stationierten Divisionen würden um jeden Preis Widerstand leisten müssen. Die 11. Panzerdivision, die am 13. August die Region Toulouse ursprünglich verlassen hatte, um gegen die gelandeten Truppen vorzugehen, wird von den Partisanen in Hérault und Gard schikaniert sowie von der amerikanischen Luftwaffe angegriffen. Leidgeprüft zieht sie nach Norden ab, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben.
 

Am 18. August erreicht die von den Alliierten besetzte Zone eine Ausdehnung von 30 Kilometern. Am Vorabend haben 130 Flugzeuge vom Typ B26 erneut die Verteidigungsanlagen an der Küste bombardiert. Die 3. DIUS rückt in Cuers, Castellane ... ein. Die Amerikaner dringen weiterhin in Richtung des Flusses Durance vor. Ein Teil der „1st Special Service Force“, an der Seite der FFI, drängt weitere deutsche Einheiten Richtung Alpen zurück und befreit die Städte der Côte d’Azur. De Lattre will schnell vorwärtskommen: Der Feind muss überrannt werden, damit er seine Positionen nicht mehr festigen kann. Aber die Logistik muss ebenfalls berücksichtigt werden: An der Küste entladen die Schiffe nur langsam Männer und Material. Er entscheidet sich deshalb für einen späteren Zusammenschluss: Die Truppen werden eine nach der anderen in die Kampfgebiete geschickt, sobald sie angekommen sind.
 

Die 1. DFL (General Brosset), die Hyères einnehmen wird, rückt über die Küste vor und die 9. DIC (General Magnan) über das Gebirge. Die 3. DIA (General de Monsabert) nimmt Toulon erneut ein und zieht weiter nach Marseille. Die Operationen werden durch die Schiffsartillerie unterstützt.
 

In Toulon hat sich die deutsche Besatzung um die 242. Division verstärkt und im Hafen verschanzt: insgesamt etwa 25.000 Männer unter dem Kommando des Admirals Ruhfus, Befehlshaber der Kriegsmarine in der Provence. Auf der Seite der Alliierten verfügt De Lattre nur über etwa 16.000 Männer. Am 19. August erreicht die 3. RTA (Colonel de Linarès) die Stadtgrenze. Die 9. DIC wird sukzessive auf der Achse Pierrefeu-Toulon eingesetzt und durch Angehörige der 1. DB (General du Vigier) unterstützt.
 

Am selben Tag nehmen die Kommandos aus Afrika Coudon ein, nachdem sie die Batterie von Maurannes gestürmt haben. An den folgenden Tagen ist das Kommandobataillon (Colonel Gambiez) an der Reihe, den Berg Faron einzunehmen. Diese beiden Punkte dominieren die Bucht von Toulon. Am 22. und 23. August kämpfen die 9. DIC und die 1. DFL in der Stadt: Marineinfanteristen, Algerier, Senegalesen und freie Franzosen überbieten sich gegenseitig mit Mut, um voranzukommen.
 

Die deutsche Besatzung flüchtet auf die Halbinsel Saint-Mandrier, die von einer 340er Batterie verteidigt wird: Sie leistet bis zum 28. August Widerstand, obwohl bereits am Vorabend ein Triumphzug durch die jubelnde Stadt gezogen war.

 

De Lattre hatte den Angriff auf Marseille nach der Einnahme Toulons vorgesehen, die für den 22./23. August erhofft wurde. Aber da die Kämpfe in dieser letzten Stadt anhalten, müssen die Geschehnisse umgeworfen werden. General de Monsabert entscheidet sich, den Feind zu überraschen. Am 21. August bricht in Marseille ein Aufstand aus: Die FFI treten den deutschen Truppen entgegen.
 
 
Am 22. August ist die 7. RTA am Plan de L‘Aigle, die GTM von Colonel Le Blanc schließt die Straße nach Aix. Aubagne und Géménos wurden zu Schauplätzen heftiger Zusammenstöße. Die Tabore von General Guillaume umzingeln Marseille. Am 23. August beginnen die 7. RTA und die Widerstandskämpfer den Kampf in der aufständischen Stadt. Der Versuch einer Verhandlung mit dem deutschen Kommando scheitert. Am 25. August rücken die 3. und die 7. RTA, CCI und FFI in Richtung der Kirche Notre-Dame de la Garde vor.
 
 
Die Verluste sind schwerwiegend, aber die feindlichen Stützpunkte fallen nach und nach. Am 27. August nimmt die 1. Gruppe der marokkanischen Tabor die Festung Saint-Nicolas ein.
 
 
Am 28. August erhält General de Monsabert von General Schaeffer, dem Kommandanten der deutschen 244. Division, den Akt der Kapitulation.
 
 
Am selben Tag ergibt sich Admiral Ruhfus in Toulon dem Kommando der 9. DIC. Die Einnahme der beiden großen Häfen geschah einen Monat früher als erwartet. Marseille und Toulon werden bis zum Sieg eine bedeutende Rolle für die Versorgung der alliierten Streitkräfte spielen: Mehr als 900.000 Männer und 4 Millionen Tonnen Material werden die Städte durchqueren.
 
 
Parallel dazu haben die Streitkräfte des französischen Widerstands im Hinterland die Offensive ergriffen: Sabotagen, Guerillaaktionen und Partisanen, die den feindlichen Rückzug schikanieren. Die Franzosen werden sich mit den Amerikanern zusammenschließen und die Verfolgung der deutschen 19. Armee aufnehmen können: Bereits am 15. August hatten Angehörige der 1. DB Avignon erreicht.
 
 
Am 28. August schickt de Lattre ein Telegramm an General de Gaulle: „... heute, am Tag X+13, gibt es im Sektor meiner Armee keinen einzigen Deutschen mehr, höchstens tot oder gefangen“. Die Provence ist befreit.
 
 
Zwischen dem 5. und 25. September landet die zweite Welle der französischen Armee unter dem Kommando von General Béthouart (2. DIM, 5. DB usw.) ebenfalls und schließt sich mit den Einheiten der ersten Welle zusammen. In den Alpes-Maritimes kämpfen Amerikaner und Widerstandskämpfer auch im Herbst weiter. Nach heftigen Zusammenstößen im Massiv von Authion reduziert die 1. DFL im April 1945 die letzten feindlichen Posten (Saorge, Fontan usw.).

 

 

 

  • Die Landung in der Provence, 15. August 1944. Copyright Ministère des Armées

  • Angehörige des Generalstabs der Operation Anvil-Dragoon auf der Brücke des Passagierschiffs S.S. Die Batory fährt in Richtung der provenzalischen Küste, 16. August 1944. In der Mitte: General de Lattre de Tassigny. Copyright ECPAD, Fotograf unbekannt. Quelle: TERRE 265-5932

  • Die Straße La Canebière nach dem ersten Tag der Straßenkämpfe in Marseille. Algerische Infanteristen nehmen ihre Position an der Seite der FFI ein, um die Stadt zu verteidigen. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 270-6016

  • Colonel Chappuis, Kommandant der 7. RTA, auf der Straße La Canebière in Marseille. Sein Jeep trägt die weiße Flagge aufgrund des Waffenstillstandes während des Treffens zwischen den Generälen de Monsabert und Schaeffer. 22. oder 23. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 270-6021

  • Angehörige der FFI sind auf der Canebière in Schussposition. 22. oder 23. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 270-6028

  • Oberhalb des alten Hafenviertels zeugen Rauchfahnen von den Schüssen der französischen Artillerie. 22. oder 23. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 270-6047

  • Deutsche Soldaten, während der Einnahme des Bauwerks Foresta in einem nördlich von Marseille gelegenen Vorort von der 3. RTA gefangen genommen, werden versammelt, bevor sie in ein Lager in Sainte-Marthe gebracht werden. 22. oder 23. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 270-6062

  • In der Umgebung von Marseille: Eine Batterie 8,8 cm vom Typ Flak, die von den deutschen Truppen sabotiert wurde, ist von den französischen Truppen besetzt. 22. oder 23. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 270-6066

  • Das zerstörte Arsenal von Toulon nach den Befreiungskämpfen in der Stadt. 27. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Auclaire. Quelle: TERRE 317-7604

  • Die von der deutschen Wehrmacht zerstörte Brücke von Tarascon. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Auclaire. Quelle: TERRE 317-L7638bis

  • Blick auf die Promenade des Anglais nach der Befreiung Nizzas. Ende August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf unbekannt. Quelle: TERRE 272-6137

  • Alliierte Liberty-Schiffe im Golf von Saint-Tropez. 16.-17. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf Jacques Belin. Quelle: TERRE 274-L6220

  • Der Kreuzer zweiter Klasse „Georges Leygues“ fährt in den Militärhafen von Toulon ein. Copyright ECPAD, Fotograf Vignal. Quelle: TERRE 283-L6579

  • Ein Schiffskonvoi aus Neapel, der die Männer des 1. Armeekorps transportiert, nähert sich der französischen Küste im Rahmen der Landung der Alliierten in der Provence. Mittelmeer. 11.-13. August 1944. Copyright ECPAD, Fotograf unbekannt. Quelle: TERRE 317-7571