Europa angesichts der Jugoslawienkrise

Der Spezialist für internationale Beziehungen, Pierre Hassner, vergleicht den Kalten Krieg mit dem „Kühlschrankeffekt“. Wenn die Ost-West-Konfrontation fast ein halbes Jahrhundert lang die regionalen Schwierigkeiten „eingefroren“ hat, so ließ das Verschwinden dieses Umfeldes in den 1990er-Jahren wieder alte Animositäten auftauchen und die „strategische Verunsicherung“ während des Krieges in Ex-Jugoslawien zurückkehren.

Im August 1990, als die Welt gebannt auf die Invasion Kuwaits durch die Truppen Saddam Husseins blickte, wird das Pulverfass am Balkan zum Symbol für die strategische Verunsicherung des Jahrzehnts der 1990er-Jahre, angesichts eines ultranationalistischen Vorhabens, von dem man glaubte, dass es nur zwei Flugstunden von Paris entfernt undenkbar geworden sei. Der Entschlossenheit eines Mannes wie Slobodan Milosevic gegenüber sah das UNO-Instrument blass aus. Die NATO brauchte Zeit, um in Aktion zu treten und der amerikanische Alliierte zauderte. Die Europäische Union ihrerseits musste ihren Ehrgeiz relativieren, allein durch den Maastricht-Vertrag ein internationaler Akteur zu sein. Diese strategische Verunsicherung führte zu einer moralischen Verunsicherung, die man folgendermaßen betiteln könnte: „Von Sarajevo bis Sarajevo“. Vom Attentat im Jahre 1914 bis zur Bombardierung des Marktes dieser Stadt durch die serbischen Truppen im Februar 1994, hat Europa nicht erneut politischen „Selbstmord“ begangen? Nach der Zersplitterung Jugoslawiens 1991 und deren schrecklichen Episoden, wie die Belagerung Vukovars oder die Entdeckung serbischer Internierungslager in Bosnien, kann nichts dieses Gefühl des europäischen Scheiterns und der internationalen Ohnmacht tilgen. Und dies trotz der Reise François Mitterrands nach Sarajevo im Juni 1992 oder der Schaffung des internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) im Jahr 1993. Während der serbischen Provokationen im Frühjahr und Sommer 1995 (Geiselnahme von 370 Blauhelmen, Offensive gegen die „Sicherheitszonen“, Massaker von Srebrenica…) mussten sich die Alliierten mit der Komplexität der Lage auseinandersetzen - Frankreich und Großbritannien an der Spitze, bald gefolgt von den Vereinigten Staaten.

  • Militärfahrzeuge und Panzer des 1. RIMa (Infanterieregiments der Marine) und des 126. RI (Infanterieregiments) sammeln sich nach ihrer Ankunft auf der Rennstrecke von Rijeka. In weißer Farbe und mit der Aufschrift UN (Vereinte Nationen) versehen, sind sie für die Aufgaben des französischen Bataillons als Begleitschutz für humanitäre Hilfskonvois der UNPROFOR bestimmt, Kroatien, Oktober 1992. ECPAD/Claude Savriacouty

  • À l'occasion de la visite à Sarajevo de Boutros Boutros-Ghali, secrétaire général de l'ONU, des habitants manifestent devant la présidence bosniaque. Lassés de l'inefficacité de l'intervention des Casques bleus dans le conflit, ils brandissent des pancartes rédigées en anglais, demandant une aide plus efficace aux militaires de la Forpronu ou leur départ, décembre 1992. ECPAD/Claude Savriacouty

  • Près du check-point bosniaque de Malo Polje, des soldats bosniaques dépannent leur véhicule, Mostar, août-novembre 1995. ECPAD/Janick M

 Erste Anzeichen einer neuen Welt

 

Von der Abspaltung Titos bis zur Bewegung der Blockfreien hatte man geglaubt, dass die bipolare Zeit der Bundesrepublik Jugoslawien zugute gekommen wäre. Man hatte die Komplexität des Balkans, mit seinen serbischen, kroatischen, slowenischen, mazedonischen, montenegrinischen, bosnischen und vielen anderen Schattierungen in ferner Vergangenheit in den Hintergrund gedrängt. Diese Komplexität kam dann aus dem „Kühlschrank“ der Geschichte wieder hervor... fast intakt. Gleichermaßen sollte der Süden, der als Spielwiese des Ost-West-Konflikts galt, seine subtilen Eigenheiten wiederentdecken. Somalia, das früher, wie sein Nachbar Äthiopien, ein Spielball zwischen den beiden Großmächten war, führte 1992 zu einem neuen amerikanischen Schlamassel, das die Illusion eines Monopols beendete (1991-1992). Die Rebellion eines saudischen Bürgers namens Osama bin Laden gegen die Behörden seines Herkunftslandes, denen er die Aufnahme amerikanischer Truppen im Rahmen der Desert Storm-Operation nicht verzieh, sowie die Unterbrechung der algerischen Wahlen durch die Armee, führten neuerlich eine rasante Veränderung der internationalen Beziehungen vor Augen, in denen die lokalen Akteure, nach Ende des Kalten Krieges, nicht mehr nur Schachfiguren in den Händen der beiden Großmächte waren. Hat es diese aber jemals woanders als in der optischen Täuschung, welcher der Norden unterliegt, gegeben? Angesichts dieser neuen Lage verloren die aus dem Kalten Krieg übernommenen strategischen Konzepte ihren Sinn. Was bedeutete denn 1992 der Begriff der Stärke, als die Vereinigten Staaten die Schläge des obskuren General Aidid in Somalia hinnehmen mussten? Oder der Begriff des Sieges, während Saddam Hussein ein Jahr nach seiner „Niederlage“ unter den irakischen Schiiten im Süden des Landes auf brutale Weise wieder Ordnung herstellte? Woraus bestand denn das Machtverhältnis, wenn Serbien der internationalen Gemeinschaft ungestraft trotzen, ihre Blauhelme demütigen, die ethischen Versprechen der Nachkriegswelt mit Füßen treten und die europäischen Nachbarn, darunter zwei Nuklearmächte, verhöhnen konnte?

 

1992 war daher der Wendepunkt für eine notwendige Änderung der Doktrinen. Die französische Armee zog die Lehren aus dem Golfkrieg auf materieller Ebene, aus der Jugoslawien-Sache hinsichtlich der Art des Einsatzes und hinterfragte auch die Rolle der nuklearen Abschreckung in einer Zeit nach der bipolaren Welt, die zu einem globalen Dorf geworden war. Frankreich kündigte in diesem Zusammenhang ein Moratorium für die französischen Atomtests an. Mit Sicherheit hatte das Jahr 1992 zur Folge, dass die Bedeutung einer schnellen Reaktion, einer effizienten Verlegung und einer festgelegten politisch-militärischen Mischung sichtbar wurde. In der Folge kam die gesamte Komplexität einer neuerlich vielfältigen Welt wieder zum Vorschein.

 

 Frédéric Charillon - Universitätsprofessor für Politikwissenschaft,

Leiter des Instituts für strategische Forschungen der Militärakademie

in Les Chemins de la Mémoire, 227/Juni 2012

 

 Siehe auch auf Educadef Les opérations extérieures (Die Auslandsoperationen)