Georges Picquart

1854 - 1914

Georges Picquart wird 1854 in Geudertheim im Elsass geboren. Der ausgezeichnete Schüler am kaiserlichen Gymnasium von Straßburg sieht seine Schulzeit durch den Krieg gegen Preußen im Jahre 1870 unterbrochen. Infolge der Annexion Elsass-Lothringens zieht sich seine Familie nach Versailles zurück. Das Trauma der Niederlage und Entwurzelung spielt zweifelsohne bei seiner Entscheidung eine Rolle, eine militärische Laufbahn einzuschlagen, die unter den besten Vorzeichen beginnt: nach Abschluss der Militärakademie von Saint-Cyr als Fünftbester verlief seine Laufbahn reibungslos. Picquart ist ein brillanter, an die republikanischen Werte gebundener Offizier und klettert im Eilschritt die Karriereleiter empor. Da er über eine hohe, mehrsprachige Bildung verfügt – er spricht fließend sechs Sprachen – besucht er gewissenhaft Salons, Museen und Veranstaltungen. Der Musikliebhaber ist mit Gustav Mahler freundschaftlich verbunden und zögert nicht, quer durch Europa zu reisen, um bei Konzerten dabei zu sein, die von ihm dirigiert werden. Nach mehreren Feldzügen in Algerien und Tonkin tritt er 1893 dem Stab von General Galliffet als stellvertretender Bürochef bei. In dieser Funktion nimmt er, ohne dabei eine zentrale Rolle einzunehmen, an der Untersuchung über Hauptmann Dreyfus teil, der der Spionage für Deutschland angeklagt war. Alfred Dreyfus wird Ende 1894 hinter verschlossenen Türen von einem Kriegsgericht zur Degradierung und dauerhaften Verbannung nach Französisch-Guyana verurteilt.

 

 Im Juli 1895 ersetzt Georges Picquart Oberst Sandherr und ist damit für die Gegenspionage in der Direktion des Deuxième Bureau (die sogenannte Statistik-Abteilung) zuständig.  Anders gesagt übernimmt er die Führung des Nachrichtendienstes. Gleichzeitig unterrichtet er Topographie an der Obersten Kriegsschule. Er ist wortkarg, respektiert die militärische Ordnung und ist bestrebt, die Armee im Hinblick auf die technische Leistungsfähigkeit zu modernisieren. Am 6. April 1896 wird er als Jüngster in diesem Rang zum Oberstleutnant ernannt. Er genießt das Vertrauen seiner Vorgesetzten, seine Beurteilungsbögen würdigen seinen „liebenswürdigen, sympathischen“ Charakter, sein „besonders geradliniges“ Urteilsvermögen, seine „perfekte“ Erziehung, seine „umfangreichen“ Kenntnisse und seine „überragende“ Intelligenz. Er repräsentiert zweifellos die Zukunft der französischen Armee.

 

Ein Jahr später ändert sich alles.

 

Im März 1896 entdeckt Picquart in einem Aktenbündel aus der deutschen Botschaft den Beleg, der die Affäre Dreyfus wieder ins Rollen bringt. Der Vergleich dieses Stücks Papier – des berühmten „kleinen Blauen“ („le petit bleu“) - mit dem „Borderau“, der im Prozess rechtswidrig Dreyfus zugeordnet wurde, lieferte Picquart den unwiderlegbaren Beweis für die Unschuld des auf die Teufelsinsel Verbannten. Aus dieser Überzeugung macht sich Picquart mit größter Entschiedenheit daran, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Dieser Sinn für die Wahrheitspflicht und dieses Verständnis von Gerechtigkeit, die er über alle anderen Überlegungen stellt – und über ein ungewisses höheres Interesse der Armee – sind die bestimmenden Persönlichkeitsmerkmale von Picquart. Nachdem Picquart die Untersuchungen seines Vorgängers wieder aufgenommen hat, ist er bald von der Unschuld Hauptmann Dreyfus‘ und der Schuld von Major Ferdinand Esterhazy überzeugt. Da seine Schlussfolgerungen nicht im Sinne der offiziellen Version der Affäre sind, erlebt die Laufbahn Picquarts ein jähes Ende: im Oktober 1896 wird Picquart von seinen Funktionen an der Spitze des Nachrichtendienstes enthoben und für unbestimmte Zeit auf eine Inspektionsreise durch Frankreich und anschließend nach Algerien und Tunesien geschickt, in ein so entlegenes Gebiet, dass Picquart, der sich bedroht fühlt, am 2. April 1897 sein Testament verfasst.

 

Aber Georges Picquart ist ein hartnäckiger Mann, was seine Suche nach der Wahrheit anbelangt: die Schikanen, denen er zum Opfer fällt, stärken nur seine Entschlossenheit, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Er engagiert sich immer mehr auf Seiten der Dreyfusanhänger, was ihm seinerseits eine Anklage einbringt. Man muss sagen, dass der Kriegsminister, General Mercier, ein fanatischer Dreyfus-Gegner ist. Wenn man weiß, dass der Staatspräsident, Félix Faure, ebenfalls jede Wiederaufnahme des Dreyfus-Prozesses ablehnt, kann man sich eine genauere Vorstellung von der Hartnäckigkeit Picquarts machen. Dieser wird er im Februar 1898 aus der Armee entlassen, anschließend verhaftet und elf Monate, vom 13. Juli 1898 bis 9. Juni 1899, inhaftiert, weil er einem Politiker, Auguste Scheurer-Kestner, die Beweise übergeben hätte, über die er verfügte, um Dreyfus zu entlasten.

 

Picquart, ein Held für die Dreyfusanhänger, ein Verräter für deren Gegner, ist einer der Hauptakteure des Prozesses von Rennes im Jahre 1899, der mit der Begnadigung und Amnestie von Dreyfus endet. Dennoch gibt Picquart, der mittlerweile nur noch von seiner Majorspension lebt, seinen Kampf für die Wahrheit nicht auf: dieser Schuldspruch, der die Ehre der Armee schont, ohne seine wiederherzustellen, ist ihm ein Grauen. Der unversöhnliche Picquart stellt sich von ganzer Seele gegen jene, die er als „épongistes“ (A. d. Ü.: etwa „Wendehälse“) bezeichnet, da sie die Vergangenheit vergessen wollen. Während seiner Wüstendurchquerung ist sein einziges Ziel die vollständige Rehabilitation. Der Fall Dreyfus solle neu verhandelt werden, damit seine Unschuld schließlich anerkannt werde: allein so könnte das dem degradierten Hauptmann widerfahrene Unrecht wiedergutgemacht, aber auch die Beeinträchtigung der Ehre und der Laufbahn des entlassenen Oberstleutnants behoben werden. Mit seiner Wahrheitssuche sollte Picquart daher sein Schicksal mit dem Dreyfus‘ verknüpfen.

Am 12. Juli 1906 hebt das Berufungsgericht das Urteil von Rennes auf, erkennt die Unschuld von Dreyfus an und verkündet seine Rehabilitierung. Picquart seinerseits war nicht zu rehabilitieren, da er nicht verurteilt worden war. Im Gegenzug wurde seine militärische Laufbahn jäh unterbrochen und er erwartet sehr wohl eine Entschädigung. Am 13. Juli 1906 werden zwei Gesetzesentwürfe zur Wiedereingliederung eingereicht, der eine für Dreyfus, der andere für Picquart. Sie werden mit sehr großer Mehrheit sowohl in der Nationalversammlung als auch im Senat angenommen. Darin ist zu lesen:

Die Verkündung der Unschuld von Dreyfus zeigt die Legitimität der Anstrengungen, die Oberstleutnant Picquart in loyaler und mutiger Weise seit 1896 unternahm, um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen, obwohl er dabei Gefahr lief, seine Karriere endgültig zu zerstören. Dieser leitende Offizier, der am 26. Februar 1898 entlassen wurde, kann nur durch das Gesetz wieder in seine Tätigkeit eingegliedert werden. Wir fordern Sie außerdem auf, die Auswirkungen dieser Entlassung endgültig zu beseitigen, indem Sie ihm den Rang des Brigadegenerals verleihen, den 64 Offiziere erlangt haben, die weniger lang als er oder gleich lang im Rang des Oberstleutnants dienten und seine Ernennung auf den 10. Juli 1903 zurückzudatieren, welcher der Vortag der Beförderung des am längsten dienenden dieser Generalstabsoffiziere ist. "

 

Picquart widerfuhr Gerechtigkeit. Seine Ehre ist reingewaschen. Seine Karriere geht wieder voran. Mittlerweile seit drei Jahren rückwirkend als Brigadegeneral wird Picquart am 23. Oktober 1906 zum Generalmajor befördert. Zur selben Zeit erringen bei den Wahlen die Radikalen von Georges Clemenceau den Sieg, der für L’Aurore arbeitete, jene Tageszeitung, die „J‘accuse... !“ („Ich klage an...!“) von Zola veröffentlicht hatte. Der „oberste Polizist Frankreichs“ wird Ratspräsident. Er kennt den elsässischen General gut, dessen Charakterstärke, geistige Unabhängigkeit und Mut er zu schätzen wusste. Zur allgemeinen Überraschung, und besonders zu jener des Betroffenen, machte er ihn zu seinem Kriegsminister.

 

Mehr als jeder andere wusste der vormals Geächtete nur zu gut, dass die Affäre ihre Spuren und Gräben innerhalb der Armee hinterlassen hatte. Einmal in der Regierung bemüht er sich, sie neu und demokratischer aufzubauen. Der neue Minister unternimmt öfter Besuche und Begegnungen vor Ort und zeigt sich bedacht darauf, das Los der Soldaten durch Fortschritte bei den Unterkünften, der Ernährung, der Hygiene, den Transportmitteln und den Einsatzbedingungen zu verbessern. Er versteht es, dem Land zu zeigen, dass sich die Regierung um ihre Soldaten kümmert. Er perfektioniert die Ausbildung der Soldaten und stützt sich bei der Modernisierung der Militärschulen auf Foch und Joffre. Er arbeitet an der Aussöhnung der Armee mit sich selbst und mit der Nation. Sein Handeln beruhigt die politischen Auseinandersetzungen und festigt die Republik in ihrem Inneren. Durch seine Tätigkeit als Kriegsminister zieht sich schließlich wie ein roter Faden die Absicht, die militärische Ausrüstung zu modernisieren, besonders im Bereich der Artillerie. Mit dem Scheitern der Regierung Clemenceau Ende Juli 1909 scheidet General Picquart fast erleichtert aus seiner Ministerfunktion aus, trotz einer mehr als anständigen Bilanz.

 

Nach einigen Monaten der Freiheit, die er mit Reisen verbringt, kehrt Picquart im Februar 1910 in eine führende Stellung zurück. Mit 56 Jahren wird er – was sich wie eine Konstante durch seinen Werdegang zieht – der jüngste kommandierende General, als er die Spitze des 2. Armeekorps in Amiens übernimmt.

 

Am 14. Januar 1914 steigt Georges Picquart wie jeden Tag aufs Pferd. Es ist 7.30 Uhr, klirrend kalt und der Boden ist seit mehreren Tagen hart gefroren. Er reitet Voltigeur, ein bekanntermaßen unruhiges Pferd. Der General wird von seinem Standartenträger begleitet. Auf einem Feldweg zwischen Dury und Saint-Fuscien ist Voltigeur mitten im Trab unaufmerksam und schlägt aus. Sein Reiter lässt die Zügel los, fällt über das Pferd und schlägt mit dem Kopf auf. Er steht wieder auf, bleibt trotz einer starken Blutung sehr gelassen, lehnt es ab sich auszuruhen, steigt wieder aufs Pferd und reitet sogleich in Richtung Amiens. In seinem HQ angekommen steigt er von seinem Pferd und verlässt es nicht, ohne ihm wie immer ein Stück Zucker gegeben zu haben. Am selben und am nächsten Tag ist der General auf seinem Posten, gegen die Meinung seines Arztes und seiner Angehörigen. Aber sein Zustand verschlechtert sich: der heftige Sturz hat zu einem Gesichtsödem geführt, das sich verschlechtert und zu Erstickungsanfällen führt, die immer schlimmer werden. Der Letzte ist tödlich. Georges Picquart stirbt am Morgen des 19. Januar 1914. Er war nicht einmal 60 Jahre alt.

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