Raoul Villain

1885-1936

Villain wird am 19. September 1885 in Reims geboren und am 17. September 1936 auf Ibiza erschossen. Am Abend vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, am 31. Juli 1914, ermordet er Jean Jaurès. Während seines Prozesses im Jahr 1919 wird er freigesprochen.

 

 

Der nationalistische Student

 

Raoul Villain ist der Sohn von Louis Marie Gustave Villain, Hauptkanzleivorsteher am Zivilgericht in Reims, und von Marie-Adèle Collery, welcher 1887 eine geistige Störung attestiert wird, woraufhin sie in die psychiatrische Anstalt von Châlons-sur-Marne eingewiesen wird. Auch seine Großmutter väterlicherseits, Émélie Alba, litt an einer geistigen Störung. Während der Beerdigung dieser Großmutter verkündet er am Grab: "Es gibt Leute, die das Spiel der Deutschen mitspielen und somit den Tod verdienen!  ", nur kurze Zeit vor dem Mord am Jaurès. Er hat einen älteren Bruder, Marcel Villain, niederer Justizbeamter, Lieutenant der Luftfahrt und Offizier der Ehrenlegion, insbesondere geschätzt für seine hervorragenden Leistungen im Ersten Weltkrieg.

 

Raoul Villain besucht zunächst die Jesuitenschule am Collège des Vororts Cérès, dann das Lycée seiner Geburtsstadt, das er jedoch ohne Abschluss verlässt. Im Oktober 1905 schreibt er sich an der Universität für Agrarwissenschaften in Rennes ein, wo er 1905 an Typhus erkrankt und nur knapp dem Tod entkommt. Aus seiner Polizeiakte geht hervor, dass er "vor seinem Militärdienst als sehr ernster, sehr freundlicher und gut gebildeter junger Mann galt", der "keinerlei schlechten Umgang hatte, keine Kneipen besuchte und auch keine Veranstaltungen".

 

Im November 1906 wird er in das 94. Infanterieregiment in Bar-le-Duc eingebunden, bevor er 1907 als untauglich entlassen wird. Im Juni 1909 beendet er sein Studium an der Universität von Rennes als 18. seiner Klasse, die insgesamt 44 Studenten umfasste. Er arbeitet sechs Wochen in der Landwirtschaft im Arrondissement Rethel und kehrt anschließend zu seinem Vater nach Reims zurück. Im September 1911 führt ihn sein Weg ins Elsass. Von Oktober 1911 bis 29. Juni 1912 ist er als stellvertretende Aufsichtsperson im Collège Stanislas tätig und darf sich auf sein Abitur vorbereiten. Sein Professor für Rhetorik, Abt Charles, sagt über ihn "er mache einen sehr unglücklichen und lebensmüden Eindruck. Seinen Texten fehlen der Tiefgang, die Logik und die Konsequenz. Ich habe ihm einmal meine Befürchtungen vor den Bedrohungen des Krieges erläutert. Villain hörte mir zu. Er antwortete, "dass die Feinde von außen nicht die seien, vor denen man am meisten Angst haben müsse". Obwohl er sich seinem Umfeld gegenüber freundlich und höflich gibt, geht er keinerlei nähere Beziehungen ein und wird aufgrund seines Mangels an Autorität entlassen. 1912 hält er sich in England auf, davon sechs Wochen in London und ca. 10 Tage in Loughton, wohin er 1913 wieder zurückkehrt. Er wohnt bei Frau Annie Francis, die ihn laut The Observer, vom 6. Juni 1915, als "freundlichen und äußerst netten Mann" beschreibt. Im März und April 1913 reist er auch nach Griechenland und hält sich in Athen und Ephesos auf. Im Juni 1914 schreibt er sich an der École du Louvre für ein Studium der Archäologie ein. Laut Polizeiaktie "spricht der Vater seit sieben Jahren nur noch sehr traurig über seinem Sohn Raoul. Er ist exaltiert und instabil geworden und besessen von einem religiösen Mystizismus." Er kommt nur noch zweimal pro Jahr nach Reims und "erzählt nichts über sein Leben in Paris, wo er seit vier Jahren alleine lebt".

 

Er ist  Mitglied des Sillon, einer christlich-soziale Bewegung unter Marc Sangnier, die 1910 durch Pius X verurteilt wird. Danach schließt er sich der "Liga der jungen Freunde von Elsass-Lothringen" an, einer ultra-nationalistischen und extrem rechts orientierten Studentengruppierung, wo er eine unbedeutende Rolle spielt. Jaurès wirft er vor, dass er sich gegen das Gesetz für einen 3-jährigen Militärdienst gestellt hat.

  • Erkennungsdienstliche Akte von Raoul Villain. © Polizeipräfektur

Ermordung von Jean Jaurès

 

Immer stärker entwickelt sich in Raoul Villain die Idee, Jaurès zu ermorden. Er kauft sich einen Revolver, beginnt den Führer der Sozialisten zu verfolgen und kritzelt zusammenhanglose Informationen über dessen Gewohnheiten in sein Notizbuch.

 

Am Freitag, 31. Juli 1914 um 21.40 Uhr sitzt Jaurès mit seinen Mitarbeitern beim Essen zusammen. Er sitzt mit dem Rücken gegen ein offenes Fenster im Café du Croissant, 146 rue Montmartre in Paris (2. Arrondissement). Raoul Villain zieht mit Gewalt den Vorhang zurück, richtet den Revolver auf sein Opfer und drückt zweimal ab. Eine Kugel trifft den sozialistischen Tribun in den Kopf und er sinkt sofort in sich zusammen.

 

Der Schütze versucht, über die rue de Réaumur zu fliehen, wird aber von Tissier, Layouter von L'Humanité, gesehen, der ihn verfolgt und ihn mit seinem Stock niederschlägt und dann mithilfe eines Polizisten am Boden immobilisiert. Auf dem Weg zur Polizeidienststelle ruft er: "Sie müssen mich nicht so fest fesseln, ich habe nicht die Absicht zu fliehen. Nehmen Sie lieber den Revolver, der sich in meiner linken Tasche befindet. Er ist nicht geladen. "

 

Diese Ermordung, drei Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, löst voreilig Feindseligkeiten aus, insbesondere durch die Genehmigung des Beitritts der Linken, einschließlich bestimmter Sozialisten, die zunächst gezögert hatten, zur "Union sacrée".

 

 

Der Prozess

 

 

Raoul Villain muss lange auf seinen Prozess warten und verbringt den gesamten Ersten Weltkrieg in Haft. In einem Brief, den er am 10. August 1914 im Gefängnis Santé an seinen Bruder schreibt, bestätigt er: "Ich habe den Anführer niedergestreckt, den großen Verräter der Epoche des Gesetzes über den 3-jährigen Militärdienst, den mit der großen Klappe, der die Aufrufe von Elsass-Lothringen unter den Teppich kehrte. Ich habe ihn bestraft und das war das Symbol des ersten Neubeginns, für Frankreich und für das Ausland." Die Untersuchung wird von Untersuchungsrichter Drioux geleitet.

 

Der Prozess beginnt am 24. März 1919 vor dem Schwurgericht der Seine, vor äußerst patriotischem Hintergrund und nach 56 Monaten Untersuchungshaft. Der Angeklagte wird von den Anwälten Henri Géraud und Alexandre Bourson, auch Zévaes genannt, ehemaliger Abgeordneter der Sozialisten, verteidigt. Am letzten Verhandlungstag erklärt Villain "ich bitte um Vergebung für das Opfer und für meinen Vater. Der Schmerz einer Witwe und einer Waise lässt mich nicht mehr glücklich werden." Die Geschworenen müssen sich zwei Fragen stellen: 1.) Ist Villain des Mordes an Jaurès schuldig? 2.) Handelte es sich um einen vorsätzlichen Mord? " Nach kurzer Beratung und mit 11 zu 1 Stimmen, werden diese Fragen am 29. März 1919 verneint. Raoul Villain wird freigesprochen. Der Vorsitzende ordnet die Freilassung an und ehrt den Angeklagten als vorbildlichen Patrioten. Das Gericht beschließt einen Schadensersatz von einem Franken sowie Zinsen für die Zivilklage und verurteilt diese zur Rückzahlung der Prozesskosten an den Staat. Frau Jaurès wird somit verurteilt, die Prozesskosten zu zahlen.

 

Als Reaktion auf dieses Urteil verfasst Anatole France, Eigentümer von La Béchellerie, einen kurzen Brief an die Redaktion von L'Humanité, der am 4. April erscheint: "Arbeiter, Jaurès hat für Euch gelebt und er ist für Euch gestorben. Ein unerhörtes Urteil verkündet nun, dass seine Ermordung kein Verbrechen gewesen sei. Dieses Urteil macht Euch und alle, die Eure Sache verteidigen, zu Gesetzesbrechern. Wacht auf, Arbeiter! " Sofort nach Veröffentlichung des Artikels kommt es zu einer Demonstration, organisiert von der Gewerkschaft der Arbeiter und der Sozialistischen Föderation der Seine, die sich am Sonntag, 6. April entlang der avenue Victor-Hugo bis nach Passy bewegt, dem Wohnort von Jaurès.

 

 

Der Tod von Raoul Villain

 

 

Aufgrund der feindlich gestimmten und von den Gewerkschaften der Arbeiter organisierten Demonstrationen ist Raoul Villain gezwungen, Auxerre im April 1919 überhastet zu verlassen. Er kehrt in die Anonymität von Paris zurück und wohnt in der rue Jean-Lantier, Nr. 7 unter dem Namen René Alba. Am 19. Juli 1920 wird er in einem Cafe in Montreuil, an der Kreuzung der rue Douy-Delcupe und der rue de Vincennes wegen Geldhandels festgenommen, und versucht sich aus Verzweiflung zu erwürgen. Am 23. Juli 1920 kommt er wieder auf freien Fuß. Erst am 18. Oktober 1920 wird er dann von der 11. Staatsanwaltschaft aufgrund seines mentalen Zustands zu nur 100 Franken Bußgeld verurteilt. Im September 1921 schießt er sich im Arbeitszimmer seines Vaters im Justizpalast von Reims zwei Kugeln in den Bauch, aus Protest, weil dieser seine Heiratsvorhaben missbilligte.

 

Er emigriert nach Danzig, wo er seinen Lebensunterhalt als Croupier bestreitet. Von dort aus führt ihn sein Weg nach Memel, wo er bis 1926 lebt. 1932 lässt er sich auf der Baleareninsel Ibiza, Spanien nieder. Dank einer Erbschaft gelangt er zu Geld und mietet sich in einem Hotel in der Nähe von Santa Eulària, oder genauer cala Sant Vicenç, ein, wo er unter den Einwohnern als "der Irre vom Hafen" bekannt ist. Unterstützt von einigen Freunden, Laureano Barrau, spanischer Impressionist, und Paul-René Gauguin, Enkel des Malers, beginnt er mit dem Bau eines bizarren Hauses direkt am Meer. Das Haus, das noch heute existiert, wurde nie fertiggestellt.

 

Kurz nach Ausbruch des Krieges in Spanien verbünden sich am 20. Juli 1936 die militärische Garnison und die Sicherheitskräfte der Insel mit den Faschisten. Die Republikaner in Barcelona senden ein Sonderkommando unter der Führung von Kommandant Bayo, um die Balearen zurückzugewinnen. Am 8. August kommt das Kommando auf Ibiza an.  Am 9. und 10. September trifft eine Kolonne aus nahezu 500 Anarchisten unter der Flagge "Cultura y Acción" auf Ibiza ein und es kommt zu 114 Toten. Am 12. und 13. September wird die Insel von der italienischen Luftwaffe bombardiert und inmitten dieses Chaos wird Raoul Villain von den Anarchisten hingerichtet.

 

Er wird auf dem Friedhof Sant Vicent de sa Cala auf Ibiza beerdigt und in der Basilika Saint-Remi in Reims wird ein Trauergottesdienst abgehalten. Auf dem Nordfriedhof von Reims findet man ein Grab, das seinen Namen trägt (und seiner gedenkt) und das neu angelegte Grab seiner Eltern. Trotz der Bitten der Familie wurden seine sterblichen Überreste jedoch niemals nach Reims überführt.

 

 

 

Warum wurde Raoul Villain freigesprochen?

 

Der Mörder von Jaurès, zum Zeitpunkt der Tat im Jahr 1914 29 Jahre alt, hatte eine labile Persönlichkeit. Der jüngere Sohn eines leitenden Justizbeamten im Zivilgericht in Reims leidet unter der Last eines schwierigen Erbes: seine Mutter wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und seine Großmutter väterlicherseits litt an einem mystischen Delirium. Nach dem Abbruch seiner Sekundarausbildung und Jahren der Ungewissheit wird er 1906 an der Universität für Agrarwissenschaften in Rennes aufgenommen, wo er an Typhus erkrankt, was neurologische Probleme nach sich zieht. Wieder genesen, leistet er seinen Militärdienst ab, macht seinen Schulabschluss und sagt sich dennoch von seiner Arbeit als Landwirtschaftsingenieur los. 1904 erliegt er den Verführungen des sozialen Katholizismus von Marc Sangnier, er tritt dem Sillon bei und findet dort eine Wärme, die ihm bis dato gefehlt hatte. Es scheint, als wäre die Verurteilung dieser Bewegung durch Rom im Jahr 1910 der Beginn seines Abgleitens. Besessen vom Elsass und von Lothringen, schließt er sich Ende 1913 oder Anfang 1914 der Liga der jungen Freunde von Elsass-Lothringen an, zu deren Kreis nicht nur dem Regime feindlich gesinnte Nationalisten angehörten, sondern auch überzeugte Republikaner.

 

Villain wusste, dass Jaurès den 3-jährigen Militärdienst nicht billigte und dass er mit Streiks drohte, um gegen den Krieg zu protestieren. Fortan sah er in ihm "den mit der großen Klappe", den es zu bekämpfen galt. Nachdem er Zeuge antimilitärischer Demonstrationen in Paris am 29. Juli 1914 geworden war, wuchs seine Wut auf Jaurès. Er kauft sich einen Smith & Wesson Revolver und begibt sich am 31. um 21.40 Uhr zum Café du Croissant, wo Jaurès mit einem Dutzend Freunde beim Abendessen saß, um dessen Wirken unwiederbringlich ein Ende zu setzen. Er wird sofort festgenommen.

 

Obwohl sein Prozess im Jahr 1915 stattfinden sollte, findet er erst 1919 statt. Ratspräsident Viviani, besorgt um die Union sacrée, hatte den Generalstaatsanwalt der Seine gebeten, eine Verschiebung zu unterzeichnen; all seine Nachfolger folgten diesem Beispiel. Nach der nahezu 5-jährigen "Untersuchungshaft", eine ungewöhnliche Dauer, die die Liga der Menschenrechte und bestimmte Freunde von Jaurès, darunter der Journalist Séverine, entsetzte, kam es vom 24. bis 29. März zum Prozess gegen Raoul Villain. Seine Verteidigung übernahmen die Anwälte Zévaès und Géraud, während Paul-Boncour und Ducos de La Haille die Anklage vertraten. Am 29. März beschließen die Geschworenen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit debattiert hatten, dass Villain nicht schuldig ist. Der Präsident des Schwurgerichts verkündigt somit den Freispruch. Die Kommentatoren prangerten die Haltung der Geschworenen an, indem sie auf deren Alter (alle über 50 Jahre) und ihre Zugehörigkeit zur Bourgeoisie hinwiesen. In Wirklichkeit befanden sich unter ihnen neben einem Privatier und einem Tierarzt ein Angestellter und mehrere Handwerker.

 

Neben seiner Erblast, können auch weitere Faktoren dazu beitragen, das Urteil zu verstehen. Die Anwälte der Kläger ignorierten Villain und konzentrierten sich in ihrem Plädoyer auf das Gedenken an Jaurès. Es wurden über 40 Zeugen geladen (von denen nur 27 erschienen sind), was den Prozess in die Länge zog, sehr zum Leidwesen der Geschworenen, die gerne wieder ihren eigenen Geschäften nachgehen wollten. Als Beweis, dass die Ideen von Jaurès für das Vaterland und die Armee falsch dargestellt wurden, ging Anwalt Paul-Boncour sehr leichtsinnig vor, indem er lange Auszüge aus L'Action française und des Pamphletisten vorlas, was jedoch das Risiko barg, dass Jaurès in ein äußerst schlechtes Bild gerückt wurde. Die Anwälte von Villain hingegen gingen sehr geschickt vor. Schließlich war der Freispruch von Kriminellen in dieser Epoche keine Seltenheit (Henriette Caillaux wurde 1914 freigesprochen und Germaine Berton erhielt 1923 ebenfalls einen Freispruch).

 

Nach den allgemein gültigen Regeln war Louise Jaurès verpflichtet, die Prozesskosten zu übernehmen, was jedoch durch kein schriftliches Dokument bestätigt wurde. Das Prozessprotokoll gibt über diesen Punkt keine Auskunft, die Angaben in den Zeitungen sind widersprüchlich.

 

Auf das Urteil folgten riesige Demonstrationen, die gegen das Urteil protestierten. Raoul Villain führte ein abenteuerliches Leben und wurde 1936 auf Ibiza ermordet, wobei die Meinungen über den Täter auseinander gehen. Manche reden von einem Republikaner oder einem spanischen Anarchisten, für andere war es ein Franzose, der in Spanien kämpfte.

Quelle: Verteidigungsministerium - DMPA
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