Spätfolgen für die Umwelt

Krieges von 14-18 auf die Umwelt zu untersuchen. Die laufenden Forschungen zeigen eines jedoch immer wieder: die Folgen reichen über die verwüsteten ehemaligen Gebiete hinaus und werden noch lange andauern. Dieser Artikel versucht, den langen Weg der Bewusstwerdung der ökologischen Folgen des Ersten Weltkriegs nachzuzeichnen.

 

 

Minensuchgerät der französischen Armee, nach dem Krieg 1914-1918. © Roger-Viollet

 

Nach dem Waffenstillstand hat man sich nur dahingehend über die Auswirkungen des Krieges Gedanken gemacht, dass der Boden den Aktivitäten der Menschen und dabei vor allem der Architektur wieder zurückgegeben wird. Daher herrscht in der allgemeinen Vorstellung immer noch das Image d'Epinal (bunter Bilderbogen) der Entminung vor, wenn man von der Umweltverschmutzung durch den Ersten Weltkrieg spricht. In den vier Jahren des „Großen Krieges“ wurden an einer 700 Kilometer langen und nur einigen Kilometern breiten Frontlinie etwa eine Milliarde Stück Munition jeder Art abgefeuert. Jedoch haben 20 bis 30 % dieser Geschosse nicht richtig funktioniert. Einige nicht explodierte Sprengkörper wurden während des Konflikts oder gleich danach eingesammelt, wenn sie sich an der Oberfläche befanden. Viele sind jedoch unterschiedlich tief in den Boden eingedrungen, manchmal bis zu zehn Meter. Dieser Kriegsschrott, der je nach den kombinierten Auswirkungen verschiedener Erosionsarten zum Vorschein kommt, führt immer wieder zu Unfällen, die manchmal tödlich ausgehen. Zu den abgefeuerten, aber nicht explodierten Sprengkörpern des Krieges muss man noch mehr als 1,7 Millionen Tonnen Munition hinzuzählen, die nicht verwendet oder zurückgeholt wurde. Sie ist laut dem Geologen und Umweltwissenschaftler Daniel Hubé ein wahres „Chemielager“, von dem man erst vor kurzem erfuhr. 4,5 % dieser Granaten können Giftstoffe wie Phosgen, Arsen oder auch Senfgas enthalten. Auch wenn es heute schwierig ist, die Auswirkungen einzuschätzen, die diese „Zeitbombe“ eines Tages auf das Grundwasser haben könnte, das zur Korrosion der Metallhüllen der Munition führt, die eine Dicke von 1 bis 6 cm haben, ist es interessant, die verschiedenen Ereignisse vor Augen zu führen, die es ermöglichten, davon zu erfahren.

 

EIN UMWELTPROBLEM TAUCHT AUF

 

In den 1970er-Jahren wurde in Belgien zufällig bei Baggerungen das Untersee-Munitionslager von Paardenmarkt entdeckt, nur wenige hundert Meter von der Küste entfernt. Dies veranlasste die Regierung, wissenschaftliche und geschichtliche Forschungen in Auftrag zu geben. Das Problem des riesigen Erbes der 3 Millionen Granaten (von denen ein Drittel Gift enthält), die 1919 im Meer ausrangiert wurden, ist bis heute nicht gelöst: die Behörden haben sich für eine regelmäßige Überwachung des Lagers entschieden, um die Auswirkungen des langsamen Abbaus zu bewerten und im Notfall einzugreifen, denn eine Zerlegung wäre heute kompliziert, teuer und gefährlich.

 

Dieser Fall führte zur Einsicht, dass Umweltprobleme nicht nur aus dem Konflikt entstanden sind, sondern auch durch die anschließend getroffenen Entscheidungen. Das zeigte sich auch kürzlich bei zwei weiteren in Frankreich aufgetretenen Fällen.

 

Citroën-Werk, Granatenherstellung, Paris, 7. Oktober 1915. © Musée Carnavalet/Roger-Viollet

 

2011 machten sich die regionalen Gesundheitsagenturen (Agences régionales de santé, ARS) erstmals Sorgen, weil im Wasser zur Versorgung des Nordosten Frankreichs Perchlorate auftraten. Da festgestellt wurde, dass die Abschnitte, in denen diese Substanz die empfohlenen Grenzwerte im Trinkwasser (15 Mikrogramm pro Liter) überschreitet , mit dem Verlauf der Westfront des Ersten Weltkriegs zusammenfallen, haben die ARS 2012 die Vermutung geäußert, dass diese Verunreinigung ihre Ursache in der vorhandenen Munition aus 14-18 hat. Der Umweltingenieur Daniel Hubé, der im Rahmen seiner Aufgaben am Forschungsbüro für Geologie und Bergbau (Bureau de recherches géologiques et minières, BRGM) zur Untersuchung dieses Lehrstücks beigezogen wurde, erklärt die Verschmutzungsquellen folgendermaßen: „Während des Krieges hat die französische Rüstungsindustrie Salpeter hergestellt, der ein Bestandteil des Schwarzpulvers auf Basis von Natriumnitrat ist. Dieser Stoff enthält natürliche Verunreinigungen, unter denen sich durchschnittlich 1 % bis 5 % Kaliumperchlorat befinden. Natriumnitrat, das bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Bodenverbesserung nach Frankreich importiert wurde, fand nach 1919 auch massiven Einsatz durch die Landwirte bei der Rekultivierung der Schlachtfelder.

 

Jedoch noch bevor man über die Perchlorate sprach, wurde im Département Maas viel über einen bekannten und anerkannten Beweis für die Umweltbelastung durch den Ersten Weltkrieg geschrieben und gesprochen... 2007 haben die deutschen Wissenschaftler Tobias Bausinger und Johannes Preuss im Wald von Spincourt im Maas-Gebiet einen mit Arsen kontaminierten Bereich nachgewiesen. Dieser geht auf die Entsorgung durch Verbrennen von 200.000 Granaten in der Zwischenkriegszeit zurück. An dieser Stelle, die „Place à gaz“ genannt wird, enthalten die Böden große Mengen an Arsenderivaten sowie sehr hohe Konzentrationen von Kadmium, Blei und Quecksilber sowie anderen Schwermetallen. Die Präfektur des Département Maas hat den Zugang zu diesem Ort 2012 verboten und das BRGM mit neuen Untersuchungen über und rund um diese Stelle beauftragt. Diese führten zur Lokalisierung weiterer drei kontaminierter Bereiche, die einen gigantischen Komplex der „Granatentsorgung“ bilden, in den ab 1919 nicht weniger als 1,5 Millionen Giftgasgranaten und 300.000 explosive Granaten gebracht wurden.

 

„DIESE ORTE SIND AUS DEM GEDÄCHTNIS VERSCHWUNDEN“

 

Es entsteht damals die Geschichte einer vorübergehenden Industrie: es wird eine der ersten Recyclingmaßnahmen in industriellem Maßstab durchgeführt. Nach 14-18 wurde für die Wiederaufbaubemühungen Metall benötigt und da der Staat ausgeblutet und die Soldaten demobilisiert waren, ergab sich die Notwendigkeit, die riesigen Munitionsbestände zu bewirtschaften, die durch die Zersetzung instabil und gefährlich wurden. Anfangs versenkte man diese Sprengkörper oder sprengte sie.

 

Der Place à Gaz, Maas. © I. Masson-Loodts

 

Aber diese Lösungen waren nicht ungefährlich und stellten vor allem in den Augen des Staates eine enorme Verschwendung von Ressourcen dar. Private Unternehmer sahen daher die Chance, den Behörden vorzuschlagen, sich um die Zerstörung dieses Arsenals und die Rückgewinnung des Schrotts gegen eine Gebühr pro Tonne gewonnenen Metalls zu kümmern. Elf Unternehmen waren mindestens an diesem Auftrag beteiligt.

 

Rund um Muzeray, Vaudoncourt und Loison waren die Trichter und anderen Spuren nicht zu übersehen, welche die industriellen Tätigkeiten von Clere & Schwander in der Landschaft hinterließen und die auf Luftaufnahmen aus dem Jahr 1987 noch sichtbar sind, bevor die Flurbereinigung diese Flächen in landwirtschaftliche Parzellen verwandelte. Wie kam es dazu, dass die Geschichte dieser Gebiete in Vergessenheit geriet, als man beschloss, sie wieder in den urbaren Bereich zu integrieren?

 

Unter den alten Mauern von Coucy-Le-Château ist gerade ein Pflug der Bauern auf eine großkalibrige Granate mit 350 mm gestoßen.
© The New York Times/Wide World Photos/Actualit/Collection CEGESOMA

 

Laut Daniel Hubé erklärt das gesellschaftliche Chaos der Jahre nach dem Waffenstillstand, dass „diese Aktivitäten durch fehlende geeignete Rechtsinstrumente in den Verwaltungsunterlagen nicht ausreichend aufgezeichnet und beschrieben werden konnten.“ (Sur les traces d’un secret enfoui, Éditions Michalon, 2016). Denn der Großteil dieser Unternehmen hatte seine Tätigkeit wahrscheinlich aufgrund der Finanzkrise der 1920er-Jahre von heute auf morgen eingestellt. Sie haben die Böden nicht oder nur sehr wenig instand gesetzt, „jedoch haben sich die Leute in der Gegend an die Spuren so sehr gewöhnt, dass sie diese nicht mehr sahen. Dies erklärt, dass diese Orte, nachdem die Zeit ihre Arbeit getan hatte, aus dem Gedächtnis verschwunden sind.“

 

Lagerplatz von Spincourt (Maas). Entleerung von deutschen Giftgasgranaten. Geleerter Granatenbestand für die Verschrottung.“

Bildtafel des Albums Clere & Schwander, 1920er-Jahre. © Collection E. Hannotin

 

EIN FLÄCHENDECKENDES PROBLEM

 

In den Archiven des Département Maas und den Sammlungen der lokalen Historiker belegen jedoch mehrere Dokumente die Tatsache, dass die damalige Gesetzgebung bereits relativ strenge Regeln für diese Art von Fabrik vorsah. Eine als „gesundheitsschädlich und gefährlich“ eingestufte Einrichtung wurde einer ordnungsgemäßen Untersuchung zur Betriebsgenehmigung nach der Kommodo-Prozedur unterzogen. Aber die Schreiben des Kriegsministers an den Präfekten der Maas weisen darauf hin, dass die Militärbehörde beschlossen hat, negative Stellungnahmen der lokalen Abgeordneten und der Bevölkerung nicht zu berücksichtigen. Denn diese hatten ein ausgeprägteres Bewusstsein für die Gefahren, die durch diese Betriebe entstanden, wie die Analysen von Getreide zeigten, das dem Giftgas aus den Öfen des Werks ausgesetzt war. Die Archive ergeben außerdem, dass die Armee unter dem Druck der Landwirtschaftslobby wahrscheinlich die ehemaligen Schlachtfelder der Champagne und der Picardie von der hinderlichen Munition befreit hat, damit diese Flächen wieder so schnell wie möglich dem Landwirtschaftssektor zurückgegeben werden konnte. So wurde alles in das Département Maas geschickt, in ein verwüstetes Gebiet mit minderwertigen Böden. Die Karte der massiven Beseitigung von Kriegsgütern, die Daniel Hubé erstellt hat, zeigt dennoch, dass der „Place à gaz“ und die Maas weder der einzige Fall noch das einzige Département sind: „Die Beseitigung der Kriegsgüter aus dem ersten Weltkrieg hat nicht nur ihre chemischen Spuren in den Böden der Frontlinie hinterlassen, sondern auch dort, wo die überschüssige Munition gelagert wurde, unweit ihrer Produktionsstätten. Es kann das gesamte Staatsgebiet und vielleicht ein noch größerer Bereich betroffen sein.“

Isabelle Masson-Loodts, Archäologin, Journalistin und Regisseurin

Isabelle Masson-Loodts, archéologue, journaliste et réalisatrice