Lettre d'information

Den Opfern der Attentate gedenken

Inschrift an der Fassade des Bataclan. © S. Gensburger

Frankreich war seit Ende des Algerienkriegs immer wieder Opfer von Terroranschlägen. Diese Attentate waren lange Zeit Anlass für spontane Gedenkfeiern, zumeist auf Initiative von Opferverbänden. Erst seit 2015 wurde eine nationale, systematische und öffentliche Gedenkpolitik für die Terroropfer umgesetzt.

Corps 1

Im September 2018 kündigte der französische Staatspräsident die bevorstehende Einrichtung eines Gedenkmuseums für die mit Terror konfrontierten Gesellschaften an. Am 11. März 2020 hielt der Staat den ersten nationalen Gedenktag für die Opfer des Terrorismus ab und übernahm damit den diesbezüglichen Kalender der Europäischen Union.

Wie lässt sich das Gedenken eingrenzen?

Die Wahl des Datums vom 11. März ist daher, zumindest teilweise, über den europäischen Umweg eine Art der Auswahl aus mehreren Daten, an denen Terroranschläge auf französischem Boden stattgefunden haben. Tatsächlich ist es schwierig, der Opfer einer „historischen“ Tat zu gedenken, die sich jedoch immer wieder zu unterschiedlichen Zeitpunkten wiederholt. Im vorliegenden Fall war es unmöglich, einen Anfang und ein Ende der terroristischen Anschläge festzulegen.

Die Entscheidung, welcher Ereignisse gedacht und an wen man sich erinnern soll, ist genauso unklar. Die im Juli 2016 geschaffene nationale Anerkennungsmedaille für die Opfer des Terrorismus sollte zuerst die Opfer der Terrorakte seit dem 1. Januar 2006 betreffen. Schließlich wurde die Liste der zu berücksichtigenden Ereignisse erheblich erweitert. Die Medaille betrifft nun den Zeitraum nach dem 1. Januar 1974. Das Design der Medaille findet sofort breite Zustimmung. In ihrer Mitte ist die Statue auf dem Platz der Republik (Place de la République) in Paris eingraviert. Der Platz der Republik ist als Hauptgedenkort, der sich der nach der Attacke vom 7. Januar 2015 spontan gebildet hat, zu einem starken Symbol geworden.

Vom Vorübergehenden zum Dauerhaften

Im Übrigen wurde genau dort die erste ständige Gedenkstätte der Anschlagserie eingeweiht, die mit dem Massaker an den Mitarbeitern von Charlie Hebdo begann. So hatten die Pariser Stadtverwaltung und das Präsidialamt für den ersten Jahrestag der Attentate vom Januar 2015 zuerst geplant, auf dem Platz einen kleinen Wald aus 17 Bäumen, die für die Anzahl der Opfer stehen sollten, zu pflanzen. Damit übernahmen sie ein altes Symbol der Resilienz aus der jüdisch-christlichen Kultur, das bereits in der Vergangenheit eingesetzt wurde, um die Erinnerung an die Attentate von Madrid, New York oder auch Oklahoma City darzustellen.

Die Organisation für die Pflanzung des Wäldchens ist bereits weit fortgeschritten, als der 13. November 2015 kommt. Schließlich wird beschlossen, nur einen Baum zu pflanzen. Diese „Eiche der Erinnerung“ wird im Januar 2016 in der Ecke des Platzes auf der Seite des 10. Arrondissements eingeweiht. Die zugehörige Gedenktafel am Boden vor ihr trägt folgende Inschrift: „In Erinnerung an die Opfer der Terroranschläge vom Januar und November 2015 in Paris, Montrouge und Saint-Denis. An diesem Ort erweist ihnen das französische Volk seine Referenz.“ Dieses erste offizielle Denkmal erinnert also an die Ereignisse, von denen manche kaum zwei Monate zurückliegen. Hier wird ein Denkmal errichtet, während das spontane Gedenken durch irgendwelche Leute im öffentlichen Raum neuerlich nur wenige Dutzend Meter entfernt am Sockel der Statue der Marianne in der Mitte des Platzes der Republik nachdrücklich zum Ausdruck kommt. Die symbolische Bedeutung des Baumes hat sich irgendwie nie von dieser ursprünglichen Diskrepanz erholt.

 

chêne du souvenir

„Eiche der Erinnerung“, gepflanzt im Januar 2016 auf dem Platz der Republik in Paris im Andenken an die Opfer der Attentate vom Januar und November 2015. © S. Gensburger

 

Seit seiner Aufstellung wurde der Baum niemals wirklich von der Gesellschaft angenommen. Er wird nicht besucht und die meisten Benutzer de Platzes, Touristen wie auch Pariser, wissen nicht einmal, dass es ihn gibt.

Gedenktafeln im Gedenkmuseum

Seither wurden weiter Gedenkstätten für die Ereignisse des Jahres 2015 feierlich eröffnet. Im Januar und später im November 2016 wurde zum ersten Jahrestag der Ereignisse beschlossen, die Gedenktopographie mit einer Kartierung der Anschläge nachzuahmen. An jedem Ort, der ein Ziel war, (Cafés, Konzertsaal und Fußballstadion) wurde eine Gedenktafel angebracht. Auch hier ist der Rückgriff auf das Instrument der Gedenktafel nichts Besonderes. Jene, die 2016 eingeweiht wurden, weichen von dieser normalen Praxis nicht ab. Sie tragen alle Namen der Opfer.

Dennoch befinden sich im 10. und 11. Arrondissement an den Mauern der Gebäude, in denen die Massaker geschehen sind, keine Schilder, die an die Opfer vom November erinnern. Sie wurden alle etwa zehn Meter von dem Ort entfernt an einem öffentlichen Gebäude oder einem Straßenmobiliar angebracht. Nur auf der Fassade des Bataclan gibt es eine Inschrift geringer Größe, die genau auf den Platz gegenüber verweist, auf dem sich die eigentliche Gedenktafel mit den Namen der Toten befindet. Das Gedenken soll den richtigen Platz zwischen logischer Trauer und dem Wunsch nach Rückkehr zur Normalität sowie zwischen dem Streben nach Sichtbarmachung und der Sorge der Unsichtbarkeit finden, an Orten, die alle eine wirtschaftliche Bestimmung haben.

Nun ist die Schwierigkeit, einen einzigen Ort für das Gedenken an die Attentate zu finden, die 2015 den Osten von Paris trafen, lediglich ein Beispiel für die Komplexität, dass ein symbolischer Raum gewählt werden muss, der geeignet ist, im Namen Frankreichs der Opfer so unterschiedlicher Terroranschläge zu gedenken, wie jenen von Nizza am 14. Juli 2016 oder von Straßburg am 11. Dezember 2018, und wie vieler anderer, die auf diese folgten oder ihnen vorausgingen. Dazu zählen weit vor der jüngsten Zeit jene des RER am Bahnhof Saint-Michel 1995, des Tati-Ladens in der Rue de Rennes 1986 oder auch der DC10 der UTA, einer ehemaligen französischen Fluglinie, die 1989 während des Fluges explodierte und zum Tod der Crew und der Passagiere führte, unter denen sich mehrere Dutzend französische Staatsbürger befanden. Wo soll man daher der Terroranschläge und ihrer Opfer gedenken? Die Antwort auf diese Frage war eine der wesentlichen Herausforderungen bei der Erstellung eines Vorentwurfs für das künftige Gedenkmuseum, die vom Historiker Henry Rousso geleitet wurde („Le Musée-Mémorial des sociétés face au terrorisme“ (Gedenkmuseum für die mit Terror konfrontierten Gesellschaften), Bericht an den Premierminister, 2020, abrufbar auf http:// www.vie-publique.fr). Um das zu beantworten, wurde die Entscheidung getroffen, Gedenken und Gesellschaft sowie Vergangenheit und Zukunft zusammenzuhalten, um einen pluralistischen Nachdenkprozess über „die mit Terror konfrontierten Gesellschaften“ anzuregen. Dabei wird daran erinnert, dass sich das Gedenken zuerst ausgehend von der Berichterstattung über die Ereignisse und die daraus zu ziehenden Lehren für die Zukunft einspielen müsse. Andernfalls würde es für das Kollektiv, für das es bestimmt ist, nur wenig Sinn machen.

 

Sarah Gensburger CNRS. Autorin von Mémoire vive. Chroniques d’un quartier. Bataclan, 2015-2016 (Anamosa, 2017),
die kürzlich gemeinsam mit Gérôme Truc, Les mémoriaux du 13 novembre, Ed. EHESS, 2020 herausgegeben hat