Der Vercors

Fahne der Freien Republik Vercors (Juni - Juli 1944). Quelle: Licence Creative Commons.
Fahne der Freien Republik Vercors (Juni - Juli 1944). Quelle: Licence Creative Commons.

Ab dem Jahr 1940 ist der Vercors, eine beachtliche und natürliche Festungsanlage mit 60 Metern Länge und 30 Meter Breite auf 2.340 Höhenmetern zwischen Isère und Drôme, ein Rückzugsort für Opfer, die von der Vichy-Regierung insbesondere aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt werden.

Corps 1

Durch die Besetzung der Südzone im November 1942 wird der Gebirgsstock Vercours zudem zum Standort des Widerstands all jener, die sich der Unterwerfung Frankreichs entgegen stellen. Fahnenflüchtige der STO, der Organisation für Zwangsarbeit, die die jungen Franzosen zum Arbeitseinsatz nach Deutschland schicken, tragen erheblich zum Anstieg der Widerstandskämpfer bei.

Junge Widerstandskämpfer. Quelle: Archive des Departements Drôme

Leider fehlt diesen Widerstandskämpfern ein Plan bzw. eine Strategie. Schon im Jahr 1942 kommen Pierre Dalloz und der befreundete Schriftsteller Jean Prévost auf die Idee, das Massiv in ein sogenanntes Trojanisches Pferd für Flugkommandos zu verwandeln. Diese Idee wird im Januar 1943 in die Tat umgesetzt: Während der geplanten Landung der Alliierten in der Provence greift Vercors ein, woraufhin die Luftstreitkräfte unverzüglich den Kampf hinter die feindlichen Linien erweitern.

Das von Jean Moulin und General Delestraint, Kommandant der Geheimarmee, akzeptierte Projekt wird zum ”Plan Montagnards” (Plan der Bergbewohner). General de Gaulle und die in London und Algier stationierten Alliierten stimmen dem Plan zu. Die Umsetzung des Plans untersteht Alain Le Ray und später François Huet, Militärchefs des Vercors, in Zusammenarbeit mit Eugène Chavant, dem zivilen Leiter des Widerstands. Es scheint als ob die Errichtung dieses Widerstands und der Alarmbereitschaft erst im Sommer 1944 stattfinden wird, nach der Landung im Midi.

Corps 2

Im Jahr 1943 beginnt der Widerstand, sich in dem Bergmassiv zu organisieren. Inmitten der Wälder entstehen rund ein Dutzend Lager. Anfang 1944 sind dort 400 bis 500 Zivilisten und Soldaten versammelt, oft sehr jung, die von der größtenteils positiv eingestellten Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt werden. Per Fallschirm werden sie zudem von den Alliierten mit Waffen und Medikamenten versorgt.

B-17 der USAAF, die Material für den Widerstand abwirft. Quelle: Fotograf der USSTAF.

Am 6. Juni 1944 befolgt der Vercors den Befehl zur allgemeinen Mobilisierung. Am 25. und 28. Juni werden die Widerstandskämpfer per Fallschirmabwürfen mit Waffen versorgt. Anfang Juli rufen 4.000 freiwillige Kämpfer die Republik von Vercors aus und hissen die französische Fahne auf dem als frei deklarierten Gebiet. Dieses Bergmassiv mit seinen bewaffneten Widerstandskämpfern bedeutet eine Herausforderung für den Feind, weshalb der deutsche General Pflaum in Grenoble beschließt, dieser Bedrohung ein Ende zu machen. Der Plan Montagnards kommt nicht zur Umsetzung. Die Widerstandskämpfer, potentielle Angreifer, werden belagert.

Während des gesamten Junis kommt es zu zahlreichen Angriffen der Deutschen, die das Ziel hatten, die tatsächliche Schlagkraft der Widerstandskämpfer zu bestimmen: am 13. und 15. Juni wird das Dorf Saint-Nizier niedergebrannt, am 17. und 24. Juni folgt der Angriff in der Schlucht von Ecouges.

Der Bahnverkehr wird lahmgelegt, viele geraten in Hinterhalte, die Alliierten unterstützen mit Fallschirmabwürfen und lassen Container herunter. Die Widerstandskämpfer verlagern ihren Unterschlupf, um die dringend benötigten Flugzeuge in Empfang nehmen zu können. In den Dörfern im Tal werden die gefangenen Widerstandskämpfer erschossen.

Am 14. Juli folgt auf das Herablassen von Containern in Vassieux eine Bombardierung durch die Deutschen, wobei das gesamte Dorf zerstört wird. Die Anfragen auf Luftunterstützung und Waffenlieferungen werden nach Algier weitergeleitet.

Die Deutschen fahren große Geschütze auf: vier Bataillons der 157. Gebirgsdivision der Wehrmacht, zwei Batterien der Gebirgsartillerie, drei Bataillons mit zusätzlich rekrutierten sowjetischen Gefangenen, 200 Männer der Feldgendarmerie, ein Teil der Staatssicherheit, unterstützt durch ein Luftgeschwader.

Am 19. Juli geht der Feind in Saint-Nizier und Paillasse in Stellung und greift den Pass von Grimone an. Am nächsten Morgen folgt der Angriff auf Crest und Saint Nazaire-en-Royans, wodurch die Umzingelung des Vercors vollständig ist.

Am 21. Juli 1944, nach zahlreichen Angriffen, die den Widerstand deutlich dezidieren sollten, in Saint-Nizier, am 13. und 15. Juni 1944 und in Ecouges am 21. Juni, setzt Pflaum 15.000 Soldaten ein, die von der Front in der Normandie abgezogen wurden, um den Widerstand in Vercors niederzuschlagen. Es folgt ein Generalangriff, über die Straßen, über die steilen Hügel, die nur zu Fuß erreichbar sind sowie per Luft in Vassieux, wo Segelflugzeuge der Waffen SS auf die Flugzeuge der Alliierten warten: 200 SS-Leute landen direkt, weitere 300 landen per Fallschirm. Am Abend ist der Feind Herr der Lage: 11 Dorfbewohner wurden hingerichtet, 101 Widerstandskämpfer getötet. Die Deutschen erreichen den Schauplatz im Süden in Châtillon-en-Diois und Pas de l'Aiguille, im Norden in Villard-de-Lans und Autrans und im Westen in Saint-Jean-de-Royans.

Am 22. wird die Bedrängung durch das Voranschreiten der Deutschen langsam stärker, und die Widerstandskämpfer versuchen durch ihre Manöver dagegen zu halten. Pas de la Balme und die Bergkette Pionnier werden belagert. Die wird erobert.

Am 23. starten die Widerstandskämpfer in Vassieux einen Gegenangriff. Während die deutschen Truppen immer weiter vordringen, sind sie jedoch zum Rückzug gezwungen. Die Kämpfe verhärten sich. In Valechevrière wird eine Kompagnie der Widerstandskämpfer niedergeschlagen. Der Sektor Pas fällt. Die Einheiten des Widerstands flüchten in die Wälder.

Am 24 erreichen die Deutschen die Gebirgskette von Rousset, Pré-Grandu. Die verletzten Widerstandskämpfer, die sich noch bewegen können, flüchten sich in die Höhle von Luire, die in ein Lazarett verwandelt wird. Die Alliierten bombardieren das Luftfahrtgelände von Chabeuil.

Am 25. kommt es zum Zusammenschluss verschiedener Sonderkommandos der Deutschen. Chapelle-en-Vercors wird geplündert, 16 Geiseln werden exekutiert. Die letzten Widerstandskämpfer erreichen La Mure, Vezon.

Am 26. fallen viele der jungen Rekruten, die von Saint-André-de-Royans in Richtung des Flachlands geflohen waren, in die Hände des Feindes. In Petits-Goulet gelingt es 104 Widerstandskämpfern den deutschen Truppen zu entkommen.

Am 27. schließen sich die Widerstandskämpfer der südlichen Zone der Hochebene zusammen und fügen dem Feind erheblichen Schaden zu. Teile der 157. Infanteriedivision der Deutschen nehmen die Höhle von Luire ein und töten die Verletzten. Der Druck auf die Hochebene steigt.

Am 28. gelingt es den Widerstandskämpfern, eine feindliche Kolonne aufzuhalten, die sich in Richtung des Hügels von Limouches bewegte. Bereits am nächsten Morgen gewinnt der Feind jedoch wieder die Oberhand. Das Dorf Léoncel wird geplündert.

Im Sektor Drôme Süd setzen sich die Auseinandersetzungen fort.

Kapelle von Valchevrière, Isère, Frankreich. Quelle: Foto Eric Lapeyre

Nach heftigen jedoch sehr unausgeglichenen Kämpfen, die eine Woche lang andauern, ist Vercors am Boden. Mehr als 600 Widerstandskämpfer und rund 100 Deutsche wurden getötet.

Provisorischer Friedhof in Vassieux-en Vercors. Quelle: Archive des Departements Drôme

Auch in der Bevölkerung kam es durch die grausamen Taten der Angreifer zu erheblichen Verlusten: 201 Menschen sterben unter schrecklichsten Bedingungen, 41 Menschen werden deportiert, 573 Häuser werden zerstört.

Ruine de Vassieux: Aufgegeben und auch verraten, wird der Vercors nach diesen dramatischen Szenen zum Ort des Gedenkens, der den Widerstand, die Freiheit sowie das tragische Heldentum widerspiegelt.
Quelle: Archive des Departements Drôme