April 1948 - September 1951: Der Marschallplan

Chapeau

Nach dem Sieg über die Nationalsozialisten und um einer sowjetischen Expansion zuvor zu kommen, beschließen die USA Hilfen für die europäischen Länder. Mit dem Marshallplan gelingt die Stimulation des Wachstums und er fördert die Ansätze für eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

"Toutes nos couleurs au mât", affiche en faveur de l'Europe. © M. Seyre/coll. Mémorial de Caen
Texte

Am Morgen nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein Großteil des europäischen Kontinents verwüstet: viele Infrastrukturen sind so stark zerstört, dass sie nicht mehr nutzbar sind, große Teile der Produktionen sind zerstört, die Versorgung mit Lebensmitteln und deren Knappheit ist noch immer ein großes Problem und viele Zivilisten haben keine Wohnungen mehr. Im Umfeld der immer stärker werdenden Spannungen mit der Sowjetunion besteht die Gefahr, dass Chaos und Unordnung immer größer werden und die Interessen der Amerikaner bedrohen. Es gilt somit, gegen den wirtschaftlichen Verfall des "Alten Kontinents" anzukämpfen, in neue Industrien und die Landwirtschaft zu investieren, um die Hauptsektoren wieder anzukurbeln, die Bedürfnisse der Bevölkerungen zufrieden zu stellen sowie sicherzustellen, dass Westeuropa im Schoß der "freien Welt" bleibt.

Der Winter 1946-47 ist geprägt von dramatischer Lebensmittelknappheit in Europa. Die Saat vom Herbst ist gefroren, das Getreide gehortet. In Frankreich wird die Tagesration Brot von 300 auf 250 Gramm gesenkt. Europa mangelt es an allem: Devisen, Vormaterial, Fahrzeuge und Maschinen. Frankreich und Großbritannien setzen auf ihre imperialen Ressourcen und auf Finanzhilfen der neuen internationalen Einrichtungen: Vereinte Nationen (UNO), Internationaler Währungsfonds (IWF), Internationale Bank für den Wiederaufbau und Entwicklung (BIRD). Dennoch werden die Importe aufgrund der Verknappung der konvertierbaren Devisen (Dollar) nach wenigen Wochen eingestellt. Im Jahr 1946 erreicht die Inflation in Frankreich 80%. Die sozialen Unruhen begünstigen die Machtübernahme der kommunistischen Parteien in den westeuropäischen Ländern, die sich den USA zuwenden. Um das britische Pfund zu stärken, gewähren die USA 1946 Großbritannien ein beachtliches Darlehen in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar. Im Mai desselben Jahres bescheren die Abkommen zwischen Blum und Brymes der französischen Regierung nur 700 Millionen. Zwischen 1945 und 1947 erhält Frankreich jedoch Darlehen in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Dollar.

EIN SANIERUNGSPLAN FÜR EUROPA

Aufgrund der verheerenden Stimmung im Jahr 1947 entscheidet sich die Regierung unter Truman zu Finanzhilfen im Rahmen eines Plans für Wirtschaftshilfe, dem Marshallplan (April 1948/September 1951), dem eine Interimshilfe vorangeht (Dezember 1947/April 1948). Der Unterstaatssekretär Dean Acheson erarbeitete bereits im März 1947 einen Hilfsplan für Großbritannien und Griechenland. Binnen weniger Tage erkennen die amerikanischen Entscheidungsträger, dass die Demokratie durch die Sowjetunion bedroht wird. Hinzu kommt die Lebensmittelknappheit, die die Sicherheit in Europa bedroht. Staatssekretär George C. Marshall beauftragt somit den Diplomaten George Kennan mit der Ausarbeitung eines Sanierungsplans für Europa.

Am 8. Mai 1947 schlägt Dean Acheson vor, dass die in Schwierigkeiten geratenen Staaten von den USA Finanzhilfen bekommen sollen, ohne auf Frieden und Wohlstand verzichten zu müssen, eine Art Prolog des Marshallplans. George C. Marshall verkündet seinen Vorschlag am 5. Juni 1947 an der Harvard Universität. Manche hegten die Hoffnung, die Gesamtheit der europäischen Probleme lösen zu können, andere wiederum sahen eine Rückkehr zu den Gedanken von Jalta. Die Truman-Regierung forderte von Europa, sich gemeinsam zu organisieren. Ende Juni wird ein Treffen zwischen Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion einberufen. Dieses Treffen scheitert jedoch, da der sowjetische Außenminister Viatcheslav Molotov Frankreich und Großbritannien beschuldigt, sich ganz Europa aneignen zu wollen! Die Sowjetunion untersagt somit den Staaten Europas, die unter seiner Kontrolle stehen, die Teilnahme an einem Hilfsplan. Insgesamt beantragen sechzehn westeuropäische Länder Finanzhilfen in Höhe von 22 Milliarden Dollar auf vier Jahre, davon 1/4 in Form von Finanzhilfen und 3/4 in Form von Darlehen. Sie gründen die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), die mit der Aufteilung der Hilfen beauftragt wird. Im Juli 1948 beschließt der amerikanische Kongress die Höhe der vereinbarten Kredite, die auf 17 Milliarden Dollar gekürzt wurden, aus Angst vor einer Ausbreitung des Konflikts. Der Marshallplan verfolgt zwei Ziele: wirtschaftlicher Wiederaufbau Europas und Verteidigung einer "gewissen Art der gemeinsamen Zivilisation", so der Botschafter Frankreichs in Washington. Die Hilfe erfolgt in Form von Waren, die von der amerikanischen Regierung gekauft und bezahlt werden, der so genannten European cooperation administration (ECA). Die europäischen Regierungen verkaufen diese Waren in lokalen und nicht konvertierbaren Währungen an die Verbraucher weiter. Das angehäufte Vermögen bildet den Gegenwert der Hilfen, die dazu dienen sollen, entweder die inländischen Schulden der Staaten zurückzuzahlen, oder zur Finanzierung der Modernisierung und des Wiederaufbaus, indem die nationalen Budgets entlasten wurden. Die Darlehen der USA dienen in der Tat dazu, den amerikanischen Markt für die Europäer zu öffnen, ihre Rechnungen an ihrer Stelle in Dollar zu begleichen und die Nutzung des Gegenwerts den europäischen Staaten zu erlauben.

Die Aufteilung pro Land lautet wie folgt (in Milliarden heutiger Dollar) :
  1. Royaume-Uni

2,826

  1. France

2,444

  1. Italie

1,315

  1. RFA

1,297

  1. Pays-Bas

0,877

  1. Autriche

0,560

  1. UEBL

0,546

  1. Grèce

0,515

  1. UEP

0,350 *

  1. Danemark

0,257

  1. Norvège

0,236

  1. Turquie

0,152

  1. Irlande

0,146

  1. Suède

0,118

  1. Portugal

0,050

  1. Trieste

0,032

  1. Yougoslavie

0,029 *

  1. Islande

0,023

Total

11,773

* Europäische Zahlungsunion

* Jugoslawien gehört nicht zu den Ländern, die der Marshallplan umfasst.

Am Ende waren es Finanzhilfen in Höhe von nahezu 12 Milliarden Dollar für Europa, zuzüglich Darlehen in Höhe von 1,139 Milliarden Dollar. Daraus ergibt sich eine Summe von 13 Milliarden in drei Jahren, tatsächliche Laufzeit des Programms, was einem heutigen Wert (Stand 2015) von 130 Milliarden entspricht. Die Hauptbegünstigten der Hilfen waren Großbritannien, Frankreich, Italien, die BRD, die Niederlande...

Die folgende Grafik zeigt eine Vorstellung dessen, was im Rahmen der amerikanischen Hilfen an Produkten nach Europa geliefert wurde. Zusätzlich geleistete militärische Hilfe war nicht Teil der im Marshallplan definierten Hilfen.

Folgende Tabelle ermöglicht die Einschätzung der Rolle und die Stellung des europäischen Wiederaufbauprogramms (Hilfe im Rahmen des Marshallplans) in der Gesamtheit aller amerikanischen Hilfsprogramme für Europa über einen langen Zeitraum hinweg:

EINFLUSSBEREICH DER USA

Die Hilfen im Rahmen des Marshallplans sowie die militärische Unterstützung beschleunigen die politische Ausrichtung Westeuropas in Richtung USA, selbst wenn bestimmte Länder wie Frankreich, die Schweiz und Schweden dies nur widerstrebend akzeptierten. Der Marshallplan leistete einen erheblichen Beitrag zur Entstehung einer Konsumgesellschaft und gewährte den USA einen gewissen Einflussbereich. Die Amerikanisierung der europäischen Gesellschaft lag in der Luft. Die USA sind Wegweiser für soziale und wirtschaftliche Modelle sowie Regierungsmethoden in Europa. Die ECA erwirkt eine moralische Mobilisierung gegen den Kommunismus, den Neutralismus und die politische Gewerkschaftsbildung. Das Gewinnen der öffentlichen Meinung war ein Aspekt des Marshallplans.

In den Augen der USA waren die Europäer vor allem müde und altmodisch. Amerika hingegen galt als die Moderne. Eine Konsumgesellschaft, weltoffen, lockte geschickt mit Illusionen und Wohltaten, ganz ohne Druck und die Europäer sahen in dem Konsumverhalten der USA den großen Fortschritt. Dennoch hielten sie an den ganz speziellen europäischen Werten, wie der Welfare (Wohlfahrtsstaat) fest. Europa, alter Schauplatz für Kämpfe und politische Errungenschaften, passt sein Sozial- und Wirtschaftsmodell weiterhin nach seinen Vorstellungen an. Die Angst vor der Sowjetunion spielt für die amerikanische Entscheidung, Europa zu helfen, eine entscheidende Rolle. Für die USA war Europa sehr wichtig. Robert Marjolin fasste dies wie folgt zusammen:"Der Marshallplan war weniger eine uneigennützige Geste als vielmehr ein äußerst intelligenter politischer Akt."


Auteur
Gérard Bossuat - emeritierter Professor, Universität von Cergy-Pontoise - Geschichte der Einheit Europas - Lehrstuhl Jean Monnet ad personam

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Bibliografie :

Les aides américaines économiques et militaires à la France, 1938-1960, Gérard Bossuat, CHEEF, 2001, réédité Kindle, 2013.

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