Ein neuer National- friedhof im Vercors

Chapeau

2018 kauft der Staat den Gedenkort am Pas de l’Aiguille (Isère) als 274. Nationalfriedhof, für den das Verteidigungsministerium zuständig ist. Damit wird der Kaufprozess der drei Friedhöfe des Vercors abgeschlossen, der 2014 begann.

Nécropole du Pas de l’Aiguille. © Nécropole du Pas de l’Aiguille.
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Das Vercors-Plateau, das sich auf mehr als 2.300 m Seehöhe erhebt, sieht wie eine natürliche Festung mit 60 km Länge und 30 km Breite aus. Dieser Ort wird ab 1940 zur Zuflucht für viele Opfer von Unterdrückungsmaßnahmen des Besatzers und des Regimes von Vichy. Mit der Invasion der südlichen Zone durch die Deutschen im November 1942 wandelt sich der Vercors zum Widerstandsgebiet für jene, die den Gedanken eines unterworfenen Frankreichs ablehnen.

 

DER VERCORS, EIN TRAGISCHES EPOS

 

1942 taucht die Idee auf, dass der Vercors eine in der Provence erwartete Landung der Alliierten unterstützen könnte. Die militärische Planung des „Plan Montagnards“ wird damals Hauptmann Alain Le Ray übertragen, seine anschließende Umsetzung dem Staffelführer François Huet, der 1944 militärischer Führer des Vercors war, und Eugène Chavant, ziviler Anführer der Widerstandsgruppe. Anfang 1944 gibt es im Vercors fast 400 Partisanen. Diese natürliche Zitadelle wird damit zur Bedrohung für den Feind.

 

Am 6. Juni 1944 erfüllt der Vercors den Befehl zur Generalmobilmachung. Die von Radio London verbreitete Nachricht gibt das Signal für die bewaffnete Aktion. Von da an strömen Freiwillige herbei, sodass im Juli 4.000 Mann bereit stehen. Die Republik wird hier wiederhergestellt und die französische Fahne weht über dem als „frei“ erklärten Gebiet. General Niehoff, Leiter der Wehrmacht im Südosten, beschließt mit Unterstützung von General Pflaum diesen Widerstand zu zerschlagen. Die ersten Auseinandersetzungen finden am 13. und 15. Juni 1944 in Saint-Nizier du Moucherotte statt. Einige hundert Partisanen bieten dabei den Deutschen die Stirn, ziehen sich aber zurück, als der Feind am 15. Juni mit 3.000 Mann wiederkommt.

Das Dorf fällt in die Hände der Wehrmacht, die dort eine erbarmungslose Bestrafung durchführt: die Verwundeten werden getötet und die Häuser niedergebrannt. Von den 93 Häusern des Dorfes entgehen nur 11 der Zerstörung. Die deutschen Truppen führen den entscheidenden Schlag am 21. Juli in Vassieux-en-Vercors aus. Der Angriff erfolgt umfassend, über die Straßen, die Pässe und die Luft. Mehr als 10.000 Soldaten stürmen das Plateau.

Überall im Vercors wüten die Auseinandersetzungen zwischen dem Feind und den Partisanen (Pas de l’Aiguille, Valchevrière, La Croix Perrin...). Nach tagelangen Kämpfen wird der Befehl zur Zerstreuung der Widerstandsgruppe gegeben. Mehr als 600 Widerstandskämpfer und etwa hundert Deutsche werden getötet. Die Zivilbevölkerung zahlt ebenfalls einen hohen Preis: 201 Menschen werden getötet oder exekutiert, 41 weitere deportiert und 573 Häuser zerstört. Vassieux-en-Vercors wird durch ein Dekret vom 4. August 1945 „Ville Compagnon de la Libération“ (Kameradenstadt der Befreiung). Eine seltene Ehre, die nur vier weiteren Gemeinden zuteil wurde: Paris, Nantes, Grenoble und der Île de Sein. Die Partisanen des Vercors setzten ihren Kampf danach in der 1. Armee fort.

Alle diese Orte tragen heute noch die Narben dieses Jahres 1944 und sind Gedächtnisstätten, die von den lokalen Akteuren und der Direktion für Kulturerbe, Erinnerung und Archive (DPMA) des Verteidigungsministeriums erschlossen werden.

 

„FÜR FRANKREICH GEFALLEN“

Nach Ende des Krieges wurden vom Nationalen Verband der Pioniere und freiwilligen Kämpfer des Vercors drei Friedhöfe geschaffen. Hoch über Grenoble liegt der Friedhof Saint-Nizier-du-Moucherotte, auf dem Soldaten und Partisanen bestattet sind, die bei den Kämpfen im Juni 1944 „für Frankreich gefallen“ sind. 98 Widerstandskämpfer sind dort beigesetzt; an ihrer Seite wurden das Grab von Eugène Chavant und das Ehrengrabmal von François Huet errichtet.

Auf dem Friedhof von Vassieux-en-Vercors befinden sich die Gräber von 80 Partisanen, 58 Bewohnern von Vassieux und 49 Unbekannten, die bei den Kämpfen im Juni 1944 „für Frankreich gefallen“ sind. Die Metallstrukturen von zwei Flugzeugen, die von der Luftwaffe am 21. Juli eingesetzt wurden, sind an dem Ort erhalten. Ein Gedenkraum wurde zur Erinnerung an alle Opfer des Vercors eingerichtet und eine Tafel erinnert daran, dass der Leichnam des Feldwebels Raymond Anne, eines Partisanen aus Vassieux, in der Krypta von Mont-Valérien ruht, der das Symbol für das Opfer aller Gefallenen der französischen Widerstandsgruppen ist. Der Friedhof am Pas de l’Aiguille in der Gemeinde Chichilianne auf über 1600 Metern Seehöhe beherbergt 8 Gräber (von 7 Widerstandskämpfern und einem Hirten). Sie sind bei den Kämpfen vom 21. bis 24. Juli 1944 „für Frankreich gefallen“.

 

AUFWERTUNG DER NATIONALFRIEDHÖFE

Anlässlich des 70. Jahrestages der Kämpfe des Vercors im Jahr 2014 brachte der Verband, der die Orte betreute, den Wunsch zum Ausdruck, diese dem Staat zu übereignen, um daraus Nationalfriedhöfe zu machen. Die beiden Friedhöfe in Saint-Nizier du Moucherotte und Vassieux-en-Vercors gingen 2015 in Staatsbesitz über, während jener am Pas de l’Aiguille, welcher der kleinste und höchstgelegene Friedhof Frankreichs ist, im Laufe dieses Jahres übernommen wird.

Im Rahmen ihrer Gedenkpolitik finanziert die DPMA die Erhaltung und Restaurierung dieser Friedhöfe nach drei Schwerpunkten: Anwendung einer Landschaftscharta seit 2015, Einführung von umweltfreundlicheren Erhaltungsmethoden mit Inkrafttreten des Plans zum Verzicht auf Pestizide seit 2017 und Umsetzung des Plans zur besseren Erreichbarkeit dieser Gedächtnisstätten. So wurden seit 2014 Abzeichen mit dem Emblem der Pioniere auf den Gräbern des Friedhofs von Saint-Nizier du Moucherotte angebracht und verschiedene Arbeiten an den Außenmauern der Friedhöfe durchgeführt. Für 2018 ist die Aufstellung eines Fahnenmastes am Friedhof am Pas de l’Aiguille geplant.

Informationstafeln über die Geschichte wurden an jedem Friedhof aufgestellt, um den Gedächtnistourismus zu fördern. Außerdem bietet der Gedenkraum in Vassieux-en-Vercors nunmehr einen Platz zur Interpretation. Ein Fries erläutert die Rolle und die Geschichte der Pioniere des Vercors. Die Dauerausstellung „Gesichter des Vercors“, die im Juli 2017 am Rande des Friedhofs feierlich eröffnet wurde, würdigt die Partisanen und Zivilbevölkerung, die Akteure oder Opfer der Kämpfe waren.

Um diese Gedächtnisstätten vollständig in das örtliche Tourismusnetz einzubinden und die lokalen Akteure bei ihren Maßnahmen zur Aufwertung des Gebiets zu begleiten, haben die DPMA und ihre Betreiberorganisation, das Nationale Büro der Kriegsveteranen und Kriegsopfer (Office national des anciens combattants et victimes de guerre - ONAC-VG), eine Rahmenvereinbarung mit der Gemeinde Vassieux-en-Vercors, dem Museum des Widerstands von Vassieux-en-Vercors, der Gedenkstätte Vassieux-en-Vercors und dem Nationalen Verband der Pioniere und freiwilligen Kämpfer des Vercors abgeschlossen. Eine vergleichbare Vereinbarung wurde für Saint-Nizier unterzeichnet und wird es auch für den Pas de l’Aiguille werden. Die DPMA zeigt damit ihren Wunsch, mit den historischen Akteuren zusammenzuarbeiten, um die Seele dieser Orte zu bewahren. 2019 wird eine Tourismusbroschüre über diese drei Friedhöfe erscheinen.


Auteur
Guillaume Pichard - Leiter der Abteilung „Friedhöfe und territoriale Zusammenarbeit“ bei der DPMA

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