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Von der Münchner Konferenz zum Zweiten Weltkrieg

29 septembre 1938. Signature des accords de Munich - Neville Chamberlain, Premier ministre de Grande-Bretagne; Edouard Daladier, président du Conseil français, le chancelier Adolf Hitler Benito Mussolini et le comte Ciano, ministre des affaires étrangères
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Von der Münchner Konferenz zum Zweiten Weltkrieg

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DVon der Münchner Konferenz zum Zweiten Weltkrieg (September 1938 - September 1939) Angesichts der Expansionsbestrebungen Deutschlands setzen Frankreich und Großbritannien zunächst auf Verhandlungen, um Hitlers Ansprüche einzudämmen und einem Krieg auszuweichen. Paris und London hegen nach dem Münchner Abkommen im September 1938 noch eine ganze Reihe von Illusionen. Als Hitler-Deutschland Mitte März 1939 in der Tschechoslowakei einmarschiert, unternehmen Frankreich und Großbritannien den Versuch, einen Schutzwall gegen das Reich zu errichten. Sie treten in Verhandlungen mit Stalin, um sich für den Konfliktfall seine Allianz oder zumindest seine wohlwollende Neutralität zu sichern. Die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Pakts am 23. August 1939 macht die letzten Hoffnungen auf Frieden schließlich zunichte. Am 1. September startet Hitler den Angriff auf Polen.

Bis 1936 hatte sich Hitler darauf beschränkt, die Inhalte des Vertrags von Versailles, mit dem der Militärmacht und dem Handlungsspielraum Deutschlands Grenzen gesetzt waren, zu missachten. Ab 1937 leitet er Phase 2 seines Programms ein, mit dem er in Osteuropa und bis in die Ukraine und nach Russland neuen ”Lebensraum” erobern will. Dieses Vorhaben steht im Mittelpunkt seines ideologischen und geopolitischen Programms, das Deutschland mit den nötigen Mitteln für eine Vormachtstellung in Europa ausstatten soll, und das die Hauptursache für den Ausbruch des II. Weltkriegs darstellt.

Bereits am 4. November 1937 setzt er seine engsten Berater mit seinen Plänen auseinander: die Annexion Österreichs und dann der Tschechoslowakei, ohne dass es zu einem Eingreifen Frankreichs oder Großbritanniens kommen würde. Danach würde man daran gehen, den Lebensraum im Osten zu erschließen.

Von da an überstürzen sich die Ereignisse: der Anschluss im März 1938; im September 1938 dann, als Folge der Sudetenkrise (Hitler will die deutschstämmige Bevölkerung der Tschechoslowakei ”heim ins Reich” holen) und der Münchner Konferenz, kommt es zur Auflösung der Tschechoslowakei - die mit der Besetzung Prags im März 1939 abgeschlossen wird. Der nächste logische Schritt ist Polen.

Gegenüber der Hitlerschen Dynamik, seiner geostrategischen Logik, seinem wirkungsvollen politpsychologischen Treiben und seiner Propaganda setzen die Franzosen und Briten zunächst auf Beschwichtigung und die Wahrung des ”europäischen Konzerts”, wie schon seit den Verträge von Locarno 1925. Das bedeutet konkret, dass sie mit Hitler verhandeln, um seine Forderungen im Zaum zu halten und die eigenen Konzessionen einzugrenzen; es geht darum, den Dialog aufrecht zu erhalten und einem Krieg auszuweichen.

Die Münchner Konferenz Ende September 1938 steht für die Franzosen und Briten voll und ganz im Zeichen dieses kollektiven Sicherheitsdenkens. Die Konferenz ist selbstverständlich eine Farce, ein Zerrbild des europäischen Mächtekonzerts - doch nach dem damaligen Denken erscheint sie als Mittel, die kollektive Sicherheit zu verlängern. Dabei teilen London und Paris nicht unbedingt dieselbe Analyse: In London ist man überzeugt, die Revisionspolitik Hitlers würde begrenzt und hinnehmbar bleiben. Paris beweist besseren Einblick in die Berliner Expansionsziele und erkennt, wenn schon nicht die überaus dynamischen Methoden einer totalen Kriegspolitik, immerhin die Absicht Hitlers, ganz Mittel- und Mitteleuropa zu beherrschen, und die daraus resultierenden Gefahren für das restliche Europa. Doch werden in Paris nicht alle Konsequenzen aus dieser Analyse gezogen. Verantwortlich dafür ist der Mythos der kollektiven Sicherheit, der durch die Erinnerung an das Grauen von 1914-18 noch verstärkt wird. Das ”Europäische Konzert” - die Wiederbelebung einer Illusion Paris und London hegen nach dem Münchner Abkommen noch eine ganze Reihe von Illusionen.

Vor seiner Abreise aus Deutschland am 1. Oktober unterzeichnet der britische Premier Chamberlain eine gemeinsame Erklärung mit Hitler, in der beide Staaten für die Zukunft vereinbaren, gegenseitige Rücksprache zu halten. ”Peace in our time!”, verkündet der britische Premier.

Anlässlich eines Besuchs des Reichsaußenministers Ribbentrop unterzeichnen die Franzosen am 6. Dezember eine ähnliche Erklärung. Beide Staaten sagen einander die beidseitige Einhaltung des Grenzverlaufs zu und verpflichten sich zur Konsultation im Krisenfall. Die Deutschen geben in weiterer Folge - zu Unrecht, wie es scheint - vor, der französische Außenminister Georges Bonnet habe dem Reich bezüglich der Ostexpansion ”freie Hand” gelassen. Jedenfalls schafft diese Erklärung eine äußerst ungünstige Optik, vor allem so kurze Zeit nach den antisemitischen Pogromen vom 8. November in Deutschland (”Kristallnacht”). Unbestritten ist, dass sowohl in Paris als auch in London eine Mehrheit der Entscheidungsträger nach wie vor davon ausgehen, dass man sich im Gefolge der Münchner Konferenz mit Berlin über die von Deutschland aufgeworfenen Fragen würde verständigen können: Deutschlands Wiedereingliederung in den internationalen Handel, das Problem der ehemaligen deutschen Kolonien (aberkannt seit Versailles), und sogar die Frage von Danzig und des polnischen Korridors, wo Berlin Ende Oktober 1938 einen Neuanlauf nimmt. Die Haltung gegenüber Hitler folgt seit 1933 derselben Politik: Es gilt dafür zu sorgen, dass das Reich aus seiner unberechenbaren Isolation herausgeführt wird und wieder in das ”europäische Konzert” eintritt, wie Georges Bonnet in seinen Memoiren (1) schreibt.

Auf französischer Seite bleiben die Meinungen jedoch stärker gespalten als in England, was die Aussichten auf eine tatsächliche Wiederbelebung des europäischen Mächtekonzert anbelangt. Ratspräsident Edouard Daladier ist zwar bereit, an der Münchner Politik festzuhalten, begreift aber besser als Bonnet die Niederlage, die diese Konferenz für Frankreich bedeutet.

Seine Regierung beschließt im November 1938 ein Wirtschafts- und Rüstungsprogramm. Diesem ist ein gewisser Erfolg beschieden (1938 machen die Militärausgaben einen höheren PIB-Anteil als in Deutschland aus), der jedoch zu spät kommt. Dennoch bleiben die Regierung und die politischen Parteien gespalten. Die Gefahr, die von Hitler ausgeht, ist allen bewusst; bezüglich des geeigneten Widerstands manifestieren sich indes drei unterschiedliche Tendenzen. Nach der ersten Lesart ist die Situation zwar ernst, Hitler würde allerdings nur bluffen; mit einem Bündnisnetz und einem unnachgiebigen Diskurs würde es gelingen, ihn abzuschrecken, ohne einen Krieg zu riskieren, für den Frankreich nicht bereit ist. Die zweite Auffassung lautet, dass Hitler keineswegs blufft und dass das isolierte (schließlich besteht keine formale Allianz mit Großbritannien), unzureichend gerüstete Frankreich keine andere Wahl hat, als mit - möglichst begrenzten - Konzessionen einem Krieg auszuweichen. Die dritte Analyse ist komplexer: Ihr zufolge sind sowohl Abschreckung als auch allfällige Konzessionen vonnöten - der Krieg sei aber unausweichlich, weshalb man sich auf diesen vorbereiten muss, sollte der Rest scheitern. Auf diesem Standpunkt stehen zeitweise Daladier und insbesondere seine Militärchefs.

Gleichzeitig werden immer mehr Stimmen laut, die sich für eine völlig andere Strategie aussprechen, die mit ”repli impérial” zusammengefasst wird - eine ausschließliche Rückbesinnung auf die Eigeninteressen des französischen Reichs ('empire'). Diese Idee spielt eine immer wichtige Rolle, will man die Stimmung, die in Frankreich nach dem Münchner Abkommen allmählich um sich greift und gewisse Wesenszüge von Vichy vorwegnimmt, vollständig begreifen. Schon ab 1933 fließen Überlegungen, die ans Empire français anknüpfen, in die Frage der Sicherheit gegenüber dem Deutschen Reich ein: Das Empire bildete einen Block aus 100 Millionen Menschen, der die Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes garantierte (2). Nach München etabliert sich der Empire-Gedanke als eine wesentliche Trumpfkarte, allerdings finden sich zwei Gesichtern: Gilt es, ein imperiales Bollwerk zu errichten, um die Macht Frankreichs gegenüber Deutschland zu stärken, oder aber eine ”Selbstbesinnung des Empires” vorzubereiten, um einer Auseinandersetzung mit dem Reich zu entgehen... und unter Preisgabe von Mittel- und Osteuropa? Diese Zweideutigkeit wird in den Monaten nach München ganz offensichtlich: Paul Baudouin, einflussreicher Bankier in der Einflusssphäre der Politik und späterer Staatssekretär für Außenpolitik im Vichy-Regime, veröffentlicht einen aufsehenerregenden Artikel zu dieser Frage des ”repli impérial”, in dem er dafür eintritt, dass Frankreich aus seinen Allianzen im Osten aussteigt und sich auf sein Empire konzentriert, wobei in Europa gleichzeitig ein Kompromiss mit Deutschland anzustreben wäre .(3)

Mit der Verschlechterung der französisch-italienischen Beziehungen Ende 1938 erhält diese Tendenz weiter Auftrieb. Nicht wenige vertreten die Auffassung, dass Rom die Besitzungen und vitalen Interessen Frankreichs im Mittelmeerraum und in Afrika direkt bedrohe und fortan als der Hauptfeind angesehen werden müsse. Bezüglich Deutschland genüge es, Hitler im Osten freie Hand zu lassen. Und so findet innerhalb der Regierung eine breite Diskussion darüber statt, ob das Bündnis mit Polen aufrecht erhalten werden soll.

Unterdessen sorgt die Invasion der Tschechoslowakei Mitte März 1939 für eine deutliche Verschärfung der französisch-britischen Position, wenngleich es für Chamberlain hauptsächlich um Einschüchterung geht - er hegt noch immer die Hoffnung, Hitler an den Verhandlungstisch zu bekommen. Auf französischer Seite hofft man zwar ebenfalls, den Frieden zu retten, aber eine militärische Variante wird immer konkreter angedacht. Beide Staaten geben eine Garantieerklärung für Griechenland und Rumänien Garantien ab, London geht einen Beistandspakt mit Polen ein. Das wichtigste Glied in der Abschreckungskette, die es zu knüpfen gilt, ist natürlich die UdSSR. Unter dem Druck aus Paris, wo die Lageeinschätzung weitaus gravierender ausfällt als in London, werden im April 1939 Verhandlungen mit Russland aufgenommen, die in einer Dreier-Allianz münden sollen. Ab 12. August wird die militärische Frage in die Verhandlungen einbezogen, mit dem Ziel, eine Militärabkommen zu erreichen.

Die Verhandlungen stoßen jedoch auf eine Reihe von Hindernissen: Die Sowjets fordern ein Durchmarschrecht durch Polen und Rumänien, wogegen sich zumindest Warschau quer legt. Außerdem erwarteten sie, dass ihnen - verpackt in komplexe juristische Formulierungen - freie Hand am Baltikum zugesichert werde. Angesichts der Dringlichkeit der Lage will man in Paris einlenken, und es gelingt letztlich sogar, Polen umzustimmen - doch London schaltet auf Ablehnung. Stalin, bei dem die Münchner Konferenz, von der er ausgeschlossen blieb, einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat, zeigt selbstverständlich nur halbherziges Bemühen angesichts der französisch-britischen Zaudereien. Auch für Frankreich selbst ist ein Waffengang auf Seiten der UdSSR nicht wirklich vorgesehen: Man ist der Ansicht, es könne von dort keine ernstzunehmende militärische Unterstützung kommen, höchstens der Nachschub für Polen. Die Verhandlungen sollen in Wahrheit dafür sorgen, dass Stalin sich im Konfliktfall wohlwollend neutral verhält oder zumindest keine Annäherung an Hitler sucht.

Doch Moskau bringt immer neue Schwierigkeiten aufs Tapet und führt zudem seit Ende Juli Parallelverhandlungen mit Hitler, der der UdSSR die Kontrolle über einen ganzen Teil Osteuropas zusichert - ohne Krieg. Das Szenario der Briten und Franzosen beinhaltet indes das Risiko eines kurzfristigen Kriegseintritts ohne jede Zusicherung auf Gebiete oder Einflusszonen. Eine solche Zusicherung zu Lasten Polens und Rumäniens will und kann weder Paris noch London geben. Bis heute lässt Stalins Vorgehen Fragen offen, hatte dieser doch schon am 10. März verlautbart, Moskau würde sich ausschließlich nach seinen Interessen richten. Wäre er zu einer Einigung mit den Westmächten bereit gewesen, wenn diese mehr Entschlossenheit gezeigt hätten? Er war sich sehr wohl der Gefahr bewusst, die von Hitler für die UdSSR ausging. Fürchtete er, der Westen würde Hitler im Osten freie Hand lassen? Sah er nur einen günstigen Augenblick, um Gebiete wiederzuerlangen, die einmal Teil des russischen Reichs waren? Glaubte er, später aus einem langen und unentschlossenen Krieg in Europa Nutzen ziehen zu können? Trotz der diplomatischen Bemühungen Frankreichs, bis zum Schluss den polnischen Widerstand auszuräumen, unterzeichnen Hitler und Stalin am 23. August den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, dessen Geheimklauseln de facto die Aufteilung Osteuropas zwischen beiden Staaten vorsehen.

Für England und Frankreich bedeutet dies ein krasses Scheitern. Und Stalin ebnet so den Weg für den Zweiten Weltkrieg: Hitler, der von russischer Seite nun nichts mehr zu befürchten hat, greift am 1. September Polen an. Unklarheiten bei Kriegseintritt. Nach allerletzten Bemühungen von Mussolini und Bonnet, auf dem Verhandlungsweg eine Lösung herbeizuführen, erklären Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich am 3. den Krieg. Die britische Öffentlichkeit und das Parlament zwingen Chamberlain zur Unnachgiebigkeit. Die französische Öffentlichkeit ist entschlossen: Im Juli 1939 geben bei einer Umfrage 76 % an, es sei notwendig, für Danzig Widerstand gegen Berlin zu leisten (57 % hatten im September 1938 München gut geheißen). Schon am 23. August war der Entschluss gefallen, Polen ungeachtet des deutsch-sowjetischen Pakts beizustehen. Nur wenige machen sich indessen eine Vorstellung vom Krieg. Schlimmstenfalls würden eine abwartende Strategie und eine Blockade des Reichs bis 1942/43 einen Sieg erlauben, der im Vergleich zu 1918 einen geringeren Blutzoll fordert. Bestenfalls würden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die (angenommene) Schwäche des Regimes schon bald zu einem glücklichen Ende führen.

Der ideologische Gehalt des Kriegs (Totalitarismus der Nazis) wird kaum wahrgenommen. Die menschliche Frage - insbesondere die von Hitler geplante rassische Neuzusammensetzung Europas mit der Vertreibung und dem Massenmord an den Juden - findet ebenfalls wenig Beachtung. Und nur ganz wenige erkennen, dass Europa mit diesem Krieg seine weltweite Führungsstellung verlieren würde.

Fußnoten (1) Georges Bonnet, Fin d'une Europe. De Munich à la guerre, Genève, Le Cheval ailé, 1948, S. 44. (2) Charles-Robert Ageron, France coloniale ou Parti colonial?, Paris, PUF, 1978. (3) Anthony Adamthwaite, France and the Coming of the Second World War, S. 117.

Bibliografie (Zusammenfassung) [list]Donald Cameron Watt, How War Came. The Immediate Origins of the Second World War, New York, 1989. [list]Yves Durand, Les causes de la Seconde Guerre mondiale, Cursus. [list]R. A. C. Parker, Chamberlain and Appeasement: British Policy and the Coming of the Second World War, Londres, Macmillan, 1993. [list]Gerhard L. Weinberg, Germany, Hitler and World War II, Cambridge UP, 1995. [list]J.-B. Duroselle, La Décadence 1932-1939, Le Seuil. [list]Hugh Ragsdale, The Soviets, the Munich Crisis and the Coming of World Wwar II, Cambridge, Cambridge UP, 2004. [list]Elisabeth du Réau, Daladier, Paris, Fayard, 1993.