Archäologische Betrachtung der zerstörten Dörfer

Ornes, „Für Frankreich gestorbenes“ Dorf, vor seiner Zerstörung, 1916. © Archive der Gedenkstätte von Verdun

Besucher, die sich auf die Gedenkwege der Maas wagen, sind überrascht, dass sie in der Schlacht um Verdun vollkommen zerstörte Dörfer entdecken, die niemals wieder aufgebaut wurden. Neben den Gedenkmomenten, die hier organisiert werden, sind diese Orte der Einkehr wesentliche Kulturerbereserven, die Archäologen heute nutzen und für die Zukunft retten wollen.

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Das Gebiet Lothringens nimmt im Laufe der Weltkriege eine besondere strategische Lage ein. Dort sind mehrere Schlachten zu verzeichnen, von denen die berühmteste und tödlichste jene von Verdun im Jahr 1916 war. Von diesem Teil der Geschichte werden zumeist die militärischen Fakten erzählt und selten das Schicksal der Zivilbevölkerung. Ein Sonderfall sind die dreizehn, während des Ersten Weltkriegs zerstörten Dörfer in Lothringen. Sie wurden vollkommen verwüstet und sechs von ihnen sollten nie mehr wieder aufgebaut werden. Sie genießen jedoch ein vom Staat anerkanntes Existenzrecht, was eine historische Ausnahme ist, den die tausenden Besucher zumeist nicht kennen, die jedes Jahr auf das Schlachtfeld kommen. Verwaltungsmäßig drückt sich das durch die Ernennung eines Bürgermeisters durch den Präfekten aus. Dieser ist mit der Instandhaltung des Ortes und der Aufbewahrung Personenstandsregister betraut. Auf dem Gelände sind eine Tafel und eine Gedenkkapelle die einzigen Kennzeichen, die auf die ehemaligen Häuser hinweisen, deren Ruinen von der Vegetation bedeckt sind.

 

Ornes, pris le 24 février 1916 et libéré en état de ruines en août 1917, totalement détruit par le déluge de l’artillerie, 9 juillet 1916.

Ornes, am 24. Februar 1916 eingenommen und im August 1917 im Ruinenzustand befreit, nachdem es am 9. Juli 1916 durch Artilleriebeschuss vollkommen zerstört worden war.

© Geschichtsarchive der Verteidigung

 

VERSCHWUNDENE DÖRFER, VERNARBTE LANDSCHAFT

Der Erste Weltkrieg ist ein entscheidender Faktor in der Entwicklung der Maas-Landschaft. Diese Episode der Gewalt, die man zur Epoche des „Anthropozäns“ zählen könnte, hat die Umwelt und Biogeographie des Frontgebiets tiefgreifend und auf nicht wieder gutzumachende Weise verändert. Erstmals in der Gesellschaftsgeschichte sind die Veränderung und Versteinerung einer Landschaft in einem Zeitraum von nicht einmal einem halben Jahrhundert vor sich gegangen. Wir beobachten, wie vom Beginn der Kampfhandlungen an aus einem althergebrachten ländlichen Raum mit seinen Dörfern, Feldern und Gemeindewäldern die Apokalypse eines verwüsteten, versehrten und zerklüfteten Landes wird. Einige Jahre später, nach Ende des Konflikts, wird diese durch die militärischen Aktivitäten stark beschädigte Landschaft von spontaner Vegetation zurückerobert, welche die ersten, durch den Krieg entstandenen Formen des Schlachtfeldes festlegen sollte. Gegen 1920 besiegelt die massenhafte Pflanzung von Nadelbäumen auf den früheren landwirtschaftlichen Gebieten und den zerstörten Dörfern das Ende der offenen Flächen. Heute, im letzten Entwicklungsstadium, wird die vernarbte Landschaft durch die Waldbewirtschafter und touristische Einrichtungen geformt. Die archäologischen Relikte, die üblicherweise unter der Erde vergraben sind, liegen dieses Mal aber unter einer Pflanzendecke, die ihre Übersicht verdeckt.

 

DER WALD ALS ERHALTER DER ZERSTÖRTEN DÖRFER

Nach fast vier Jahren Krieg sind die völlig veränderten Gebiete der lothringischen Front riesige, verlassene Bereiche. Die Wiederherstellung aller Flächen ist wirtschaftlich unmöglich. Daher erwirbt der Staat mit dem Gesetz vom 17. April 1919 die als unrettbar eingestuften Gebiete, die er auf einer Karte mit einem roten Stift eingrenzt. So entstand die „rote Zone“. Die als am gefährlichsten erachteten Gebiete werden der Forstverwaltung übertragen, damit sie aufgeforstet werden. Das Maas-Département ist in der Geschichte der roten Zonen mit 79 % aufgeforsteten Flächen einzigartig. Woanders, wie im Pas-de-Calais oder im Département Somme, wurden fast alle roten Zonen der Nachkriegszeit im Zuge von Gebietsverkäufen an die Landwirtschaft zurückgegeben.

 

La forêt conservatoire des villages disparus, 2016. © D. Jacquemot

Der Wald, der die verschwundenen Dörfer konserviert, 2016. © D. Jacquemot

 

Der Wald hat, wie das Grasland, eine besonders wirksame Schutzfunktion gegen die Bodenerosion. Er konserviert bestimmte Bauten in der Erde und erhält die Höhe der Relikte. Seit kurzem stellt sich heraus, dass die nach dem Krieg gepflanzten Wälder auch einzigartige Kulturerbereserven sind. Diese fast hundert Jahre alten Wälder beherbergen vielerlei Spuren der militärischen Besatzung, aber auch jene der Zivilbevölkerung: misshandelte Bauernhöfe und Dörfer. Am Beispiel des Schlachtfelds von Verdun, das 10.000 Hektar eines völlig veränderten Geländes umfasst, auf dem neun Dörfer durch die Bombardierungen zerstört wurden.

 

DIE ARCHÄOLOGISCHE RESERVE DER „FÜR FRANKREICH GESTORBENEN“ DÖRFER

 

In den 1990er-Jahren begann das Nachdenken über eine „Archäologie der jüngeren Vergangenheit“ in den verschiedenen Bereichen der Architektur und des industriellen sowie militärischen Erbes. So wird aufgezeigt, dass die Orte, die Schauplatz außergewöhnlicher oder tragischer Ereignisse waren, kulturell die Erinnerung bewahren sollen, wie bei der Mondlandschaft des Schlachtfeldes von Verdun, welches die LIDAR-Methode geliefert hat. Auf diesem sagenhaften Boden können heute die dramatischen historischen Momente charakterisiert werden. Ähnlich wie bei Fleury, wo dieses „für Frankreich gestorbene“ Dorf innerhalb von zwei Monaten sechzehn Mal von den kriegsführenden Parteien eingenommen und zurückerobert wurde. Das Zeugnis dieser „nicht mitteilbaren“ Vergangenheit findet in der Dichte der Spuren seinen Ausdruck, welche die Geschichte „erzählen“. Anders als Museen, in denen die Vergangenheit durch Objekte hochgehalten wird, ermöglicht die einfache Bewahrung der Relikte und des Mobiliars vor Ort die Interpretation des Raumes und gibt der Erinnerung einen Sinn.

 

Ornes, vestiges de l’église : une valeur symbolique des "sacrifiés pour Verdun", 2018. © D. Jacquemot

Ornes, Relikte der Kirche: ein symbolischer Wert der „Opfer für Verdun“, 2018. © D. Jacquemot

 

BIO-KULTURELLES ERBE DER MÄRTYRERDÖRFER

Schon lange interessiert sich die archäologische Untersuchung für den Wert der Vegetation als Indikator für die Entdeckung von Relikten. Die Anomalien der Pflanzendecke lassen die Art und Zusammensetzung der vom Menschen gestalteten Böden erkennen. Die Stellen im Wald des Krieges illustrieren diese enge Beziehung zwischen der Pflanzengemeinschaft und der menschlichen Besiedelung besonders gut. Sie sind die privilegierten Bereiche für die paläobotanischen Untersuchungen, die eine ökologische Geschichte der Wälder wiederherstellen sollen. Trotz der massiven Zerstörungen, die den Boden tiefgreifend verändert haben, konnten in botanischen Studien der letzten Jahre Ruderalpflanzen (die Ruinen kolonialisierten) oder Besetzungspflanzen (die durch die militärische Besatzung eingebracht wurden) nachgewiesen werden. Dies ist der erstaunliche Fall des „blauäugigen Grases“, dieser Sisyrinchium-Art, die von den Bermuda-Inseln stammt und wahrscheinlich von den Truppen mit dem Pferdefutter verbreitet wurde.

 

Mehrere historische und wissenschaftliche Forschungsarbeiten wurden über das Waldgebiet der Märtyrerdörfer durchgeführt. Die in einer Vegetationsperiode erstellten Verzeichnisse ermöglichten die Erfassung einer Fülle von Pflanzen, die auf die früheren Aktivitäten eines Dorfes zurückgehen, das heißt auf die Zeit vor dem Krieg. Diese als „Reliktpflanzen“ bezeichnete Vegetation hat trotz der verschiedenen Phasen der Verwandlung des Umfelds durch die Kämpfe, das Verlassen des Ortes und seiner Aufforstung nach dem Krieg überlebt. So findet man dort insbesondere: Lilien, Kaukasus-Gämswurz, Hopfen, Johannisbeere, falschen Jasmin, Essigbäume, Osterglocken, schwarzen Holunder, kleines Immergrün, Schneeglöckchen und Goldregen.

 

Stéphanie Jacquemot, Archäologin der DRAC Grand Est

Corps 2

 

Ornes, un village martyr sous l’oeil du laser. Mission Lidar forêt domaniale de Verdun

Ornes, ein Märtyrerdorf unter Laseraugen. Lidar-Mission des Staatswaldes von Verdun, DRAC/ONF Lorraine, März 2013.
© Geoinformatische Bearbeitung von R. De Matos-Machado 2014

 

Das LIDAR-System

Weltweit gesehen ist Verdun das größte und authentischste Schlachtfeld aus dem Ersten Weltkrieg. Ein Jahrhundert später ist dieser Naturraum ein Freiluftmuseum von historischer Bedeutung und ein internationaler Gedenkort. Diese symbolträchtige Stätte, die zu den Prioritäten des Grenelle de l’Environnement (Grenelle-Forum für Umweltfragen in Frankreich) zählt, wurde kürzlich mit dem Begriff „forêt d’exception“ (einzigartiger Wald) ausgezeichnet und wird in den nächsten Jahren besondere Aufmerksamkeit erhalten, um Besuchern zugänglich gemacht zu werden.


In diesem Zusammenhang ließen das Kulturministerium und das staatliche Forstamt mit LIDAR-Fernerkundungsflügen eine 3D-Karte des durch die berühmte Schlacht tief verletzten Bodens erstellen. Diese neue Laser-Scan-Technologie ermöglicht die Durchdringung der Walddecke und zeigte uns zentimetergenau alle Relikte und verschwundenen Dörfer.

 

Diese neue archäologische Karte ermöglicht die Anpassung der Forstverwaltung und Planung eines Programms zur Konservierung, zum Erhalt und zur Aufwertung. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus bringt sie den Forschern und Universitätsangehörigen (Geografen, Historikern, Archäologen, ...) eine Hilfe für die Arbeit, den Nachdenkprozess und den Austausch auf einem außergewöhnlichen Kulturerbefundament.

 

Die im Zuge dieser Mission erstellten 3D-Bilder sind für die Besucher der Stätte eine neue (historische und geografische) Verständnishilfe der Schlacht um Verdun für pädagogische und touristische Zwecke.