Bewährungsprobe für das französische Verteidigungssystem im Krieg von 1870

„La revue de Chalons du 9 octobre 1896“ von Édouard Detaille, Detail, Creative Commons

Der Begriff der Bewährungsprobe wird gerne verwendet, um an die militärischen Niederlagen Frankreichs zu erinnern, die den Krieg von 1870-1871 und seine schwerwiegenden Folgen für die Nation kennzeichnen. Hier verstehen wir ihn im Lichte der Mängel des Verteidigungssystems und der Schwächung der Verbindung zwischen der Gesellschaft und der Verteidigungspflicht in den letzten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Kaiserreichs.

Corps 1

Ein ungeeignetes Abwehrsystem

 

  • 1 - Das veraltete Erbe der Monarchien mit Zensuswahlrecht

 

Angesichts des Abwehrsystems Preußens, das Wissenschaft und Masse vereint, erweist sich jenes von Frankreich in einem Konflikt, wie er sich ab 1870 abspielt, als ungeeignet. Obwohl der Verteidigungsapparat mit nicht unbeträchtlichem Aufwand nach den Katastrophen zum Ende des napoleonischen Zeitalters umgestaltet wurde, ist er veraltet.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts ist die französische Armee von 500.000 Mann unter der Julimonarchie auf 240.000 unter der Restauration geschrumpft, davon 150.000 Infanteristen. Da diese Größe dem des Konsulats und den Anfängen des Kaiserreichs entspricht, gilt sie als ideal, weil sie aus kleinen Gruppen erfahrener Kämpfer besteht. Die erfahrenen Veteranen der Grande Armée, die nach 1814-1815 noch in den Truppen verblieben sind, verlassen diese aus Altersgründen und, wie wir sehen werden, lässt sich der Begriff professionell nicht mehr auf jene anwenden, die sie ersetzen.

 

Das französische System ist dennoch einer Perfektionierung der Kriegskunst nicht abgeneigt. Ein strategischer Nachdenkprozess entsteht. Die Landstreitkräfte sind Neuerungen nicht mehr verschlossen und sie besitzen experimentelle Einheiten. Unter den Monarchien mit Zensuswahlrecht und der zweiten Republik sind sie alles andere als inkompetent und ihren Ruf der Trägheit verdanken sie vor allem den Schriftstellern Stendhal und Vigny. Im Übrigen verdankt das Werk Vignys, Servitude et grandeur militaire (Knechtschaft und Größe des Militärs), seinen Titel der Tatsache, dass der Autor bedauert, dass es auf die Rolle einer besseren Gendarmerie beschränkt ist. Das negative Bild, das man von der Armee hat, würde für das Zweite Kaiserreich besser passen, obwohl man sich hüten muss, auf die schwarze Legende hineinzufallen. Allerdings lässt sich seit 1815 eine Pause im Prozess der Totalisierung des Krieges beobachten, und zwar bis zum Sezessionskrieg. In Frankreich ist seinerseits bis zum Krimkrieg eine Zeit des Friedens eingetreten, die unter der Restauration kaum durch kurze Expeditionen nach Spanien 1823 und nach Griechenland 1827, unter der Julimonarchie durch Polizeieinsätze im Ausland in Ancona und Antwerpen 1832 und in Rom 1849 unter der zweiten Republik unterbrochen wurde. Nur die Eroberung Algeriens stellt eine große Intervention dar und mobilisiert ansehnliche Truppen, wenn auch in einem ungleichen Konflikt. Die Kriege auf der Krim und in Italien sind weniger beschränkt. Denn selbst wenn das Heer siegreich ist, wird es von Napoleon III., der ein ehemaliger Artillerieoffizier und guter Kenner militärischer Fragen ist, als mittelmäßig beurteilt.

 

bataille de Solferino

 
Napoleon III. befehligt die kaiserliche Garde in der Schlacht von Solferino (1859), Adolphe Yvon, 1861

 

  • 2 - Ein ungeeignetes Instrument der Verteidigung

Nach und nach ist aus einer professionellen Truppe ein Heer alter Soldaten geworden. Abgesehen von jenen, die Algerien eroberten, wobei es sich um eine besondere Art des Krieges handelt, sind sie als Kämpfer nicht erfahrener und versierter als Spezialisten. Das Attribut alt bedeutet nur, dass sie „im Dienst ergraut sind“, da sie viele Jahre dem Militär gedient haben, denn sie wurden immer wieder unbegrenzt verpflichtet.

 

Ihre Ausbildung machte sie fast schon zu „Soldatenmaschinen“. Dennoch werden lobenswerte Versuche unternommen, um das Können der künftigen Kämpfer zu verstärken, jedoch betreffen sie nur eine Minderheit der Infanterieeinheiten. Allerdings beziehen sich alle auf die Konzepte von Guibert, der das Règlement concernant l'exercice et les manœuvres de 1791 (Vorschriften über die Übung und Manöver von 1791) inspirierte, welches in der Instruction pour tous les grades de 1794 (Anweisung für alle Dienstgrade von 1794) aufgegriffen wird. Guibert verstand die Disziplin als eine Verbindung zwischen Autonomie – nicht Nachlässigkeit – und Gehorsam – nicht blinder Unterordnung. Disziplin und passiver Gehorsam werden jedoch so sehr zu Synonymen, dass es wichtiger wird, „in Reih und Glied marschieren als kämpfen zu können“. Noch 1867 warnt der Abgeordnete Latour-Maubourg im Zuge der Debatte über das Niel-Gesetz: „Es ist wünschenswert, dass aus unserer Armee diese automatischen Bewegungen verschwinden, diese komplizierten und schwierigen Manöver, die nie vor dem Feind ausgeführt werden, dass man sich darauf beschränkt, unseren Truppen einfache und leichte Bewegungen beizubringen, schnelle Manöver, die sich nur beim Angriff ausführen lassen. Schnelligkeit ist eine der Voraussetzungen der modernen Kriege.“

 

Selbst wenn die Vorschriften mit dem Ziel der Verbesserung geändert werden, gehen sie in Richtung Formalismus, so auch die Vorschrift für die Kavallerie aus 1829 und jene für die Infanterie aus 1831. Dieser Trend endet erst mit Ende des Zweiten Kaiserreichs. Die neue Vorschrift für die Infanterie aus 1862, die 1867 und dann 1869 geändert wurde, bekommt nicht die Zeit, dass ihre Auswirkungen zutage treten. Im Übrigen sind weder die von den Offizieren „verlassenen“ Kasernen noch die Ausbildungslager geeignete Ausbildungsorte. Wenn die Manöver jährlich ab 1857 im Lager Châlons durchgeführt werden, sind sie prächtige Paraden, die keinen Platz für Initiativen von Offizieren und Soldaten lassen, die auf eine Statistenrolle beschränkt sind.

 

camp de Châlons

 
Das Lager Châlons, Legray, 1857

 

Die Vorbereitung der Offiziere zeigt ebenfalls Mängel. Ein Großteil von ihnen sind herausragend, zumindest in der Infanterie – diese Waffe bildet jedoch den Kern des Abwehrsystems – bis 1870, umso mehr als sie von den Feldzügen des Zweiten Kaiserreiches automatisch bevorzugt werden. Es wäre jedoch zu einfach, zwei Arten von Offizieren einander gegenüber zu stellen, jene, die von Schulen kommen und die Manöverwissenschaft beherrschen, denn ihre Ausbildung, zumindest jene, die ihnen in Saint-Cyr zuteil wird, lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Selbst wenn sie von guter Qualität ist, wie im Polytechnikum oder an der Artillerie- und Genieschule in Metz, bleibt sie theoretisch. Die „Afrikaner“ von der Eroberung Algeriens verfügen über praktische Erfahrung, aber denken letzten Endes so oder so daran, anhand ihrer Erfahrung Krieg zu führen.

 

Tatsächlich ist die mangelnde Vorbereitung in drei Bereichen zu finden, dem strategischen, operativen und taktischen Bereich. Auch wenn es natürlich keine großen militärischen Denker nach dem Vorbild Guiberts mehr gibt, – die Schriften von Charles Ardant du Picq, die an ihn heranreichen hätten können, werden erst nach seinem Tod im Kampf im August 1870 veröffentlicht – ist der strategische Nachdenkprozess nicht völlig blockiert. Einige Offiziere haben eine Ahnung von der wachsenden Bedeutung der Geschwindigkeit des Transports und der Kommunikation. Diese Elemente sind zusammen mit der industriellen Revolution die Ursache für den Belebung des Prozesses der Totalisierung des Krieges. Eine undifferenzierte Ehrfurcht vor dem Werk Napoleons erweist sich jedoch als Stillstand. Außerdem ist für die meisten Offiziere die intellektuelle Routine die Regel. Aus operativer Sicht sind die Mängel beträchtlich. Am Vorabend des Krieges gibt es noch keinen einheitlichen Plan. Der Generalstab wurde nie zur intellektuellen Avantgarde, wie es sich Gouvion-Saint-Cyr, der Kriegsminister der Restauration, gewünscht hatte. Die Ausbildung seiner Offiziere bleibt theoretisch. Es gibt weder eine vorausschauende Sicht noch eine Koordination zwischen den Waffengattungen oder den verschiedenen Streitkräften, der Marine und der Armee. Schließlich bildet sich eine wahre taktische Blockade im Zusammenhang mit dem Misstrauen gegenüber der Teilhabe des Kämpfers. In der wiederkehrenden Debatte zwischen der Überlegenheit des Schocks und jener des Feuers geht damals ersterer als Sieger hervor, jedoch im revolutionären und napoleonischen Zeitalter war es der Schock der „intelligenten Bajonette“. Fortan ist es jener der „Gewehrmaschinen“, denn man hält die Initiative und den Gehorsam des Kämpfers für unvereinbar. Folglich werden die Entdeckungen im Bereich der Bewaffnung, die in den Fünfzigerjahren gemacht werden und ein schnelleres Schießen ermöglichen sowie dem Feuer und der Autonomie des Soldaten wieder Bedeutung verleihen, bis 1866 nicht integriert. Damals wird der Einsatz der Chassepot-Gewehre eingeführt, die sich dem Dreyse-Gewehr der Preußen gegenüber als überlegen erweisen! Dennoch arbeiten die „Afrikaner“, Bugeaud in erster Linie, taktische Methoden aus, die jedoch die Militärwissenschaft verachten und eher für Handstreiche durch die Kavallerie und Spezialtruppen geeignet sind als für groß angelegte Operationen.

 

Die Franzosen und die Verteidigungspflicht: eine schwache Bindung

 

  • 1 - Zwischen dem Wunsch nach Ruhm und der Sehnsucht nach Frieden

Nach der Schlacht bei Königgrätz wird die Bedrohung durch Preußen größer. Der Kaiser ist entschlossen, den Verteidigungsapparat zu ändern, nicht zuletzt auf zahlenmäßiger Ebene. Preußen, das in der Lage ist, dank der Landwehr 730.000 Mann aufzustellen, konnte sofort 356.000 Männer im Feldzug gegen Österreich verpflichten. Demgegenüber verfügt Frankreich über 654.000 Mann, jedoch ist mangels einer echten Reserve nur der aktive Teil – die Hälfte der Truppen – einsatzfähig. Und da sich ein Teil der Truppen im Auslandseinsatz befindet, kann es in Wirklichkeit nur auf 250.000 Mann zählen. Napoleon III. möchte nunmehr eine Million Soldaten zur Verfügung haben, 600.000 aktive und aus der Reserve und vor allem 400.000 aus einer mobilen Garde, die er einführen möchte. Dies setzt voraus, dass mehr Franzosen für die nationale Verteidigung herangezogen werden. Denn ebenso wenig wie die Körper sind die Gemüter und Herzen bereit dafür.

 

bataille de Sadowa

 
Die Schlacht bei Königgrätz (1866), Georg Bleibtreu zugeschrieben, 1869. Deutsches Historisches Museum, Berlin

 

Die öffentliche Meinung schwankt zwischen dem Stolz über die Siege und dem Wunsch nach Frieden. Die Franzosen rühmen sich der Ersteren, vorausgesetzt, sie müssen den Preis dafür nicht persönlich zahlen. Diese Geisteshaltung lässt während der gesamten Zeit, in der doch das Regime ausdrücklich den militärischen Ruhm betont, nicht nach. Es ist die Tat aller sozialen Klassen, aller Regionen, selbst der östlichen Grenzgebiete. Der Aufstieg Preußens und der Ausbruch des österreichisch-preußischen Krieges ändern nichts daran, wie der Prokurator für den Verantwortungsbereich von Lyon zugibt: „Im Bürgertum herrschen Unzufriedenheit und Überraschung vor. Das Jahrhundert schien für den Fortschritt der Zivilisation, die friedlichen Errungenschaften der Industrie bestimmt und jetzt scheint das Recht sein ganzes Imperium verloren zu haben! Die Interessengemeinschaft ist brutal zerstört. Die Solidarität der Geschäfte wird plötzlich geringgeschätzt [...] Das Spektakel des kriegerischen Despotismus ist betrüblich und führt zu zahlreichen Überlegungen [...] Diese Klassen preisen den Frieden, träumen vom industriellen Fortschritt [...] Das Hauptinteresse gilt der Rentabilität, dem Kapitalismus und dem Handel.“

 

Zu diesen materiellen Interessen kommt die zunehmende Vorherrschaft humanitärer Gefühle, wie andere Prokuratoren feststellen.

 

  • 2 - Ein wackeliges System der Wehrpflicht

Diese Ambivalenz der Franzosen gegenüber der militärischen Wirklichkeit tritt voll zutage, als Napoleon III. nach der Schlacht bei Königgrätz die Reform des Wehrpflichtsystems in Angriff nimmt, das er von den Monarchien mit Zensuswahlrecht geerbt hat.

 

Kein Regime des 19. Jahrhunderts, selbst jenes der Restauration, dachte daran, zu einem Berufsheer zurückzukehren, das in den Köpfen der Franzosen mit der absoluten Monarchie verknüpft ist. Ein Heer, in dem Männer und ein beruflicher Rahmen mit Zivilisten zusammentreffen, die provisorisch als Bürger zum Wehrdienst einberufen werden, jedoch nicht dazu bestimmt sind, Berufssoldaten zu werden, verdient nunmehr allein die Adjektive national und ...effizient. Die zum Zeitpunkt der französischen Revolution geknüpfte Verbindung zwischen der Verteidigung und dem Bürgersinn scheint unverbrüchlich, denn sie wird durch die revolutionären und kaiserlichen Siege als heilig verehrt. Jedes Regime erhebt jedoch den Anspruch, die Wehrpflichtarmee zu gestalten. Es dreht sich alles um die Frage, wie viele Männer das Kontingent bilden und für wie lange sie einberufen werden. Das Jourdan-Gesetz, von dem sich das Wehrpflichtsystem damals leiten lässt, hatte die allgemeine Verbreitung der Wehrpflicht eingeführt, wörtlich die Eintragung der jungen Männer in Register, die in fünf Altersgruppen unterteilt sind, und nicht den persönlich geleisteten Dienst.

 

1818 werden die Autoren des Gouvion-Saint-Cyr-Gesetzes vor eine Alternative gestellt: bei gleichem Budget ein schwaches Kontingent für lange Zeit auszulosen oder die meisten, wenn nicht sogar alle Wehrpflichtigen, für einen kürzeren Zeitraum einzuberufen. Aus politischen Gründen wird Ersteres gewählt – nicht wieder große Bataillons schaffen, welche die radikale Phase der Revolution und dann die persönliche Macht von Napoleon unterstützten – und aus gesellschaftlichen Gründen – die Beengtheit der Kaserne für die Söhne der Eliten sowie den Hemmschuh vermeiden, den ein langer Dienst für die Fortsetzung des Studiums und den Einstieg in die Berufslaufbahn bedeuten würde. Außerdem scheint die lange Dauer, sechs Jahre ab 1818, acht Jahre 1824, sieben Jahre ab 1832, für den Erwerb des Korpsgeistes notwendig. Der Ersatz gegen Geld wird zur logischen Folge der Verlosung und verleiht dem System seinen ungleichen Charakter.

 

attestation
 
Bestätigung des Unterpräfekten von Saint-Malo über die Teilnahme eines Bewohners an der Verlosung für die Ausbildung der Klasse im Jahr 1865.
Quelle: Departementarchive von Ille-et-Vilaine

 

Um den Umgehungen vorzubeugen, die Napoleon am Jourdan-Gesetz vorgesehen hatte, beschließen die Autoren des Gesetzes von 1818, dass die guten Nummern endgültig befreit werden und keine rückwirkende Aushebung stattfindet. Damit sind 75 % der Wehrpflichtigen unter der Restauration, 70 % unter der Juli-Monarchie, 65 % unter dem Zweiten Kaiserreich (55 % während der Feldzüge) ohne jegliche militärische Ausbildung und die Reserve existiert nur auf dem Papier. Die Kritiker der Gesetze von 1818 und 1824, später des Soult-Gesetzes aus 1832, in Fortsetzung der Vorhergehenden, prangern dieses gemischte System mit langer Einberufung zum Dienst nicht nur als ungerecht, sondern auch als lähmend an. Sie beklagen, dass andere Staaten den ursprünglichen Absichten der Wehrpflicht treuer seien, darunter Preußen mit der Landwehr. Die Enttäuschten des Systems, Republikaner, Orleanisten der Bewegung und Bonapartisten bis 1848 fordern eine engere Verbindung zwischen dem Bürgersinn und der Verteidigung, folglich Aushebungen in größerer Zahl, beziehungsweise die Wehrpflicht. Dazu sollte die Dauer auf drei oder vier Jahre verkürzt werden. Sie prangern das Geschäft mit Menschen an, zu dem der Ersatz führt

 

Ihre Kritik ist vergeblich. Die zweite Republik ihrerseits ist machtlos bei der Einführung der persönlichen Wehrpflicht, die mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer einherzugehen schien. Napoleon III. hatte als Gefangener im Fort de Ham den „Handel der Weißen“ verurteilt, den seiner Meinung nach der Ersatz darstellte. Denn nachdem er an der Macht ist und selbst über praktisch alle Befugnisse verfügt, gelingt es ihm kaum, die Dinge zu verändern, indem er über den Ersatz „moralisiert“, ihn jedoch nicht abschafft. Stattdessen führt er im Jahr 1855 die Befreiung ein, die den Kompanien zusammen mit dem Ersatz auch ihr Monopol abnimmt, um es dem Staat zu geben.

 

Daher ist die Waffendienstpflicht für einen Teil der Franzosen noch keine Bürgerpflicht, um nicht zu sagen das höchste Recht des Bürgers. Und der Ersatz ist der beste Zement für die Anerkennung der Institution, umso mehr, als mit der langen Friedensperiode und der Konkurrenz zwischen den Kompanien die Preise sinken und der Ersatz selbst für sozial schwächere Gruppen zugänglich wird. Daher ist diese Zustimmung zur Wehrpflicht nichts anderes, als die Resignation vor dem Status quo, ein Faktor der Ablehnung jeglicher Veränderung, auch wenn sie in Richtung der Gleichheit geht.

 

Napoleon III. macht damit während des ganzen Ausarbeitungsprozesses des Niel-Gesetzes eine grausame Erfahrung. Der wesentliche Punkt des Entwurfs, der Ende August 1866 offenbart wird, ist die Einführung der mobilen Garde, in welche die guten Nummern eintreten, die nicht berechtigt sind, sich darin ersetzen zu lassen. Der wenig anstrengende Dienst besteht aus regelmäßigen Übungen, die in der Hauptstadt des Departements ausgeführt werden, in dem die Garde ihren Sitz hat, und nicht in der Kaserne. Aber niemand entkommt mehr der Militärpflicht. Eine weitere Neuheit ist die relative Verkürzung des Dienstes in der aktiven Truppe von sieben auf fünf Jahre. Der Entwurf ruft heftigen Widerstand in der öffentlichen Meinung hervor, die zur „Rückkehr zur Massenaushebung“ aufruft. „Es gibt keine guten Nummern mehr“, wird allgemein beklagt. Eine von einer Petitionskampagne begleitete Front der Ablehnung zwischen den vom Glück Bevorzugten und dem einfachen Volk zeichnet sich ab, selbst im Osten, der die Region ist, die der preußischen Bedrohung am stärksten ausgesetzt ist.

 

Diese Front sollte Risse bekommen, jedoch sind die Abgeordneten unter dem Druck des allgemeinen Wahlrechts in dieser Phase der Liberalisierung des Zweiten Kaiserreichs sensibler. Eine unwahrscheinliche Allianz schließt sich gegen den „Militarismus“ des liberal-konservativen Regimes im Sinne von Thiers zusammen, der der einzige Partisan war, der sich zu einer Rückkehr zu einem Berufsheer bekannte, und die Republikaner, die sich einer überzogenen Forderung ausliefern, da sie von dem bescheidenen Schritt zum persönlichen Wehrdienst enttäuscht sind. Die einzigen, die das Gesetz verteidigen, sind die autoritären Bonapartisten. Als das Gesetz am 1. Februar 1868 beschlossen wird, hat es seinen Sinn verloren. Auch wenn der Ersatz in der mobilen Garde gerade noch vermieden wird, werden die Übungen auf fünfzehn Tage pro Jahr verkürzt und, da das Gesetz nicht angewendet wird, nicht durchgeführt.

 

caricature Ollivier
 
Émile Ollivier zwischen den politischen Parteien, Karikatur aus 1870(Kladderadatsch, Deutschland)

 

Der Schock von 1870 lässt eine Nationalarmee – Preußen – und eine Nation, die nur eine Armee hat – Frankreich – aufeinandertreffen. Émile Ollivier, de facto Regierungschef seit 2. Januar 1870, verkündet am 15. Juli: „Wir erklären diesen Krieg mit leichtem Herzen.“ Diese unglückliche und unpassende Formel – unter der er „ohne Gewissenbisse“ verstand – sollte seiner politischen Karriere ein Ende bereiten. Aber in Wirklichkeit ist sie, in ihrer ersten Bedeutung, die genaue Übersetzung der Geisteshaltung der französischen Nation in diesem Sommer 1870.

 

  Annie Crépin - Geschichtedozentin und Doktorin mit Forschungshabilitation