Blick des Künstlers: Philippe Bréson

In der Gegend von Albert in der Somme. © P. Bréson

Philippe Bréson ist Fotograf und bildender Künstler, er unterrichtet Fotografie an Kunsthochschulen. 2017 und 2018 hat er mehrere Ausstellungen über die Landschaften des Ersten Weltkriegs präsentiert, die auf seinen Arbeiten und Forschungen beruhen, die er sieben Jahre lang in den ehemaligen Frontregionen durchgeführt hat. „Cicatrices“ wurde im Zentrum André Malraux in Bourget gezeigt und „Mnémosis“ fand in der französischen Botschaft in den Vereinigten Staaten und in den internationalen Gymnasien von San Francisco und Washington Aufnahme.

Corps 1

Philippe Bréson © A-V.G

Philippe Bréson © A-V.G

 

Wie wurden Sie Fotograf?

 

Ich bin reiner Autodidakt. Als ich 10 Jahre alt war, brachte mir mein Onkel bei, wie man Fotos entwickelt. Seither habe ich nicht mehr aufgehört. Ich habe Anthropologie studiert und durch ein Zusammentreffen von Umständen wurde ich schnell vom Journalismus eingeholt. So bin ich Pressefotograf geworden, bevor ich Fotodienste leitete.

 

2010 habe ich die Pressewelt verlassen, um mich zwei Tätigkeiten zu widmen, die mich interessieren, der Lehre und meiner persönlichen Arbeit als Fotograf, die es immer gab, aber der ich nun unter anderem wieder mehr Energie und Sinn gab.

 

Welche Themen inspirieren Sie als Fotografen?

 

Nach der Reportagefotografie habe ich mich hauptsächlich für drei Themen interessiert: den Körper, die Landschaft und das Stillleben.

 

An den Landschaften interessierte mich das, was es dort noch zu entdecken gab. Ich war nicht auf der Suche nach schönen Landschaften und hatte auch nicht die Idee, eine Dokumentation zu machen. Ich war vielmehr auf der Suche nach Begegnungen und empfänglich für die Idee, dass die Zeit (im Sinne der Zeitlichkeit) wichtiger als der Ort war. Eine Landschaft ist eine Begegnung, die einen bestimmten Augenblick umfasst.

 

Ich wollte daher an die Orte gehen, wo etwas geschehen war, den richtigen Moment der Begegnung abwarten und die Frage der Erinnerung behandeln: was bleibt von den Kämpfen, wenn nichts mehr da ist? Hat die Landschaft selbst einen bewahrenden Wert für die Erinnerung? 2010 ist mir bewusst geworden, dass die Zeugen des Krieges 14-18 alle gestorben waren. Das hat mein Interesse für die Landschaften des Ersten Weltkriegs begründet.

 

Wie verlief nun Ihre Begegnung mit diesen Stätten des Ersten Weltkriegs?

 

Ich war in die Somme aufgebrochen, weil es dort große Überschwemmungen gegeben hatte und ich sehen wollte, wie diese überflutete Landschaft aussah. Als ich dorthin kam, sagte ich mir, dass dies genau die Art von Ort war, die ich suchte, wo man spürt, dass etwas passiert war. Es gab unzählige Friedhöfe (ich wähnte mich zuerst in der Normandie!). Insbesondere gab es oben auf einem Bergkamm einen winzigen Friedhof mit etwa vierzig Gräbern, wo englische Soldaten ruhten, die alle am selben oder fast am selben Tag gefallen waren. Ich war vom Alter der Soldaten betroffen, sie waren alle 20 Jahre, noch Kinder. Als ich wieder aufbrach, sah ich gegenüber einen zweiten kleinen Kamm voller kleiner Bäume am Gipfel. Ich sagte mir, „das ist einer der letzten Orte, den diese Engländer in ihrem kurzen Leben gesehen haben“. Ich fotografierte diesen Grat, da er zu dieser Landschaft gehört, wo eine Spannung in Verbindung mit der Geschichte besteht, das heißt, dass diese Landschaft ab dem Moment einen Wert bekommt, in dem ich die Geschichte kenne. Das war das erste Foto einer langen Serie, die später zwischen 150 und 200 zählen sollte.

Massiges dans la Marne. © P. Bréson

Massiges im Département Marne. © P. Bréson

 

Wie ist Ihr Projekt aufgebaut?

 

Die erste Begegnung mit der Somme fand im Oktober-November, im Herbst 2010 statt. Ich interessierte mich für den Boden, daher wollte ich keine Kulturen und keine Vegetation haben. Ich war nicht auf der Suche nach Relikten, Friedhöfen oder Denkmälern, die nach dem Krieg „inszeniert“ worden waren, sondern nach Landschaften. Der Boden gibt uns Hinweise zu dem, was geschehen ist - wie auf diesem kleinen Grat mit den kleinen Bäumen, die an die Silhouetten der Soldaten erinnerten. Ich habe noch viele andere gefunden. Dort oben habe ich meinen Teil der Interpretation hinzugefügt: ich arbeitete morgens, ziemlich früh, vor allem im Winter, bei trübem Wetter, zu bestimmten Zeitpunkten; und dann legte ich diese Schicht der Geschichte über diese Fotos, indem ich die Negative zerkratzte und schliff, um ihnen eine besondere Herstellung zukommen zu lassen, die auch auf Narben beruhte. Daraus entstand auch der Titel der Ausstellung „Cicatrices“. Das Projekt ist auf sieben Jahre ausgelegt, kurz und gut sieben Winter, in denen ich auf die Schlachtfelder von der Nordsee über die Regionen der Aisne, Oise und Flandern, bis nach Lothringen fuhr. Ich stellte fest, dass der Krieg überall stattgefunden hat. Diese Landschaften sind äußerst starke Orte der Erinnerung, die aber nicht bewahrt wurden. Ich habe mich viel mit den Landwirten über dieses Thema unterhalten.

 

Ich stellte intensive Nachforschungen an, um diese Orte anhand von Karten und Tagebüchern der Soldaten zu erkennen. Ich habe auch viel an der Erinnerung an die amerikanische Präsenz in den französischen Landschaften und viel allgemeiner an die ausländischen Soldaten gearbeitet. Das ist eine Geschichte, die mich fasziniert. Mir wurde die Menschheitsgeschichte bewusst, die sich hinter jeder Landschaft verbirgt. Auch deshalb wollte ich zu jedem Bild der Ausstellung Texte, Ausschnitte aus Zeitungen und Notizbüchern hinzufügen. Wenn es ein Paar gibt, das immer perfekt zueinander passt, dann sind es der Text, wegen seiner Ausdrucksstärke, und das Bild.

 

Haben Sie auch andere Projekte im Zusammenhang mit aktuellen Konflikten?

 

Ich habe mich lange gefragt, wer tatsächlich in die Landschaft eingebunden ist: natürlich der Landwirt, der Künstler (Fotograf oder Maler) und der Soldat. Für ihn ist sie fast wichtiger als für die anderen. Man findet überall bei den Soldaten diesen Wunsch, die Landschaft zu beschreiben. Ich denke, dass die ersten Abhandlungen über die Landschaft die militärischen sind: die militärische Topographie interessiert sich als erste für etwas anderes als die Stadt oder die Anbaustelle. Ich finde es äußerst interessant, diese Art der völlig unwahrscheinlichen Nähe zwischen Künstlern und Soldaten festzustellen.

 

Mein Vater war als Soldat in Algerien im Einsatz Ich würde gerne an die Orte der Schlachten fahren, aber die Geschichte dieses Krieges ist noch zu jung. Ich habe einen sehr romantischen Zugang zu meiner Arbeit und keine Lust, mit Fragen belastet zu werden, die mich als Künstler nicht interessieren.

 

Es gibt auch andere Fronten als jene des Ersten Weltkriegs, die weniger bekannt sind und die ich entdecken möchte. Dann gibt es noch das Thema des Waldes als Zufluchtsort, das Gegenstand meines nächsten Projekts sein wird.

 

Dans les environs d’Albert dans la Somme. © P. Bréson

In der Gegend von Albert in der Somme. © P. Bréson