Colonel Rémy

1904-1984
Bildquelle: ©Chancellerie de l’Ordre de la Libération

Schon 1940 beginnt Gilbert Renault, alias Rémy, das bedeutendste Nachrichtennetzwerk des Freien Frankreichs auf die Beine zu stellen: die Confrérie Notre-Dame, die zahlreiche Aktionen in Frankreich ausführen wird. Sein Biograf, der Historiker Guy Perrier, kommt auf sein Wirken zurück, vor allem, was das Jahr 1943 betrifft.

 

Erschüttert vom Zusammenbruch 1940 weigert sich Gilbert Renault, ein strenggläubiger Katholik, der den Ideen von Action Française nahe steht, ohne dieser Bewegung jedoch jemals anzugehören, die Niederlage Frankreichs zu akzeptieren. Er trennt sich von seiner Frau und seinen vier Kindern, verlässt die Stadt Vannes und begibt sich nach England, wo er sich General de Gaulle anschließt. Zwischen den beiden entstehen respektvolle und freundschaftliche Verbindungen, die trotz der zukünftigen Meinungsverschiedenheiten bestehen bleiben. De Gaulle weist ihn dem 2. Büro, welches später das Bureau central de renseignement et de l'action (BCRA) (Zentralbüro für Aufklärung und Aktion) werden sollte, unter Leitung von Oberst Passy, mit richtigem Namen André Dewavrin zu, der ihn damit beauftragt, ein Netzwerk entlang der Atlantikfront zu errichten, von wo aus die deutsche Kriegsmarine die britischen Schiffe bedroht. 

Ein neues Leben beginnt somit für den impulsiven, eigenwilligen und ehrenhaften Abenteurer Rémy, der, nachdem er verschiedenste Berufe ausgeübt hatte, lange Zeit als Filmproduzent tätig war. Dank zahlreicher Reisen zwischen England, dem besetzten Frankreich und Spanien verfügt Rémy bald über Informanten in allen Häfen. Nachdem er am 6. Januar 1942 die Kirche Notre-Dame des Victoires besucht hatte, nannte er seine Bewegung Confrérie Notre-Dame (CND), deren Erfolg, so Sébastien Albertelli, Autor von Services secrets de la France libre, ihm „ein unvergleichliches Prestige beim Intelligence Service“ einbringt. 

Nachdem das Netzwerk das bedeutendste des Freien Frankreichs geworden ist, empfängt und übermittelt es die Nachrichten mehrerer anderer Netzwerke: Organisation civile et militaire (OCM), Libération-Nord, Fana (kommunistisch). Nach einem Aufenthalt in Frankreich Ende 1942 kehrt Rémy am 11. Januar 1943 nach London zurück und verlässt die Stadt bis zur Befreiung praktisch nicht mehr. Bei dieser Gelegenheit veranlasst er ein Treffen des führenden kommunistischen Politikers Fernand Grenier mit de Gaulle, ein Ereignis, das beachtliche Folgen hat. Für Rémy, dessen monarchistische Ansichten im Gegensatz zu denen der kommunistischen Partei stehen, muss das Schicksal seines Landes über ideologischen Differenzen stehen!

Während die Confrérie Notre-Dame ihren Nachrichtendienst fortsetzt, erschüttert ein schlimmes Ereignis ihre Aktivitäten. Am 6. Oktober 1943 fällt ein Agent der CND, Parsifal, in die Hände der Abwehr, des deutschen Sicherheitsdienstes. Er wird von einem belgischen Kollaborateur, Christian Masuy, verhört, der ihn der Foltermethode des simulierten Ertränkens aussetzt. Der Agent kann dem nicht widerstehen und verrät die Namen bedeutender Mitglieder des Netzwerks. Die Confrérie Notre-Dame wird dadurch sehr geschwächt.

Rémy entwirft einen Notplan, um seine Organisation wieder auf die Beine zu stellen, und möchte nach Frankreich zurückkehren. Aber London entscheidet, dass der Colonel Rémy vor Ort nützlicher ist, um die Landung der Alliierten im Rahmen der Operation Sussex vorzubereiten, die vorsieht, französische Soldaten bei streitkräfteübergreifenden Missionen einzusetzen.   Rémy bleibt also in England, und hat das Glück, während der Weihnachtsabend 1943, den er mit seiner Frau in seinem kleinen Haus in Elwood verbringt, im Radio die Botschaft der Unterstützung, die er am Vorabend über die BBC an die in Frankreich gefangenen Widerstandskämpfer gesandt hatte, zu hören.

Am 13. März 1942 wird Rémy zum Compagnon de la Libération ernannt. Nach der Befreiung kämpft er für eine neue Sache, die heute unglaublich erscheint: Gaullisten, Widerstandskämpfer jeglicher Gesinnung und antideutsche Petainisten zu versöhnen!  Nach Kriegsende wird er ein aktives Mitglied des gaullistischen RPF (Rassemblement du peuple français) und verteidigt die These, dass General de Gaulle und Pétain sich einander ergänzt hätten, wobei ersterer „das Schwert Frankreichs“ und letzterer „den Schild“ repräsentierten. Eine Aussage, die er in mehreren seiner Bücher über sein Wirken im Widerstand bekräftigt, die aber von de Gaulle selbst abgelehnt wird, welcher ihm jedoch immer ihn Freundschaft und Wertschätzung verbunden bleibt.

Am 28. Juni 1984 stirbt Rémy, Agent Nr. 1 des Freien Frankreichs, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag. Staatspräsident François Mitterrand ehrt in ihm „einen der glorreichsten Helden des Widerstands, der für immer eine Ehre für Frankreich bleiben wird“. Zwei Jahre nach seinem Tod erscheint sein letztes Buch mit dem schlichten Titel: La Résistance.

 

Guy Perrier, Historiker, In Les Chemins de la Mémoire, 235/April 2013