Die Gedenklandschaften des Krieges von 1870

Denkmal des Verbandes Souvenir français für die Gefallenen von 1870, Noisseville. Bildnachweis: Aimelaime - In Lizenz Creative Commons
Denkmal des Verbandes Souvenir français für die Gefallenen von 1870, Noisseville. Bildnachweis: Aimelaime - In Lizenz Creative Commons

Der Begriff einer Zeugnis gebenden Landschaft ist zu einer Frage der komplexen Zusammenhänge zwischen Geschichte und Gedenken geworden. Die Landschaft, die durch die Entwicklung der Gesellschaften geplant und errichtet wurde und jeweils ihren eigenen historischen Aufbau hat, vermittelt durch ihre Nutzung und Aneignung die Art und Weise, wie das Gedenken bekannt gegeben und fortgeführt wird. Die ersten Landmarken des Gedenkens an 1870 mit ihren verschiedenen Merkmalen sind so viele Bekundungen der Erinnerung an die für im Kampf gefallenen Soldaten, wie es Akteure des Gedenkens nach dem Krieg geben wird. Sie sind gleichzeitig auch ein Abbild der Gedankengemeinschaften zu Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine besondere Ästhetik, militärische Spuren, Identitätsansprüche und eine neue Wechselwirkung mit der sie umgebenden Umwelt verbreiten.

Corps 1

Die Gedenklandschaften des Krieges von 1870: ein pluralistischer Begriff

Der Ausgang der Konflikte von 1870 markiert eine Wende in der Art und Weise, wie die Kriegserinnerung dargestellt wird und löst gleichzeitig die ersten Gedenkbewegungen aus, die nach dem Ersten Weltkrieg zur Regel werden. In Frankreich und Deutschland gibt es immer mehr solcher Kriegerdenkmäler, die von einem einzigartigen künstlerischen Schaffen zeugen, insbesondere am Rande des neu annektierten Gebietes, welches ab 1871 das Reichsland Elsass-Lothringen bildet. Rund um Metz tauchen die ersten Landmarken des Gedenkens, die an 1870 erinnern, auf. Sie sind Zeugen einer neuen Symbolik: jener der Grenze. Die Landschaft der Gegend um Metz wird daher zu einem Ort des pluralistischen Gedenkens, das zwischen der deutschen Identität einerseits und der französischen Identität andererseits aufgeteilt ist.

Landschaften, Erinnerungen und Gesellschaft

Mars-la-Tour

Kriegerdenkmal, Mars la Tour, Skulptur von Frédéric Bogino. Bildnachweis: Aimelaime - Public Domain

 

Diese ersten Orte der Besinnung nehmen nach den Konflikten einen ganz besonderen Platz ein. Die Gräber betonen zugleich den landschaftlichen Verlauf der Moselfeldzüge, während sie symbolisch in das tägliche Leben der Zivilbevölkerung eindringen. Viele dieser Zivilisten kümmern sich bald schon die Instandhaltung der Gräber dieser ihnen unbekannten Soldaten und sind damit die ersten großen Akteure dieser frühen Erinnerung und ihrer Aufrechterhaltung. Um diese ersten provisorischen Gräber anzulegen, wurde das Privateigentum einiger von ihnen im Austausch gegen Entschädigungszahlungen herangezogen. Diese ersten Landmarken, die unter dem Zeitdruck der Kämpfe aber auch nach 1871 angelegt wurden, sind daher neue, aufgezwungene Elemente, welche die Landschaft im großen Stil nutzen und mit denen man leben lernen muss. Diese ersten Gräber werden oft zu Orten der Besinnung und dienen ganz einfach dem Kampf gegen das Vergessen.

Dieser Kult der Erinnerung, der sich nach und nach in diesen neu annektierten Provinzen bildet, ist bereits einer der ehrenhaften Punkte des Frankfurter Friedens, dessen Artikel 16 den gegenseitigen Respekt der im Kampf gefallenen - deutschen wie französischen - Soldaten durch die Pflege der Gräber beider Lager auf ihren jeweiligen Territorien festlegt. Ab 1872 wird es für die Franzosen wie für die Deutschen möglich, das Gedenken an ihre Soldaten in Denkmälern darzustellen. Diese künftigen Gedenkräume fügen sich fortan in eine visuelle Kultur ein: Erinnerung durch Bilder. Der Ort, die Formen sowie die von der Landmarke des Gedenkens verwendeten visuellen Codes ordnen das Gedenken der Identität zu. Die französischen Denkmäler und Landmarken, die oft an einem öffentlichen Platz inmitten der Dörfer errichtet werden, heben sich vom deutschen Gedenkaufbau ab, der eher den Ansatz der Natur entwirft: Die abgeschiedenen Denkmäler sind mehr als konstantes Streben nach Harmonie zwischen einer naturbelassenen Landschaft und der Architektur gedacht. Alle diese Orte integrieren sich in dem Sinne in die Landschaft, dass sie dauerhaft den ständigen Reaktionen der Zivilbevölkerung unterliegen: einer der Höhepunkte dieser Landmarken bleibt der Kampf gegen die Darstellung, die vom Deutschen Reich nach 1918 entwickelt wurde, und die Rückgabe von Elsass-Lothringen an Frankreich. Auch wenn es rund um Metz noch einige wenige Reliefs gibt, sind Letztere weitgehend getilgt: Ob schlafende Löwen, welche die Ruhe der Soldaten bewachen, Adler mit aufgespannten Flügeln, Uniformteile an Skulpturen, welche die deutsche Identität darstellen, oder große Reliefs von Jägern oder einfachen Feldsoldaten, die ihre Waffen schwingen, alle wurden sie zwischen 1918 und 1919 ausdrücklich aus dem Erscheinungsbild des deutschen Gedenkens gestrichen. Auch wenn diese Bilder echte Quellen der Verachtung gegen jene darstellten, gegen die man sich nach dem Ersten Weltkrieg erheben musste, hinterlässt ihr Verschwinden eine Lücke hinsichtlich ihrer ursprünglichen Bedeutung, sodass uns die deutschen Landmarken heute um ihre Kriegssymbolik beschnitten erscheinen.

 

Monument Colombey

Kriegerdenkmal des 1. Westfälischen Infanterieregiments in Coincy (Moselle), Weiler Colombey bei Metz.
Bildnachweis: Pmjadam GNU Free Documentation License

 

Gedenken und Darstellungen: Die Identität durch Bilder aufbauen

Die Ikonographie gehört zur identitätsstiftenden Aufgabe, welche diese Landmarken des Gedenkens beinhalten können. Diese Orte gehen über das einfache physikalische Denkmal hinaus und sind vielseitig. Sie vereinen in ihrer Präsenz die politischen, militärischen, ästhetischen und einigenden Funktionen. Die gewählte Form, die bis zu ihrer größten künstlerischen Entwicklung reicht, steht immer im Dienste der Ausrichtung, welche bei den Deutschen vor allem die Regimenter oder bei den Franzosen eher die Gedenkverbände ihren jeweiligen Landmarken geben wollen. Die Ikonographie der Landmarken von 1870 zu studieren bedeutet auch, die Anfänge dessen festzustellen, was nach dem Ersten Weltkrieg für die ersten Kriegerdenkmäler zur Regel werden sollte. Dennoch hält sich diese Ikonographie eher an die visuellen Codes und die Art und Weise, wie das Gedenken zu Ende des 19. Jahrhunderts aufgebaut ist, einem Jahrhundert, das vor allem mit dem Entstehen der Romantik in Verbindung steht. Diese Gedenkorte als starke Bilder eines beanspruchten Gedenkens zu betrachten, bedeutet, den kontextuellen, künstlerischen, ideologischen und ästhetischen Einfluss anzuerkennen, den die Gesellschaft vermittelt, in die sie eingebunden werden. Die Landschaft und die Antike prägen das Denken des 19. Jahrhunderts in besonderer Weise: vor allem in der deutschen Kultur ist die Natur dieser ideale Weg zur Harmonie. Hinsichtlich der Antike und ihrer Vorbilder beeinflussen die Entdeckungen der Stätten von Herculaneum und Pompei in den Jahren 1738 bzw. 1748 ganz wesentlich das künstlerische Schaffen hin zu diesem Ideal.

Diese beiden Begriffe tauchen in der Gestaltung vieler solcher Gedenklandschaften des Gebietes um Metz auf, die insbesondere zwischen 1871 und 1910 errichtet wurden. Lange vor der Errichtung einer historischen Landschaft, die sich an antiken Vorbildern und großen architektonischen Maßstäben der Vergangenheit orientiert, bestimmen die im aktuellen Département Moselle angesiedelten Landmarken eine die Identität widerspiegelnde Landschaft, die sich insbesondere durch die Verwendung des Baumaterials unterscheidet: der Gesteinstyp wird zum Symbol, Standard und zu einem wahren Konzept. Das Jaumont-Stein, ein lokales Gestein und lebendiger Zeuge der Identität von Metz, wird gemeinsam von den Franzosen und Deutschen verwendet, um ihr Gedenken in den ersten Jahren nach der Annexion der Gebiete aufzubauen. Sandstein, Granit, Kalkgestein und Natursteine werden vor allem als Unterscheidungsmerkmal bei der Errichtung der Denkmäler verwendet, die von den deutschen Regimentern begonnen wurde. Erst ab 1875 wird die Verwendung des Jaumont-Steins eher den deutschen Initiativen zugeordnet, daher versuchen die Franzosen sinnbildlich ihre Denkmäler mit Hilfe von Materialien aus Lothringen oder Frankreich zu errichten. Ab 1900 werden der weiße Kalkstein oder der Sandstein der Vogesen immer mehr zum Ausdruck des französischen Gedenkens, wofür das französische Denkmal von Noisseville eines der repräsentativsten Zeugnisse ist. Je näher man zugleich der Grenze und dem französischen Lothringen kommt, umso mehr verwenden die deutschen Denkmäler solides, massives Gestein: schwarzer Granit prägt vor allem das Bild einer massiven Härte in der Landschaft, ebenso wie nicht bearbeitete Natursteine. Wenige Kilometer von der Grenze entfernt muss man symbolisch die Stärke des Deutschen Reichs visuell bekräftigen, ebenso wie seinen Einfluss auf die Landschaften. Nicht weniger bezeichnend ist, dass der Kaiser-Wilhelm-Gedenkstein in Gravelotte aus einem Granitblock aus dem Schwarzwald errichtet wurde. Das Material wird daher nach und nach zu einem Zeichen der Zugehörigkeit und des Anspruchs, der dieses Gefühl der Abstammung fortbestehen lässt.

 

Noisseville

Denkmal des Verbandes Souvenir français für die Gefallenen von 1870, Noisseville. Bildnachweis: Colokoko - In Lizenz Creative Commons

 

Sich an 1870 erinnern:  Die Schaffung einer historischen Landschaft

Das Gefühl der Zugehörigkeit entspricht dem Bedürfnis, zwei Gedenkstrukturen unter Beweis zu stellen, die, um sich zu unterscheiden, auf die großen moralischen und ästhetischen Werte der Antike Bezug nehmen. Im Zusammenhang mit der Bekräftigung der Nationalismen bildet die Antike für Deutschland dieses gesuchte Erbe, um die Idee der Kulturnation zu formen, während sich Frankreich die Werte aneignet, um die neue Gesellschaft der Dritten Republik zu errichten. Diese Landmarken des Gedenkens rund um Metz werden nach und nach zu richtigen kleinen Bauwerken, die durch die Formen des Grabes, der Urne und des Obelisks an eine sehr ausgeprägte Totensymbolik erinnern. Das Denkmal des 1. Armeekorps in Retonfey, das Abbild eines kleinen Tempels mit zwei Säulenreihen, wird so auf einem Grabhügel errichtet, den der Besucher wie eine griechische Krepis erklimmt. Das Fries, welches das Denkmal umgibt, zeigt mehrere Motive des eisernen Kreuzes, das symbolisch eine potenzielle Bilderordnung ersetzt. Das Denkmal der 12. Infanteriebrigade in Vionville zeigt seinerseits in den Flachreliefs einen Hoplitenhelm mit Wangenschutz und Helmschmuck sowie einen konkaven Hoplitenschild. Der Bezug zur Antike ist hier als Abstammungsmodell konzipiert, auf dem die deutsche Identität aufgebaut wird. Dazu reiht sie die im Kampf gefallenen Soldaten in die Nachkommenschaft eines idealen Kriegers ein. Dieses vom französischen Gedenken weniger beanspruchte Ideal lässt bei den französischen Landmarken Platz für die großen republikanischen Werte – Armee, Nation und Heimat – die eher schriftlich als durch Bilder erwähnt werden. Der französische Soldat, der weniger als der deutsche individualisiert wird, hat sein Leben für eine dauerhafte Sache gegeben: jene der Heimat, jene des Volkes.

 

Lion Retonfey

Denkmal des 1. Deutschen Armeekorps, Retonfey. Bildnachweis: Aimelaime - In Lizenz Creative Commons

 

Eine solche Errichtung einer historischen Landschaft erfolgt auch durch die äußerst bemerkenswerte Verbindung zwischen Natur und Architektur. Baumpflanzungen prägen systematisch die deutschen Gedenkorte rund um Metz. Dadurch erinnern sie an das ursprüngliche und heilige Bild des Waldes in der germanischen Kultur sowie in der skandinavischen Mythologie. In der Gegend von Metz sind es die Linde und die Esche, die hauptsächlich die Soldatengräber prägen, wobei die Esche der ursprüngliche Baum der Völker des Nordens war, der Weltenbaum Yggdrasil, der eigentliche Baum der Erschaffung der Welt. Die Spuren des Mythos in den Darstellungen des deutschen Gedenkens zu differenzieren, verbietet es nicht, zahlreiche Parallelen zwischen der Pflanzung eines bestimmten Baumes und seiner Bedeutung herzustellen: das Denkmal des Königin Augusta Garde-Gernadier-Regiments Nr. 4 in Saint-Privat weist bevorzugt die Ulme neben dem Denkmal auf, ein Baum, der von Embla geschaffen wurde, der ersten Frau in der germanischen Mythologie. Diese Wahl erinnert vielleicht symbolisch an die Identität des Regiments, das der Königin Augusta gewidmet ist. Die Gedenkhalle, die auf ihren Kapitellen und Bogenrundungen verflochtene Pflanzenmotive im Borrestil zeigt, könnte auf andere Weise ein Bild der „Walhalla“ widerspiegeln, dieses Ortes, an den die tapferen Verstorbenen in der nordischen Mythologie geführt werden. Die zwei Tiere, halb Löwe, halb Wolf, auf den Säulen am Eingang der Halle erinnern an die zwei Gefährten Odins, die in zahlreichen Beschreibungen der Poetischen Edda vertreten sind. Eine große Schwarzkiefer verstärkt die Präsenz dieser Halle. Es ist eine Baumart, die zwischen 1870 und 1918 im großen Stil in den Gemeindewäldern rund um Metz angepflanzt wurde. Die Gedenkhalle wurde 1905 von Wilhelm II. feierlich eröffnet. Die Schwarzkiefer zum zentralen Baum an diesem Gedenkort zu machen erinnert symbolisch an den deutschen Einfluss und den Besitz in den annektierten Gebieten. Das Bild des Waldes ist Symbol des identitätsbildenden Einflusses in den Gebieten und zeigt den eigenen Glauben an den Aufbau des deutschen Volkes.

 

cimetière Gravelotte
Gedenkhalle und Soldatenfriedhof, Gravelotte. Bildnachweis: Aimelaime - In Lizenz Creative Commons

 

Durch die Landschaft berichten

Diese Landmarken des Gedenkens werden nach und nach zum Mittel der Besinnung für jene, die zurückbleiben. Die ersten Gedenkfeiern wecken ein kollektives Bewusstsein rund um diese Denkmäler, die wiederum von der Literatur als wahre Abbilder inszeniert und interpretiert werden. Insbesondere ab 1900 greifen die zeitgenössischen Schriftsteller oder Gebildeten auf diese Schlachtfelder zurück. Baron Challan de Belval-Moriez wendet sich zum Beispiel in seinen 1915 erschienenen Memoiren Vers les champs de bataille de 1870-71, Souvenirs et Méditations (Mai-Juin 1914) einem gründlichen Nachdenken über die deutsche Kultur der neuen Gebiete von Elsass-Lothringen zu. Jules Clarétie erinnert sich mit seinen 1910 herausgegebenen Schriften Quarante ans après, Impressions d’Alsace et de Lorraine, 1870-1910, vor allem an seine Spaziergänge in Saint-Privat und Rezonville. Dabei berichtet er von der neuen Dynamik des gemeinsamen Gedenkens um die deutschen und französischen Denkmäler. Ebenso zu erwähnen ist der sehr bekannte Maurice Barrès, der in seinen Schriften ein Gedenken der „Zuflucht“ für die Franzosen skizziert, indem er aus dem Denkmal der Dames de Metz, der ersten französischen Gedenkstätte, den „letzten unserer Menhire“ macht. Pierre de Quirielle entfernt sich von der sanften, traurigen Gedenklandschaft und verfasst 1910 seinen Auszug aus Correspondant, Sur les champs de bataille de 1870, in dem er auf dem eher defensiven als vergangenheitsbezogenen Bild der deutschen Denkmäler beharrt: sie werden zu Wächtern der neuen Grenze und „Totems“ der Macht des Deutschen Reiches.

 

nécropole Chambière

Nationalfriedhof Metz-Chambière Krieg 1870-1871. Bildnachweis: Aimelaime - In Lizenz Creative Commons

 

Die Literatur war von der Fotografie sowie alten Ansichtskarten begleitet. Darin werden drei große Bereiche unaufhörlich illustriert und inszeniert: jener der Bildung, wobei Schüler mit der pädagogischen Absicht bei den Denkmälern stehen, eine historische Erinnerung aufzubauen – die Ehre, wobei sich Militärchefs und Gedenkverbände als Zeichen der öffentlichen Anerkennung rund um die Denkmäler fotografieren lassen - die Vorbildlichkeit, wobei hauptsächlich Militärangehörige, Veteranen und aktuelle Soldaten geehrt werden, die diese Denkmäler als Kulisse wählen, um oft symbolisch zu beweisen, dass die neu nachfolgenden Regimenter nach 1900 von den Kämpfern von 1870 abstammen.

Die Erinnerung an 1870 entwickelt sich nach und nach zu einem ersten „Gedenktourismus“. Das Ende des 19. Jahrhunderts ist von einer äußerst starken geografischen Mobilität geprägt, die durch den Erfolg des wesentlichen Teils des Eisenbahnnetzes rund um Metz ermöglicht wird. Die Grenze wird zu einem starken Bild und Objekt der Neugierde. Zu dieser Zeit behaupten sich die Verlage und Buchhandlungen in Metz und Nancy auf der anderen Seite der Grenze mit der Herstellung von touristischen Karten und Führern, die manchmal Wege der „Erinnerung“ rund um die Schlachtfelder illustrieren und hervorheben. Diese Reiseführer beschreiben Denkmäler, die der Reisende unbedingt gesehen haben muss. Dabei unterscheiden sie die französischen und deutschen Denkmäler meistens durch Verwendung eines sichtbaren Farbcodes. Die Erinnerung an diese Landmarken des Gedenkens scheint jetzt in den modernen Medien auf. Die Faszination der visuellen Darstellung all dieser Denkmäler findet sich auf Gedenkbriefmarken, Lithographie-Ansichtskarten sowie auf sehr persönlichen Gegenständen wieder: die Erinnerung an 1870 geht schließlich in den Alltag über. Die Gedenkstätte wird nach der Verbreitung von Symbolen und Werten zum Gegenstand der Produktion und des Schaffens.

Der Aufbau des Gedenkens an 1870 ist ein komplexer Weg bezüglich dieser ersten Landmarken einer Kriegserinnerung, die nach und nach als Gedenkräume dienen. Sie markieren den Übergang zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem frühesten 20. Jahrhundert, in dem der Trend zur Schaffung eines Gedenkereignisses und einer Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen des Gedenkens geht. Diese heute großteils veränderten, zerstörten oder vergessenen Orte haben nach und nach eine kollektive und aufschlussreiche Erinnerung aufgebaut, die nach 1918 vom Staat begonnen wurde. Das Gebiet um Metz hat eine besondere Art der Darstellung der Folgen der Konflikte von 1870 geplant, welche die Erinnerungen und Identitäten vereint. Diese Landschaften bilden in dem Sinne das Gedenken, dass sie nicht mehr nur Zeugen sind, sondern Gegenstände der Erinnerung, durch den Übergang von der unmittelbaren Erinnerung zum kollektiven Gedächtnis und vom gemeinsamen Bewusstsein zum Kampf gegen das Vergessen

Charlotte Schenique – Studierende des 2-jährigen Master-Studiengangs (Kunstgeschichte und Geschichte) an der Université de Lorraine
Verfasserin einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema Construire et signifier un paysage mémoriel autour de la guerre franco-prussienne de 1870 dans le pays messin (Aufbau und Bedeutung einer Gedenklandschaft rund um den französisch-preußischen Krieg von 1870 im Gebiet um Metz