Die Harkis, von Algerien nach Frankreich

Die Einschiffung der geflohenen Harkis im Hafen von Bône (heute Annaba). © ECPAD

Die Harkis waren Hilfstruppen der französischen Armee in Algerien und erleben schmerzhaft das Ende des Unabhängigkeitskrieges zwischen Repressalien und Entwurzelung. Die heimgekehrten muslimischen Franzosen und ihre Nachkommen, die sozial und wirtschaftlich ausgegrenzt und Träger von Erinnerungen waren, die lange unter den Teppich gekehrt wurden, streben nach mehr Anerkennung. Ihre Forderungen sind heute Bestandteil der Fragen des Gedenkens an den Algerienkrieg.

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Die Harkis während des Algerienkrieges. Anwerbung und Einsatz.

Nach dem Ausbruch des algerischen Aufstandes am 1. November 1954 übernimmt der Generalstab der französischen Armee im Prinzip schnell die Aufstellung von Hilfstruppen. Es werden schrittweise fünf zivile Hilfsformationen eingerichtet, die sich an den „Einsätzen zur Aufrechterhaltung der Ordnung“ in einem Unabhängigkeitskrieg beteiligen, der, zumindest offiziell, nicht als solcher bezeichnet wurde: die Goumiers, mobile Einheiten der lokalen Polizei (Groupes mobiles de police rurale, GMPR), die anschließend in mobile Sicherheitseinheiten (Groupes mobiles de sécurité, GMS) umgewandelt wurden, die Mokhaznis, die mit dem Schutz der spezialisierten Verwaltungsabteilungen (Sections Administratives Spécialisés, SAS) beauftragt waren, die ‘Assas (Wächter) der Gebietseinheiten (Unités territoriales, UT), die Selbstverteidigungsgruppen (Groupes d’autodéfense, GAD) und schließlich die bekanntesten, die Harkis. Die Bezeichnung kommt von Harkas – Arabisch für Bewegung-, lokal beschäftigte Arbeitnehmer mit täglichem Austritt und später unter einmonatigem, verlängerbarem Vertrag.

 

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Harkis-Bewerber, die im Büro von Palestro (heute Lakhdaria) in der Kabylei vorstellig werden, um eine Verpflichtung bei der französischen Armee zu unterschreiben. © ECPAD

 

Schlussendlich sind die Harkis nur ein Element im gesamten System der Ausbildung von Hilfskräften, die von der französischen Armee während dieses Konflikts auf die Beine gestellt wurde. Dieser Begriff erstreckt sich später wegen der zahlenmäßigen Stärke der Harkis im Vergleich zu anderen Einheiten auf alle Hilfstruppen (63.000 Harkis im Januar 1961). Nach dem jene, die man als heimgekehrte muslimische Franzosen bezeichnet, nach Frankreich gekommen sind, verschmilzt der Begriff Harki mit allen Franzosen, die in Nordafrika geboren sind (Français de souche nord-africaine, FSNA) bzw. Muslimen, die sich an die Seite der französischen Armee oder Regierung gestellt haben. Viele von ihnen werden fälschlicherweise als Harkis bezeichnet, ob sie nun eingesetzte Soldaten waren oder einberufen wurden, Hilfskräfte in der Verwaltung, Überbleibsel einer gewissen Kolonialordnung (Bachaga, Agha, Caïd), Beamte oder Abgeordnete.

 

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Harkis im Ausbildungszentrum von Hammam Maskhoutine, 28 Kilometer von Constantine entfernt. © ECPAD/Marc Flandrois

 

In Fortführung einer langen kolonialen Tradition des Einsatzes von Hilfskräften oder regulären Einheimischen von der Kolonialerweiterung des 19. Jahrhunderts bis zum Indochinakrieg werden im Zusammenhang mit einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der algerischen Landbevölkerung und eines ungleichen Krieges, der eine ländliche Bevölkerung freiwillig oder mit Gewalt als Einsatz nimmt, mit verschiedenen Faktoren des Einsatzes oder der Anwerbung fast 200.000 bis 250.000 Männer - und manchmal Frauen - während dieses Konflikts rekrutiert.

 

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Harkis, die den Dorfbewohnern beim Abbau der Dächer ihrer Häuser und der Beladung der Maultiere helfen, um sie in das neu zusammengelegte Dorf zu transportieren. © ECPAD

 

Die Harkis in der Unabhängigkeit. Verlegung, Repressalien und Lager. 

Nach der Unterzeichnung der Verträge von Evian gelten die früheren Hilfstruppen, die schnell entlassen werden, als künftige algerische Bürger. Sie müssen in das zivile Leben zurückkehren, entwaffnet und nach Hause geschickt werden. Anweisungen und verschiedene Rundschreiben in jenem Frühjahr 1962 beschränken sowohl den Einsatz in der Armee als auch die Verlegung der bedrohten Muslime in einem sehr restriktiven Plan, der die Wahrscheinlichkeit massiver Repressalien nach der Unabhängigkeit unterschätzte. Fast 25.000 konnten sich in Frankreich niederlassen, das sind ca. 10 % der gesamten Truppenstärke, die Mehrheit der ehemaligen Hilfstruppen ist in Algerien geblieben. Die Zahl der Opfer der Repressalien lässt sich heute noch nicht genau angeben.

Vor der Unabhängigkeit Algeriens werden spezielle Aufnahmeeinrichtungen in Form von Transit- und Wiedereingliederungslagern organisiert, um die ehemaligen Hilfstruppen und ihre Familien aufzunehmen. Bourg-Lastic (Puy-de-Dôme) und das Lager Larzac (Aveyron) sind vom Juni 1962 bis zum Oktober 1962 geöffnet. Da diese beiden Lager im Juli 1962 mit mehr als 11.000 Menschen schnell überlastet sind und der Zustrom durch die Gewalt in Algerien anhält, beschließen die Behörden, die Familien in andere Lager wie jenes von Rivesaltes (Pyrénées-Orientales), Saint-Maurice l’Ardoise (Gard) und jenes von Bias (Lot-et-Garonne) zu verlegen. Fast 42.000 Personen kommen so bis Dezember 1964 durch eines dieser Lager, doch entkommen ihnen mehr als 40.000 weitere. Da sie eher mit Flüchtlingen als mit Heimkehrern gleichgesetzt werden, wird ihnen vorgeschrieben, (wieder) die französische Staatsbürgerschaft zu beantragen.

 

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Einschiffung der geflohenen Harkis im Hafen von Bône (heute Annaba). © ECPAD

 

Sie unterliegen einem militärischen Rahmen und der Verwaltung des Heimkehrerministeriums, sind mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert, in Zelten und später in Barackenlagern untergebracht. Die Zeit, die sie in den Transitlagern verbringen, ist je nach Familie unterschiedlich: die einen sind nur wenige Tage dort, die anderen sogar Jahre.

Die Harkis in Frankreich. Soziale Bevormundung, Revolte und Anerkennung

Die Mehrheit der Familien der ehemaligen Hilfstruppen fügt sich in einem diffusen Raum ein, vor allem in bestimmten geografischen Gebieten: den Bergbau-, Stahl- und Industriegebieten im Norden und Osten Frankreichs, der Region Paris, der Achse Lyon-Grenoble und der Mittelmeerküste. Jedoch bleiben Tausende andere, die von den Behörden als schwer anpassungsfähig, ja sogar „verloren“ betrachtet werden - einem damals verwendeten Verwaltungsbegriff -, im Hinblick auf die Disziplin mit den beiden Aufnahmestädten Bias und Saint-Maurice l’Ardoise an echte Verbannungsorte an den Rand abgeschoben In ländlichen Gebieten werden neunundsechzig Forstsiedlungen, die sich im Wesentlichen in den Regionen Languedoc-Roussillon, Provence-Alpes-Côte d’Azur und Korsika befinden, geschaffen, wobei durchschnittlich fünfundzwanzig Familien in einer Siedlung wohnen und einer Ausnahmeregelung unterliegen. Dutzende Großwohnsiedlungen, wie die Tilleuls-Siedlung in Marseille oder die Oliviers-Siedlung in Narbonne, sind für die Familien der Harkis vorgesehen, die neben dem Gewicht der Geschichte des Algerienkrieges dieselben sozialen Schwierigkeiten spüren wie die anderen Migrantengruppen. Schließlich werden für die ehemaligen Hilfstruppen im Rahmen des Harki-Programms der Sonacotra oder SNCF Unterkünfte bestimmt. Die Lage ist von einem zum anderen Ort sehr unterschiedlich. Diese Wohnungspolitik ist von einer echten sozialen Bevormundung begleitet. Verschiedene Behörden, die sich um diese Bevölkerungsgruppe kümmern, folgen aufeinander und schlagen außergewöhnliche Maßnahmen vor (Wohnung, Arbeit, Schulpflicht, Ausbildung...), welche die Integration propagieren, jedoch paradoxerweise viele Familien immer noch am Rande der Gesellschaft halten.

 

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Baracke der ehemaligen Forstsiedlung Montmeyan (Var). Bildnachweis: Faqscl - In Lizenz Creative Commons

 

Seit Anfang der 1970er-Jahre erschüttern fast überall in Frankreich verschiedene Demonstrationen und Streiks die soziale Gruppe der Harkis. Jedoch erst 1975 wird sich die öffentliche Meinung der Situation der Familien der ehemaligen Hilfstruppen bewusst, als im Mai Protestbewegungen im Lager Bias und Saint-Maurice-l’Ardoise entstehen, die sich schnell auf die Forstsiedlungen im Süden Frankreichs und die städtischen Siedlungen ausbreiten. Angesichts dieser angespannten Lage (Hungerstreiks, Geiselnahme der Lagerleiter, eines algerischen Politikers zur Forderung der Reisefreiheit nach Algerien, Demonstrationen) beschließen die Behörden kurzfristige Sofortmaßnahmen, um die allgemeine Unzufriedenheit der ehemaligen Hilfstruppen und ihrer Familien zu besänftigen. Die Siedlung in Saint-Maurice l’Ardoise wird im Dezember 1976 zerstört, und die Familien werden aufgeteilt. Das Lager Bias wird erst einige Jahre später saniert. Die Baracken der Forstsiedlungen werden zerstört oder ersetzt. Im Laufe der Zeit gelingt es der großen Mehrheit der Familien der ehemaligen Hilfstruppen dennoch, sich in die französische Gesellschaft einzugliedern, wenn auch manchmal mit dramatischen Schwierigkeiten und unterschiedlichem Erfolg.

Die Berücksichtigung der Forderungen auf Entschädigung und Anerkennung dieser Bevölkerungsgruppe erfolgt erst 1991 nach neuen Protesten (Aufstände in den Ballungsräumen mit Familien ehemaliger Hilfstruppen, Demonstrationen, Autobahnblockaden).

Verschiedene Gesetze oder Maßnahmen kennzeichnen die Geschichte der sozialen Gruppe der Harkis (1975, 1982, 1987, 1994, 2005, 2014, 2018) infolge der Spannungen. Sie zeugen von einer immer noch dringlichen Problematik: im sozialen Bereich (Arbeit, Wohnen), im Zusammenhang mit der für manche schwierigen Rückkehr nach Algerien und der politischen Anerkennung ihrer Geschichte. Die Ehrungen und Reden der verschiedenen Präsidenten – Jacques Chirac-2001, Nicolas Sarkozy-2012, François Hollande-2016, Emmanuel Macron-2018 – versuchen, eine Antwort auf diese brennende soziale Frage zu geben.

 

Abderahmen Moumen – Historiker
Beauftragter des ONACVG (Nationales Büro der Kriegsveteranen und Kriegsopfer) - Geschichte und Gedenken des Algerienkrieges
Forschungsbeauftragter (TELEMME, Université d’Aix-en-Provence)
Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Gedenkstätte des Lagers von Rivesaltes