De Gaulle und Algerien

General de Gaulle bei seiner Rede am Balkon des Generalgouvernements in Algier, 4. Juni 1958. © Ecpad

Als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees, welches die vom DMPA im Invalidendom am vergangenen 9. und 10. März veranstaltete Tagung über „De Gaulle und Algerien“ moderiert hat, fasst der Historiker Maurice Vaïsse die wichtigsten Überlegungen der Teilnehmer über das „algerische Rätsel“ des Generals zusammen.

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Fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens konnte man vernünftigerweise nicht erwarten, dass die so schmerzlichen Themen, wie jenes vom 8. Mai 1945, der zu den Aufständen von Sétif und Guelma, zum Drama der Harkis oder auch zu jenem der „Pieds Noirs“ („Schwarzfüße“) führte, gelassen behandelt würden. Dies war die gelungene Herausforderung dieser Tagung, bei der erfahrene Wissenschaftler aus Frankreich und dem Ausland, insbesondere aus Algerien, Vorträge hielten und mit Unterstützung des wissenschaftlichen Komitees zusammenkamen, das aus Georgette Elgey, Chantal Morelle, Jacques Frémeau, Jean-Pierre Rioux, Benjamin Stora und mir bestand. Was geht aus diesen Beiträgen hervor, an denen die Historiker des wissenschaftlichen Komitees beteiligt waren? Zuerst eine Feststellung: Es ist klar, dass für einen Mann wie de Gaulle, für den die historischen Bezüge durch den Ersten Weltkrieg und den Kampf zur Verteidigung des Staatsgebietes gekennzeichnet sind, der Zweite Weltkrieg eine Offenbarung war. Frankreich war nicht allein, das Reich bildete einen entscheidenden Faktor für seine Wiedergeburt und seine Rückeroberung. Dieser noch nie dagewesene Kontext, in dem Algerien zur idealen Plattform für die Befreiung des Landesgebiets wird, erklärt, dass de Gaulle anfänglich kaum geneigt ist, die französische Präsenz in Frage zu stellen. So erscheinen ihm die Aufstände im Gebiet von Constantine 1945 eher als Demonstrationen, die durch Manipulationen aus dem Ausland hervorgerufen wurden, als ein grundlegendes Problem. In der Zwischenzeit spürte de Gaulle den Vorbehalt der Franzosen Algeriens, die gegenüber dem Regime von Vichy eher positiv eingestellt waren, aber er stellte auch die Inbrunst fest, mit der diesen „Afrikanern“ (gebürtige Franzosen und Muslime gleichermaßen) die Befreiung des französischen Staatsgebiets am Herzen lag. Das „Rätsel de Gaulle“ liegt daher in der Frage des Plans von de Gaulle. Für Algerien. Weiß er, als er an die Macht zurückkehrt, wirklich, was er machen will? Ist er überzeugt, dass die Unabhängigkeit unumgänglich ist? Aber warum hat er dann vier Jahre gewartet, um den Krieg zu beenden? Diese Tagung bringt neues Licht und Aufschlüsse in diese Frage..

 

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General de Gaulle auf Besuch in Aziz und am Posten Souaghi, 6. März 1960. © Ecpad

 

Der erste Beweis: Häufig wird de Gaulle als einsamer Mann beschrieben, der alles entscheidet. Diese Behauptung muss jedoch relativiert werden. Sein politisches Umfeld spielte höchstwahrscheinlich eine bedeutende Rolle. Nicht nur im Elysée, insbesondere durch den Einfluss von Männern wie Bernard Tricot, dem Berater für algerische Angelegenheiten, sondern auch im Matignon. Diesbezüglich ist die Wahl des Generals zur Ernennung von Michel Debré zum Premierminister 1959 übrigens rätselhaft. Wenn de Gaulle die Unabhängigkeit Algeriens gewollt hätte, warum hatte er dann den ehemaligen Direktor der Zeitung Courrier de la Colère zum Regierungschef befördert? Michel Debré hatte sie unter der IV. Republik in eine militante Tribüne für ein französisches Algerien verwandelt.

 

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General de Gaulle bei einem Besuch in der Region Algier nach dem Putsch der Generäle, April 1961. © Ecpad

 

Zweiter Beweis: Man stellt sich vor, dass de Gaulle nicht nur alles entschieden hat, sondern auch als Herr über alles über absolute Macht verfügte. Jedoch ist genau das Gegenteil wahr. Wenn man seinen persönlichen Archiven Glauben schenkt, die bereits teilweise in den Lettres, notes et carnets (1) veröffentlicht wurden, weiß man, dass das in Algerien begangenen Unrecht nach der Rückkehr des Generals an die Macht nicht aufgehört hat. Schlimmer noch, er sah sich mit erheblichem Widerständen konfrontiert. Insbesondere im Mutterland seitens der Anhänger eines französischen Algeriens und jener „des Friedens in Algerien“, aber auch seitens der Franzosen Algeriens, auf die als „Friedensverhinderer“ mit dem Finger gezeigt wurde und die ihn für die Zeit der OAS (Organisation der geheimen Armee) anprangern sollten. Schließlich gibt es Widerstand von den Streitkräften und internationalen Druck. In einem solchen Krieg finden die Kämpfe nicht nur vor Ort statt, sondern auch in den Köpfen und im internationalen Umfeld, insbesondere jenem der UNO. Die oft zweideutigen Worte des Generals werden je nach Fall durch gewisse Elemente der Armee verstärkt oder verstümmelt, denn sie ist wild entschlossen, sich ihren Sieg vor Ort nicht entreißen zu lassen. Für die Militärs muss vor dem Waffenstillstand jedes politische Vorgehen ausgeschlossen sein; während für de Gaulle die Lösung des algerischen Problems nicht nur militärischer Art sein darf. Daraus entstehen seine verschiedenen Initiativen, die ihn gegenüber den Oberbefehlshabern der Streitkräfte, die sich für die Absicherung der französischen Präsenz in Algerien eingesetzt haben, in die Zwickmühle bringen. Die Konfrontation ist daher früher oder später unvermeidlich. Es muss jedoch präzisiert werden, dass sich der Großteil der Armee nicht politisch für das französische Algerien eingesetzt hat. Er befindet sich näher an der Meinung des Mutterlandes. Auf internationaler Ebene wurde schließlich die Haltung der „Supermächte“, welche die Vereinigten Staaten und die UdSSR sind, von den Rednern hervorgehoben. Insbesondere in Bezug auf die Amerikaner, die wünschten, dass Algerien die Unabhängigkeit erlange, konzentrierten sich verschiedene Studien darauf, die Bedeutung des Einflusses dieses Landes auf die algerische Politik Frankreichs zu zeigen. Auch wenn diese Aktion in der IV. Republik unbestreitbar ist und auch zu ihrem Sturz führt, ist sie dennoch in der Zeit von De Gaulle problematischer.

 

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Plakat für den Frieden zur Zeit der Verträge von Evian, Algerien, März 1962.. © Ecpad/Grimaud

 

Der dritte Beweis, der von der Tagung hervorgehoben wird: der beständige Wille De Gaulles, eine politische Lösung zu finden, sei es durch Verhandlungen oder durch die Schaffung einer politischen „dritten Kraft“, die sich in Algerien gegen die Vertreter der harten Linie auf beiden Seiten profilieren könnte. Aus dieser Sicht bevorzugt General de Gaulle den direkten Kontakt mit den algerischen Nationalisten, der sowohl durch Abgesandte als auch in seinen eigenen Reden ständig bekräftigt werden sollte. Erinnern wir uns zum Beispiel an die außergewöhnliche Affäre Si Salah, eines algerischen Nationalisten, den de Gaulle 1960 treffen sollte und der im Gegensatz zur harten Linie der FLN für einen „Frieden der Tapferen“ eintrat. Als darüber hinaus die echten Verhandlungen in Evian beginnen, sollte De Gaulle sie Schritt für Schritt verfolgen und die Verhandler bedrängen, denn er wurde immer ungeduldiger, diese zu einem erfolgreichen Ergebnis zu führen, auch zum Preis von Zugeständnissen, die uns übermäßig erscheinen mögen. Warum war es schlussendlich so schwierig, diese zu Ende zu bringen? Weil die FLN, später die GPRA (Provisorischen Regierung der algerischen Republik) zögerlich und gespalten sind, was die Reibereien innerhalb der ALN (Nationale Befreiungsarmee) zeigen. Doktor Chawki Mostefaï, Vertreter der GPRA in Rabat, erzählte, dass er im Laufe heftiger Debatten den in Algerien lebenden französischen Ethnologen Germaine Tillion, der wie Camus den Terrorismus, woher er auch komme, ablehnte, gebeten habe, de Gaulle zu erklären, dass die radikale Strömung innerhalb der algerischen nationalistischen Bewegung stärker zu werden drohe, je mehr Zeit verging. Und dass auf Ferhat Abbas kompromisslose Machthaber folgen würden, was schließlich der Fall war. Die algerischen Anführer misstrauten außerdem bezüglich der Sahara-Frage ihren marokkanischen und tunesischen „Brüdern“, die versucht sein konnten, bei der von De Gaulle geplanten Kooperation mit dem Ziel einer Ausbeutung der Ressourcen der Sahara mitzuspielen.

 

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Aufbruch nach Frankreich, Algerien, April 1962. © Ecpad/Creuse

 

Der vierte Beweis, an den im Zuge der Tagung erinnert wurde: das Gewicht der Zeit. Eine Verhandlungslösung zu erzielen erscheint so schwierig, dass de Gaulle immer ungeduldiger wird, je mehr Monate vergehen. General Challe möchte seinen Befriedungsplan, der die ALN in die Knie zwingt, zu Ende führen. Michel Debré hingegen wünscht sich mehr Zeit, um eine „dritte Kraft“ einzurichten. Aber die GPRA vermeidet jede echte Verhandlung. Die Hoffnungen auf Frieden lösen sich daher in Luft auf und de Gaulle, der Frankreich in Europa wieder an die Spitze bringen möchte, startet sein politisches Europa-Projekt, das sich auf die deutsch-französische Achse stützt. Was wiegen in diesem Zusammenhang schon die Schwarzfüße und die Harkis? Die Machtlosigkeit des Staates gegenüber den terroristischen Übergriffen, die unzureichende Aufnahme der Flüchtlinge im Mutterland oder das, was als Leugnung angesichts eines solchen historischen Traumas erscheinen konnte, lösen hartnäckige Ressentiments aus, die trotz der vielen Jahre anhalten, was auch die Schwierigkeit erklärt, eine Versöhnung der Erinnerungen zum Thema der Algerienpolitik von General de Gaulle herbeizuführen.

 
Maurice Vaïsse in Les Chemins de la Mémoire, Nr. 226 Mai 2012
 
(1) Lettres, notes et carnets, Band 8, Juni 1958-Dezember 1960, Plon, 1985.