Newsletter

Die SAS in Algerien, Soldaten an der Seite der Bevölkerung

Les écoles d’El Kremis, de Bou Ighzer et la section administrative spécialisée (SAS) de Pierre, en Kabylie - ECPAD
Corps 1

„Leutnant Yvon DURAND, der seine Harka bis Ongles in den Alpes-de-Haute-Provence begleitete (…). Im Namen Frankreichs danke ich diesen aufrichtigen und zuverlässigen Männern. Sie verfügten über eine große Seele und ein gutes Herz, das unserem Land damals fehlte.“ 

Emmanuel Macron, „Discours de mémoire aux harkis“ (Rede zum Gedenken an die Harkis), 20. September 2021


n1ALG 56-114 R30_0

ALG 56-114 R30: Makhzens in Pirette. : ©BERGER/ECPAD/Verteidigung
Corps 2

 


Yvon Durand, den Staatspräsident E. Macron am 20. September 2021 würdigte, war Leiter einer Sonderverwaltungsabteilung (section administrative spécialisée, SAS) im Algerienkrieg.  Die vielfach unbekannten SAS standen jedoch im Mittelpunkt der von der IV. und V. Republik angestrebten Politik der Eingliederung Algeriens in Frankreich. 1960 kontrollieren 700 SAS das gesamte algerische Territorium mit dem Ziel, Infrastrukturen aufzubauen, die Dörfer zu verwalten, die Bevölkerung zu versorgen, die Kinder in die Schule zu schicken und die Ordnung wiederherzustellen.

 

Die Initiative zur Gründung der SAS geht auf Jacques Soustelle, Generalgouverneur von Algerien zurück. 1955 stellt er bald das Verwaltungsdefizit der Feldzüge, die fehlende Aufklärung und das Scheitern großer Militäroperationen gegen die ALN fest. Nachdem er eine Pilotaktion der SAS unter Führung von General Parlange im Aurès-Gebirge gestartet hat, beschließt J. Soustelle die Gründung der SAS. Durch seine Ausbildung zum Ethnologen in Mexiko war ihm bewusst, wie wichtig es ist, die Bevölkerung zu kennen. Er beobachtete dort die Indigenismuspolitik der mexikanischen Regierung für den Schulbesuch und die Versorgung der indigenen Bevölkerung und möchte dasselbe in Algerien machen. Seine Erfahrung beim BCRA (service de renseignement et d'action de la France Libre, Dienst für Aufklärung und Aktion des Freien Frankreich) zeigte ihm schließlich die enorme Bedeutung der Aufklärung für den Erfolg einer Militäroperation auf. Die Aktion der SAS in Algerien reiht sich direkt in die Affaires indigènes (Indigene Angelegenheiten) Marokkos von Marschall Lyautey ein, aus denen General Parlange kommt.

 

Eine SAS ist eine gleichermaßen zivile wie militärische Verwaltungseinrichtung. Sie wird von einem aktiven, einberufenen oder aktiven Reserveoffizier geleitet. Y. Durand gehört letzterer Kategorie an; als Ethnologe und Reserveoffizier der 13. Dragoner-Luftlandetruppen wird er 1957 Aufklärungsoffizier seines Regiments. Nachdem er ins zivile Leben zurückgekehrt war, beschließt er 1959, sich als aktiver Reserveoffizier freiwillig zur SAS zu melden[1].

Ein SAS-Offizier kommandiert ein Makhzen aus etwa dreißig Moghaznis (Hilfskräfte), die für den Schutz und die Sicherheit des Landkreises der SAS sorgen. Zur Unterstützung verfügt er über einen einberufenen Offizier oder einen aktiven Unteroffizier und zivile Beamte (einen Buchhalter, einen Funker, eine Krankenschwester). Zu dieser Struktur gehören auch ein Arzt, ein Lehrer und ein Sporttrainer, die von der Militärkompanie in der Nähe der SAS entsandt werden. In der Praxis variieren die zivilen und militärischen Mitglieder der SAS je nach den Bedürfnissen der Bevölkerung, der Größe des Territoriums der SAS (manchmal so groß wie ein Département), der Isolation und Unsicherheit des Abschnitts. Eine SAS kümmert sich um ein ländliches oder städtisches Gebiet (Barackensiedlung), das 2000 bis 20,000 Bewohner umfassen kann, die in Dörfern verstreut sind oder in einem Sammellager wohnen.

 

SAS2
ALG 57-126 R44: Stelle für kostenlose medizinische Versorgung in der SAS von Flatters. : ©Georges PETIT/ECPAD/Verteidigung

 

Y. Durand wird zum Leiter der SAS von Thiers in der Region Palestro in der Kabylei ernannt. Zur Anhebung des Lebensstandards der Landbevölkerung gründet er eine landwirtschaftliche Genossenschaft, die beauftragt ist, die Ernte zum Marktpreis und nicht darunter einzukaufen, wie es die Händler von Palestro taten. Er lässt die aufgegebenen Flächen bebauen und von seinem Makhzen schützen, um zu verhindern, dass die Ernte von Aktivisten der FLN (Front de libération nationale, Nationale Befreiungsfront) und ihrem bewaffneten Arm, der ALN (Armée de libération nationale, Nationale Befreiungsarmee), verwüstet wird.

Wenn ein Offizier verheiratet ist, kann er mit seiner Frau und den Kindern im Bordj (einer Festung) der SAS wohnen, wo sich Letztere oft ehrenamtlich um die Einrichtung von Schulen, die Krankenstation oder die Weiterentwicklung der muslimischen Frau kümmern kann. Y. Durand ist verheiratet und seine in der SAS vertretene Frau kümmert sich um das Frauenheim (Versammlungsort der Frauen), wo sie Näh- und Säuglingspflegekurse gibt, um die Familienarbeit der algerischen Frauen zu verbessern.

Da der Landkreis von Y. Durand sehr groß ist, legt er neue Niederlassungen in der Nähe von Bevölkerungsansammlungen an, die SAS von Maala El Isseri (5.000 Einwohner) und Ouled Gassem. Aus Sicherheitsgründen verbessert er die Wohnbedingungen der Bevölkerungsgruppen durch Verwendung traditioneller Materialien (Mischung aus Erde und Stroh), die für kühle Temperaturen im Winter und die brütende Hitze im Sommer geeignet sind, im Gegensatz zu Häusern aus Betonstein und Wellblech, die zwar moderner, jedoch für das kabylische Klima schlecht geeignet sind. Er lässt die für das Funktionieren einer modernen Gemeinde notwendigen Gebäude, wie z. B. ein Rathaus, eine Schule, eine Krankenstation, ein Waisenhaus und ein Lebensmittelgeschäft, errichten, wodurch die Beschäftigung Arbeitsloser, eine bessere Verwaltung der Bevölkerung sowie deren höherer Lebensstandard durch den Schulbesuch und die medizinische Versorgung ermöglicht werden. Der Unterricht wird durch die Einberufenen des 1. RIMa gewährleistet, die im zivilen Leben Lehrer sind und sich um die Alphabetisierung kümmern, den Mittagstisch organisieren und Freizeitaktivitäten für die Kinder nach dem Unterricht anbieten. Die Maßnahmen von Y. Durand und seiner Frau bringen ihnen die Achtung der kabylischen Bevölkerung ein, die Frankreich zu Beginn des Algerienkriegs sehr feindlich gesinnt, später jedoch treu ist.

 

Abhängig vom Unsicherheitsgrad kümmern sich die SAS mehr um die Bevölkerung oder verstärken die Operationen, um den Druck der ALN zu verringern. Der SAS-Offizier stützt sich auf seine Moghaznis, die „Dolmetscher, Aufklärer, Fährtenleser oder Krieger waren, Wache standen, die Stellungen hielten, strategische Punkte sicherten, manchmal ganze Dörfer oder riesige Gebiete“[2].

Aufgabe der SAS war es auch, Informationen zu sammeln. Dazu richtet sie ein Informantennetz ein, während der SAS-Offizier seinerseits das Gespräch mit den Bewohnern sucht, um sich ein Bild von deren Geisteshaltung zu machen. Die Moghaznis und die zivilen Beamten werden manchmal eingesetzt, um über ihre Kontakte zur Bevölkerung Informationen einzuholen. In ihren täglichen Aufgaben stößt die SAS auf die OPA (organisation politico-administrative du FLN, politisch-administrative Organisation der FLN), die ebenfalls versucht, die Bevölkerung zu kontrollieren. Die SAS verstärkt daher die Zerschlagung der OPA, die sich aus wenigen Personen bis zu einem perfekt organisierten Netzwerk zusammensetzen kann.

 

Angesichts der ALN versuchen die SAS-Offiziere einzelne und manchmal gemeinsame Bündnisse herbeizuführen (wie die Chefs Bellounis oder Si Cherif). Auch wenn die gemeinsamen Bündnisse oft mit einer Niederlage enden, führen die einzelnen Bündnisse bei den SAS hingegen zu positiven Auswirkungen der wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen der SAS-Offiziere innerhalb der Reihen der ALN. Um die Angriffe der ALN abzuwehren, bewaffnen die SAS einige Dörfer im Rahmen von Selbstverteidigungsgruppen.

 

SAS3

ALG 57-241 R13: Ein Wachturm im Abschnitt Taberdga. ©DESCAMPS/ECPAD/Verteidigung

 

Die zivilen und militärischen Maßnahmen der SAS rufen Reaktionen seitens der FLN hervor: Aufruf zum Boykott der Verwaltungsbüros der SAS, Zerstörung von Ausweisen, Empfehlungen zur Nichtbeteiligung an Wahlen, Ermordung von Sonderdelegationen und Gemeinderäten, die von den SAS eingesetzt wurden, Druck auf die Bauarbeiter oder Ratsuchenden der kostenlosen medizinischen Versorgung, Drohbriefe an SAS-Offiziere, ziviles Personal sowie Moghaznis der SAS und deren Ermordungen, versuchte Anstachelung zur Fahnenflucht innerhalb des Makhzen und Angriffe auf die SAS, sympathisierende oder sich selbst verteidigende Dörfer. Im Algerienkrieg werden 70 SAS-Offiziere und 607 Moghaznis bei ihren zivilen und militärischen Aufgaben getötet.

 

Ab 1960 erkennen viele SAS-Offiziere den Richtungswechsel der Politik General de Gaulles zugunsten der Selbstbestimmung Algeriens. Die aktiven Reserveoffiziere kündigen, während die aktiven Offiziere ihre Wiedereingliederung in ihr ursprüngliches Korps beantragen. Diejenigen, die bleiben, wie der SAS-Offizier Jean-Pierre Chevènement, künftiger Verteidigungsminister (1988-1991), erleben manchmal nach dem Waffenstillstand vom 19. März 1962 Repressalien der ALN gegen ihre Moghaznis: „Am 19. März erlebte ich ein schreckliches Drama. Mehrere meiner Moghaznis wurden, wie auch der muslimische Ortsvorsteher von Saint-Denis du Sig [Oranie], durch ein Kommando der FLN auf schreckliche Weise getötet.“[3].

Yvon Durand legt im April 1962 seine Funktion als Leiter der SAS zurück, um die Aussiedlung der Hilfskräfte der französischen Armee und ihrer Familien besser vorbereiten zu können. Mit ehemaligen Offizieren der SAS gründet er die Association des anciens des Affaires algériennes (Vereinigung der Veteranen der algerischen Angelegenheiten) und organisiert die heimliche Aussiedlung von 2.500 Familienmitgliedern der Moghaznis und Harkis aus der Region Palestro, die an der Seite Frankreichs im Einsatz waren und durch die Unabhängigkeit Algeriens 1962 mit dem Tode bedroht sind[4]. Im Oktober 1962 siedelt er mit Hilfe eines Gemeindebürgermeisters 23 Harki-Familien in Ongles im Gebiet Haute-Provence an. Sie werden von der staatlichen Forstverwaltung als Arbeiter beschäftigt, bevor sie sich in Mouans-Sartoux in der Region Alpes Maritimes niederlassen. Er wandelt die Gebäude von Ongles in ein vorberufliches Ausbildungszentrum für die Hilfskräfte und ihre Kinder um. An einem Sonntagvormittag wird Yvon Durand 1986 auf seinem Weg zu einem Harki, dem er helfen will, bei einem Verkehrsunfall getötet[5].

 

Die Erfahrungen der SAS im Algerienkrieg sind längst nicht vergessen, als die französische Armee ab 1995 Einheiten für zivile und militärische Aktionen (ACM) gründete, während sich die NATO-Truppen mit Civil Military Cooperation (CIMIC) ausstatteten. Seither werden die Soldaten an allen Schauplätzen von diesen Einheiten begleitet, mit dem Ziel, die Präsenz der Streitmacht durchzusetzen und bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Bevölkerung in Konfliktzonen zu helfen.                                                                                                       

 

     Gregor Mathias

Doktor für Geschichte und Forschungsbeauftragter des Lehrstuhls für Geopolitik an der Rennes School of Business hat mehrere Werke über den Algerienkrieg verfasst, wie zum Beispiel Les SAS en Algérie, entre idéal et réalité (L’Harmattan, 1997) oder La France ciblé. Terrorisme et contre-terrorisme pendant la guerre d’Algérie (Vendémiaire, 2016).
Er war historischer Berater der Ausstellung des CDHA, die der Geschichte der SAS gewidmet war Les sections administratives spécialisées | cdha.fr

 


[1] Jean Maas, „Yvon Durand, au service des harkis, de l’Algérie à la Provence“, Les SAS, bulletin historique des Anciens des Affaires algériennes et sahariennes, Nr. 34, Oktober 2010, S. 4-7.
[2] Emmanuel Macron, „Discours de mémoire aux harkis“, 20. September 2021. REmpfang zum Gedenken an die Harkis. | Élysée (elysee.fr)
[3] Interview Jean-Pierre Chevènement „J'ai vécu un drame affreux“, Le Point, 8. Februar 2002, S. 55.
[4] Nicolas d’Andoque, Guerre et paix en Algérie, SL, 1977, S. 152.
[5] Das Maison d’histoire et de Mémoire d’Ongles (Haus der Geschichte und Erinnerung von Ongles), Aktivitäten des MHeMO, zeichnet die Geschichte der Ansiedelung der Harkis in Ongles nach.