Franzosen, Briten und Deutsche in Norwegen

Sous-titre
April - Juni 1940

Narvik 1940. HMSO
Narvik 1940. HMSO

Die Kämpfe in Norwegen dauern zwei Monate und einen Tag, vom 9. April bis 10. Juni 1940. Eine Premiere für die Alliierten: eine Landungsoperation mit verbundenen Waffen, mehreren Streitkräften und mehreren Alliierten (Frankreich, England, Norwegen, Polen), die fast 100.000 Soldaten in einem unnatürlichen politischen und militärischen Zusammenhang versammelt, mit Siegen vor Ort und einer Rückschiffung wegen der katastrophalen Lage an der französischen Front. Mit ebenso vielen Soldaten ist es auch eine Premiere für die Deutschen: Die Weserübung ist eine Operation mit verbundenen Waffen und mehreren Streitkräften, deren Verantwortung und Durchführung auf einem bestimmten Generalstab für operative Planung vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW), vom Oberkommando der Luftwaffe (OKL) und vom Oberkommando der Marine (OKM) beruht[1]. Eine Operation, die von den Deutschen unter Anwendung von drei Grundsätzen durchgeführt wurde: Sparsamkeit der Mittel, Konzentration der Anstrengungen und Handlungsfreiheit der untergeordneten Ebenen. Sie bedeutet schließlich einen logistischen Erfolg für Deutschland, die Beherrschung der Luft durch die Luftwaffe und sehr schwere Verluste für die Kriegsmarine. Sie ist für die einen wie die anderen daher eine Premiere: wie kann man Operationen von mehreren gestalten, ausarbeiten und durchführen?

 
Corps 1

Die Alliierten sind seit September 1939 in einer Strategie eines langen, peripheren Verteidigungskrieges: Beton (die Maginot-Linie), Gold (Kauf von Kriegsmaterial), das Kolonialreich mit der Royal Navy und die nationale Marine sind die bestimmenden Elemente dieser Strategie. Das schwache, friedliche Norwegen ist den Alliierten zugetan und einer der möglichen Schlüssel eines Feldzugs, der Deutschland auf drei Ebenen schwächen sollte: dem Seetransport, dem Transport von Erdöl und vor allem dem für seine Kriegsindustrie unerlässlichen schwedischen Eisen, denn dieser führt (im Winter) über Narvik und anschließend durch die Ostsee[2]. Ab Oktober 1939 denken die Alliierten darüber nach und bereiten sich ohne klare Leitlinie darauf vor.

Am 30. November 1939 greift Stalin Finnland an. Der russisch-finnische Krieg wird von November 1939 bis März 1940 zu einem entscheidenden Faktor für die Alliierten. Die beiden Regierungschefs, Premierminister Neville Chamberlain und der Präsident des Rates Edouard Daladier „finnlandisieren“ eine für Norwegen geplante Operation mit einem Marineeinsatz: Minen und Patrouillen und eine Offensive im Norden Norwegens, in Narvik. Keine gemeinsame Strategie, genauen Pläne, Notizen oder Planungen. Die Truppen werden dennoch vorbereitet: so auch in Frankreich, in Form einer gemischten Brigade mit Gebirgsjägern und Legionären; Handelsschiffe werden gemietet oder beschlagnahmt, zusätzliche Kreuzer angefordert. Es gibt keine Einigung über die Frage des Kommandos der Operationen, sondern die Pläne werden unter Verantwortung der Briten durchgeführt. Am 12. März 1940 wird der Brigade von General Béthouart der Einschiffungsbefehl erteilt. Am 13. kapitulieren die Finnen und unterzeichnen den Waffenstillstand.

 

général Béthouard

General Béthouard, Kommandeur des französischen Expeditionskorps in Narvik. Quelle: SHD

 

Die alliierten Pläne beziehen sich daher von März bis April 1940 statt auf Finnland auf Norwegen. Die alliierte Entscheidung wird in einem neuen politischen und militärischen Zusammenhang getroffen: Paul Reynaud hat am 21. März Edouard Daladier ersetzt, während das Expeditionskorps aufgelöst, die Schiffe verstreut und die Offensive aufgegeben wurden. Im Rahmen dessen, was das Kennzeichen dieses Feldzugs bleibt, nämlich eine organisatorische Schwäche sowohl des Oberkommandos als auch des Kommandos von einem oder vielmehr mehreren einzelnen und getrennten Schauplätzen durch die physischen Umgebungen, und schwierige Beziehungen auf politischer und militärischer Ebene zwischen den Alliierten, wird zwischen 5. und 12. April auf Basis von neu gebildeten Plänen auf Grund von lückenhaften Informationen eine Operation ohne festgelegte Ziele Richtung Norwegen und Narvik mit Truppen geplant, von denen einige wenig oder schlecht ausgerüstet und auch nicht vorbereitet sind[3]. Etwas Neues mit dem Überholten zu machen hat operative Folgen: Was ist mit den Norwegern? Welche Einsatzregeln? Welche Koordination zwischen Waffen, Streitkräften, Alliierten?

 

attaque allemande Leiteberget

Angriff der Wehrmacht bei Leiteberget. Bagn Bygdesamling - Valdres Folkemuseum, Norwegen

 

Keiner der Gegner kennt jedoch die Pläne des anderen ...

Deutschland ergreift die Initiative am Beginn der Operationen. Auf deutscher Seite legt das einheitliche politische Konzept unter der Autorität Adolf Hitlers einen Einsatz in drei koordinierten Wellen (Süd-, Mittel- und Nordnorwegen) für den 9. April fest. Fast alle Oberflächenkräfte werden mobilisiert, um zwei Kampfgruppen[4]Richtung Narvik und Trondheim zu transportieren, vier andere Richtung Südnorwegen und damit Richtung Oslo. Am 9. April sind alle Ziele erreicht, die norwegischen Flugplätze in den Händen der Deutschen und Dänemark ebenfalls. Die Deutschen haben für ihre Schiffe und U-Boote einen Balkon zum Atlantik. Zu einem hohen Preis: am 9. und 11. April werden der schwere Kreuzer Blücher und der leichte Kreuzer Königsberg versenkt, die Kreuzer Nürnberg und Karlsruhe schwer beschädigt, ebenso wie der Lützow. Ein blitzartiges Manöver angesichts der unflexiblen und überforderten Alliierten, die gezwungen sind, einen Einsatz gegen einen laufenden Einsatz durchzuführen.

Die alliierten Truppen laufen zwischen dem 12. und 26. April von Häfen in Frankreich, England und Schottland aus und landen an mehreren Stellen der norwegischen Küste, ohne Planung zwischen den Alliierten, wodurch sie ihre Truppen mit häufigen Befehlen und Gegenbefehlen zerstreuen. Die Qualität der Artillerie, die Mobilität der Kampfgruppen und die Luftüberlegenheit machen die Stärke der Deutschen aus, die den Zerstörer Bison in dem Moment versenken, als die Franzosen Namsos am 3. Mai evakuieren.

Zur gleichen Zeit liefern sich die französischen Truppen gemeinsam mit ihren britischen, norwegischen und polnischen Waffenbrüdern in Narvik äußerst harte Kämpfe gegen die deutschen Truppen, die sie am 28. Mai zurückdrängen und abwehren. Die „Eisenroute“ ist unterbrochen... der Tag, an dem Belgien kapituliert. Die Rückschiffung der alliierten Truppen erfolgt vom 2. bis 8. Juni und der Norwegen-Feldzug endet am 10. Juni, mit der Niederlage unserer Streitkräfte an der französischen Front im Hintergrund. Die Ostsee ist geschlossen, die Eisenroute ist offen, das Nordseehindernis bricht zusammen.

 

patrouilleurs norvégiens Narvik 1940

Drei norwegische Zerstörer und drei Patrouillenboote, die erbeutet wurden und im Hafen von Narvik festgemacht sind. © Deutsches Bundesarchiv/Max Ehlert

 

Was soll man sich vom Norwegen-Feldzug im Gedächtnis behalten? Die Deutschen beweisen hier die ausgezeichnete Nutzung ihrer Kapazitäten, in der Planung und in der Ausführung, trotz einer erdrückenden Überlegenheit der alliierten Marine, die durch eine entscheidende Luftüberlegenheit kompensiert wird. Welche Lehre! Die Alliierten sind sich ihrer Überlegenheit zur See sicher und engagieren sich hinter den Briten, die faktisch das Einsatzkommando übernehmen. Die Überraschung kommt durch die Kombination der Faktoren „Aufklärung“, „Logistik“ und „Beherrschung der Luft“ zustande. Am Ende des Feldzugs hat die Kriegsmarine jedoch 50 % ihrer operativen Kapazitäten verloren. Als die Operationen von Dünkirchen stattfinden, stehen ihr nur noch ein schwerer Kreuzer, zwei leichte Kreuzer und vier Zerstörer zur Verfügung[5].

Ein französisch-britisches Expeditionskorps, das für den Kampf gegen die Sowjets bestimmt ist, wird gebildet, aufgelöst und neu gebildet, um gegen die Deutschen zu kämpfen, die ihm überlegen sind und dann nach ihnen landen. Bei den Alliierten, ein anderes Einsatzkonzept, ein minimaler Aufbau der operativen Planung und eine Durchführung der Einsätze auf Basis einer Vorbereitung zu einem anderen Zweck, auf einem anderen Schauplatz, aber mit denselben Truppen. Ein desorganisierter Entscheidungsprozesses, ein Durcheinander in den politischen Reaktionen und ihrer militärischen Umsetzung sowie eine äußerst schlechte Koordination zwischen den Alliierten: so wird die 146. britische Brigade, bevor sie in Narvik landet, Richtung Namsos umgeleitet, ohne die Franzosen, die Norweger oder ihren General zu verständigen!

 

canon norvégien Narvik 1940

Ein 7,5-cm-Feldgeschütz der norwegischen Armee in Aktion bei den Kämpfen im Norden von Narvik, Mai 1940. Public Domain

 

Es bleiben bemerkenswerte Ergebnisse der Alliierten, ohne irgendeine Koordination im Einsatzgebiet, bei denen kleine Häfen ohne Infrastruktur besetzt, Truppen in Passagierschiffen transportiert werden und das Material in langsamen Frachtern, ohne Luftabwehr, ohne Luftunterstützung, ohne ausreichende Begleitschiffe. Im Grunde genommen gleich viele Schauplätze wie Fjorde! Man muss dabei die Tatsache berücksichtigen, dass die Geländebeschaffenheit, die großen Distanzen und das Klima die Schwierigkeiten bei der operativen Koordination minimieren und gewiss einzelne, ganz reale Erfolge erlauben, wie jene der Franzosen in Narvik und anderswo, mitten im verlorenen Feldzug an der französischen Front. Musste man es allerdings tun: sie haben es getan.

Tristan Lecoq - Generalinspektor für nationale Bildung
Beigeordneter Universitätsprofessor (Zeitgeschichte) an der Universität Paris Sorbonne
 
[1] Die operative Ebene beruht für die Deutschen in Norwegen auf einer Folgerichtigkeit von Schauplatz, Umgebung sowie Zwängen und überlässt die Initiative den Kommandanten der Einheiten vor Ort, ohne zu genaue oder zu begrenzte Befehle.
[2] 1938 importierte die deutsche Industrie 22 Millionen Tonnen Eisenerz. 1939 erhält sie aufgrund des Krieges nur mehr 11 Millionen Tonnen, von denen 9 Millionen über Lappland kommen
[3] Zwei aktive Brigaden und zwei Infanteriebrigaden der britischen Landstreitkräfte, die 27. und 5. Halbbrigade der Gebirgsjäger, eine polnische Brigade und ein Regiment der Fremdenlegion (die zur 13. Halbbrigade der Fremdenlegion oder DBLE wird) für die Franzosen, sowie Waffenabordnungen, wie Panzer. Dazu sollten gewisse Teile der norwegischen Armee kommen.
[4] Die deutschen Streitkräfte (fünf Infanteriedivisionen, zwei Gebirgsdivisionen, Fallschirmspringereinheiten) sind in Kampfgruppen zusammengestellt. Eine Kampfgruppe oder taktische Gruppe ist eine Einheit mit verbundenen Waffen (Infanterie, Artillerie, Panzer, Pioniere und Übertragungen...), deren Organisation vom Auftrag abhängt (Auftragstaktik).
[5 Das Verschwinden des Flugzeugträgers HMS Glorious, der am 8. Juni in norwegischen Gewässern vom Schlachtkreuzer versenkt wurde, gleicht diese Verluste in keiner Weise aus, umso mehr, als das deutsche Schiff torpediert und schwer beschädigt wird.