Perspektive der Lehrkraft: Gespräch mit Jackie Pouzin

Gesamtansicht der Reste des ehemaligen Lagers Montreuil-Bellay. © B. Renoux/DRAC Pays de la Loire

Jackie Pouzin ist Professor für Geschichte und Geografie am Gymnasium Vadepied in Évron (Mayenne). Seit mehreren Jahren sensibilisiert er seine Schüler für die Geschichte und das Gedenken des „Zigeunerlagers“ von Montreuil-Bellay im Département Maine-et-Loire.

Corps 1

Jackie Pouzin. © DR

Jackie Pouzin. © DR

 

Welchen Platz nimmt die Geschichte der Sinti und Roma heute in den Lehrplänen der Schulen ein?

 

Im Gymnasium gehört die Geschichte der Sinti und Roma zum Thema 2 „Vernichtungskrieg und Genozid an Juden und Sinti und Roma“ des Lehrplans der ersten Klasse.

 

Die Behandlung dieses Themas mit dem Lehrbuch (Bordas) in unserem Gymnasium räumt der besonderen Geschichte der Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs nur wenig Platz ein. Es gibt kaum Dokumente, die ausdrücklich auf die Sinti und Roma hinweisen: ein Foto und eine Karte. Die Geschichte der Sinti und Roma ist zwar deutlich in den Lehrplänen enthalten, aber in den Lehrbüchern zu wenig präsent: es hängt daher alles vom Unterricht des Professors ab. Die eingeräumte Zeit ist ziemlich kurz: 2 bis 3 Stunden, selten mehr. Das Thema wird also am Rande behandelt.

 

In der letzten Klasse bietet das Thema 1 des Lehrplans mit dem Titel „Die Beziehung der Gesellschaften in ihrer Vergangenheit“ dem Professor folgende Themen zur Auswahl: „Der Historiker und die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg“ oder „Der Historiker und die Erinnerungen an den Algerienkrieg“.

 

Es ist daher absolut möglich, die Geschichte der Sinti und Roma in den Unterricht einzubinden, um die Frage der Entwicklung des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg zu behandeln. Die Entscheidung liegt beim Lehrer.

 

Wie lässt sich erklären, dass die Sinti und Roma so lange nicht im kollektiven Gedenken vorkamen?

 

Meiner Meinung nach ist die besondere Geschichte der Sinti und Roma vor allem auf Grund ihrer großen Komplexität in der Öffentlichkeit immer noch wenig bekannt, aber auch, weil es bis vor kurzem kaum spezifische Arbeiten dazu gab. Ich selbst habe mich erstmals persönlich mit dem Schicksal der Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt, als uns der Concours national de la Résistance et de la Déportation (CNRD, nationaler Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation) dazu ermutigte, Freiwillige unter den Schülern im „Zigeunerlager“ Montsûrs arbeiten zu lassen. Dann haben mich die Arbeiten des Historikers Jacques Sigot veranlasst, tiefer in dieses Thema einzutauchen. Er hat vor allem mündliche Zeugnisse von ehemaligen Internierten gesammelt. Seine Forschungsarbeiten lieferten auch die Inspiration für den Film Liberté von Tony Gatlif.

 

Ich persönlich erinnere mich, als Kind regelmäßig am Lager, das an der D 347 liegt, entlanggegangen zu sein (mein Großvater hatte einen Bauernhof in der Nähe), sodass ich de facto den Verfall der Stätten beobachtet hatte. Niemand konnte mir jedoch jemals die Bestimmung dieses Platzes sagen, außer dass es sich um Baracken handelte, die im Krieg errichtet wurden! Um dieses lange, kollektive Vergessen zu erklären, muss man auch die Kultur der Sinti und Roma sowie ihre Tradition der mündlichen Überlieferung ihrer Geschichte berücksichtigen.

Vue d’ensemble des restes de l’ancien camp de Montreuil-Bellay. © B. Renoux/DRAC Pays de la Loire.

Gesamtansicht der Reste des ehemaligen Lagers Montreuil-Bellay. © B. Renoux/DRAC Pays de la Loire.

 

Sie haben dann auch versucht, diese Geschichte Ihren Schülern anhand der Landschaft des ehemaligen Lagers von Montreuil-Bellay zu vermitteln.

 

Ich versuche, so weit wie möglich, eine Verbindung zwischen dem regionalen Raum und der Umgebung, in der sich die Schüler bewegen, und dem Geschichte- und Geografie-Lehrplan herzustellen. Jedes Jahr sind die Schüler überrascht, wenn sie entdecken, dass es in Évron ein Lager mit Gefangenen gab, die zu Zwangsarbeit verurteilt waren. Die Erinnerung an dieses Lager ist fast verschwunden und die einzige Spur, die man heute findet, ist der Straßenname: „Rue du camp“ (Lagerstraße). Ich erzähle daher von den verschiedenen Arten von Lagern, die im Département verteilt waren, dann erweitern wir den Nachdenkprozess auf die regionale Ebene. Diese Vorgehensweise lässt die Logik des generalisierten „Lagers“ besser verstehen.

 

In Montreuil-Bellay wurden Sinti und Roma eingepfercht, denen die Behörden dieser Zeit aus verschiedenen Gründen misstrauten. Dieses Einsperren im Lager hatte für die örtliche Bevölkerung etwas Beruhigendes. So hatte auch das allmähliche Verschwinden des Lagers aus der Landschaft keine besonderen Emotionen hervorgerufen und ohne die Untersuchungen durch Jacques Sigot wären heute keine Spuren mehr geblieben. Es dauerte bis zum 29. Oktober 2016, dass Frankreich seine Verantwortung für die Internierung der französischen Sinti und Roma mit der Stimme des Staatspräsidenten anerkannte.

 

Welche Mittel und Unterlagen haben Sie eingesetzt, um diese Geschichte anhand der Einrichtung in Montreuil-Bellay zu unterrichten?

 

Ich arbeite vor allem mit Fotoarchiven und insbesondere mit den verfügbaren Luftbildern, die zumeist vom IGN aufgenommen wurden. Zum Beispiel ist das Lager Évron auf einem Luftbild aus dem Jahre 1947 genau sichtbar. Diese Fotos sind auf der öffentlich zugänglichen Website des IGN „Remonter le temps“ (Reise in die Vergangenheit) verfügbar, aber auch im Édugeo, einer der pädagogischen Ressourcen des Éduthèque-Portals. Das IGN hat den Großteil seines Fotobestandes digitalisiert: man kann für ein bestimmtes Gebiet die historischen Luftaufnahmen herunterladen, die in regelmäßigen Abständen gemacht wurden. Daher lassen sich die räumlichen Veränderungen manchmal äußerst genau verfolgen!

 

Außerdem verwende ich eine eigene Software (Qgis), um diese Bilder mit einem GPS-Modul zu zeigen, sodass man die alten Luftbilder an eine moderne geografische Vorgabe anpassen kann. Schließlich erhält man ein diachronisches Abbild eines bestimmten Gebiets. Für das Lager Montreuil-Bellay habe ich also die verfügbaren Bilder heruntergeladen, um das schrittweise Verschwinden des Lagers zu rekonstruieren, das auf den verschiedenen Luftaufnahmen des IGN sichtbar ist.