Christian Carion

Chapeau

Nach Joyeux Noël, einem historischen Film, der die Verbrüderung an der Front zu Weihnachten 1914 darstellt, interessiert sich Christian Carion für den Exodus in seinem letzten Spielfilm En mai fais ce qu'il te plaît. Er berichtet uns von den Gründen seiner Wahl und dem pädagogischen Projekt, das seinen Film begleitet hat.

Christian Carion. © DR
Texte

Warum haben Sie beschlossen, einen Film über diese präzise Periode des Exodus zu drehen?

Im Norden Frankreichs, von wo ich herkomme, waren alle Familien von dieser Periode sehr geprägt. Meine Mutter, 14 Jahre alt, hat den Mai 1940 miterlebt, und dieser Exodus ist noch sehr präsent in meiner Familie, wie in allen anderen dieser Region. Acht Millionen Menschen auf den Straßen, das bleibt in der Erinnerung. Man kann der Meinung sein, dass dies kein wirkliches Ereignis ist, weil es sich um einen wenig ruhmreichen Moment handelt, die Bevölkerung wird von den Autoritäten verlassen. Da sie nicht die Gewohnheit haben, auf sich selbst gestellt zu sein, sind die Leute auf der Straße verloren. Der Zusammenbruch des Staates war ein richtiger Schock für die Bevölkerung. Mein Großvater, Bürgermeister unseres Dorfes und vehementer Republikaner (im Film von Olivier Gourmet dargestellt), verlässt das Dorf mit der Büste von Marianne. Alles, woran er geglaubt hatte, existierte nicht mehr. Der Historiker Olivier Wieviorka, mit dem wir zusammengearbeitet hatten, hat uns gesagt, dass Vieles vom Verhalten der Franzosen während des Krieges auf den Exodus, diese schreckliche moralische Niederlage zurückzuführen ist. Das Volk glaubt nicht mehr an die politische Elite, weil es sich verlassen fühlt. Das Trauma ist umso schlimmer für diese Generation, die die deutsche Besatzung erlebt hat, vor der sie jetzt erneut fliehen muss, jetzt als die Häuser gerade erst wieder aufgebaut wurden.

Wie gestaltete sich die dokumentarische Arbeit bei der Vorbereitung des Films?

Mein Ausgangspunkt war das, was mir meine Mutter erzählt hat. Ich wandte mich an France 3 Nord - Pas-de- Calais und Picardie, um Erzählungen über die Flucht zu sammeln. Und da waren wir von der Zahl der Zeugenberichte der Bewohner überwältigt: Zahlreiche Briefe, aber auch Tonaufnahmen ihrer Großeltern. Die Worte waren endlich befreit. All dieses Material wurde transkribiert; es wird später an die Archive der jeweiligen Départements zurückgegeben. Die Berichte überschnitten sich mit denen meiner Mutter und lieferten uns Anekdoten, die einen Teil des Drehbuchs ausmachten. Aber ich wollte einen offeneren, nicht ausdrücklich französischen Film machen. Ich wusste, dass die britischen Soldaten, im Chaos verstrickt, nicht nach Dünkirchen gelangen konnten, daher kommt der schottische Charakter im Film. Es lag mir auch am Herzen, einen Deutschen zu zeigen, der kein Nazi ist – der Charakter von Hans im Film, der aus Deutschland flieht (man schätzt, dass 30.000 deutsche Zivilisten nach Frankreich geflohen waren) und von nun an im Exil lebt. Ich wollte, dass der Krieg von einem individuellen Standpunkt aus betrachtet wird, aus menschlicher Sichtweise des Alltags, was einen anderen Blick auf die Geschichte ermöglicht.

Können Sie uns vom pädagogischen Projekt berichten, das den Lehrern angeboten wurde?

Gleichzeitig mit der Erstausstrahlung des Films erfolgte ein umfassender Aufruf an die Geschichts-, Geografie- und Französischlehrer im Norden Frankreichs. Es geht zunächst darum, den Schülern Zugang zu den zahlreichen Zeugenberichten, die wir bei den Vorbereitungen gesammelt hatten, zu bieten. Diese Berichte stellen ein reiches Material dar, die lebendige Erinnerung der Flucht. Auf dieser Grundlage können die Lehrer ein föderatives Projekt aufbauen. Jede Klasse kann auf einer dafür eingerichteten Website Berichte von Familienmitgliedern der Schüler eingeben. Ziel ist es, die junge Generation auf die Wichtigkeit des Gedenkens und die Bedeutung der Überlieferungen aufmerksam zu machen und ein gemeinschaftliches, fächerübergreifendes Arbeiten in den Klassen zu fördern. Auf Initiative von Parenthèse Cinéma wurde das Projekt mit Hilfe einer Lehrerin für Geschichte, Geografie und Kunstgeschichte entwickelt, die ein sehr umfangreiches pädagogisches Material zusammengestellt hat, das vielfältige Aktivitäten rund um den Film und das Thema der Flucht anbietet, die in Zusammenhang mit dem Lehrplan stehen.

Ein online abrufbares Lehrerhandbuch präzisiert die praktischen Modalitäten.


Auteur
Die Redaktion

Artikeln der Zeitschrift