Selbstschutzpolizei : Kollaborateure innerhalb der Polizei

Anfang Januar 1944 bringen die Deutschen in Vichy Joseph Darnand, Leiter der Miliz, an die Macht, der als Generalsekretär zuständig ist, für Ordnung zu sorgen. Da die Landung der Alliierten nur noch eine Frage der Zeit ist und Pétain der Besatzungsmacht in keinster Weise mehr vertraut, ist die Stunde gekommen, durch diese Ernennung die Kollaboration endgültig mit Hilfe von ”Extremisten” zu beenden.

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Eine ergänzende Polizei, zusammengesetzt aus Extremisten der Kollaboration

Joseph Darnand, der neue starke Mann, übernimmt das Kommando über die gesamten Polizeikräfte: Staatspolizei, Gendarmerie, Zoll, mobile Gruppen der Reserve, Polizeipräfektur in Paris, Berufsfeuerwehr, Kommunikationsgarde, Strafvollzugsbeamte und Sonderkommandos der Polizei. Die Männer der Miliz erhalten verschiedene Schlüsselposten im repressiven Machtapparat Frankreichs.

Gleichzeitig vergessen die deutschen Nachrichtendienste jedoch nicht die bewaffnete Rolle, die möglicherweise die kollaborierenden Parteien spielen könnten, die seit Monaten mit Nachdruck darauf drängen, aktiv zu werden. Dies führt dazu, dass sie zwar einerseits Darmant die Führung über die französische Polizei anvertrauen, andererseits aber die Leiter der Geheimpolizei der Nazis in Paris darauf drängen, ,eine neue paramilitärische Streitkraft unter deutschem Kommando aufzubauen: hierbei handelt es sich um die Selbstschutzpolizei, offiziell im Dienst ”gegen den Bolschewismus”, die sich aus Mitgliedern der kollaborierenden Parteien zusammensetzt.

Um dieses Ziel zu erreichen, nehmen am 9. November 1943 die Leiter der wichtigsten betroffenen Parteien (Nationaler Zusammenschluss des Volkes, Parti populaire français, Mouvement social révolutionnaire) an einer Konferenz in Paris teil, bei der auch die Verantwortlichen der Nazi-Geheimpolizei anwesend sind. Wie bereits erwähnt, geht es darum eine ”ergänzende Polizei für den Fall der Landung der Alliierten” zu gründen. Ihr Ziel soll es sein, die ”Terroristen” zu bekämpfen sowie Überwachung und Schutz für die Versorgungslager zu gewährleisten. Die deutsche Seite verfolgt andere Ziele: ”Diese Männer können den Aktivisten […] in ihren Arbeitsgebieten gute Dienste leisten. Gleichzeitig erhoffen wir uns dadurch ein erweitertes politische Bewusstsein seitens der Kollaborateure”. Der Leiter der SIPO-SD in Paris (Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst, Polizei im Dienste der nationalsozialistischen Partei) kümmert sich um die ”politischen” Anweisungen und das Zusammentragen von Informationen. Der Leiter der deutschen Polizei hingegen ist zuständig für die ”technische” Ausbildung und die Logistik, wobei bis zu diesem Zeitpunkt automatische Waffen für die französische Polizei verweigert wurden. Am 13. November wird dieser Vorschlag während einer Konferenz im Büro von Karl Oberg, Leiter der Sicherheitspolizei der Nazis im besetzten Frankreich validiert. Am 24. November stimmt der deutsche Militärkommandant in Paris diesem Vorschlag zu und stellt das Schloss Vaucelles in Taverny, nordwestlich von Paris, für die Ausbildung der neuen Rekruten zur Verfügung.

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Der Text von Karl Oberg, der diese Selbstschutzpolizei offiziell bestätigt, datiert erst auf den 12. Februar 1944 (siehe Tonbildschau). Dieser Text erteilt ”den Mitgliedern der französischen Parteien eine Genehmigung für die besetzten Zonen sowie die Ausübung von Gesetzen gegenüber französischen Staatsbürgern, die [nicht] mit einer Partei in Verbindung stehen, mit dem Ziel, Ruhe und Ordnung auf Seiten der deutschen und französischen Polizei herbeizuführen sowie im Falle von inneren Schwierigkeiten oder einem Angriff gegen Frankreich sich an Sondermissionen zu beteiligen”.

Eine begrenzte, aber dennoch schadhafte Macht

Die Mitarbeit beim Selbstschutz unterscheidet sich von der bei der Miliz. Die Mitglieder werden von der Geheimpolizei der Nazis benannt und sie erhalten einen Ausweis (siehe Tonbildschau). Dennoch formt sich Ende März 1944 ein Polizeikader der Nazi, und obwohl der gute Wille besteht, ”bleibt der Wert des menschlichen Potentials eher durchschnittlich. Die überzeugten Aktivisten sind in der Überzahl, dennoch verbleiben zahlreiche Opportunisten. Unfähige und Zweifler wurden im Laufe der Ausbildung eliminiert”. Hinzu kommt, dass die kollaborierenden Parteien keine Männer geschickt haben, weil es ihnen an seriösen Kandidaten mangelte. Während der Ausbildung war keiner von ihnen im Kader vertreten: Der deutsche Verantwortliche kommt zu dem Schluss: ”Die Schwierigkeiten bei der Ausbildung, der Ausrüstung und der Waffen waren und sind sehr umfassend”.

Zunächst war es auch vorgesehen, in Taverny 150 Personen auszubilden, die in der Hauptstadt zum Einsatz kommen sollten, sowie weitere aus 50 Mitgliedern bestehende Gruppen, die in verschiedene Regionen entsendet werden sollten. Die ersten Einheiten sind jedoch erst im Mai 1944 einsatzbereit, in den Regionen Rennes, Toulouse, Dijon und Chaumont, bestehend aus jeweils nur rund 15 Männern unter der Leitung eines deutschen Offiziers.

Dennoch gelang es diesen Einheiten zu agieren und dem Widerstand Schaden zuzufügen. Dies ist aus einem deutschen Polizeibericht vom 1. Juni zu entnehmen, der erst am 9. Mai und in Rennes eintrifft. Bei der vier Tage später ausgeführten Aktion kommt es zu rund 60 Verhaftungen von Menschen, die sich der Zwangsarbeit widersetzt hatten (siehe Tonbildschau). Am 16. Mai werden im Laufe eines Kampfes 14 ”Terroristen” festgenommen, bei dem auch Mitglieder des Selbstschutzes ums Leben kamen. In den darauffolgenden Tagen wird die Garde durch die Männer der Einheit aufgestockt und es folgen mehrere Straßenkontrollen.

Auch wenn die Anzahl und die Effizienz der Mitglieder der kollaborierenden Parteien gering erscheint, so haben sie doch eine starke symbolische Wirkung: Sie kämpften freiwillig in Frankreich für Deutschland, obwohl die Befreiung des Landes bereits begonnen hatte.

Thomas Fontaine

Historiker und Forscher am Zentrum für Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert in Paris 1

WEITERE INFORMATIONEN

Die Archive über die Selbstschutzpolizei sind unterteilt in die Unterserie GR 28 P 8 (deutsche Archive).

  • Ausweis d'un membre de la Selbstschutzpolizei, 1944. © SHD

  • Ausweis d'un membre de la Selbstschutzpolizei, 1944 (traduction). © SHD

  • Lettre de Karl Oberg sur la mise en place d'un corps d'autodéfense français, 12 février 1944 (extrait). © SHD

  • Lettre de Karl Oberg sur la mise en place d'un corps d'autodéfense français, 12 février 1944 (extrait-traduction). © SHD

  • Rapport mensuel du 3e groupe (Selbstschutz) du SD de Rennes, 1er juin 1944, p. 1. © SHD

  • Rapport mensuel du 3e groupe (Selbstschutz) du SD de Rennes, 1er juin 1944, p. 2. © SHD

  • Rapport mensuel du 3e groupe (Selbstschutz) du SD de Rennes, 1er juin 1944 (extrait-traduction) © SHD