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Von Klaus Barbie zu Klaus Altmann

Im nationalen Gedächtnis hatte Klaus Barbie zwei Gesichter. Von der Besatzung bis in die 70er Jahre galt er als der Mann, der mit der Verhaftung von Jean Moulin am 21. Juni 1943 den französischen Widerstand führerlos gemacht hatte. In den Jahren 1970 - 1980 erscheint er eher als ein Rädchen im Getriebe der Endlösung in Frankreich, jener der Tausende von französischen Juden deportieren ließ, darunter die Kinder von der Kolonie von Izieu, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für das er letztendlich 1987 vor Gericht gestellt und verurteilt wird.

Corps 1

Ganz alleine stellt Barbie die Entwicklung der Darstellung der Vergangenheit dar, vom patriotischen Kult der Nachkriegszeit bis zur heutigen zentralen Bedeutung der Shoah. Klaus Barbie ist jedoch zu Beginn nur einer unter vielen Offizieren der SIPO-SD, der Polizei des Dritten Reichs, dessen Aufgabe es war, überall im besetzten Europa, die Unterdrückung der Gegner und Widerstandskämpfer und die Verfolgung der Juden durchzusetzen.

Klaus Barbie wird 1913 in Bad-Godesberg als Sohn von katholischen Landschulmeistern geboren. Sein Vater, der in Verdun verletzt worden war, ein gewalttätiger Alkoholiker, stirbt 1933, was ihn daran hindert, sein Theologiestudium fortzusetzen. Er tritt danach der Hitlerjugend bei und findet im gleichen Jahr seine erste Arbeitsstelle beim Reichsarbeitsdienst, der den noch verbotenen Militärdienst ersetzt. 1935, sehr jung (und sehr früh) wird er vom Sicherheitsdienst (SD), der Nazi-Partei, rekrutiert und der Regionaldirektion von Düsseldorf zugewiesen, unter der Leitung von Helmut Knochen, dem späteren stellvertretenden Vorsitzenden der SIPO-SD im besetzten Frankreich. 1937 tritt er der Nazipartei bei und wird zu einem von seinen Vorgesetzten beachteten Aktivisten und Polizisten.

Corps 2

“Der Schlächter von Lyon”

Bei der Offensive im Mai 1940 wird er dem Einsatzkommando in Amsterdam zugeteilt, das die Aufgabe hat, Gegner der Nazis und Flüchtlinge aufzuspüren. 1942 wird er nach Frankreich, in die Gegend von Gex geschickt, um die geheimen Grenzübertritte in die Schweiz zu überwachen. Nach dem 11. November 1942, Tag der Invasion der Südzone, schließt er sich der Abteilung IV der SIPO-SD in Lyon (Gestapo) an und übernimmt wenig später deren Leitung und wird so zum starken Mann der gesamten SIPO-SD von Lyon unter der Leitung von Werner Knab. Er wird mit der “Judenfrage” und dem Kampf gegen die Widerständler betraut. Sein Geschick, seine Unerbittlichkeit bei Verhören und die Angst, die er einflößt, führen dazu, dass er der “Schlächter von Lyon” genannt wird. Am 21. Juni 1943, dank einer erfolgreichen Verfolgungsjagd und der Unvorsichtigkeit einiger Widerstandskämpfer (siehe Tonbildschau), verhaftet er Jean Moulin, einen der wichtigsten Führer des Widerstands, den er foltern und sterben lässt (siehe ”Schlechte Nachrichten” aus Frankreich). Er führt seine Aktivitäten bis zur Befreiung, weiter, insbesondere die Verfolgung von Juden, die Auflösung der Zweigstelle in Lyon der l'Union générale des israélites de France (UGIF) am 9. Februar 1943, die Deportation von 44 jüdischen Kindern und 7 Erwachsenen der Kolonie in Izieu am 6. April 1944 und auch die Organisation des letzten Konvois (650 Gefangene) von Frankreich nach Auschwitz am 11. August 1944. Insgesamt hat er mehrere tausend Personen gefoltert, deportiert und umgebracht.

Ein gut beschützter Flüchtiger

Im August 1944 gelingt es ihm, nach Deutschland zu fliehen und sich dort zu verstecken. 1946 wurde er angeblich von den Briten gefangen, aber es gelang ihm, ihnen zu entkommen. 1947 wird er von der amerikanischen Spionageabwehr entdeckt (Counter Intelligence Corps oder CIC) die zögert, ihn als gesuchten Kriegsverbrecher festzunehmen, oder seine angebotenen Dienste in Anspruch zu nehmen. Er bietet seine Erfahrung im Bereich der Aufklärung und seine antikommunistische Einstellung an. Wie viele andere ehemalige SS-Mitglieder wird Barbie als Informant rekrutiert und arbeitet für den CIC von April 1947 bis März 1951. Trotz mehrerer Bemühungen (siehe Tonbildschau) schaffen es die französischen Behörden nicht, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen, auch wenn er im Mai und Juli 1948 von französischen Richtern verhört werden konnte. Diese Praktiken finden im Rahmen des beginnenden Kalten Krieges und der Rivalitäten zwischen den Aufklärungsdiensten der Alliierten statt, die immer wieder - auch die Sowjets - auf “nützliche” ehemalige Nazis zurückgreifen. Sie werden mehrere Jahrzehnte später offiziell aufgedeckt und zugegeben, nach der Verhaftung von Klaus Barbie im Jahr 1983.

Klaus Barbie wurde dennoch zweifach, 1952 und 1954, wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt, jedoch in Abwesenheit, da er mit Hilfe des CIC 1951 unter der von der CIC beschafften neuen Identität Klaus Altmann nach Bolivien geflohen war. Dort bleibt er bis 1983 und steht den diktatorischen Regimen als Berater zur Seite.

Verurteilt für Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Im Februar 1972 erweckt ein Fernsehinterview in La Paz mit dem französischen Journalisten Ladislas de Hoyos sowie Beate Klarsfeld und Ita-Rosa Halaunbrenner, die ihren Mann, ihren ältesten Sohn und zwei ihrer Töchter wegen Klaus Barbie verloren hat, das Interesse der internationalen Medien, und das Blatt wendet sich: Trotz seiner Beschützer wird das ehemalige SS-Mitglied jetzt als unbestrafter Verantwortlicher der Shoah in Frankreich angesehen.

Nach der Einführung einer demokratischen Regierung in Bolivien und Dank der Aktionen von Robert Badinter, Serge und Beate Klarsfeld sowie Régis Debray, wird der ehemalige SS 1983 gefangen genommen und nach Guyana ausgewiesen, von wo er nach Lyon überführt und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wird. Ungeachtet einiger Kontroversen zwischen ehemaligen Widerstandskämpfern und deportierten Juden und Dank fast hundert Zeugenaussagen, stellt sein Prozess einen Wendepunkt im Gedenken an die Besatzung dar. “Das war im Krieg, und der Krieg ist aus”, sagt Klaus Barbie am Ende der Verhandlungen. Jedoch war er niemals Soldat, noch Krieger, sondern ein wirksames Mittel einer politischen Polizei, die für den Tod von Millionen von Menschen in ganz Europa verantwortlich war.

Henry Rousso

Historiker, Forscher am CNRS,

am Institut d'histoire du temps présent

WEITERE INFORMATIONEN

Die Akte über René Hardy, aus der das Verhör von Klaus Barbie stammt, wird unter dem Aktenzeichen GR 28 P 9 abgelegt

  • Klaus Barbie en uniforme de capitaine de la SS, sans date. © Bundesarchiv

  • Recherche de renseignements sur l?affaire Barbie, 8 mai 1950, p. 1 © SHD

  • Recherche de renseignements sur l?affaire Barbie, 8 mai 1950, p. 2 © SHD

  • Recherche de renseignements sur l?affaire Barbie, 8 mai 1950, p. 3 © SHD

  • Recherche de renseignements sur l?affaire Barbie, 8 mai 1950, p. 4 © SHD

  • Échanges d?informations entre les services secrets français et américains sur Klaus Barbie, 13 mai 1950, p. 1. © SHD

  • Échanges d?informations entre les services secrets français et américains sur Klaus Barbie, 13 mai 1950, p. 2. © SHD

  • Compte rendu de l'interrogatoire de Klaus Barbie en Allemagne par les services spéciaux français, 14 mai 1948. © SHD