Alain-Fournier

1886-1914
Portrait von Henri-Alban Fournier

 

"Wie sollten wir diesen schrecklichen Weg finden, auf dem sie vor uns geflohen ist, über die Wenden zu Tod hinweg, diese Seele, die nie ganz eins mit uns war, die uns zwischen den Fingern entwich wie ein träumerischer und verwegener Schatten" ? "Ich bin vielleicht nicht vollkommen reell."

Als Alain-Fournier auf diese vertrauliche Anmerkung von Benjamin Constant stieß, wurde er davon tief bewegt. Sofort bezog er diesen Satz auf sich selbst und empfahl uns feierlich - ich erinnere mich noch genau daran - ihn nie zu vergessen, wenn wir in seiner Abwesenheit etwas über ihn erklären müssten." Ich sehe genau, was in seinen Gedanken war: "Bei allem, was ich tue, fehlt etwas, um es ernsthaft, offensichtlich, unbestreitbar zu machen. Aber auch der Bereich, in dem ich mich bewege, ist nicht ganz dieselbe wie der eure. Er ermöglicht es mir vielleicht, dahin zu gelange, wo ihr einen Abgrund seht : Für mich besteht vielleicht nicht dieselbe Zusammenhangslosigkeit wie für Euch zwischen dieser Welt und der anderen."

Auszug aus dem Vorwort von Jacques Rivière zum posthumen Werk "Miracles" (1924), einer Sammlung verschiedener Gedichte und Prosatexte von Alain-Fournier.

Henri-Alban Fournier wurde am 3. Oktober 1886 in La Chapelle-d'Angillon im Departement Cher geboren. Sein Vater wurde 1891 zum Volksschullehrer in Epineuil-le-Fleuriel ernannt, in der Henri ebenfalls bis 1898 Schüler war, bis er in die 6. Klasse des Gymnasium Voltaire in Paris kam. 1901 besuchte er das Gymnasium in Brest und hatte zunächst die Absicht, in die Marineschule einzutreten, gab diesen Plan jedoch sehr bald auf und kam Ende 1902 ins Gymnasium von Bourges, wo er 6 Monate später das Abitur ablegte.

Im Herbst 1903 trug er sich im Gymnasium Lakanal in Sceaux zur Vorbereitung auf den Wettbewerb für die Aufnahme in die École Normale Supérieure ein. Dort lernte er Jacques Rivière kennen, der sein bester Freund (ihre Korrespondenz - eine der schönsten der französischen Literatur - wurde zwischen 1926 und 1928 veröffentlicht), und etwas später sein Schwager wurde, als er 1909 seine jüngere Schwester Isabelle Fournier heiratete. 1906 misslang Fournier sein Projekt, in die Ecole Normale Supérieure aufgenommen und Lehrer zu werden. Er versuchte es zum zweiten Mal mit einer Vorbereitung auf den Wettbewerb im Gymnasium Louis Le Grand, aber auch hier misslang es ihm, in die Ecole Normale Supérieure aufgenommen zu werden.

In dieser Zeit erlebte Alain Fournier ein Ereignis, dass ausschlaggebend für sein späteres seelisches und literarisches Leben: Am 1. Juni 1905 kreuzte er beim Verlassen des Grand Palais ein junges Mädchen, das sehr schön war. Er folgte ihm in einiger Entfernung bis zu seinem Haus am Boulevard Saint Germain. Am 11. Juni begab er sich erneut dorthin und sprach sie beim Verlassen des Hauses mit einem leisen "Sie sind schön" an. Yvonne de Quiévrecourt antwortete nicht, sondern ging in die Kirche von Saint-Germain des Près. Nach der Messe hatten die beiden jungen Leute jedoch ein langes Gespräch, an dessen Ende Yvonne ihm mitteilte, dass sie verlobt und damit ihr Schicksal bereits festgelegt sei. Yvonne de Quiévrecourt wurde Yvonne de Galais in dem Roman "Der große Meaulnes" (oder auch "Der große Kamerad") und heiratete 1907.
Im Jahr darauf wurde Henri-Alban Fournier zum Wehrdienst eingezogen. Er besuchte dabei zuerst die Offizierschule in Laval und wurde anschließend als Leutnant dem 88. Infanterieregiment in Mirande im Departement Gers zugewiesen. Immer noch von der Gestalt von Yvonne besessen, verfasste er dort seine ersten Gedichte und Essais, d.h. seine ersten literarischen Werke, die nach seinem Tod von seinem Freund Jacques Rivière unter dem Titel "Miracles" veröffentlicht wurden (1924). Nach dem Wehrdienst fand Henri-Alban Fournier im April 1910 Arbeit als Journalist bei der Zeitung "Paris-Journal" für die er regelmäßig einen "courrier littéraire" schrieb. In dieser Zeit hatte er auch eine Beziehung mit Jeanne Bruneau, einer Modistin in der Rue Chanoinesse, die er bereits in Bourges kennengelernt hatte. Diese Beziehung, die bis April 1912 dauerte, inspirierte ihn wahrscheinlich für die Rolle von Valentine in dem Roman "Der große Meaulnes".

In diesem Zeitraum begann er in seiner Wohnung in der Rue Cassini mit der Aufzeichnung seines autobiografischen Romans "Le Grand Meaulnes". 1912 verließ er die Redaktion der Zeitung und trat - mit der Unterstützung durch Charles Péguy - in den Dienst von Claude Casimir-Perier, dem Sohn des ehemaligen französischen Staatspräsidenten. Dort unterhielt der junge Mann eine recht ungetüme Beziehung zur Gattin des Politikers, der Schauspielerin Pauline Benda, die in den Künstlerkreisen der Hauptstadt besser unter ihrem Pseudonym "Madame Simone" bekannt war.

Im Februar 1913 erhielt Henri-Alban Fournier zum letzten Mal eine Zusammenkunft mit seiner Jugendromanze Yvonne de Quiévrecourt (inzwischen Madame Vaugrigneuse), die inzwischen Mutter von zwei Kindern war. Zwischen Juli und November 1913 begann die Nouvelle Revue française mit der Veröffentlichung seines Romans "Le Grand Meaulnes", den er Anfang desselben Jahres beendet hatte. Das Werk wurde anschließend als Buch (1913) bei dem Verleger Émile-Paul herausgegeben, wobei der Autor bei derselben Gelegenheit den Namen Alain-Fournier annahm. "Le Grand Meaulnes" wurde in diesem jahr auch für den Literaturpreis "Prix Goncourt" vorgeschlagen und wurde nur knapp von dem Buch "Le Peuple de la Mer" von Marc Elder geschlagen. Anfang des Jahres 1914 machte sich Alain-Fournier an ein Theaterstück, "La Maison dans la forêt" (Das Haus im Wald) und einen neuen Roman, "Colombe Blanchet". Beide Werke sind unvollendet geblieben. Denn der Autor wurde nach der Kriegserklärung im August 1914 eingezogen. Er kam als Leutnant der Infanterie mit seinem 288. Infanterieregiment an die Front. Nach einigen Wochen Kämpfen wurde Alain Forunier am 22. September südlich von Verdun im Gebiet der Maas getötet. Wie zwanzig andere seiner Waffengefährden galt er als vermisst, bis sein Körper 1991 in einem Sammelgrab entdeckt wurde, das von den deutschen Soldanten gegraben worden war. 1992 wurden die Gebeine der 21 Infanteristen des 288. RI - darunter die des Schriftstellers Alain-Fournier im Wald von Saint-Rémy exhumiert und gesammelt. Henri-Alban Fournier ruht nun im Soldatenfriedhof von Saint-Remy-la-Calonne im Departement Meuse.

 

"Ich erhalte alle Deine Briefe, meine liebe kleine Isabelle. Manche erhielt ich sogar mitten im Gefecht. Ich bin bei bester Gesundheit und hoffe, demnächst näher bei Jacques zu sein. Ich bin jetzt dem Stab der Kavallerie zugewiesen. Ich habe viel Zuversicht für den Ausgang des Kriegs. Betet zu Gott für uns. Und habt Ihr ebenfalls Vertrauen. Ich umarme Dich und Deine Jacqueline recht stark und herzlich Dein Bruder Henri"

  • Tombe d'Alain-Fournier. Livre : Hauts lieux de la Grande Guerre