Louise de Bettignies

1880 - 1918
Portrait von Louise de Bettignies. Quelle: beh.free.fr/npc/hcel/index.html

Louise, die "Jungfrau von Orléans des Nordens", ist die Tochter von Julienne Mabille de Ponchevillle und Henri de Bettignies und entstammt somit einer alten wallonischen Adelsfamilie aus dem Hennegau, die im 18. Jh. die königlich-kaiserliche Porzellanmanufaktur von Tournai gründete. Ihr Urgroßvater Louis-Maximilien gründet eine Porzellanmanufaktur im "Moulin des Loups" genannten Weiler von Saint-Amand-les-Eaux. Henri de Bettignies verkauft das Werk aufgrund finanzieller Schwierigkeiten kurz vor der Geburt seiner Tochter. Dem jungen verarmten Mädchen werden trotz allem eine standesgemäße Erziehung und entsprechende Werte vermittelt. Sie studiert in Valenciennes und findet im Studium einen einen Trost für ihre Mittellosigkeit und den Tod ihres Vaters im Jahr 1903. Sie beschließt zunächst, dem Weg ihres Bruders und ihrer Schwester in das religiöse Leben zu folgen und in ein Kloster einzutreten, ändert danach jedoch ihre Pläne und nutzt ihre intellektuellen Fähigkeiten, um eine Stellungen als Gouvernante in englischen und deutschen Familien anzunehmen und auf diese Weise deren Sprachen zu erlernen und Europa zu entdecken. Im Jahr 1914 fallen die deutschen Truppen in den Norden Frankreichs ein. Louise engagiert sich gemeinsam mit ihrer Schwester in der Verteidigung von Béthune, indem sie die belagerte Stadt mit Nahrungsmitteln versorgt.

Im Februar 1915 wird die junge Frau während eines Aufenthalts in Saint-Omer von einem französischen Offizier des 2. Büros kontaktiert, der ihr vorschlägt, ihrem Land im Nachrichtendienst zu dienen. Dieser Vorschlag wird kurz danach von Major Kirke für den britischen Nachrichtendienst wiederholt. Sie holt hierfür zunächst die entsprechende Zustimmung ihres geistigen Führers, Vater Boulengés, dem sie ihren Spitznamen 'Jungfrau von Orléans des Nordens' verdankt, ein. Daraufhin organisiert sie im Bezirk von Lille, beraten von Monseigneur Charost, dem Bischof von Lille, die Anfänge des zukünftigen "Service Alice" oder "Service Ramble". Über Belgien oder die Niederlande übermittelt die junge Frau unter dem Namen Alice Dubois Informationen nach Großbritannien. Ab Frühling 1915 wird sie hierbei von der aus Roubaix stammenden Marie-Léonie Vanhoutte alias Charlotte Lameron unterstützt. Letztere war seit August 1914 in der Einführung des Rettungsdienstes tätig gewesen und nutzt ihren Status jetzt für ihre Spionagetätigkeit. Anlässlich ihrer Reisen zwischen Bouchaute, Gand und Roubaix, die an sich der Übermittlung von Nachrichten an die Familien von Soldaten und der Verteilung von Post dienen sollen, informiert sie die Briten über die Bewegungen der deutschen Truppen und strategische Stellen. Das Alice-Netzwerk besteht aus vierundzwanzig Personen. Es arbeitet so effizient, dass Informationen innerhalb von vierundzwanzig Stunden gesammelt und übermittelt werden können. Es besteht aus zwei Polen. Der erste dient der Überwachung der belgischen Grenze und der deutschen Truppenbewegungen. Es besteht somit aus an strategischen Stellen platzierten Beobachtern und Mittelsmännern: Schrankenwärtern, Bahnhofsvorstehern, örtlichen Widerstandskämpfern wie den Herren Sion oder Lenfant, dem Polizeikommissar von Tourcoing. Den zweiten Pol bilden in der Region Lille, Frelingues, Hellemmes, Santes und Mouscron, wohnhafte Personen, die gegenüber den Besatzungsbehörden eine rege Reisetätigkeit rechtfertigen können. Diese Personen, darunter Comboin genant José Biernan, Madeleine Basteins, Frau Semichon, Frau Paul Bernard, Mme de Vaugirard, Victor Viaene und Alphonse Verstapen übermitteln Informationen über sensible Bereiche (Stellung von Artilleriebatterien, von DT-Posten...) und übernehmen gelegentlich Kurierdienste. Vervollständigt wird das Ganze durch ein Chemielabor, das für die Reproduktion von Karten, Plänen und Fotos verwendet wird, das vom Ehepaar Geyter zur Verfügung gestellt wird. Die auf diese Weise gesammelten Informationen werden auf winzige Blätter Japanpapier übertragen und, großteils zu Fuß, nach Holland, in erster Linie von Louise de Bettignies und Marie-Léonie Vanhoutte, zwischen Gand und Brüssel, und schließlich nach Beerse gebracht.

Ab Mai 1915 arbeitet Alice Dubois von Zeit zu Zeit mit dem zweiten Büro von Kommandant Walner unter dem Pseudonym Pauline. Ihren Aktionen ist die Zerstörung von 2.000 Artilleriefahrzeugen bei den Schlachten von Carency und Loos-en-Gohelle zu verdanken. Im Sommer 1915 wird ein neues Informationsnetz im Sektor von Cambrai-Valenciennes, Saint-Quentin und Mézières eingeführt. Es übermittelt im Herbst 1915 Informationen über einen anstehenden Angriff auf Verdun. Nach dem Einführungs- und Verwaltungsstadium ist Louise de Bettignies mit dem Gegenangriff der deutschen Truppen konfrontiert. Alice und Charlotte haben den Eindruck, überwacht zu werden. Am 24. September 1915 wird Marie-Léonie Vanhoutte nach einem Treffen im Lion Belge (Brüssel) in der Familienpension Adriatiques verhaftet und anschließend in das Gefängnis Saint-Gilles gebracht. Die Bedingungen dieser Verhaftung sind unklar. Charlotte wird zunächst von den Herren Lenfant und Sion dringend aufgefordert, sich nach Brüssel zu begeben, um einen Brief zu überbringen. Sie versäumt daraufhin das ursprünglich vorgesehene Treffen, nimmt jedoch zwei Postkarten entgegen, die ihr in die Auberge geschickt wurden. Die eine ist von Alice, die andere, von einem gewissen Alexandre, enthält die folgende Nachricht: "Kommen Sie so schnell wie möglich, heute abend oder morgen gegen acht zum Lion Belge mit einer Zeitung in der Hand; es geht um Alice". Die deutsche Polizei hetzt sie schließlich ergebnislos durch die Straßen von Brüssel und fordert sie auf, Louise de Bettignies auf einem Foto zu identifizieren. Die zu dieser Zeit in England befindliche Louise kommt nach Frankreich zurück, um die Operationen zu leiten.

Sie wird ihrerseits am 20. Oktober in Tournai beim Versuch, die französisch-belgische Grenze mit falschen Papieren zu überschreiten verhaftet. Ihr Autovermieter Georges de Saever erfährt das gleiche Schicksal. Daraufhin organisieren die deutschen Behörden eine Gegenüberstellung und eine Durchsuchung bei den Geyters. Der von den vom Netzwerk Alice gesammelten Informationen abhängige britische Nachrichtendienst setzt seine Tätigkeiten mit der Organisation "la Dame Blanche" unter der Leitung der Tendel-Fräuleins fort. Louise stößt im Gefängnis von Saint-Gilles schon am 26. Oktober erneut auf ihre Freundin. Sie kommunizieren, indem sie auf die Kanalrohre schlagen. Die Untersuchung untersteht der Leitung von Richter Goldschmidt. Während der sechsmonatigen Untersuchung weicht Louise de Bettignies nie von ihren Aussagen ab: "wie ein Fuchs in seinem Bau, gab sie nichts preis, sprach wenig und leugnete stets". Da die Deutschen nicht in der Lage sind, eine Verbindung zwischen Louise de Bettignies und Alice Dubois nachzuweisen, wenden sie eine besondere Taktik an, um einige Beweisstücke für ihre Akten zu sammeln. Louise Letellier, einer angeblich auch unter dem Kreuzfeuer der Deutschen stehende "Landsmännin" gelingt es, Louise de Bettignies ein Geständnis und sieben Schreiben zu entlocken. Nach Beendigung der ersten Phase seines Plans verwendet Richter Goldschmidt die in den Briefen enthaltenen Informationen, um Marie-Léonie Vanhoutte vom Verrat ihrer Gefährtin zu überzeugen, jedoch vergebens. Am 16. März 1916 verurteilt der in Brüssel tagende Kriegsrat, dem General Von Bissing und der Kriegsberater Stoëber angehören, Louise de Bettignies wegen Spionagetätigkeit zum Tode, ohne jedoch nachweisen zu können, dass sie tatsächlich an der Spitze des Netzwerkes stand. Das Urteil wird vermutlich aufgrund des Renommees der Familie de Bettignies in lebenslange Haft umgewandelt. Marie-Léonie Vanhoutte und Georges, die zunächst zum Tode verurteilt wurden, erhalten schließlich 15 Jahre Arbeitslager wegen Verrat im Kriegszustand und Beihilfe zur Spionage. Diese Revision des Urteilsspruchs soll das Ergebnis einer Erklärung von Louise de Bettignies ihren Richtern gegenüber gewesen sein - ihre einzige Aussage in deutscher Sprache während des gesamten Prozesses! -, in der sie ihre Verantwortung anerkennt und um Gnade für ihre Gefährten bittet. Die Verurteilten absolvieren ihre Strafe ab April 1916 im Gefängnis von Sieburg in der Nähe von Köln. Fast zeitgleich, am 20. April wird Louise de Bettignies von Marschall Joffre mit der Citation à l'Ordre de l'Armée ausgezeichnet. Ende Januar 1917 wird Louise de Bettignies eingekerkert, da sie sich geweigert hat, Munition für das deutsche Heer herzustellen und eine Meuterei unter ihren Mitgefangenen angestiftet hat. Louise de Bettignies erliegt am 17. September 1918 an den Folgen eines schlecht operierten Pleuraabszesses. Sie wird im Westfriedhof von Bocklemünd bestattet. Am 21. Februar 1920 wird Sie in ihre Heimat zurück überführt. Am 16. März 1920 organisieren die Alliierten in Lille eine Zeremonie zu Ehren der 'Jungfrau von Orléans des Nordens', während derer diese mit dem Kreuz der Ehrenlegion, dem Kriegskreuz 14-18 sowie der englischen Militärmedaille ausgezeichnet wird und zum Offizier des Ordens des britischen Königreichs ernannt wird. Louise de Bettignies, alias Alice Dubois, ruht heute im Friedhof von Saint-Amand-les-Eaux. Am 11. November 1927 wird auf Veranlassung von Marschall Foch und General Weygand eine Statue auf dem Boulevard Carnot eingeweiht. In Notre-Dame de Lorette wird in einem Schaukasten das Grabkreuz des Grabes von Louise de Bettignies auf dem Kölner Friedhof sowie die ihr zuerteilte Auszeichnung der Citation à l'Ordre de l'Armée aufbewahrt.

  • Lille : monument en l'honneur de Louise de Bettignies. Source : statues et monuments