Nicole Buresi

Chapeau

Diplomiert in moderner Literatur und Theaterautorin, animierte diese Lehrerin während sechs Monaten einen Schreibworkshop über den Ersten Weltkrieg. Nicole Buresi erzählt uns über ihr gemeinschaftliches Werk, in dem verschiedene Berichte gebündelt sind und das unter dem Namen Bassoles s'en va-t'en guerre veröffentlicht wurde.

Nicole Buresi. © DR
Texte

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Schreibwerkstatt über den Ersten Weltkrieg zu realisieren? Warum haben Sie dieses Thema diesem Schriftwechsel zugrunde gelegt?

Ich erhielt eine entsprechende Anfrage von der Mediathek und der Stadt Loudun. Für sie hatte ich bereits 2013 eine Schreibwerkstatt über "die Worte" durchgeführt. Als man mir für 2013/2014 ein Projekt über den Ersten Weltkrieg im Rahmen der hundertjährigen Gedenkfeiern vorschlug, habe ich zunächst gezögert, schließlich bin ich keine Historikerin.

Aber ich fand die Idee klasse, um mehr über das Leben und die Kämpfe dieser Generation mitzuteilen, einer Generation, die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts geboren wurde, die Urgroßeltern oder Großeltern derer, die schriftlich an der Gruppe teilnahmen, auch wenn das Thema für mich einen äußerst hohen Dokumentationsaufwand mit sich brachte. Die Geschichte ist eine fantastische Quelle, um sich diese schreckliche und sehr emotionsgeladene Epoche vorstellen zu können. Somit hatte ich ausreichend gute Gründe, über dieses Thema zu schreiben.

Die Stimmung in Frankreich im Jahr 1914, die Lebensumstände, der Geist der ländlichen Bevölkerung, der Aufbruch an die Front und die Grausamkeit der Kämpfe...wie ist es Ihnen gelungen, all diese Elemente zu rekonstruieren? Wie sahen Ihre Recherchen aus?

Zur Einstimmung habe ich mich umfassend über das Thema informiert. Ein Jahr Arbeit. Das Dokumentationsangebot war immens groß. Unmöglich, all diese Quellen zu zitieren. Ich las historische Bücher wie z. B. von Jean-Pierre Guéno - Les poilus, Paroles de poilus -, Zeitschriften wie z. B. Les Chemins de la mémoire, Geo und sonstige, habe im Internet Websites wie centenaire.org, chtimiste.com durchsucht, die Daten über die Bataillone geben…, ich habe das Museum in Meaux und das Armeemuseum in Paris besucht, verschiedene Zeitungen, Hefte und Autobiografien von Frontsoldaten gelesen, aber auch vor allem Romane von Barbusse, Cendrars, Chevallier, Dorgelès, Remarque, Junger…- die Comics von Tardi; ich habe mir Filme, Theaterstücke und Dokumentarfilme angesehen, eben alles, das mir geholfen hat, mir die "Stimmung" dieser Epoche besser vorzustellen[1]. Das brauchte ich, um die Teilnehmer zu "inspirieren". Wenn in der Schule den Kindern Wissen von außen übermittelt werden soll, z. B. historische Informationen, ist es wichtig, dass sie sich der Thematik Schritt für Schritt nähern. In der Schreibwerkstatt verhält es sich genau umgekehrt. Es handelt sich nicht um einen Geschichtsunterricht, sondern vielmehr um den Umgang mit sensiblen, handfesten Dingen, um das Interesse zu wecken und auch die Möglichkeit, Situationen und Persönlichkeiten zu erschaffen... und diese an einem Fantasieort, Bassoles, im Jahr 1914 zum Leben zu erwecken.

Warum haben Sie den Erzählstil des Briefromans gewählt?

Ich hatte Vorgaben, die es zu erfüllen galt und die vom Team der Mediathek unter Leitung von Élisa Dersoir aufgestellt worden waren: Es ging darum, einen Schriftwechsel zwischen den Frontsoldaten und ihren Familien niederzuschreiben. Diese Idee hatte mich begeistert. Und es war auch diese Idee, die die Teilnehmer überzeugte. Manchen machte diese Vorgabe Angst, aber diejenigen, die bis zum Schluss geblieben sind, die sechs Frauen, hielten daran fest. Zu Beginn war es nicht klar, dass es ein Roman werden würde. Keiner von uns hatte sich darüber Gedanken gemacht, und ich hatte keine Vorstellung, was wir tatsächlich leisten würden. Der Text hat immer mehr an Form angenommen, dank der Mitwirkung jedes einzelnen.

Hatten Sie im Vorfeld gewusst, wie Sie das das Buch aufbauen möchten?

Überhaupt nicht. Von einem Buch war nicht die Rede, und noch weniger, dass dieses dann veröffentlicht werden sollte! Wir haben die Texte so zusammengetragen, wie sie eintrafen, in all ihrer Diversität: Gedichte, Anamnesen, Erzählungen...Nach und nach haben wir uns die Familien vorgestellt, ihre Lebensumstände, die Traditionen dieser Epoche, die Lieder. Und wir haben Personen im Hintergrund zum Leben erweckt..Sie alle stammten aus demselben fiktiven Kanton Bassoles, in Vienne, und schon bald gelang es uns, Beziehungen zwischen ihnen zu stricken. Beispielsweise die Geschichte des Grand Charlot, die anfangs nicht vorgesehen war. Dabei kam uns natürlich auch der Zufall zu Gute. Und dann, wenn die Persönlichkeiten erst mal da waren, begannen wir mit dem Schreiben und dem Entwickeln der Charaktere. Mit der Zeit wurde klar, dass sich der Rahmen immer mehr zum Roman entwickelte. Wir hatten uns überlegt, ob wir die Briefe zusammenfassen sollten, ab dem Auftauchen von Vater Xavier an Weihnachten 14. Dann haben wir einen Erzähler hinzugefügt, die Briefe datiert, Antworten hinzugefügt, gewisse Gedichte gekürzt, einige Wiederholungen gestrichen, die Beziehungen überarbeitet usw. Kurzum, wir haben alles umgeschrieben und neu geordnet.

Unter welchen Bedingungen haben Sie dieses Buch geschrieben? Wie war die Arbeit in Ihrer Werkstatt organisiert? Das von Ihnen geleitete Werk endet mit Zeichnungen aus dem Atelier für darstellende Kunst in der Mediathek. Können Sie uns über diese Arbeit mehr erzählen?

Wir haben sieben Sitzungen à zwei Stunden abgehalten. Am Ende wurden aus den zwei Stunden oft auch drei Stunden. Wir haben sie nicht mehr gezählt. Wir waren so in das Thema vertieft und haben uns zwischen den Sitzungen viel ausgetauscht.

Wir griffen zurück auf Bilder, Lieder, Gegenstände (Helme, Gewehre usw.), Bilder, Fotos, Auszüge aus Romanen, Gedichte... alles was uns half, die Stimmung einzufangen. Die Namen der Dörfer entstanden auf Basis von Dörfern in der Gegend von Loudun (wie bei Bassoles, der Anfang von Basse und das Ende von Sammarçoles), die der Personen auf Basis der Namen der Teilnehmerinnen. Die sechs, die bis zum Schluss mitgeschrieben haben, waren alle begeistert davon, ihre Fähigkeiten neu entdeckt zu haben und ich gestehe, dass ich selbst vom Ergebnis überrascht war.

Anfangs dachte ich, jeder einzelne würde eine kleine Novelle schreiben. Aber die Gruppe arbeitete so gut zusammen und alle waren hoch motiviert, sodass wir zwischen den monatlichen Sitzungen auch per Mail weitergearbeitet haben. Wir wollten die Geschichte verstehen und das, was sie mit uns machte. Die Wahrheit ist nichts Neues: Beim Schreiben geht es fast immer darum, Vergangenes aufzuarbeiten. Es waren sehr emotionale Momente, in denen unsere jungen fiktiven Frontsoldaten ihren Nächsten von ihrer Verzweiflung erzählten, von der Unsicherheit, der sie und die daheim gebliebenen ausgesetzt waren, ihren Sorgen und Ängsten vor den Kanonenfeuern, ihrer Müdigkeit, ihren Aufständen... Emotionen, teilweise unerwartet, als z. B. eine Teilnehmerin plötzlich a capella Le maître d'école alsacien sang, das sie zuhause gehört hatte oder eine andere sich an die orthopädischen Schuhe ihres Großvaters erinnerte...All das hat dazu beigetragen, dass wir natürlich nicht gezögert haben, die Gedichte auch aufzunehmen. Ein Wiedersehen mit der Geschichte, mit den anderen, ja selbst mit sich selbst... das ist der Zauber des Schreibens.

Die Abfolge der Briefe der Frontsoldaten und ihrer Familien lieferte viele Bruchstücke für potentielle Abenteuer. Wir hatten Lust, diese weiterzuentwickeln, was schließlich dem Ganzen die Form eines kurzen Romans verlieh (falls die Frage nach dem Stil des Werkes auch heute noch Sinn macht). Ich habe das "Manuskript" Marie-Noëlle Arras vorgelegt, stellvertretende Direktorin des in Montpellier ansässigen Verlagshauses für Chèvrefeuille étoilée und der Zeitschrift Étoile d'encres. Sie hat das Skript dem Lektorenkomitee vorgestellt, dass dann seine Zustimmung erteilte. So ist das Buch entstanden.

Wir haben in Loudon allesamt ein wahrhaftiges Abenteuer erlebt. Dies ist jedoch mit dem Schreiben nicht beendet. Die Schüler der Werkstatt für darstellende Kunst haben sich uns angeschlossen und uns ihre Vorstellungen der Charaktere präsentiert. Jede Teilnehmerin der Schreibwerkstatt hat ein Blatt mit einer Beschreibung "ihres" Frontsoldaten redigiert. Manche haben sogar persönliche Fotos ihrer Ahnen hinzugefügt. Und für jeden Einzelnen entstand auch ein Portraitbild... Diese Werke wurden in unseren "Roman" eingebunden-

Momentan wird der Text für eine Theaterlesung überarbeitet, die im Theater de la Reine blance in Loudon am 20. November 2015 stattfinden wird. Die Teilnehmerinnen werden die Texte selbst vortragen.

Wird es eine Fortsetzung geben? Wer weiß? Ich habe mein Projekt eines persönlichen Romans, der ebenfalls im Jahr 1914 spielt, vorläufig auf Eis gelegt. Vielleicht werde ich die Idee eines Tages wieder aufnehmen. Und ich würde gerne im nächsten Jahr eine weitere Schreibwerkstatt für die Mediathek machen[2]. Vielleicht im Lycée, wenn man mich anfragt...

Welche schriftstellerischen Projekte planen Sie? Ist eine Fortsetzung geplant?

Die Theaterfassung von Bassoles s'en va t'en guerre erfolgt unter Regie von Nicole Desjardins (Cie Vue sur Jardin), die bereits im vergangenen Jahr mein Buch À l'aube, j'ai rencontré mon voisin Oreste auf die Bühne brachte. Denn bisher habe ich hauptsächlich für das Theater geschrieben: Pierres de scène (Ed. Les Cygnes), Trois femmes dans l'escalier (Ed. Les Cygnes) und insbesondere die Neufassung des Mythos von Orest, À l'aube, j'ai rencontré mon voisin Oreste, die letztes Frühjahr in Paris und Montpellier aufgeführt wurde. Für mich war dies das wichtigste Stück. Es ist begleitet von einer Art pädagogischen Dossiers, das hilft, meine Arbeit zu verstehen und dem Mythos neues Leben einzuhauchen. Ich dachte, dass sich dies eventuell als Lehrstoff anbieten würde. In der Zeitschrift Étoiles d'encre veröffentliche ich auch regelmäßig Novellen und habe vor, diese mit anderen in einer oder zwei Sammlungen zusammenzufassen. Die erste Veröffentlichung bei Chèvrefeuille étoilée ist eine Gedichtsammlung mit dem Namen Vivante, die Beschreibung eines Wegs aus der Trauer, illustriert von Anne Lantheaume. Momentan arbeite ich an einem neuen Roman. Ob es wirklich ein Roman wird? Ich werde sehen, wo mich der Weg hinführt...



[1] Ich könnte eine bibliografische Zusammenfassung geben, aber ich habe Angst, dass ich viele vergessen würde. Außerdem ist dies keine historische Arbeit, sondern lediglich eine Fiktion, die in der Schreibwerkstatt entsteht. Um die Glaubwürdigkeit zu erhalten, ist es allerdings wichtig, historische Fehler zu vermeiden, ohne vorzugeben, es handele sich um authentische Erzählungen von Zeitzeugen.

[2] Nach meinem Rückzug aus dem Lehramt, habe ich die Schreibwerkstätten für mich entdeckt. Sie haben mir zwei Wege aufgezeigt: das Schreiben und die Animation. In letzterem Fall folge ich zwei Formen, der von Aleph und der von Lettrances


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Bibliografie:

Bassoles s'en va-t'en guerre, sous la direction de Nicole Buresi, Chèvre Feuille étoilée, 2015.

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