Fragen an Jean Tulard: Von Regime zu Regime.

 

1-      Verfechter der Ordnung, aber Anstifter von Staatsstreichen, Garant des republikanischen Erbes, aber Kaiser, Kämpfer und Verwalter – Napoleon ist eine sehr vielschichtige Persönlichkeit. Wie kann man sein Regime einordnen?

 

Auf St. Helena hat Napoleon selbst sein Regime als „Diktatur zum öffentlichen Wohl“ bezeichnet. Wenn im antiken Rom die Republik gefährdet war, überließ man alle Macht einem Diktator, der die Situation bereinigte und anschließend alle seine Vollmachten zurücklegte. Dies war der Fall des berühmten Cincinnatus.

Wenn der Staatsstreich von Brumaire nicht stattgefunden hätte, hätte ein anderer Staatsstreich – in diesem Fall ein monarchistischer - Ludwig XVIII. wieder an die Macht gebracht, welcher in seiner Erklärung von Verona 1795 schlicht und einfach die Wiedereinführung des Ancien Regime angekündigt hatte, als ob die Revolution nie stattgefunden hätte. Bonaparte sichert den Erhalt der Errungenschaften: die Gleichheit, die Abschaffung der Feudalherrschaft, den Verkauf der nationalen Besitztümer (ein gigantischer Eigentumstransfer)…er bringt die militärische Situation ins Gleichgewicht, indem er den Friedensvertrag von Amiens unterzeichnet, der den Krieg in Europa beendet, er bringt die Staatsfinanzen wieder ins Lot und führt Frankreich aus der Anarchie, indem er neue Institutionen schafft (Präfekten, Staatsrat…) Er macht es besser als Cincinnatus. Im Rahmen seiner Krönung im Jahr 1804 legt er folgende Eidesformel ab: „Ich schwöre, die Unversehrtheit des Staatsgebietes der Republik zu erhalten“. 

 

Die Krönung Napoleons, von Jacques-Louis David – Diese Szene zeigt den Moment, in dem Napoleon die kaiserliche Krone aus den Händen Pius VII entgegennimmt, um damit seine Frau, die Kaiserin Josephine zu krönen.

 

 
Wenn er sich zu Beginn 1803 zurückgezogen hätte, hätte er das Bild des idealen „Retters“ zurückgelassen. Das war, was Beethoven sich erwartet hatte.
 
Ein monarchisches Abgleiten fand statt. Talleyrand hatte ihn dazu ermutigt. Es galt, dem Hass der europäischen Monarchien gegenüber der Revolution und einer Republik gegenüber zu treten. 

 

Talleyrand in der Robe eines Großkämmerers (Detail), von Pierre-Paul Prud'hon, rote Version des Porträts, 1807 (Musée Carnavalet de Paris)  

 

War es nicht die sicherste Methode, diese Republik als Kaiserreich zu verkleiden, um der Feindlichkeit der Monarchen entgegen zu treten und so die Errungenschaften der Revolution zu bewahren?

 

2-      Wie lässt sich der Untergang des Kaiserreichs erklären? 

 

Durch die Niederlage. Napoleons einzige Legitimität ist es, ein Bollwerk zu sein. Metternich erklärt er: Andere Monarchen können Niederlagen hinnehmen, ohne ihren Thron zu verlieren, er nicht. Was die annektierten Staaten betrifft, hat er den Fehler begangen, kein Referendum durchzuführen, obwohl dies eine Form der Konsultation war, die er perfekt beherrschte. Seine Eroberungen wären somit gerechtfertigt gewesen. Von Spanien bis zum Großherzogtum Oldenburg hatte er auf das von der Revolution ausgerufene Prinzip vergessen, das dem Volk das Recht über sich selbst zu bestimmen zuschreibt.  In Deutschland wie in Italien, Spanien und auch in den Niederlanden wurde das Grand Empire Opfer nationaler Reaktionen.

 

 

3-      Warum konnte sich die napoleonische Dynastie nicht durchsetzen?

 

Es fehlte an Zeit, und ein Thronfolger wurde zu spät geboren. Damit eine Dynastie sich etablieren kann, bedarf es zumindest zweier Generationen. Bernadotte gelang dies in Schweden. Man kann sich die Frage stellen, ob in Frankreich nicht ein gewisser Überdruss gegenüber der Monarchie bestand. Die Bourbonen haben fünfzehn Jahre lang durchgehalten (1815-1830), Louis-Philippe von Orléans knappe 18 Jahre (Juli 1830 bis Februar 1848). Wie dem auch sei, zum Zeitpunkt der Affäre Malet, welcher fälschlicherweise den Tod Napoleons verkündigt hatte, vergaßen die Behörden seinen Erben, den König von Rom, der gerade geboren worden war. Das beweist, dass man die Existenz einer Dynastie Bonaparte nicht mehr wahrnahm. Napoleon wird einfach als Diktator angesehen.

 

Portrait des Königs von Rom. Anonym, 19. Jahrhundert. Quelle: St. Helena, Sammlung Napoleon Bonaparte, 1821; Rom, Sammlung Letizia Bonaparte, 1836 an ihren Bruder vererbt; Rom, Sammlung des Kardinals Fesch, Hinterlassenschaft an die Stadt Ajaccio 1839; Transaktion zwischen dem Grafen von Survilliers (Joseph Bonaparte) und Ajaccio 1842. 

 

 

4-      In welchem Zustand befindet sich Frankreich im Jahr 1815?

 

 

Das neue Europa 1815. Quelle: Öffentliches Eigentum

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Finanziell ist Frankreich nicht ruiniert, da der Krieg den Krieg subventioniert hat. Napoleon hat den besiegten Staaten enorme Entschädigungen abverlangt. Frankreich findet seine ehemaligen Staatsgrenzen wieder (mehr oder weniger). Dank Talleyrand, der beim Wiener Kongress eine entscheidende Rolle spielt, bleibt Frankreich eine bedeutende Nation.

 

 

5-      Der Wiener Kongress war ein politisches Schlachtfeld und etablierte eine neue Organisation Europas, welche, basierend auf der Legitimität der Monarchien, ein Gleichgewicht der Mächte Kontinentaleuropas vorschlägt, welches jedoch die Bestrebungen der Bevölkerung zu ignorieren scheint. Was sind die Konsequenzen?

 

 
Das Prinzip des Wiener Kongresses war es, die Macht der ehemaligen Dynastien wieder herzustellen, vor allem in Italien, ohne auf die nationalen Gefühle, die 1813 auf dem gesamten Kontinent erwacht waren, in Betracht zu ziehen. Polen ist Russland unterworfen, Belgien wird Holland angeschlossen…es werden viele Fehler gemacht. Die Resultate des Wiener Kongresses werden von den Revolutionen von 1830 erschüttert und von denen von 1848 ausgelöscht.

 

 

6-      Was hat Napoleon Frankreich hinterlassen? Was bleibt heute noch von seinem Erbe?

 

Was uns heute von Napoleon bleibt, sind Institutionen (Präfekten, Staatsrat, Rechnungshof, Rektoren etc.), Gesetzbücher (wenn auch verändert), Denkmäler (Colonne Vendôme, Arc du Carrousel)…und militärischer Ruhm. 

Napoleon auf St. Helena

 

               7-      Auf seinem Höhepunkt bestand das große Reich aus 134 Departements. Ein Frankreich in den Ausmaßen Europas, das unregierbar erschien. Wie übte Napoleon seine Autorität aus?

 

Alles ging von Napoleon aus, alles kam auf Napoleon zurück. Am Vorabend der Schlacht von Leipzig genehmigt er Renten für die Witwen von Polizeikommissaren und gibt sein Einverständnis zu den Wahlen des Instituts, obwohl das Schicksal Deutschlands auf dem Spiel steht. 

 

 

8-      Monarchischer Zentralismus gegen das Gewicht der Provinzen und der Privilegien. Zentralismus nach jakobineschem Vorbild, seinerseits durchkreuzt vom girondistischem Föderalismus und der royalistischen Reaktion der Vendée. Frankreich scheint zwischen diesen Verwaltungsarten zu schwanken. Wie stellt Napoleon sich die Organisation des Staates vor?

 

 
Napoleon war Befürworter einer starken und zentralisierten Macht. Die Präfekten sind seine Vertreter in den Departements und verfügen über keinerlei Handlungsspielraum. Jedoch sagt Napoleon auf St. Helena, dass er, bei Eintritt des Friedens, die Zügel der Macht aus der Hand geben würde. Tatsächlich handelt es sich vermutlich um ein Zugeständnis angesichts der liberalen Ideen, die in Frankreich immer mehr Anklang finden.

 

 

9-      Was bleibt vom napoleonischen Staat nach dem Gesetz zur Dezentralisierung von 1982, der Verfassungsreform von 2003 oder der RGPP von 2007?

 

Die Verschachtelung der Institutionen, aus denen die vielschichtige Struktur der Gebietskörperschaften besteht, hat die Autorität des Staates mehr oder weniger intakt gelassen. Das Departement hat noch lange nicht ausgedient.

 

 

Zeitschrift „Les Chemins de la Mémoire“