Lettre d'information

Alias Bäumchen: die Informanten der Abwehr

Identifikationsblatt der Abwehr von Jean-Paul Dubois alias Bäumchen, ohne Datum © SHD

In den Archiven der Nachrichtendienste finden sich Akten, die von den Besatzungstruppen in Deutschland nach Kriegsende aufgefunden wurden. Darunter befinden sich auch mehrere hundert Akten über Einzelpersonen mit französischen Namen, Männer und Frauen, Zivilisten und Militärs, die von der Sektion III F der Abwehr in Paris erstellt wurden. Aufgabe dieser Agenten war es, Widerstandsgruppen und Nachrichtendienste der Gegenseite zu überwachen und in diese einzudringen. Im Allgemeinen sind sie bekannt als V-Mann (Vertrauensmann).

Corps 1

Es ist schwierig zu sagen, ob diese Dokumentation vollständig ist oder ob es sich nur um einen Teil der Archive der Sektion III F (Spionageabwehr) handelt. Die Einzelakten sind sehr heterogen: sie bestehen entweder aus nur einem Blatt oder aus mehreren Dutzend Dokumenten. Dennoch enthalten die Dokumente in folgenden Fällen stets eine kartonierte Identifikationskarte, ausgestellt von der Sektion III F: Personen, die als Agenten des Nachrichtendienstes rekrutiert waren, Personen, die um Ausstellung eines Ausweises gebeten hatten und Einzelpersonen, die auf irgendwelche Weise Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten.

Vom gelegentlichen Informanten zum bestätigten Agenten

Im Allgemeinen betreffen die Akten Agenten des Nachrichtendienstes unter Angabe eines Pseudonyms und/oder einem Kennzeichen (F, E oder GV, gefolgt von einer Ziffer zwischen 7.000 und 9.000). Der Buchstabe F betraf gewöhnliche Agenten, E wurde für äußerst gut platzierte Agenten verwendet und GV für Doppelagenten. Die Kennzeichen wurden ausschließlich in Korrespondenzen und Schriftstücken innerhalb derAbwehr verwendet: den Informanten war das ihnen zugewiesene Kennzeichen unbekannt. Im Falle von gelegentlichen Agenten, Personen, die einen Ausweis beantragt hatten oder anderweitig Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, wurde in den Akten lediglich Familienstand, Wohnort und manchmal der Name des deutschen Offiziers benannt, der für die Interessenten rekrutiert hatte oder als Vermittler der Ausweise beauftragt war.

Corps 2

Die Akten der ”bestätigten” Agenten sind deutlich voluminöser und sie enthalten häufig auch andere Dokumente: Akte des Geheimdienstes mit einer Einschätzung der Diensterfüllung der Person, Erklärung oder Verpflichtungserklärung in der der Agent schwört, Stillschweigen über seine Aktivitäten zu bewahren, Kostenaufstellungen, Berichte der Nachrichtendienste (häufig Manuskripte), redigiert vom Agenten.

Ein äußerst aktiver Agent: Jean-Paul Dubois, alias Bäumchen

Die hier dargestellten Dokumente stammen aus der Akte von Jean-Paul Dubois, alias Bäumchen (siehe Tonbildschau). Seine Identifikationsakte trägt die Kennnummer: F 7023. Aus dieser Akte erfahren wir, dass dieser französische Agent, geboren 1885 in San Francisco, Journalist, im Oktober 1940 von Hauptmann Brunner angeworben wurde. Die Nennung von Anfrage an Abw in der Akte weist darauf hin, dass eine Anfrage über Auskünfte über den Betroffenen an den zentralen Dienst der Abwehr in Berlin herangetragen wurden, wie dies bei jedem rekrutierten Informanten der Fall war. Seine Akte ist sehr umfangreich und äußerst interessant: Es finden sich zahlreiche Berichte, die er an den Nachrichtendienst der Abwehr übermittelt hatte. Agent Bäumchen arbeitete äußerst sorgfältig und war sehr organisiert: dies unterstreicht sein Bericht, den er im Moment seiner Rekrutierung geschrieben hat (siehe Tonbildschau). Er beschreibt äußerst präzise die Art seiner Arbeit, indem er seine Beziehungen zu diplomatischen und journalistischen Kreisen nutzt. Zudem beschreibt er die Unterstützung, die er von den deutschen Nachrichtendiensten erwartet, um seine Aktivitäten im Widerstand ordnungsgemäß auszuführen und insbesondere seine Bewegungen zu erleichtern.

Wie viele andere Agenten des Nachrichtendienstes arbeitet auch Bäumchen für die Abwehr, indem er zahlreiche Missionen in der Südzone und in Nordafrika ausführte, um dann anschließend über alles zu berichten, was er gesehen und gehört hatte. Dies ist auch z. B. der Fall bei einer Reise nach Lyon Ende 1940. In seinem Bericht nennt er sachliche Informationen, insbesondere über Einzelpersonen (gelegentlich auch gewisse bekannte Persönlichkeiten), aber auch allgemeine Einschätzungen über die Stadt, die Einstellung der Bevölkerung sowie politische Eindrücke, die ihn bewegten (siehe Tonbildschau).

Diese Dokumente beweisen ohne Zweifel, dass Bäumchen zu den äußerst aktiven Agenten zählte. Sämtliche Akten über Einzelpersonen der Abwehr, die bei den Behörden aufbewahrt werden, sind weder so umfangreich noch so vollständig. Manche, die nur ein einziges Identifikationsblatt ohne Pseudonym und Kennzeichen umfassen, lassen keine Rückschlüsse darauf zu, dass die Person zum Vorteil der Deutschen gearbeitet hat. Diese deutschen Archive wurden größtenteils von den französischen Nachrichtendiensten nach Kriegsende begutachtet: ihre Arbeit hat dazu geführt, dass zahlreiche Ermittlungen eingeleitet und bestimmte Einzelpersonen überführt werden konnten, die andernfalls der Rechtsprechung entkommen wären.

Diese Archive sind bis heute eine wertvolle Quelle für alle Forscher, die mehr über diese Akteure erfahren möchten, die so eifrig mit dem Besatzer zusammengearbeitet haben.

Frédéric Queguineur

Archivar beim zentralen Archiv des französischen Verteidigungsministeriums

Verantwortlich für die Archive der Nachrichtendienste des Zweiten Weltkriegs

WEITERE INFORMATIONEN

Die vollständige Akte des Agenten Bäumchen wird unter dem Aktenzeichen GR 28 P 9 11746 aufbewahrt. Andere Akten über Agenten der Sektion III F der Abwehr in Paris wurden identifiziert und sind einzusehen unter den Aktenzeichen GR 28 P 9 11500 bis GR 28 P 9 12345. Alle Dokumente können im Lesesaal eingesehen werden.

  • Fiche d?identification à l?Abwehr de Jean-Paul Dubois alias Bäumchen, sans date. © SHD

  • Fiche d?identification à l?Abwehr de Jean-Paul Dubois alias Bäumchen, sans date (traduction). © SHD

  • Rapport de Bäumchen au moment de son recrutement (extrait), 1940. © SHD

  • Rapport de Bäumchen sur la ville de Lyon (extrait 1), 1940. © SHD

  • Rapport de Bäumchen sur la ville de Lyon (extrait 2), 1940. © SHD