Das Jahr 1991

Sous-titre
oder der Eintritt in ein strategisches „Spannungsfeld“

Vier Mirage 2000 der Luftstreitkräfte bereiten sich am Luftwaffenstützpunkt al-Hasa auf den Start vor, Saudi-Arabien, 25. - 31. Dez. 1990. ECPAD/Yann Le Jamtel

Vor 20 Jahren, am 16. Januar 1991, begannen die militärischen Luftoperationen im Rahmen des Golfkrieges. Die Bodenoffensive fand dann in vier Tagen von 24. bis 27. Februar 1991 statt.

Corps 1

Vor zwanzig Jahren, 1991, verschwanden der COMECON (1), der Warschauer Pakt und schlussendlich, im Dezember, die Sowjetunion. Die Vereinigten Staaten erschienen damals als die einzige verbliebene Supermacht und Sieger des Kalten Krieges: in den ersten Monaten des Jahres bestätigte Amerika tatsächlich seine Feuerkraft, indem es einen schnellen Sieg über die Armee Saddam Husseins erzielte, nachdem dieser so leichtsinnig gewesen war, am 2. August in Kuwait einzumarschieren. Im wiedervereinten Europa waren die kommunistischen Regimes abgeschafft worden, und der Vertrag von Maastricht, der nach der Einigung des Europäischen Rats von Maastricht im Dezember 1991 am 7. Februar 1992 unterzeichnet wurde, sollte in den gemeinsamen Institutionen die Aufnahme dieses mittel- und osteuropäischen Teils Europas vorbereiten, der fast ein halbes Jahrhundert lang vom Westen abgeschnitten gewesen war. Dieser Vertrag kündigte auch das Bestreben einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik an und sollte daher dem alten Kontinent die notwendigen Instrumente in die Hand geben, um dem jugoslawischen Drama Einhalt zu gebieten, das mit der Unabhängigkeit Kroatiens und Sloweniens am 25. Juni begonnen hatte. “Dies ist die Stunde Europas”, um die ziemlich optimistische Formel des Luxemburgers Jacques Poos aufzugreifen. Das Jahr 1991 war stark von solchen Illusionen einer “schönen neuen Welt” geprägt. Sie erwiesen sich in der Realität als ziemlich kurzlebig: rückblickend hat sich herausgestellt, dass das internationale System in eine ungewisse und besonders lange Übergangsphase eintrat.

Corps 2

Die größte Illusion des Jahres 1991 war jene, die durch den Golfkrieg entstanden ist: eine neue Ära, in der es hauptsächlich zwischenstaatliche Konflikte gab, die “chirurgisch” abliefen und im Namen einer zusammengeschweißten internationalen Gemeinschaft dank des technologischen Vorsprungs Amerikas gewonnen wurden, das militärisch unschlagbar und politisch konsensfähig war. Die Operation Desert Storm, die am 16. Januar 1991 eingeleitet und am 28. Februar darauf beendet wurde, wird im Gegensatz dazu der letzte Prototyp eines Modells des idealtypischen Krieges sein... das aber bereits überholt ist. Die von George Bush senior 1990 geschickt zusammengestellte Koalition, die aus den mit den Vereinigten Staaten verbündeten arabischen Staaten (wie Saudi-Arabien, Ägypten oder Marokko), aber auch anderen widerspenstigeren Ländern (wie Syrien) bestand, sollte sich im Irakkrieg von 2003 nicht mehr zusammenfinden. Dies lag zweifelsohne am mangelnden amerikanischen Leadership für deren Aufbau, aber auch am Imageproblem Amerikas, einerseits bei manchen seiner Verbündeten und andererseits bei den neu entstehenden Mächten, die dessen Management internationaler Angelegenheiten in Frage stellen. Das Fenster der Möglichkeiten, das sich durch die Hoffnung auf globale Koalitionen geöffnet hatte, die von einer einigen internationalen Gemeinschaft bei Angriffen abweichender Regimes gebildet würden, sollte sich schnell wieder schließen. Ebenso vergänglich sollte sich das Bild einer allmächtigen amerikanischen Armee erweisen: die Operation Restore Hope in Somalia (1992-1993), zehn Jahre vor den Schwierigkeiten im Irak und in Afghanistan ab 2003, unterstreicht die Schrecken eines asymmetrischen Krieges, seit die staatliche Armee nicht mehr einer anderen staatlichen Armee gegenübersteht, sondern Aufständischen, Gruppen, Bewegungen, ja sogar Gesellschaften. Obwohl der Golfkrieg in nicht mehr zeitgemäßer Weise ein letztes Mal die politischen und militärischen Bedingungen vereinte, die bereits keine Zukunft mehr hatten, beinhaltete er wichtige Lektionen für eine Macht wie Frankreich. Unser Land, das auf einen Stellungskrieg gegen einen Angreifer auf dem Kontinent vorbereitet war, den man eventuell mit Mitteln der Abschreckung aufhalten hätte müssen, die allein in den Händen der nationalen Souveränität lagen, sah sich nunmehr verpflichtet, sich zur Erhaltung seiner internationalen Stellung auf eine Strategie der schnellen, effizienten Truppenverlegung umzustellen, die mit seinen wichtigsten Verbündeten abgestimmt wurde. Die in diesem Bereich 1991 bei der Daguet-Maßnahme (2) aufgetretenen Schwierigkeiten sollten schnell berücksichtigt werden und ab Mitte der 90er-Jahre zu einem neuen Armeemodell führen, das professionalisiert und stärker auf die Verlegung ausgerichtet wurde.

Das Jahr 1991 konnte auch zur Ansicht verleiten, dass das wiedervereinte, verlässliche Europa zu einem wichtigen politischen Akteur des neuen internationalen Systems würde. Die Zersplitterung Jugoslawiens unterstrich jedoch seine Schwächen, selbst angesichts eines Dramas, das sich vor seiner Tür abspielte. Die erste Schwäche Europas resultierte aus seiner Unfähigkeit, die internationalen Ereignisse in einer einheitlichen Sichtweise zu begreifen: die grundlegende Uneinigkeit zwischen Frankreich und Deutschland über die Notwendigkeit, die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens anzuerkennen, zeigte, dass eine gemeinsame Außenpolitik selbst unter den beiden engsten Partnern keine einfache Sache war. Die zweite Schwäche entstand natürlich aus dem Mangel an militärischen Mitteln zur Unterstützung der europäischen Stimme auf weltweiter Ebene. Da diese eine Botschaft und einen bestimmten internationalen Ansatz beinhaltete, der auf dem Recht, den Regeln und dem Multilateralismus beruht, strebte Europa eher eine Form der wirtschaftlichen und normativen als einer politischen und militärischen Macht an (3). Die nationalen Verteidigungsbudgets auf dem alten Kontinent wurden außerdem ab dieser Zeit immer kleiner, was amerikanische Zweifel am Willen der Europäer aufkommen ließ, weiterhin eine aktive internationale Rolle spielen oder sich sogar verteidigen zu wollen (4). Die dritte Schwäche rührte schließlich daher, dass das europäische Modell trotz seiner Attraktivität nicht in der Lage war, in seinem “nahen Ausland” Nationalismen aufzuhalten, deren Ära man für beendet hielt. Die politische Rhetorik der Gewalt, die plötzlich am Balkan ausgebrochen war, wie auch später die Härte des Tschetschenienkonflikts im Kaukasus (1994-1996 und 1999-2000) oder die Unnachgiebigkeit Israels, das weiterhin massiv Gewalt im Libanon oder in Palästina einsetzte (5), zeigte, dass die Vision einer neuen, weniger kriegerischen Welt, in der konventionelle, zwischenstaatliche Konflikte, nationalistische Rhetorik oder Gebietsstreitigkeiten nach und nach verschwinden, ein spezieller westeuropäischer Ansatz ist, der woanders kaum geteilt wird. Diese Diskrepanz veranlasste unter anderem die neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas - von Polen bis zu den Baltischen Staaten - sich mit ihren Sicherheitsbelangen eher an die Atlantische Allianz als an das neue politische Europa zu wenden.

In Wirklichkeit war 1991 in vielerlei Hinsicht eine Illusion. Kein wesentliches Ereignis, das dieses Jahr kennzeichnete, führte zum erhofften Ziel: weder brachte der Golfkrieg eine neue, konsensuelle Weltordnung, noch führte der Vertrag von Maastricht zu einer neuen Macht Europas, noch das Verschwinden der Sowjetunion zu einer konfliktfreien Welt in einem überschaubaren internationalen System. Denn auch wenn das Ende der Bipolarität eine Epoche - jene des Kalten Krieges - beendet hat, führte es vor allem zur Bewusstwerdung der soziologischen Komplexität der Welt: einer Welt, von der man fälschlicherweise lange glaubte, dass sie nur durch die amerikanisch-sowjetische Auseinandersetzung bestimmt werde. Daher beendete die Unterzeichnung des Friedensvertrages in Angola zwischen der Regierung und der UNITA im Mai 1991 keineswegs die afrikanischen Konflikte, die man ein wenig voreilig als einfache Systemeffekte betrachtet hatte. So sollte auch der sowjetische Rückzug aus Afghanistan im Februar 1989, auf den das Verschwinden der Sowjetmacht folgte, keinen Schlussstrich unter die zentrale strategische Rolle dieses Landes ziehen, noch unter seine Paradoxa, die einige Jahre später wieder zum Epizentrum schwerer Auseinandersetzungen wurden. Während man glaubte, den Beginn einer neuen internationalen Ordnung feiern zu können, die von einer Staatengemeinschaft geführt wurde, die sich hinter der einzigen verbliebenen Supermacht (den USA) versammelte, erlebten wir in Wirklichkeit das Entstehen eines ganz anderen Zeitalters. In der Welt tat sich ein strategisches “Spannungsfeld” auf, das zwanzig Jahre später immer noch nicht beendet ist und durch undurchsichtige, asymmetrische Kriege, die Relativierung der Macht Amerikas, das Erstarken nicht staatlicher Gruppen oder Bewegungen (wie der Hisbollah oder der Hamas), die Gegenbewegung der Gesellschaften in einem stark mediatisierten globalen Dorf (wo Wortmeldungen dank der neuen Informationstechnologien für jedermann zugänglich werden) und vor allem das Scheitern globaler Theorien gekennzeichnet ist, die eine nach der anderen alle dabei versagen (6), die Umrisse eines nicht vorhandenen internationalen Systems zu entwerfen. Zur Entlastung der Analysten muss festgestellt werden, dass dieses “Spannungsfeld” weiterhin besteht, ohne dass jemand sagen könnte, zu welcher Konstellation es führt oder wie lange es noch andauern wird.

Frédéric Charillon - Universitätsprofessor für Politikwissenschaft, Leiter des Instituts für strategische Forschungen der Militärakademie


(1) Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Diese 1949 gegründete Organisation sollte die gegenseitige Hilfe zwischen verschiedenen Ländern des kommunistischen Blocks sicherstellen.

(2) Probleme bei der Verlegung von ca. 15.000 Mann, als die Briten 43.000 entsenden konnten, ebenfalls Probleme bei bestimmten Einsatzarten durch mangelnde Nachtsichtfähigkeit bei Flugeinsätzen, geringe Kompatibilität mit bestimmten Waffensystemen der Verbündeten.

(3) Z. Laldl, La Norme sans la Force : l'énigme de la puissance européenne, Presses de Sciences Po, Sammlung “Les nouveaux débats”, Paris, 2006.

(4) Illustration dieser Zweifel, Werk des amerikanischen Essayisten Robert Kagan, der die Ohnmacht der Europäer hart kritisiert. R. Kagan, Of Paradise and Power: America vs. Europe in the New World Order, Knopf Publishers, New York, 2003.

(5) 1996 in Kana, später im Libanon im Sommer 2006 oder in Gaza in den Jahren 2008-2009.

(6) Nach dem “Kampf der Kulturen” von Samuel Huntington, empirisch sehr umstritten.

Auch nach vielen Ausdrücken, die das Ende einer Epoche bezeichnen (Zeit nach der bipolaren Welt, postamerikanische Welt usw.), ohne jedoch die kommende Welt zu charakterisieren. Siehe P. Charillon, “Un monde paradoxal. Quelles clefs de lecture pour quelle prospective?”, Futuribles, Nr. 332, Juli-August 2007.

Siehe auch auf Educadef Die Auslandsoperationen

  • Au PC Olive, une route a été coupée pour la mise en place de véhicules Hummer américains et de camions, et transformée en aéroport. À l'arrière-plan, un avion de transport américain Hercules C-130, Arabie Saoudite, 15 février 1991. ECPAD/Didier Charre

  • Les véhicules militaires et les blindés du 1er RIMa (régiment d'infanterie de marine) et du 126e RI (régiment d'infanterie) sont rassemblés à leur arrivée sur l'autodrome de Rijeka. De couleur blanche et siglés UN (Nations Unies), ils sont destinés aux missions du bataillon français d'escorte des convois humanitaires de la Forpronu, Croatie, octobre 1992. ECPAD/Claude Savriacouty

  • L'aide humanitaire française et américaine en Somalie : les opérations "Oryx" et "Restore Hope". Des légionnaires français protègent un local, appuyés par un véhicule tout terrain Hummer équipé d'un lance-roquettes, décembre 1992. ECPAD/Dominique Viola