Lettre d'information

Die Akte Kurt Lischka

In den Kriminalromanen leben die Nazis unter Verfolgung und zittern jedes Mal, wenn eine Tür im fernen Patagonien quietscht. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Abgesehen von der Verhaftung von Eichmann, die vom israelischen Geheimdienst organisiert und ausgeführt wurde, wurden die Aktionen gegen Nazi-Verbrecher anhand von Akten und nicht mit geheimen Menschenjagden ausgeführt. Nach einer gründlichen Untersuchung wird der Peiniger Kurt Lischka mit seinen Verbrechen konfrontiert und im Rahmen seines Prozesses 1980 in Köln verurteilt.

Corps 1

Köln, 1971

Am 21. Februar sind wir in Köln in Einsatzbereitschaft. Wir parken vor dem Haus von Lischka (siehe Tonbildschau). Wir klingeln an seiner Tür. Zweifelsohne beobachtet er uns durch das Fenster, und als er einen Kameramann sieht, zieht er es vor, nicht zu antworten. Wir drücken also auf alle Klingelknöpfe der Bewohner des Gebäudes und einige öffnen uns die Tür und sagen uns: ”Herr Lischka wohnt im dritten Stock”. Seine Tür wird geöffnet. Wir stellen uns als Journalist und seine Übersetzerin vor und beginnen, ihn zu befragen: ”Geben Sie zu, dass Sie den Posten des stellvertretenden Leiters der SIPO-SD, den des Leiters der Sicherheitspolizei in Paris eingenommen hatten, dass Sie einer der Hauptverantwortlichen für die Verfolgung von Juden in Frankreich waren, dass Sie der Leiter des Judendienstes der Gestapo des Reichs im Jahr 1938 waren” ”Interessiert es Sie, die Befehle zu lesen, die sie selbst unterzeichnet haben? Sie glauben vielleicht, dass sie zerstört wurden; aber im Centre de documentation juive contemporaine (CDJC) von Paris existieren noch Archive der Gestapo mit Ihrer Unterschrift auf mehreren Dokumenten. Sie werden vor Gericht gestellt und hoffentlich verurteilt.”

Corps 2

Eine graue Eminenz der Endlösung

Kurt Paul Werner Lischka wird am 16. August in Breslau geboren, ist Mitglied der SS und der Nazi-Partei, Doktor der Rechte, und tritt 1936 der Gestapo in Berlin bei. Sehr engagiert steigt er rasch in der Rangordnung. Ab 1938, mit 29 Jahren, ist er verantwortlich für die Leitung der jüdischen Angelegenheiten der Gestapo. Er ist es, der am 16. Juni die ersten Massenverhaftungen von deutschen Juden durchführt, 2.000 bis 3.000 Personen, die er nach Buchenwald und Sachsenhausen transferieren lässt, und von denen 10% in den ersten zwei Monaten sterben. Am 28. Oktober 1938 leitet er die tragische Deportation von zahlreichen Juden (mehr als 20.000) an die polnische Grenze. Lischka war auch sehr aktiv was die Verhaftungen in Folge der Progrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November betrifft, später als Kristallnacht bekannt.

Am 1. November 1940 geht Lischka nach Paris, wo seine Talente als Organisator und Polizist der Strukturierung des kleinen Kommandos der SIPO-SD, die gerade gegründet wurde, zu Gute kommen. Als die SIPO-SD im Juni 1942 die Leitung der Unterdrückung im besetzten Frankreich übernimmt, wird Lischka zum Kommandeur der SIPO-SD (KdS) für die Region Paris ernannt. Er ist an der Organisation der Razzia des Vel'd'hiv' beteiligt. Vorher wurde er im April zum SS-Obersturmbannführer befördert. Am 23. Oktober kehrt er nach Berlin zurück, wo er erneut eine Schlüsselrolle in der Zentralverwaltung der Nazi-Polizeibehörde einnimmt. Er ist der Vertraute von Müller, Leiter der Gestapo (siehe Tonbildschau). Obwohl er in die Hinrichtung von tschechischen Widerstandskämpfern verwickelt und in Prag inhaftiert war und von den französischen Behörden verhaftet werden sollte (siehe Tonbildschau), wird Lischka freigelassen und lässt sich 1950 in Köln nieder, wo er 1940 die Gestapo geleitet hatte.

Der ehemalige Nazi und seine Verbrechen

Wir haben unsere Arbeit in den Archiven des CDJG begonnen, indem wir die Unterschrift und die Handzeichen von Lischka identifiziert haben. Ergebnis unserer Forschungen: Die Pariser Gestapo, das ist Lischka; die Verhöre in der rue des Saussaies, das ist Lischka; die großen Razzien gegen die Juden, das ist Lischka. Alle von den Verantwortlichen für jüdische Angelegenheiten verfassten Berichte, Dannecker und dann Röthke, gehen an Lischka. Er leitet mit erheblicher Sorgfalt die Aktivitäten seines Dienstes. Es gibt kaum Aufzeichnungen oder Berichte, die keine Anmerkungen oder Unterschrift mit seinem lila Bleistift tragen. Wie alle Polizeiverantwortliche der SS war Lischka die Extermination der Juden im Osten bekannt.

Zwei Tage nach unserem Besuch bei Lischka sind wir im Mercedes von Harry Dreyfus, unserem Kameramann, in die Bergisch-Gladbacher Strasse 544 gefahren. Es ist sieben Uhr und es ist sehr kalt. Um 7.50 Uhr kommt Lischka heraus. Wir verstecken uns hinter einer Palissade neben der Metrostation. Er trägt einen voluminösen Mantel; mit diesem Mantel, seinem Hut, seinen Brillen und seiner schwarzen Aktentasche verkörpt er das typische Erscheinungsbild eines Gestapo-Mitglieds. Lischka nähert sich der Station, aber überquert die Straße, als er uns bemerkt. Er geht in die Nebenstraße zur Straßenbahnlinie und beschleunigt seinen Schritt; dann beginnt er zu Laufen. Wir filmen ihn aus einigen Metern Abstand. In diesem Moment bleibt er stehen, geht in eine Richtung, dann in die andere, während wir immer noch in seiner Nähe sind. Plötzlich beginnt er zu laufen, und wir laufen einen Meter neben ihm und filmen ihn.

Lischka flieht in seiner eigenen Stadt, in seinen eigenen Straßen; plötzlich steht er seiner Vergangenheit gegenüber. Die Szene, die wir an diesem Tag gefilmt haben, rief in Israel bei der Ausstrahlung viele Emotionen hervor und wird noch heute von den Fernsehsendern in der ganzen Welt ausgestrahlt, wenn es um das Schicksal der Nazi-Verbrecher geht.

Beate

& Serge Klarsfeld

Schriftsteller, Historiker und Anwalt für die Deportierten in Frankreich. Seine Frau Beate und er,

genannt die “Nazijäger”, haben sich für die Anerkennung der Shoah eingesetzt.

WEITERE INFORMATIONEN

Die Einzelakte von Kurt Lischka, die gerade sortiert wird, wird in der Unterserie GR 28 P 6 abgelegt.

  • Kurt Lischka, 1945. © SHD

  • Interrogatoire de Kurt Lischka par les services spéciaux français en Allemagne, sans date. © SHD

  • Note de la direction de la sécurité militaire sur la recherche des agents allemands, 20 octobre 1944, p. 1. © SHD

  • Note de la direction de la sécurité militaire sur la recherche des agents allemands, 20 octobre 1944, p. 2. © SHD

  • Note de la direction de la sécurité militaire sur la recherche des agents allemands, 20 octobre 1944, p. 3. © SHD