Die Rolle der Marineoffiziere im Widerstand (1940 - 1944)

Épaulettes d'officiers de marine (capitaine de frégate).
Schulterklappen von Marineoffizieren (Fregattenkapitän). Quelle: DR
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Gleichwohl überraschend wie beeindruckend die Anzahl der veröffentlichten Werke über den Widerstand seit einem halben Jahrhundert ist, gibt es dennoch bis heute keine Untersuchung darüber, welche Rolle die Marineoffiziere im inländischen Widerstand von 1940 bis 1944 spielten.

Es sind nur einige wenige “Helden” bekannt, allen voran natürlich Honoré d'Estienne d'Orves, deren Verdienste von Biografen geehrt wurden. Dafür gibt es drei Gründe. Einerseits war diese Frage für Historiker von geringem Interesse, da abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, die Marineoffiziere im Allgemeinen das Regime von Vichy unterstützten und entsprechend mit ihm zusammenarbeiteten.

Andererseits hat auch die Institution selbst keine großen Anstrengungen unternommen, diese Frage näher zu beleuchten. In diesem Zusammenhang muss man bedenken, dass die Armeen seit Kriegsende mit den Nachwirkungen zu kämpfen hatten. Sie litten an einer Art “Ohnmacht” gegenüber dem Untergrund und Aufständischen, d. h. in diesem Fall den Widerstandskämpfern.

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Dieses zweifache Desinteresse - seitens der Akademiker und der Marine selbst - lässt zunächst vermuten, dass dies der Grund war, warum sich die Marine von den Widerstandsbewegungen abgewendet hat.

Dennoch gab es einige Marineoffiziere, die sich dem Widerstand angeschlossen haben, und zwar einige mehr, als üblicherweise angenommen wird. Vor November 1942 waren es dennoch nur wenige, die sich den Widerstandsbewegungen angeschlossen haben. Ab Frühjahr 1943 wuchs die Zahl jedoch ständig an.

Der dritte Grund, warum das Engagement der Marineoffiziere auch heute noch kaum Beachtung findet, liegt darin, dass die Marineoffiziere im Innendienst nach Kriegsende ein schweres Dasein fristeten und mit dem Rücken zur Wand standen, da sie als ehemalige “Vichysten”, “Gaullisten” und “Berber” Seefahrer bekannt waren. Zu diesem Zeitpunkt war der Widerstand in der Marine notwendigerweise auf die Heldentaten der F.N.F.L., d. h. den Widerstand im Ausland beschränkt. Somit wurden sie zu den “vergessenen Helden” einer verkannten und komplexen Geschichte.



Beteiligung der Marineoffiziere am inländischen Widerstand vor November 1942


Vor der Landung der Alliierten in Nordafrika am 8. November und insbesondere nach der Versenkung der Hochseestreitkräfte am 27. November 1942 in Toulon, waren die Marineoffiziere immer stärker in den Widerstandsbewegungen und deren Netzwerken involviert. In diesem Zusammenhang müssen mehrere Faktoren sorgsam berücksichtigt werden: Der strenge Gehorsam gegenüber Militärs im Allgemeinen, die Unterstützung der Regierung Pétains und dessen Doktrin durch die Mehrzahl der damaligen französischen Offiziere, die Verwicklung der Marine in das Vichy-Regime unter Einfluss von Admiral Darlan, die Wiederauflebung der Anglophobie am Morgen nach dem Angriff auf Mers el-Kébir (3. bis 6. Juli 1940) und schließlich der Anti-Gaullismus nach der Affaire von Dakar (23. bis 25. September 1940). Dennoch gab es unter den “Mitgliedern der ersten Stunde” einige Marineoffiziere, sowohl Reservisten als auch aktive Mitglieder.


Nachfolgend die drei bedeutendsten Personen:



Emmanuel d'Astier de la Vigerie (1900-1969). Nach Abschluss seines militärischen Jahrgangs der Seefahrtsschule 1918 beim späteren Admiral Barjot, verlässt Emmanuel d'Astier de la Vigerie 1924 die Marine, um sich dem Journalismus zuzuwenden. Nachdem er im September 1939 als Reservist mobilisiert wurde, wird er im Herbst 1940 entlassen. Kurz darauf gründet er zusammen mit Aubrac, Jean Cavaillès und André Philip eine der wichtigsten und aktivsten Widerstandsbewegungen der Südzone, die Libération Sud. Anfang 1943 ist er Direktor der Mouvements Unis de Résistance (M.U.R.) und wird im November desselben Jahres zum Inlandskommissar des Comité français Libération Nationale (C.F.L.N.) ernannt. Er hinterlässt interessante Erinnerungsstücke, die 1947 unter dem Titel “Sept fois, sept jours” veröffentlicht wurden.

Henri Schaerrer (1916-1941). Schaerrer beginnt seinen Dienst bei der Marine im April 1939 als Offiziersanwärter der Reserve im Bereich Mechanik. Zu Kriegsbeginn dient er auf dem Panzerkreuzer Bretagne, bis er auf den Jaguar-Zerstörer versetzt wird. Während der Torpedierung des Panzerkreuzers wird Schaerrer verletzt und für seinen Einsatz während der Evakuierung von Dünkirchen im Mai wird er vom Militärkorps hoch gelobt. Nach seiner Entlassung im darauf folgenden Oktober engagiert er sich unmittelbar danach für das Alliance-Netzwerk von Georges Loustanau-Lacau. Schnell wird er zu einem der besten Agenten (Überwachung der deutschen U-Boot-Basis in Bassens). In seinem Buch “Mémoires d'un Français rebelle” beschreibt ihn Loustanau-Lacau mit den Worten: “Seine Expeditionen waren von unglaublicher Kühnheit und Besonnenheit”. Am 14. Juli 1941 wurde er in der Nähe der Demarkationslinie im Westen von Bordeaux von der deutschen Polizei verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 13. November desselben Jahres in Mont-Valérien vollstreckt.


Jacques Trolley de Prévaux (1888-1944). Trolley de Prévaux zählt zweifelsohne zu den unglaublichsten und fesselnden Persönlichkeiten der Marineoffiziere, die vor November 1942 den inländischen Widerstand unterstützten. Er trat der Seefahrtsschule 1907 bei und war einer der brillantesten Offiziere mit bestem Aeronautikdiplom seiner Generation. Obwohl er ein Mann der Tat war, war er zugleich auch ein Mann von Welt. Zwischen 1927 und 1930 war er zudem als See-Attaché in Berlin tätig. Im Juni 1940 hatte er als Schiffskapitän das Kommando über den Kreuzer Duguay-Trouin und die überraschende Nachricht des Waffenstillstands erreichte ihn in Alexandria. Anders als manche seiner Kameraden (Estienne d'Orves, Auboyneau usw.), findet er sich am Morgen nach der Unterzeichnung des Vertrags zwischen Admiral Godfroy und seinem britischen Pendant Admiral Cunningham nicht an seinem Posten eines freien Frankreichs ein. Anfang 1941 wird er aus Gesundheitsgründen in das Mutterland zurückberufen und im Juli zum Präsidenten des Ersten Maritimgerichts in Toulon ernannt. Im Dezember wird er auf Befehl von Admiral Darlan aus dem Dienst entlassen, der diesem “gaullistischen” Offizier gegenüber ein hohes Misstrauen hegte.

Kaum aus der Marine entlassen, tritt er Anfang 1942 dem französisch-polnischen Netzwerk F.2 bei, für das er zunächst als einfacher Agent im Einsatz war. Im November 1942 folgten Überlegungen, nach London überzusiedeln. Schlussendlich blieb er jedoch in Frankreich. Einerseits ging er davon aus, dass er im Mutterland mehr ausrichten könne als in London. Hinzu kam, dass seine Frau, Jüdin mit polnischer Abstammung, auf seiner Seite für den Widerstand kämpfte und ein Kind erwartete. Nachdem er im Frühjahr 1943 von England den Distinguished Service Order verliehen bekommen hatten, wird er zum Chef des Sektors Nizza ernannt und wird somit zu einem der Hauptverantwortlichen des Netzwerks. Im März 1944 wird er von der Gestapo verhaftet. Er wird im Gefängnis Montluc inhaftiert und am 19. August 1944 in Bron getötet. Seine Frau Lotka erleidet dasselbe Schicksal. Nach seinem Tode wurde er für seinen Einsatz für die Befreiung Frankreichs zum Konteradmiral befördert.


Diese Aufzählung ist bei Weitem nicht vollständig. Wir haben lediglich drei mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten ausgewählt, die sich bereits frühzeitig gegen die Besatzungsmacht gewehrt haben. Weitere Widerstandskämpfer waren auch Philippon, Stosskopf, Boutron, Blot usw.


Beteiligung der Marineoffiziere am inländischen Widerstand nach November 1942


Nach der Landung der angelsächsischen Streitkräfte in Nordafrika vom 8. bis 10. November, der Invasion der neutralen Zone durch die Deutschen und Italiener am 11. November und natürlich der Versenkung der Hochseestreitkräfte am 27. November wurden die politisch-militärischen Karten neu gemischt und das Engagement der Marineoffiziere für den inländischen Widerstand wuchs beachtlich.

Für viele Offiziere verlor der Treueschwur gegenüber Maréchal Pétain seine Verbindlichkeit. Insbesondere die Auflösung der Marine (oder dessen, was davon noch übrig war) nach dem Waffenstillstand begünstigte die Wiederaufnahme des Kampfes gegen das Mutterland und die Planung der Rache hinter dem Rücken von Maréchal fand ausreichend Nährboden. Unter den gegebenen Umständen war es der Wunsch aller Marineangehörigen, den Kampf wieder aufzunehmen. Die Frage war lediglich “Wie?” Einige entschieden sich, Frankreich über Spanien zu verlassen und sich in Nordafrika neu zu formieren.

Andere blieben im Mutterland und engagierten sich aktiv in der Widerstandsbewegung und im Untergrund. Manche von ihnen sind noch heute bekannt. Zu ihnen zählen Schiffskapitän Louis Pothuau, Schiffsleutnant Pierre Ponchardier, Schiffsleutnant Edouard Rivière und selbstverständlich Korvettenkapitän Henry de Pimodan. Hinzu kommen andere weniger bekannte Personen.


Nachfolgend einige der weniger bekannten Personen:


Jacques du Garreau de la Méchénie (1904-1964). Jacques du Garreau de la Méchénie beginnt seine Ausbildung an der Seefahrtsschule im Jahr 1923 und ist einer der besten Kanonieroffiziere seiner Generation. Für seine Dienste als Direktor der Artillerieschützen des Panzerkreuzers Richelieu während der Kämpfe von Dakar (23. bis 25. September 1940) gegen die Engländer, wird er im Dezember für seine “Kriegsverdienste” zum Korvettenkapitän befördert. Als Kommandant des Panzerkreuzers Verdun weigert er sich am 12. November 1942, Toulon gegen die Angloamerikaner und die Franzosen Nordafrikas, sollten diese dort landen, zu verteidigen. Am selben Tag verweigert Schiffskapitän Pothuau den Befehl, gegen die Alliierten zu kämpfen. Infolgedessen wird er von Admiral de Laborde, Kommandant der Hochseestreitkräfte aus dem Amt entlassen.

Während des Waffenstillstands im März 1943 engagiert sich Garreau de la Méchénie im Frühjahr für die Organisation de Résistance de l'Armée (O.R.A.) und wird zum Verantwortlichen des Sektors Sisteron. Während dem Sommer 1944 führt er mit seiner 200 Mann starken Truppe einen Dauerangriff gegen die deutschen Truppen, die sich der Alpenstraße näherten. Im September 1944 tritt Garreau de la Méchénie erneut in die Marine ein.


Charles Bonnal (1908-1944). Der Enkel von General Bonnal, ehemaliger Stabschef, trat 1929 in die Seefahrtsschule ein. Charles Bonnal erwirbt ein Diplom für Fernübertragung und arbeitet nach dem Waffenstillstand im Nachrichtendienst der maritimen Präfektur von Toulon. Im Sommer 1941 wird er zum ersten Offizier des Minensuchboot-Geleitschiffs unter Kommandant Rivière in Bizerte ernannt. Während dieses Einsatzes wird sein Schiff am 8. Dezember 1942 von den Deutschen angegriffen. Zurück im Mutterland, wo er im April 1943 während des Waffenstillstands im Urlaub ist, kommt er in Paris in Kontakt mit den Verantwortlichen des Marine-Zweigs der O.R.A., Kommandant Potheau und Kapitän Pimodan. Über Spanien leistet er effiziente Übermittlungsdienste für die Untergrundbewegung in Afrika. Während dem Versuch, die Grenze nahe von Oloron zu überschreiten, wird er am 14. Juli 1943 von den Deutschen verhaftet. Er wird zunächst im Fort von Hâ in der Nähe von Bordeaux untergebracht, von wo aus er nach Compiègne verlegt und weitere Monate später nach Deutschland deportiert wurde. Am 25. März 1944 wurde er in Lublin erschossen. Erst im Frühjahr 1945 wurde sein Tod durch einen Artikel in der Zeitung L'Humanité bekannt.


Jean Eynaud de Faÿ (1907-1992). Jean Eynaud du Faÿ beginnt seine Ausbildung an der Seefahrtsschule 1926 und wurde später wie Bonnal ein Fachmann für Fernübertragungen. Als Chef der Nachrichtenabteilung des Kreuzers Colbert wechselt er ein Jahr nach dem Waffenstillstand auf die Dupleix. Nach der Versenkung wird er aufgrund des Waffenstillstands im Frühjahr 1943 beurlaubt. Er lässt sich in Angers nieder und wird Generalsekretär der Union provinciale de la Corporation Paysanne. Wie auch für viele seiner Kameraden, die aufgrund des Waffenstillstands beurlaubt wurden, gab ihm seine zivile Beschäftigung genug zum Leben. Dennoch engagierte er sich aktiv für den Widerstand. Im April 1943 übernimmt er die Leitung der Organisation Civile et Militaire (O.C.M.) des Departements Maine-et-Loire und wird im November desselben Jahres unter dem Pseudonym Rosseau zum Chef des Departements der O.R.A. Im April 1944 wird er Kommandant der Forces françaises de l'Intérieur (F.F.I.) des Departements Maine-et-Loire (nahezu 4.000 Männer). Im August werden seine Männer dem 135. Infanterieregiment zugeteilt, das aktiv für die Befreiung von Angers, Retz und Mans kämpfte. Einen Monat später tritt Eynaud du Faÿ erneut in die Marine ein.