Honoré d' Estienne d'Orves

1901-1941
Porträt von Honoré d'Estienne d'Orves. Quelle : www.ordredelaliberation.fr

Am 30. August 1941 erfahren die Pariser aus einem gelben, schwarz umrandeten Anschlag an den Mauern, dass " Henri Louis Honoré, Graf d'Estiennes d'Orves, Franzose, geboren am 5. Juni 1901 in Verrières ", der wegen Spionage durch das deutsche Gericht zum Tode verurteilt worden war, am Vortag zusammen mit Maurice Barlier und Jan Doornik erschossen wurde. D'Estienne d'Orves entstammt väterlicherseits einer alten Adelsfamilie: den d'Estienne, einer ursprünglich provenzalischen Familie, und mütterlicherseits den Vilmorin ; beide Familien waren legitimistisch eingestellt und fühlten sich dem sozialen Christentum verbunden. In einem Gleichgewicht von Lernen und Freizeit verbringt er eine glückliche Jugend: 1917 besteht er das Abitur, bereitet sich 1921 auf die École Polytechnique vor und unternimmt Reisen in Frankreich und Europa. Als er die Polytechnique im August 1923 verlässt, wo seine Mitschüler ihn als einen freundlichen Menschen, einen wissbegierigen und witzigen Geist beschrieben, beschließt er, seinen Militärdienst auf der Royale zu leisten. Im Oktober 1923 ist er Offiziersanwärter an Bord der Jeanne d'Arc. Seine Schiffsreisen führen ihn immer wieder zu neuen Horizonten: Von Brasilien nach China, von Marokko nach Bali, und diese Aufenthalte bieten ihm die Gelegenheit zu lernen und zu versuchen, die Menschen und ihre Kultur zu verstehen.

1929 heiratet er Eliane de Lorgeril, die aus altem bretonischem Adel stammt. Aus dieser Ehe gehen 5 Kinder hervor. 1939: Der Krieg bricht aus. Kapitänleutnant d'Estienne d'Orves gehört zu der Besatzung der Duquesne und dem Führungsstab der Force X, die unter dem Kommando von Admiral Godfroy zur Verstärkung der britischen Flotte unter Admiral Cunningham im östlichen Mittelmeer eingesetzt wird. Der Waffenstillstand wird geschlossen, als sich die Franzosen in Alexandria befinden: ein stillschweigendes Abkommen zwischen den französischen und englischen Admirälen vermeidet Kampfhandlungen zwischen den bis vor kurzem Verbündeten, aber die französischen Schiffe liegen fest. Diese voraussichtliche Untätigkeit und das Bewusstsein, noch eine gewisse Manövrierfähigkeit zu besitzen bringen d'Estienne d'Orves zu dem Entschluss, den Kampf fortzusetzen. Diese Entscheidung ist nicht schmerzlos: er weiß, dass er seine Familie zurück lassen muss, wie auch seine Heimat; seine Wurzeln, seine Erziehung und auch seine militärische Stellung hätten ihn dazu bringen können, in dem Lager zu bleiben, in dem die meisten seiner Freunde sich versammeln werden. Dagegen schreibt er, "Indem ich den Kampf fortsetzte, meinte ich, unseren Traditionen treu zu bleiben". Und so veröffentlicht er unter dem Pseudonym Château vieux (der Name einer seiner Ahnen) eine Presseverlautbarung, in der er die Bildung der 1. Marinegruppe ankündigt.

Anfang Juli 1940 bietet d'Estienne d'Orves General Legentilhomme seine Dienste an, dem Kommandeur der französischen Truppen in Djibouti, der seine Absicht angekündigt hat, den Waffenstillstand zurück zu weisen und die Kolonie auch dazu zu bewegen. Mit einigen anderen Offizieren und Seeleuten geht er nach Suez, wo er mit Oberst de Larminat zusammentrifft, der sich dem Freien Frankreich angeschlossen hat. Am 23. Juli legt er von Antenor nach Aden ab, als er erfährt, dass Legentilhomme mit seinem Projekt gescheitert ist. D'Estienne d'Orves beschließt nun, nach Großbritannien zu gehen, wo französische Schiffe auf Besatzungen warten. Am 2. August 1940 schifft sich d'Estienne d'Orves mit seiner Begleitung auf einem bewaffneten Frachter, der Jehangir, ein und erreicht London Ende September an Bord eines Dampfers, der Arundel Castle, nach einer langen, abenteuerlichen Fahrt entlang der afrikanischen Küste. Er wird nie als Kommandant eines Schiffes zur See fahren: Die Wiederaufrüstung von Schiffen nimmt in der Tat sehr viel Zeit in Anspruch, und außerdem ist er einer der wenigen Offiziere der Marine des Freien Frankreichs, der die Kriegsakademie besucht hat. Am 1. Oktober 1940 wird er zum Korvettenkapitän befördert und zum 2. Büro des Generalstabs versetzt. Die wichtigste Aufgabe des Nachrichtendienstes des Freien Frankreichs richtet sich auf das besetzte Land: man muss die feindlichen Truppenbewegungen, die Lage der Flugplätze, die Positionen der Batterien erkunden ... Mehrere Missionen sind bereits mit diesem Ziel an die französischen Küsten geschickt worden. Als Adjutant von Oberst Passy, Chef des Zentralbüros für Aufklärung und Aktion B.C.R.A., legt d'Estienne d'Orves die Fundamente für eine Organisation, "Nemrod". Am 6. September 1940 erreicht Maurice Barlier als erster Agent Frankreich: Jan Doornick folgt ihm am 1. Oktober.

 

Aber d'Estienne d'Orves will bald selbst an Ort und Stelle die Arbeit seiner Leute koordinieren, notwendige Kontakte knüpfen, weitere Agenten anwerben. In diesem Moment übernimmt er die Leitung des Nachrichtendienstes, da Passy zeitweilig auf einen anderen Posten berufen wird. War es klug, schon zu diesem Zeitpunkt den Chef des Geheimdienstes in das besetzte Land zu schicken? Passy bezweifelt sogar, ob dieser grundehrliche, vertrauensselige Mann für das Agieren im Untergrund geschaffen ist. Aber General de Gaulle gibt sein Einverständnis: Am 21. Dezember 1940 legt der Trawler "Marie-Louise" von Newlyn, Cornwall ab, mit d'Estienne d'Orves - jetzt "Jean-Pierre" - und einem jungen elsässischen Funker, Alfred Geissler genannt "Marty" an Bord, die am selben Abend nicht weit von der Pointe du Raz anlegen, bevor sie in Chantenay in der Nähe von Nantes untergebracht werden. Kontakte werden mit den Mitgliedern von "Nemrod" in Lorient und Nantes aufgenommen. Am 25. Dezember ist die erste Funkverbindung zwischen dem besetzten Frankreich und London hergestellt. Barlier hat den Auftrag, die Region von Bordeaux zu erkunden, während sich d'Estienne d'Orves um den Norden und die Gegend um Paris kümmert. Am 27. Dezember hält er sich in Paris auf, wo er Pioniere der Résistance trifft. Aus der Bretagne schickt "Marty" regelmäßig wichtige Botschaften nach London. Allerdings erweist er sich als merkwürdig trinkfreudig und geschwätzig. "Jean-Pierre", der am 19. Januar 1941 wieder in Nantes ist, beschließt, ihn wieder mit nach England zu nehmen. Aber "Marty", der Sohn eines nationalsozialistisch eingestellten Elsässers und selbst deutschfreundlich, hat an diesem Tag bereits die deutsche Gegenspionage benachrichtigt und die 34 Namen der Mitglieder der Organisation verraten. Die Verhaftungen folgen Schlag auf Schlag - d' Estienne d'Orves wird in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar festgenommen - während "Marty" bis Februar falsche Botschaften nach London schickt. Die Gefangenen werden nacheinander nach Nantes verlegt - wo die ersten Verhöre stattfinden - dann nach Angers, Paris und Berlin, bevor sie am 26. Februar wieder nach Paris in das Cherche-Midi - Gefängnis gebracht werden. Am 13. Mai 1941 beginnt sein Prozess und der seiner 26 Kameraden. Er dauert 12 Tage. D'Estienne d'Orves deckt seine Mitgefangenen. Das Militärgericht fällt Gefängnisstrafen und 9 Todesurteile, nachdem es, erstaunlicher Weise, den Feind gewürdigt hat. Es werden Gnadengesuche eingereicht. Der Aufschub, der vor allem d'Estienne d'Orves gewährt wird, wird auf verschiedene Weise erklärt: einige sehen darin den Wunsch von Stülpnagels, des Militärkommandeurs in Frankreich, auf eine spektakuläre Gelegenheit zu warten, um die Menschen zu beeindrucken; andere machen darauf aufmerksam, dass die Verurteilung eine starke Reaktion in der Marine, in London, aber auch in Vichy ausgelöst hatte, so dass sich Admiral Darlan veranlasst sah, bei den deutschen Behörden vorstellig zu werden.

In dem Gefängnis Cherche-Midi und dann in dem Gefängnis von Fresnes beschäftigt sich d'Estienne d'Orves mit Lesen, Meditieren, Beten, kommentiert die großen Klassiker der Literatur und erhält die Moral seiner Mitgefangenen aufrecht. Vor allem schreibt er. Sein Tagebuch ist ein Zeugnis, fast im religiösen Sinne des Wortes: er erzählt seiner Familie seine Kindheit und zeichnet ihnen einen beispielhaften Christen und Soldaten. Perioden der Hoffnung und der Enttäuschung folgen von Tag zu Tag aufeinander. Sein Anwalt, Oberleutnant Mörner, scheint hoffnungsvoll. Am 21. August 1941 wird der Fähnrich Moser von der Kriegsmarine in Paris, in der Untergrundbahnstation Barbès-Rochechouart, ermordet. Am 22. unterzeichnet General Schaumburg, Kommandant von "Groß - Paris", eine Verfügung, durch die von nun an die verhafteten Franzosen in Geiseln verwandelt werden. Parallel dazu hat der Militärkommandeur von Frankreich, von Stülpnagel, zweifellos die Gelegenheit gefunden, ein Exempel zu statuieren, indem er die schon zum Tod verurteilten Gefangenen hinrichten lässt. Am 28. August 1941 schreibt d'Estienne d'Orves an seine Schwester über Frankreich, " ich sterbe (...) für seine vollkommene Freiheit, ich hoffe, mein Opfer wird helfen"

"Niemand soll daran denken, mich zu rächen. Ich wünsche nur den Frieden in der wieder gefundenen Größe Frankreichs. Sagt allen, dass ich für Frankreich sterbe, für seine vollkommene Freiheit, und ich hoffe, mein Opfer wird helfen. Ich umarme euch alle voll unendlicher Zärtlichkeit. Honoré"

Am nächsten Tag werden d'Estienne d'Orves, Barlier und Doornik - ihre 6 Kameraden sind begnadigt worden - in die Festung Mont-Valérien gebracht. Es ist ein sonniger Morgen. Vor dem Erschießungspfahl bleibt sich der Marineoffizier treu, indem er öffentlich seinen Richtern verzeiht. Er hatte geschrieben: "Fühlt um meinetwillen gegen niemanden Hass, denn jeder hat seine Pflicht für sein Vaterland getan. Bemüht euch aber, den Charakter der Nachbarvölker Frankreichs besser kennen zu lernen." Um 6h30 werden die drei Männer erschossen. Für d'Estienne d'Orves war die Pflicht zum Gehorsam sehr wichtig: Trotzdem entschied er sich, seinen Vorgesetzten nicht zu gehorchen, im Namen eines Ideals, obwohl er leicht seinen Platz in dem Frankreich Marschall Pétains hätte finden können. Dies hat er niemals vorgehabt, da er überzeugt war, dass ein Kampf niemals wirklich verloren ist, solange noch die Möglichkeit einer Handlung in Freiheit besteht. Am 11. März 1943 veröffentlichte Aragon sein Gedicht "La Rose et le Réséda" (Rose und Reseda) das an den gemeinsamen Kampf "desjenigen erinnert, der an den Himmel glaubte und desjenigen, der nicht daran glaubte". Mit dem ersten meinte er d'Estienne d'Orves.

  • Plaque apposée à l'endroit où débarque d'Estienne d'Orves le 21 décembre 1940. Plogoff, Port-le-Bouz (Finistère). Source : SGA/DMPA

  • D'Estienne d'Orves en Extrême Orient. Source : Fonds d'Estienne d'Orves

  • Extrait de la dernière lettre écrite par d'Estienne d'Orves. Source : Fonds d'Estienne d'Orves