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Eine große Anzahl mysteriöser Exekutionen

Im Juli und August 1944 interessiert der Tod von drei Mitgliedern einer Widerstandsbewegung die Polizei. Die Untersuchungen, die wenige Monate später von den Agenten der “Spezialabteilung” des Kommissars Clot geführt werden, bringen zu Tage, dass die Gauner von der ”Gestapo de la rue Lauriston”, aber auch einige Agenten des Netzwerks “Marco Polo” eine seltsame Rolle gespielt hatten.

Corps 1

Am 16. November 1944 werden Sartore, genannt ”Jean le Chauve” (siehe Tonbildschau) und Gouari, genannt ”Robert le Pâle”, zwei Mitglieder der Bande Bonny-Lafont, der dämonischen “französischen Gestapo in der rue Lauriston (siehe Ein Karren steht bereit) in Seine-et-Oise verhaftet. Gauner mit einem langen Vorstrafenregister und vielen Verurteilungen schon vor dem Krieg, Mitglieder der Bande Chamberlin (alias ”Lafont”) ab 1941, gehören die beiden Männer dem “Killerteam” der rue Lauriston an und wurden von den Deutschen beschützt und von der französischen Polizei verschont. Sie wurden bei der Befreiung gesucht, da sie an zahlreichen Operationen gegen den Widerstand teilgenommen hatten, und werden der Spezialsektion der Polizeipräfektur übergeben, ansässig am quai de Gesvres und betraut mit der Suche der gefährlichsten Kollaborateure.

Gauner... Oder Widerstandskämpfer der “letzten Stunde”?

Dem Kommissar Clot, der sie befragt, zeigen sie Bestätigungen vom 1. Juli 1944, die sie als Mitglieder des Netzwerks Marco Polo auszeichnen. Diese Bestätigungen sind von einem “Kapitän Michel” (Michel Hardiviller), Verantwortlicher des Netzwerks in der Nordzone unterzeichnet, der nach der Inhaftierung und dem Tod des “Kommandant Octave” (René Pellet) im September 1944 Leiter von Marco Polo und dann Offizier der DGER wird. Unter seinen Anweisungen wurden drei Mitglieder des Netzwerks exekutiert: Das Ehepaar Pibouleau, Anfang Juli 1944 in Ville d'Avray, und Mitte August 22 rue Laugier in Paris Odette Andrieux, Verheiratete Martineau.

Die Untersuchung bringt Dinge ans Licht, die lange Zeit verheimlicht wurden. Man findet unter anderem, die Bestätigung des Eindringens in verschiedene Netzwerke von Doppelagenten, die ein verworrenes und komplexes Spiel spielen (“Gestapos” der rue Lauriston, der rue de la Pompe, der avenue Foch...); die Wirklichkeit des Verrats, die Psychose, die daraus im Mikrokosmos des Widerstands entsteht und ihrerseits zu leichtfertig verkündeten Todesurteilen führt; die Kollision zwischen manchen Widerstandskämpfern und manchen Gaunern; das Gewicht des Geldes, des Sex, der Eifersucht, des Ehrgeizes und der persönlichen Rivalitäten in der Zahl der Motivationen der Widerstandskämpfer, die sich in einer rohen Menschlichkeit zeigen: Männer und Frauen mit ihren Fehlern, Gemeinheiten, Schwächen und Niederträchtigkeiten.

Corps 2

Hinrichtungen oder Morde?

Diese drei Hinrichtungen, die die Polizei mit Morden vergleicht, da ihre Begründungen auf Ausreden und verleumderischen Gerüchten beruhen, werden von der DGER erst im März 1945 entdeckt. Sie scheinen umso “ungewöhnlicher”, da das BCRA offensichtlich nichts davon gewusst hatte.

Aus 1945 und 1948 geführten Untersuchungen der Pariser Kriminalpolizei geht hervor, dass Louis und Juliette Pibouleau hingerichtet wurden, weil sie eine mögliche - wenn auch imaginäre - Gefahr darstellten (siehe Tonbildschau) “Kapitän Michel” ordnete die Hinrichtung des Paares an. Unter dem Vorwand, einen Ort für die Installation eines Senders auszuwerten, wurde das Ehepaar nach Paris geschickt, von einer Mörderbande der rue Lauriston in Empfang genommen, die zum Team ”Schutz und Unterdrückung” des Netzwerks Marco Polo geworden war, und in der Nacht vom 4. auf den 5. Juli in Ville d'Avray umgebracht: Ein Verbrechen, das man der Miliz zuschreibt.

Man erkennt das tragische Paradox dieser Geschichte: Ein Paar von über jeden Vorwurf erhabenen Widerstandskämpfern, und was Louis Pibouleau, ehemaliger Polizeiinspektor in Marseille betrifft, ein Widerständler der ersten Stunde (1941), hingerichtet auf Befehl eines Verantwortlichen der Mördertruppe der rue Lauriston, angesehenen Widerstandskämpfern. Um dieses Verbrechen zu rechtfertigen wurden verleumderische Anschuldigungen über die Opfer verbreitet, die übrigens auch in einer nach London geschickten Untersuchungsanordnung wiederholt wurden… ein Monat nach dem Doppelmord.

Die Ermordung von Odette Andrieux wirft ebenfalls viele Fragen auf. Diese Frau wurde von Sartore auf Befehl von ”Michel” ermordet, unter dem Vorwand, sie hätte ihren Mann, Leutnant Martineau (”Prudhomme”) verraten.

Letzterer, ein Offizier des 2. Büros der Waffenstillstandsarmee wurde im November 1941 verhaftet und von den Deutschen zum Tode verurteilt, konnte aber unter merkwürdigen Umständen entkommen. Er wurde zum Doppelagenten, der für das deutsche SR unter dem Pseudonym ”Gaston” Informationen beschaffte, gleichzeitig aber für die Alliierten und amerikanischen SR in Bern und das Netzwerk Marco Polo arbeitete, wo er sich die Informationen, die er von den Deutschen erhalten hatte, bezahlen ließ. Sein doppeltes Spiel wurde entdeckt, er wurde am 6. August 1943 ein zweites Mal am Bahnhof Austerlitz verhaftet und mit vierzehn weiteren Mitgliedern seines “persönlichen Netzwerks” deportiert.

Es ist nicht einfach herauszufinden, welche Rolle seine Frau bei diesen Verhaftungen wirklich gespielt hatte, aber wie es im Untersuchungsbericht Nr. 1305 vom 12. April der Spezialabteilung festgehalten ist, erscheint “die Hinrichtung”, ein Jahr nach der Verhaftung, die man ihr vorwirft (vier Tage vor der Befreiung von Paris) ziemlich verdächtig, “da man zu diesem Zeitpunkt über kein Element verfügte, das auf einen Verrat von Odette Andrieux hinwies”.

Anhand all dieser Affären erkennt man die Komplexität und die Schattenbereiche des Untergrundkampfes, aber auch die damit verbundenen Herausforderungen, die die Lügen, Halbwahrheiten und Streichungen erklären. Jede Verhaftung und Hinrichtung ist von Zweifeln überschattet und löst, nach der Befreiung, Untersuchungen und Nachforschungen aus.

Die Öffnung und Auswertung der Archive des BCRA, der DGER sowie der Direction de la surveillance du territoire werden ein entscheidendes Weiterkommen ermöglichen. Jedoch müssen die Archive ständig mit anderen verglichen werden, wie jenen der Polizei, und sie verlangen einen kritischen Zugang.

Jean-Marc Berlière

Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bourgogne.

Forscher am CESDIP (CNRS / Justizministerium)

WEITERE INFORMATIONEN

Der hier wiedergegebene Brief stammt aus der Einzelakte von Michel Hardiviller, Aktenzeichen GR 28 P 4 130/22, einsehbar im Lesesaal.

Die Archive der Polizeipräfektur in Paris enthalten ebenfalls Dokumente zu diesem Fall (insbesondere das erkennungsdienstliche Foto von Jean Sartore, das hier zu sehen ist).

POUR EN SAVOIR PLUS

La lettre reproduite ici est issue du dossier individuel de Michel Hardiviller, coté GR 28 P 4 130/22, consultable en salle de lecture.

Les Archives de la Préfecture de police de Paris conservent également des documents sur cette affaire (notamment la photographie anthropométrique de Jean Sartore ici reproduite).

  • Rapport du sous-lieutenant Gillet au colonel Dulac au sujet du commandant Michel, chef du réseau Marco-Polo, 10 mars 1945, p. 1. © SHD

  • Rapport du sous-lieutenant Gillet au colonel Dulac au sujet du commandant Michel, chef du réseau Marco-Polo, 10 mars 1945, p. 2. © SHD