Frankreich am Balkan

Ein Blauhelm schützt die Fußgänger auf einer Brücke, Sarajewo, 1995. © V. Begon/ECPAD

1992 greifen die französischen Streitkräfte in einem Operationsgebiet ein, das nur eineinhalb Flugstunden vom Mutterland entfernt liegt. Das Pulverfass Balkan von 1914 tritt wieder in den Mittelpunkt und die internationale Gemeinschaft beschließt zu handeln. Die folgenden Operationen führen zur Bildung einer “Balkangeneration”, besonders in den Reihen der Landstreitkräfte.

Corps 1

Die Weigerung Serbiens, die Unabhängigkeit Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas anzuerkennen, veranlasst die internationale Gemeinschaft, im Februar 1992 die Schutztruppe der Vereinten Nationen bzw. UNPROFOR zu entsenden. Ihre erste Aufgabe ist die Überwachung der Entmilitarisierung der von den Vereinten Nationen geschützten Gebiete in Kroatien, und dann ab Juni in Bosnien. Das französische Kontingent, das vor allem nach Sarajewo entsandt wurde, hält den Flughafen, wodurch sich die Blockade der Stadt durch die serbischen Truppen nicht so schlimm auswirkt. Die Luftstreitkräfte ihrerseits nehmen ab April 1993 an der Operation “Deny flight” teil.

Angesichts der Demütigung durch die Geiselnahme von 200 Blauhelmen, darunter 100 Franzosen im Jahr 1995, wird der Befehl erteilt, sich gegen bewaffnete Überfälle zur Wehr zu setzen. Am 27. Mai besetzen die serbischen Soldaten den Beobachtungsposten der Vrbanja-Brücke. Eine Auswahl des 3. Infanterieregiments der Marine greift mit Hilfe von ERC-90 (Panzerfahrzeuge mit 90 mm-Kanonen) des Panzerinfanterieregiments der Marine an und erobert sie gegen den Preis von zwei Toten und zehn Verletzten zurück. Als Reaktion auf die Verschlechterung der Lage wird eine schnelle Eingreiftruppe im Rahmen der Operation “Janus” geschaffen. Diese Truppe aus 4.500 Soldaten, davon 2.000 Franzosen unter dem Befehl von General Soubirou, sorgt für eine starke militärische Antwort.

Diese Ereignisse stellen einen Wendepunkt bei der Durchführung der Operationen dar. Denn die UNPROFOR hat ihre Grenzen gezeigt: starres System der UNO, Aufstockung der Missionen je nach den Resolutionen und vor allem eine schlechte Erfassung der Lage. Sie ist in einer Mission zur Erhaltung des Friedens eingesetzt, während dieser zuerst einmal wiederhergestellt werden muss. Dieses Jahr weist mit der Entsendung von 6.500 Soldaten auch das stärkste Engagement Frankreichs in der UNPROFOR auf.

Am 20. Dezember 1995 folgt eine neue Truppe (IFOR) infolge der Unterzeichnung des Abkommens von Dayton vom 21. November 1995. Die Operation “Joint Endeavour” soll das Ende der Feindseligkeiten und die tatsächliche Trennung der vorhandenen Parteien gewährleisten. Von insgesamt 55.000 Mann stellt Frankreich als Rahmennation einer multinationalen Division 3000. Ihr Erfolg ermöglicht dann die Operation “Joint Guard” und die Bildung von Stabilisierungsstreitkräften bzw. der SFOR im Dezember 1996 zur Konsolidierung ihrer Ergebnisse. Anfänglich sind 6.900 Franzosen im Südosten der Provinz rund um Mostar im Einsatz. Als wieder Ruhe einkehrt, können die Truppen reduziert werden, sodass 1500 Franzosen im Jahr 2003 unter insgesamt 15000 entsandten Soldaten sind.

Die europäischen Stabilisierungsmission EUFOR ersetzt sie am 2. Dezember 2004 mit “Althea”. Sie behält dieselbe Struktur wie die SFOR bei und besteht aus 7.000 Soldaten, darunter 450 Franzosen unter dem Mandat “Astrée”. Die Verbesserung der Sicherheitslage führt 2007 zu einer Verringerung der französischen Beteiligung um zwei Drittel. Der letzte Verband des Militärcamps Butmir 2 wird am 25. Mai 2009 aufgelöst.

In Serbien leitet die Befreiungsarmee des Kosovo, die UCK, 1996 mit Anschlägen einen Krieg gegen die Regierungskräfte ein. Angesichts der Vertreibung der albanischsprachigen Bevölkerung durch die Serben 1998 zwingt die NATO Letztere durch Luftschläge, einen Waffenstillstand zu vereinbaren und den Kosovo zu verlassen. Legitimiert durch die Resolution 1244 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen wird am 12. Juni 1999 die 50.000 Mann starke Kosovo-Truppe (KFOR) entsandt.

Die französische Teilnahme fällt in den Rahmen der Operation “Trident”, bei der die 6.000 französischen Soldaten hauptsächlich die “Multinationale Task Force Nord” in Mitrovica bewaffnen. Ihr Hauptziel ist die Zusammenarbeit mit dem internationalen Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien, die Beteiligung an der Schaffung einer Sicherheitstruppe des Kosovo und die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Provinz. Der letzte Aspekt führt zum Erwerb von neuem Know-how im Bereich der Aufrechterhaltung der Ordnung, ein Vorrecht, das normalerweise den Gendarmerie- und Polizeikräften im Hoheitsgebiet zukommt. Die günstige Entwicklung der Lage führt zu ihrem Schwenk im Jahr 2011 in der “Multinational Battle Group Ost” in Novo Selo, bevor sie Ende 2014 das Gebiet verlässt.

Der Einsatz der französischen Streitkräfte in Ex-Jugoslawien, welcher die erste große Auslandsoperation nach dem Golfkrieg war, kostete 114 französischen Soldaten das Leben: 56 für die UNPROFOR, 28 für “Salamander”, 22 für “Trident”, 3 für EUFOR Astrée, 3 für KFOR und 2 Beobachter der Europäischen Union. Sie verankern ein neues Modell, indem sie das Kapitel des kalten Krieges und seiner Doktrin gegenüber dem Osten abschließen, um Truppen zu entwickeln, die entsendet werden und sich an die Ereignisse anpassen können.

Hauptmann Jean-Baptiste Petrequin - Leiter der Verwaltungsführung, Personaldirektion der Fremdenlegion

Corps 2


Augenzeugenbericht

Hauptmann Christine L.

(Landstreitkräfte, Ex-Jugoslawien)

“Als stellvertretende Kommandantin der Staffeleinheit musste ich Material und hohe zivile und militärische Vertreter im Rahmen des UNHCR befördern. Ich war beauftragt, Missionen abzusichern, die eine Vermeidung der Kriegszonen und Landungen auf dem Igman-Berg erlaubten, um den Flughafen Sarajewo zu umgehen, der damals das bevorzugte Ziel der serbischen Truppen war. Diese besonders schwierigen und gefährlichen Missionen lehrten mich, meine Ängste zu überwinden und über meine Grenzen hinauszugehen. Es hat sich nie die Frage gestellt, ob ich, weil ich eine Frau war, fähig sei, diese Missionen zu einem guten Ende zu führen. In den Streitkräften bleibt ein Militärangehöriger, egal ob eine Frau oder ein Mann, in erster Linie ein Soldat.

Was ich von diesem Aufenthalt in Ex-Jugoslawien in Erinnerung behalte, sind auch die strahlenden Augen eines bosnischen Kindes, als ich ihm eine Ration der Kampfkost gab, aber vor allem sind es der Stolz und die Ehre, meiner Nation in dieser Vermittlungsmission unter der Federführung der Vereinten Nationen gedient zu haben.


Augenzeugenbericht

Major (R) Michel F.

(Marine, Kosovo)

1999 nehme ich als KR-Atom-Vollmatrose (Reaktorbediener) an Bord derAméthyste , einem atomgetriebenen Angriffsunterseeboot vor der Küste des Kosovo an der Operation “Trident” teil. Unser Ziel ist die Erkundung, um den Schutz der Flugzeugträgerkampfgruppe zu gewährleisten, indem wir an der Überwachung der jugoslawischen Küsten teilnehmen. Auf Grund unserer gute Vorbereitung sind die Kampfposten schnell übernommen. Wir treffen vor Beginn der Schläge vor Ort ein. Die Dauer der Mission verlängert sich deutlich über die angekündigte Dauer hinaus und erreicht 59 Tage ohne Zwischenstopp! Die fehlenden Nachrichten von unseren Familien werden schließlich spürbar, aber wir sind fest zusammengeschweißt und die Entfernung wirkt sich nur wenig auf unsere Moral aus. Die Solidarität und gegenseitige Hilfe bleiben eine Säule unserer Streitkräfte und die Herausforderungen der Mission lassen nicht zu, dass wir nachlassen. Die Sorgfalt bei der Ernährung hilft uns ebenfalls, standhaft zu bleiben. Dank des Talents unseres Kochs denke ich immer noch an die unvergessliche letzte Mahlzeit an Bord, die eines Sternerestaurants würdig gewesen wäre!”

  • Un casque bleu assure la protection des piétons sur un pont, Sarajevo, 1995. © V. Begon/ECPAD