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Gedenken an 1870: das Problem, Spuren zu erhalten

Museum des Krieges von 1870 und der Annexion - Gravelotte. © Département de la Moselle

Während Frankreich außergewöhnliche Gedenkzyklen im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen erlebte und immer noch erlebt, bereitet es sich 2020 auf die Wiederbelebung der Erinnerung an einen Konflikt vor, der für die meisten unbekannt, um nicht zu sagen vergessen bleibt, obwohl das Land nie aufgehört hat, seiner zu gedenken. Das Gedenken, das nach dem Krieg als psychologische Notwendigkeit erlebt wurde, setzte sich mit der Zeit als historische Notwendigkeit durch.

Corps 1

Der deutsch-französische Krieg, auch „Krieg von 1870“ genannt, wird von Seiten der Historiker seit Jahrzehnten als „Mutter aller Kriege des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Dennoch führte die Distanz, die uns von ihm trennt, dazu, dass wir ihn in den Hintergrund, hinter die Kulissen der Geschichte drängen. Das bedeutet zu vergessen, dass er aufgrund der technischen Entwicklungen, die damals eingesetzt wurden, der erste zeitgenössische Konflikt war. Ein Krieg eines Kaiserreichs gegen ein Königreich, der mit einer Republik gegen ein Reich endete und dessen Folgen heute noch in manchen Momenten unseres Alltags sichtbar sind, vor allem in den „verlorenen Provinzen“, also Elsass-Lothringen.

Gedenkpraktiken in Frankreich und jenseits des Rheins

Bei Kriegsende, das von französischer Seite als wahres Trauma und von deutscher Seite als überwältigender Sieg erlebt wurde, entstand auf beiden Seiten erstmals die Notwendigkeit, eine Gedenkarbeit aufzubauen, um sich nicht so sehr der Heldentaten als vielmehr der im Kampf gefallenen Soldaten zu erinnern.

Denn in den Monaten nach der Unterzeichnung des Frankfurter Friedens (10. Mai 1871), der den Krieg beendete, kam die Bevölkerung einzeln an die wichtigen Schauplätze des Konflikts, um sich zu erinnern, aber auch um zu feiern.

Franzosen und Deutsche entwickeln nach dem Krieg das Prinzip einer Gedenkarbeit. Diese entsteht auf Grund der Tatsache des starken Truppeneinsatzes hinsichtlich der Anzahl der mobilisierten Soldaten (Frankreich: 1.600.000 / Deutschland: 1.400.000), aber auch der großen Anzahl getöteter Soldaten in den wenigen Monaten des Konflikts (139.000 Franzosen / 51.000 Deutsche). Diese Aneinanderreihung von Zahlen zeigt, wie sehr die Familien beider Länder von diesem Militäreinsatz betroffen sein konnten.

Auch wenn die Fragen unterschiedlicher Natur sind, ist die Vorgehensweise die gleiche: Errichtung von Denkmälern, Einführung von Gedenktagen, Eröffnung von Museen für den Konflikt (Gravelotte, Mars-la-Tour, Loigny-la-Bataille), Pilgerreisen zu den Schlachtfeldern, Gründung von patriotischen Verbänden (Le Souvenir Français 1887 zum Beispiel) und Schaffung von Soldatenfriedhöfen.

In Deutschland lautet die Parole daher, sich an den Sieg zu erinnern, vor allem an den 4. September, den Sedantag, und an die Helden, die diesen ermöglicht haben. In Frankreich möchte man sich an die wichtigen Gefechte erinnern, in denen sich die Streitkräfte heldenhaft in Lebensgefahr und nicht widerstandslos geschlagen haben, wie der berühmte Löwe von Belfort zeigt.

Alles wird von den Staaten inszeniert. Die III. Republik betreibt einen Revanchismus, der vom Postulat ausgeht, welches durch eine Niederlage entstand, dass sie verpflichtet ist, die Nation zu einem Sieg zu führen. Das junge Reich seinerseits ist voller Zufriedenheit über seinen Sieg und die Einheit eines Volkes, die es vor allem durch die Annexion des Reichslands Elsass-Lothringen schaffen konnte..

 

Monument aux morts de 1870 Coincy

Denkmal der Gemeinde Coincy für die Gefallenen von 1870. © Département de la Moselle

 

Ehrung der Soldaten, Aufwertung der Orte

Daher bestanden bis zum Sommer 1914 viele Feiern vor Denkmälern fort, die sowohl in den Städten als auch am Land in Frankreich und den annektierten Gebieten errichtet wurden. Hier ist festzuhalten, dass französische Denkmäler in dieser Zone sogar unter deutscher Verwaltung errichtet wurden. So erhält Le Souvenir Français 1907 die Erlaubnis, eine Sektion in Metz zu gründen. 1908 erhält er das Recht, ein Denkmal in Noisseville zu errichten, im Jahr darauf ein zweites in Weißenburg, wodurch im Reichsland eine pro-französische Stimmung aufrechterhalten, aber den Familien auch ein Ort geboten werden konnte, den sie besuchen konnten.

1870 findet das Gedenken jedoch nicht nur vor Denkmälern statt. Die Erinnerung erfolgt auch durch die Verleihung besonderer Auszeichnungen, insbesondere von Medaillen. Auf deutscher Seite gibt es diese schon sehr bald. Sie werden nach dem Konflikt als offizielles Zeichen an die Veteranen verliehen. In Frankreich kommen Medaillen zuerst bei den Veteranen- und Kriegsopferverbänden zum Einsatz. Erst 1911 erlaubt die französische Regierung die Schaffung einer Bronzemedaille mit grünem Band und schwarzen Querstreifen, die sowohl die Hoffnung auf die Rückkehr von Elsass-Lothringen als auch das trauernde französische Land symbolisieren.

Es ist daher auf die Tatsache hinzuweisen, dass die ersten Gedenkfeiern sowie ihre Mittel mit parteiischer Entschlossenheit konzipiert werden und Teil eines fortgesetzten Konflikts zwischen den betroffenen Ländern sind. Diese hitzige Sicht lässt sich so verstehen, dass sie nach dem Konflikt frei erfunden wird. Mit zunehmendem Abstand verfolgt das Gedenken von 1870 einen anderen Zweck. Das Gedenken an 1870 mag heute schwer verständlich erscheinen. Die Kämpfer von damals sind schon lange tot, die politischen Regime, die dafür verantwortlich sind, gibt es ebenfalls nicht mehr (wir sind nicht mehr in der III. sondern in der V. Republik), und die schwere Geschichte des 20. Jahrhunderts hat uns noch weiter von 1870 entfernt.

Die deutsch-französische Versöhnung feiern

Außerdem hat die Zeit ihre Arbeit getan und auf den Revanchismus der Nachkriegsjahre folgt die Idee einer erneuten Prüfung dieses Teils der Geschichte. So wurde vor allem das neue Museum des Kriegs von 1870 in Gravelotte konzipiert. Dem wissenschaftliche Ausschuss, dem die Sammlungen der Bestände der ehemaligen Museen von Gravelotte und Mars-la-Tour zur Verfügung standen, lag besonders am Herzen, an der objektiven Präsentation des deutsch-französischen Krieges zu arbeiten und ihn damit in ein neues Licht zu rücken. 2017 galt dasselbe für das Museum von Loigny-la-Bataille.

So wird seit einigen Jahren ein steigendes Interesse für diesen Konflikt festgestellt, da er als Ursache der beiden darauf folgenden Weltkriege präsentiert wird. Dadurch erscheint er uns näher, aber auch als Ausgangselement, dessen Folgen 1950 zur Schuman-Erklärung führten, die den Weg für ein modernes Europa ebnete.

Diese Sicht der Geschichte findet seit einigen Jahren bei den Gedenkfeiern für die Schlacht von Spichern Anwendung, bei denen die Veteranen und die anwesende Bevölkerung nicht mehr den Krieg feiern, sondern vielmehr den ersten Akt dessen, was fast ein Jahrhundert später zur deutsch-französischen Freundschaft führte.

Der Krieg von 1870 prägt auch die Gebiete im Osten nachhaltig, insbesondere die Region um Metz. Die leidenschaftlichen Kämpfe und die enormen Verluste an Menschenleben (75.000 Tote und Vermisste in 4 Sommertagen), die diese Region erlebt hat, führten zu einer Vervielfachung von Erinnerungsorten.

Dieses Gebiet wurde für immer von einem Wüten gekennzeichnet und erinnert unaufhörlich daran, dass sich hier das Schicksal des folgenden Jahrhunderts entschieden hat.

75 Jahre Krieg / 75 Jahre Frieden, der diesjährige 150. Jahrestag des Krieges von 1870 ermöglicht ein solches Gedenken. Auf die Bestrebungen der Vergangenheit folgt ein echter Wunsch danach, heute die Freundschaft der gestrigen Feinde zu feiern.

Das Gedenken an 1870 ist als notwendig und ermöglicht uns, den Aufbau unserer Gesellschaft besser zu verstehen. Die Erhaltung der Spuren ist daher umso notwendiger und hilft uns dabei, diesen sehr kurzen und dennoch für die Zukunft entscheidenden historischen Zeitraum zu materialisieren.

In einem anderen Umfeld als 1871 und durch die Zeit, die uns trennt, können wir daher dem Zitat von Gambetta widersprechen und schreiben: „immer daran denken und auch davon sprechen.“

Laurent Thurnherr - Leiter des Museums des Krieges von 1870 und der Annexion, Gravelotte