Jean Errard

1554 - 1610
Jean Errard. Photo : Musée Barrois / Bar-le-Duc

 

 

Jean Errard ist gebürtiger Protestant aus Bar-le-Duc. Nach seinem Studium der Mathematik und Geometrie wird er von italienischen Ingenieuren im Dienst des Herzogs von Lothringen, Charles III. ausgebildet, in dessen Dienst er 1580 tritt. 1583 erhält er von ihm Geld für die Veröffentlichung seiner Bücher (insbesondere für das Buch mit dem Titel Le premier livre des instruments mathématiques mécaniques). Nachdem sich sein Gönner der Liga angeschlossen hatte, muss Errard im Jahr 1584 Lothringen verlassen. Er sucht Zuflucht im kalvinistischen Fürstentum von Sedan und tritt in den Dienst unter la Marck, der Herzöge von Bouillon, ein, wo er vom Prinz von Sedan den Ingenieurstitel verliehen bekommt. Er führt seine Arbeiten am städtischen Befestigungsbau fort. 1587 führt ihn sein Weg dann nach Jametz, nachdem Sedan sich im Verteidigungsstatus befand. Nach der Belagerung von Sedan durch die Lothringer Truppen unter der Befehlsgewalt von Charles III bis Ende 1587, kapituliert die Stadt am 24. Juli 1589. Jean Errard ergreift die Flucht.

Dank der langen Verteidigung von Jametz (sechs Monate) hatte sich Errard einen guten Ruf erworben, was auch Heinrich IV. nicht entgangen war. Nachdem er erneut gekrönt wurde, nimmt er Errard in seine Dienste. Fortan begleitet Errard den König auf verschiedenen Feldzügen, die dazu dienen, das Königreich zurückzuerobern. Zu seinen Aufgaben zählen die Durchführung von Belagerungen, die Konstruktion von Bastionen sowie der Bau neuer Festungsanlagen.

Er wird zum Ingenieur für Befestigungsanlagen in den Regionen Picardie und Île-de-France. Heinrich IV. veranlasst die Instandsetzung der meisten Verteidigungs- und Festungsanlagen. Der König ernennt ihn zum Ersten Ingenieur, verschafft ihm Zutritt zum Königlichen Rat und erhebt ihn 1599 in den Adelsstand. Er errichtet die Zitadellen von Amiens und Verdun und nimmt an den Plätzen von Doullens in der Somme, Montreuil (Pas-de-Calais) und Sedan entsprechende Veränderungen vor. Auch für die Bauwerke in Sisteron ist er verantwortlich, wo Front und Flanke der Bastion einen rechten Winkel bilden.

Jean Errard ist der Erste, der in Frankreich das Prinzip von Bastionsfestungen anwendet und sich damit den bestehenden Prinzipien widersetzt. Seine Arbeiten bringen ihm den Beinamen „Vater des französischen Festungsbaus" ein. Die Geometrie bestimmt sein strategisches Denken: Für Errard ist sie die Grundlage für alle seine Vorgehensweisen, die es ermöglichen, verschiedene Sechsecke, regelmäßig oder unregelmäßig, zu errichten, die für eine gute Verteidigung und Festung unabdingbar sind.

Seine wichtigste Theorie besteht in der Tatsache, dass die Verteidigung viel mehr für die Infanterie als für die Artillerie ausgerichtet sein sollte, da deren Beschuss zu seiner Zeit nicht so wirksam war.

Sein System besteht aus Bastionen, die Platz boten für 200 Infanteristen, mit Schussrichtung nach vorne und mit einer Breite von ungefähr 70 Meter. Diese Bastionen werden flankiert von Batterien für die Artillerie auf einer Breite von 30 Meter. Das Prinzip dieser Bauweise wurde später von Vauban weitergeführt.

Seine Planungen sehen überdachte Wege vor, die eine Pufferzone bilden (Konzept des „Vorbeimarschierens“), sowie Außenwerke zwischen den Bastionen zum Schutz der Tore (Konzept der „Flankierung“). Der wesentliche Nachteil dieses Verteidigungssystem liegt darin, dass die Bastionen mit ihren zu spitzen Winkeln keine umfassende Garantie boten, einer Belagerung standzuhalten.

Von den theoretischen Prinzipien Errards inspiriert sind die Arbeiten von Ingenieur Jean Sarrazin, Ritter Deville (1595-1656), der die Flankierung verfeinert und den geschlossenen Weg unterteilt. Auch Blaise Pagan (1607-1667), Vorbild von Vauban, ließ sich von Errard inspirieren und war ein Verfechter der Außenwerke (Entwicklung der Schießscharten). Er war überzeugt davon, dass eine Bastion kurvig verlaufen sollte, was durch den Bau einer Ringmauer erreicht wurde.

Ingenieur Jean Errard befasst sich außerdem mit Fragen der Hydraulik. 1594 entwickelt er ein System zur Umwandlung der per Wasserrad erzeugten Energie mithilfe einer Stange, wodurch die Probleme des Rückflusses vermieden werden konnten. Im Jahr 1660 entwickelt er Pläne für ein Steuerungssystem von Ketten für Wasserpumpen, das von Arnold Deville aufgegriffen wurde.

Errard ist Autor des Buches Premier Livre des instruments mathématiques et mécaniques, erschienen im Jahr 1583 in Nancy sowie des Titels La Géométrie et pratique générale d'icelle (Paris, 1594). Er ist der erste Übersetzer von Euclide und veröffentlicht in den Jahren 1604 und 1605 in Paris das Werk Les neufs premiers livres des Eléments d'Euclide traduits et commentez.

Sein wichtigstes Buch ist jedoch La fortification démonstrée et réduicte en art, dessen Erstauflage dank königlicher Subventionen 1600 in Paris erscheint. Der Erfolg führt zu einer Neuauflage im Jahr 1604 und verschiedene Übersetzer fertigen deutsche Auflagen an: Diese erscheinen 1604, 1617 und 1622 in Frankfurt und 1616 und 1617 in Oppenheim. Sein Neffe, Alexis Errard, erweitert die Originalausgabe mit Anmerkungen seines Onkels, die dann 1620 in Paris als dritte Auflage erscheint.