Jean Jaurès

1859 - 1914
Portrait von Jean Jaurès. Quelle: Portrait von Jean Jaurès

Der einer bürgerlichen Provinzfamilie entstammende Jean Jaurès schließt im Jahr 1878 als bester seines Jahrgangs die Ecole Normale Supérieure in der Rue d'Ulm und im Jahr 1881 als Drittbester die Lehrzulassung für Philosophie ab. Er unterrichtete zunächst in Albi, dann im Jahr 1882 in Toulouse, wo er die Funktion des Kolloquiumsvorsitzenden im literarischen Lehrstuhl der Universität übernimmt. Im Jahr 1885 wird er in Castres zum Abgeordneten der Republikaner gewählt. Bei seiner Niederlage bei den gleichen Wahlen vier Jahre später präsentiert er sich auf der Gemeindeliste der Stadt Toulouse und zwar dieses Mal auf der Seite der Sozialisten.

Opportunismus

Jaurès war nicht immer Sozialist und noch weniger Marxist gewesen. Als sich die Republik nach einem rund zehnjährigen Machtkampf bezüglich des tatsächlich einzuführenden Regimes (im Jahr 1870 bricht das Second Empire zusammen, die Republik wird ausgerufen, doch die untereinander gespaltenen Monarchisten halten immer noch die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer) endgültig durchsetzt ist Jaurès erst zwanzig Jahre alt. Das politische Engagement von Jaurès geht auf das Jahr 1885 zurück, und mit 25 wird er Abgeordneter des Tarn. Er sieht Jules Ferry als seinen geistigen Vater und sitzt unter den republikanischen 'Opportunisten', die gemäßigte soziale Ideale vertreten. Zu dieser Zeit hält er die Radikalen Clemenceaus für zu unruhig und die Sozialisten für gewalttätig und letztendlich gefährlich für die sich im Aufbau befindliche republikanische Ordnung.

Dennoch ist ihm das Schicksal der Arbeiterklasse nicht gleichgültig und er stellt seine zum Mythos gewordene Redegewandtheit in den Dienst der ersten Sozialgesetze des Regimes (Gewerkschaftsfreiheit, Schutz der Delegierten, Schaffung von Arbeiterpensionskassen, usw.). Als Sohn der Revolution des Jahres 1789 glaubt er an institutionelle und republikanische Reformen, an die Allianz der Arbeiterschaft und des arbeitenden Bürgertums für den Sieg des Ideals von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Im Jahr 1889 gewinnen die Republikaner die Legislativwahlen, er jedoch wird in seinem Wahlbezirk von Carmaux (Tarn) geschlagen. Baron Reille und der Marquis de Solages (beide Abgeordnete von Castres-Mazamet und Carmaux), Eigentümer der Minen von Carmaux, haben sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Druckmitteln dafür eingesetzt, diesen Republikaner zu schlagen, der die staatliche Kontrolle von Unternehmen vertritt. Jaurès arbeitet als Professor in Toulouse, legt zwei Doktorarbeiten ab und stellt sich dann als Kandidat für die Gemeindewahlen (1890).

Der große Streik von Carmaux

Jaurès steht abseits vom politischen Leben des Landes als im Jahr 1892 der große Streik der Minen von Carmaux ausbricht. Calvignac, der gewählte Bürgermeister, Gewerkschafter und Sozialist, sowie Minenarbeiter wird vom Marquis de Solages entlassen, weil er seinen Arbeitsplatz mehrmals verlässt, um seine Verpflichtungen als Gemeindevertreter zu erfüllen. Die Arbeiter treten in Streik, um den Bürgermeister, auf den sie stolz sind, zu verteidigen. Die Republik sendet die Armee mit 1500 Soldaten im Namen der "Freiheit der Arbeit" aus. Die Republik scheint sich somit auf die Seite der monarchistischen Arbeitgeberschaft zu schlagen und sich der rechtmäßigen Verteidigung des universellen Wahlrechts des Volkes von Carmaux entgegen zu stellen. Frankreich steht gleichzeitig mitten im Panamaskandal. Jaurès erträgt diese Republik, deren wahres Gesicht aus kapitalistischen Abgeordneten und Ministern zu bestehen scheint, für die die Finanzen und die Industrie über der Einhaltung des republikanischen Rechts stehen. Er engagiert sich an der Seite der Bergarbeiter von Carmaux. Hier erfährt er, was Klassenkampf und Sozialismus bedeutet. Aus dem bürgerlichen, von sozialen republikanischen Idealen geprägten Intellektuellen ist nach Beendigung des Streiks von Carmaux ein Apostel des Sozialismus geworden. Unter dem Druck von Jaurès spricht sich die Regierung im Konflikt zwischen Solages und Calvignac zugunsten von Calvignac aus. Solages tritt von seinem Posten als Abgeordneter zurück. Jaurès scheint für die Arbeiter des Gebiets der ideale Abgeordnete in der Kammer. Er wird trotz der Gegenstimmen der Landbevölkerung des Bezirks, die von Eigentumsteilung nichts wissen wollen, gewählt. Von nun an engagiert sich Jaurès in der unaufhörlichen und entschiedenen Verteidigung der im Kampf befindlichen Arbeiter. Er gründet in Albi die berühmte Arbeiterglaserei. Im Weinbaugebiet Languedoc besucht er die "freien Weinbauern von Maraussan", die die erste Genossenschaftskellerei eröffnen.

Die Dreyfus-Affäre

Jaurès setzte sich auch für die Unschuld von Alfred Dreyfus ein. Er stellt sich in diesem Falle den orthodoxen Marxisten mit ihrem Anführer Jules Guesde entgegen, für die Dreyfus ein bürgerlicher Offizier und somit in jedem Falle schuldig ist. Für Jaurès sind das Unglück und die Ungerechtigkeiten, denen Dreyfus zum Opfer fällt wichtiger als die Klassenunterschiede. Dreyfus ist kein Privilegierter oder Ausbeuter mehr. Er ist ein zu Unrecht leidender Mann. Im Jahr 1904 gründet er die Zeitung L'Humanité und ist im Jahr 1905 einer der wichtigsten Akteure der SFIO-Stiftung, unter der die verschiedenen sozialistischen Parteien Frankreichs zusammengefasst wurden.

Pazifismum

Seine pazifistischen Stellungnahmen kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs machten ihn unter den Nationalisten sehr unpopulär. Jaurès wurde deshalb im Café du Croissant, in der Pariser rue Montmartre drei Tage vor Kriegsausbruch ermordet. Dieser Mord erreichte noch dazu sein Ziel, denn er erleichterte die Einbeziehung der Linken, einschließlich einer großen Zahl von noch zögernden Sozialisten in die 'Heilige Union'. Bei Beendigung des ersten Weltkrieges und angesichts der hierdurch entstandenen enormen menschlichen Verluste benannten zahlreiche französische Gemeinden Straßen und Plätze nach seinem Namen und erinnerten auf diese Weise an einen der glühendstenen Gegner dieses Konflikts. Auch eine Pariser Metro-Station trägt seinen Namen. Das Jaurès genannte Lied von Jacques Brel aus dem Jahr 1977 erinnert daran, wie sehr dieser Politiker zu einer mythischen Figur des Klassenkampfes geworden war. Die sozialistische Partei Frankreich beschloss, ihm mit ihrer politischen Stiftung, der Jean-Jaurès-Stiftung, Ehre zu erweisen. Sein Mörder, Raoul Villain, wird nach fünfzig Monaten Untersuchungshaft am 29. März 1919 frei gesprochen.

 

Einige Zitate
"Mut bedeutet, die Wahrheit zu suchen und zu sagen, und nicht dem Triumph der Lüge zu erliegen und in dumme Ovationen und fanatische Hohnrufe einzustimmen." (1903)
"Ich habe nie einen Unterschied gemacht zwischen Republik und den Idealen von sozialer Gerechtigkeit, ohne die erstere nur ein Wort ist." (1887)
"Ein wenig Internationalismus führt von der Heimat weg; viel davon führt zu ihr zurück." [list] "Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke das Gewitter."