Landschaften des Ersten Weltkriegs, Palimpseste der Gewalt

Explosion einer Granate in der Gegend von Verdun während des Ersten Weltkriegs. © TopFoto/Roger-Viollet

Anlässlich der Hundertjahrfeier des Ersten Weltkriegs entdeckten zehntausende Besucher aus Frankreich und dem Ausland die Landschaften, die das Erbe von 14-18 sind. Aber es handelt sich um heute kaum wahrnehmbare Spuren, die man anhand der Erzählungen über die Schlachten ablesen muss, die sich dort abgespielt haben. Von der alten Frontlinie über die zerstörten Städte und aufgeforsteten Wälder bis zu den besetzten Gebieten blieb in Wirklichkeit keine Landschaft vom Ersten Weltkrieg verschont.

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In seinem Gespräch mit Jean-Louis Tissier im Jahr 1978 meint Julien Gracq: „Man kann nicht an die Geschichte denken, ohne auch an die Landschaft zu denken, die sie ermöglicht hat [...] Der Zauberstab der Geschichte lässt eine Landschaft entstehen...“ Marc Bloch, ein Kämpfer der Jahre 14-18 und Historiker für ländliche mittelalterliche Gesellschaften hat ebenfalls die von ihm fotografierten Kriegslandschaften mit seinem Geschichtsbegriff verbunden, der Wissenschaft der Menschen in der Zeit, und ihre Untersuchung in das „geistige Werkzeug“ der kriegsführenden Parteien eingebunden. Denn auch wenn kriegerische Konflikte immer schon die natürlichen und vom Menschen geschaffenen Landschaften verändert haben, so war es der Erste Weltkrieg, in dem alle Formen der industriellen Summierung und Mobilisierung von Mitteln zu irreversiblen Veränderungen geführt haben. Ja, Marc Bloch hatte recht, die Landschaften und das Kulturerbe sind verletzlich, im etymologischen Sinn, wie die Körper und Seelen der Menschen, egal ob es jene an den inländischen militärischen Fronten oder an den Besatzungsfronten sind - zehn französische Départements des Nordens und Ostens - Schlachtfelder oder hinter der Front, militärische oder zivile Gefangenenlager, Spitäler, Militärfriedhöfe, Gedenkstätten für die Schlachtfelder.

 

LANDSCHAFTEN DER KRIEGSFRONT

 

Die Kriegslandschaft der Westfront wurde von Männern in Uniform aus der ganzen Welt geschaffen, die oft von den französischen Feldern und dem architektonischen Erbe überrascht waren; noch während sie diese sahen, wurde alles zerstört. Wie sollte man diese endlos paradoxe Umgebung beschreiben, die zerstört, zergliedert, rekonstruiert wurde, die verschiedene Ablagerungen der Gewalt aufweist, im geologischen Sinn des Begriffs? Das erste Paradoxon: die Fülle von hunderttausenden Männern hat diese 1000 km lange Narbe geschaffen, die sich von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze schlängelt - und diese Männer sind nicht da. Denn wie Apollinaire richtig gesagt hat, die Kriegslandschaft muss unsichtbar sein - und vor allem die Männer und die Kanonen: „Denn man hat in diesem Krieg die Kunst der Unsichtbarkeit sehr weit getrieben.“ Granaten aller Kaliber wurden ganz zerrissen, es bleiben nur Stacheldrähte und Krater: Mondlandschaften, Landschaften der Hölle, wie bei den Künstlern Otto Dix oder Clagett Wilson, der in seinem Dance of Death drei Tote in die Stacheldrähte des Niemandslandes führt; ihre verrenkten Körper tanzen in der Kriegslandschaft endlos weiter.

 

La cathédrale de Reims en ruines, après les bombardements en septembre1914. © Roger-Viollet

Die zerstörte Kathedrale von Reims nach der Bombardierung im September 1914. © Roger-Viollet

 

TARNUNG

 

 

Nochmals Apollinaire: „Obus-Roi.“ Die Front und ihr Niemandsland, der militärische Ausdruck des „Nirgendwo“, dessen König Ubu war und die Tarnung der Prinz: Theater an einem Kriegsschauplatz, ein Bild im Bild. Sehen ohne gesehen zu werden, sichtbar machen, was nicht da ist. Die Kopplung von Flugzeug und Fotoapparat hat eine „manipulierte Kulisse“ geformt, die Blaise Cendrars in seinem autobiographischen Werk Die rote Lilie folgendermaßen beschrieb: „Das Land ist getarnt. Künstliche Felder, von den Ingenieuren gemeißelte Natur, in der plötzlich eine Stadt ‚ohne Alter‘ auftauchte. Das erste Wäldchen ist ein lackiertes Blech, die beiden anderen sind Zugmaschinen für schwere Artillerie, die mit Kieferzweigen abgedeckt sind. Die endlose gerade Straße ist eine mit Kalk gemalte Straße, während die echte Straße die Ebene diagonal durchquert und unter den moosfarbigen Bannern unsichtbar ist. Und in diesen verlassenen Feldern gibt es Bahnhöfe, Eisenbahnstrecken, Geräteparks, Baustellen, Lager, unterirdische Magazine und abertausende Arbeiter, die am Werk sind.“

 

Denn dieser moderne Krieg setzt alles Moderne ein - einschließlich der Kunst - wenn sie für seine triumphierende Summierung notwendig ist. Fernand Léger gibt sich als makaberer kubistischer Entomologe in einem Briefwechsel mit Louis Poughon vom 30. Mai 2015 ironisch: „Es ist trotzdem ein sehr seltsamer Krieg. [...] Er ist die perfekte Orchestrierung aller alten und modernen Tötungsmittel. [...] Er ist linear und trocken, wie ein Geometrieproblem. So viele Granaten in so viel Zeit auf derselben Fläche. [...] Das ist reine Abstraktion, viel reiner als die kubistische Malerei „an sich“ [...] Es gibt nichts Kubistischeres als einen Krieg wie diesen, der dir ein Mannsbild mehr oder minder sauber in mehrere Stücke zerteilt und überall hin schickt.“

 

Aragon stimmt zu: „Ich bin völlig verloren, denkt daran, und wie soll man da über Landschaften sprechen. [...] Sie haben mich drei Mal ergebnislos getötet, an meinen Füßen, im Becken, in dem ich mich wusch. Sie haben über mir meine Rettungsstation zerstört. [...] Die Bäume hier hat Cézanne im Voraus gemalt.“ (Briefe an André Breton, 1918-1931).

 

Prisonniers allemands de la cote 304 (ravin de la Hayette) pendant la bataille de Verdun,1916. © Roger-Viollet

Deutsche Gefangene der Höhe 304 (Hayette-Schlucht) in der Schlacht um Verdun, 1916. © Roger-Viollet

 

RUINEN UND ZERSTÖRUNG

 

Es entstanden zwei zerstörte Landschaften, einerseits hinsichtlich der Natur und der landwirtschaftlichen Ressourcen, andererseits die Städte und das architektonische Erbe. Fotos, Zeichnungen und Grafiken hinterließen uns einen riesigen Haufen gekappter Bäume und fast unsichtbarer, machtloser Männer, die manchmal hinter Gaswolken verborgen waren. Die zerstörten Häuser und Gebäude sowie die beschädigten Bäume wurden zur symbolischen Antwort auf Verletzungen und Tod. Der Tod der Soldaten, der Tod der Natur.

 

Baumstümpfe als Metaphern für verstümmelte Menschen. Genevoix hat auf den Seiten von Die von 14 zweifelsohne am besten diese endgültige Verwandlung der Landschaften vermittelt, in denen sich der chamäleonartige Mensch ergeht und anpasst. Denn der Mensch wird selbst zur Kriegslandschaft: „Das Wasser, das mich zuerst bis auf die Haut durchdrang, fließt nun in meinen Adern. Jetzt bin ich eine schlammige Masse, vom Wasser aufgenommen, die bis ins Innerste friert, kalt wie das Stroh, das uns schützt und dessen Halme zusammenkleben und faulen, kalt wie die Wälder, deren Blätter einzeln herabrieseln und zittern, kalt wie die Erde der Felder, die sich nach und nach auflöst und schmilzt.“ Die Ruinen sind auch vermenschlicht, die Kirchen werden zu Märtyrern, die höchstmögliche Erfüllung des spirituellen Lebens: „Die Zerstörung von Reims, die Attentate, welche ihre großartigen Gebäude auf grausame Weise erlitten haben, sind schlussendlich eine Ehre für Frankreich“, schrieb Arsène Alexandre 1918.

 

ERSTÜRMTE UND BESETZTE GEBIETE

 

In den besetzten Gebieten wurden die - tatsächlichen - Umweltbelange auf die Ansammlung von Beweisen für Gräuel und vorsätzliche Zerstörungen ausgerichtet, hin zu einem ökologischen Anliegen, das mit Anschuldigungen vermischt wurde: die zu Besatzern gewordenen Feinde konnten doppelt geschmäht werden. Die besetzten Gebiete wurden zu einem Labor im Labor, wo man die „deutschen Verbrechen“ gegen die Kultur und die Natur anprangert. So verwenden Wissenschaftler Metaphern, in denen der Krieg und die Besatzung wie ihr Gebiet behandelt werden. Dieses ist die Evolution, mit anpassungsfähigen und angepassten, ausgestoßenen und widerstandsfähigen Organismen. Die Vorwürfe von Umweltschützern führen zu einem bemerkenswerten Nachdenken über die besetzten Gebiet und darüber hinaus über die durch den Krieg veränderten Landschaften. Dennoch wurden diese spezifischen Landschaften der besetzten Gebiet weitgehend ignoriert, in einer Welt, die den auf den Schlachtfeldern umgekommenen Helden gewidmet ist. Die Konzentrationslager, die teilweise elektrischen Stacheldrahtzäune und die Wachtürme gehören jedoch zur Landschaft des Ersten Weltkriegs. Wenn Kunstwerke weggebracht werden, sind die Heftigkeit und die Wortwahl frappierend. 1918 schreibt der Historiker Claude Cochin: „Die Deutschen haben vier Konzentrationslager für Kunstwerke gegründet. In Metz, Charleville, Maubeuge und Valenciennes. [...] Während Deutschland die Fabriken ausräumt [...] während es sogar in Häuser und den Besitz von Privatpersonen einbricht, wer sagt uns, dass unsere Kunstschätze morgen nicht auch den Weg nach Berlin nehmen? [...] Was schlägt uns Deutschland vor? Wir hatten einen Garten, den es in einen Friedhof verwandelt hat. Anstelle unserer geliebten Pilgerstätten eine riesige Kaserne, ein Konzentrationslager an den Ufern der Spree.“

 

Aber vor allem im Nachhinein ist die Feststellung unmissverständlich, wie hier aus der Feder eines Neutralen, des frankophilen Dänen und Hauptmanns der im Januar 1919 nach Paris gesandten Mission. Den Deutschen werden alle Toten, alle Übel, das des Krieges und das der Besatzung, angelastet. Die zerstörten Landschaften sind ihre Tat: „Man muss es gleich sagen: es lässt sich weder in gesprochenen noch schriftlichen Worten nur annähernd eine Vorstellung von der absoluten Verwüstung dieser Regionen und dem Eindruck, den sie hinterlässt, ausdrücken. [...] In dem Gebiet, in dem sich einst fruchtbare Felder an herrliche Wälder reihten, wo Städte und Dörfer aufblühten, ist nichts anderes als eine riesige Wüste geblieben, in der es aufgrund der tausenden, nicht explodierten Geschosse, die sich dort unter der Erde befinden, fast unmöglich ist, das Land wieder urbar zu machen. [...] Man kann an den Resten eines Dorfes vorbeikommen, ohne es zu bemerken. Dessen Zerstörung ist vollkommen. [...] Es gibt keine Straße, keine Brücke, keinen Kanal und keine Bahnstrecke, die nicht zerstört wurde, entweder durch die Schlachten oder absichtlich. [...] Es wird mindestens fünfzig Jahre dauern, bis diese Gegend vom Schutt befreit sein wird. (Archive des IKRK, Genf).

 

Was bleibt ein Jahrhundert später? An den Frontlinien kann man die Landschaften als Palimpseste der Gegensätze entziffern, von der Zeit der Gewalt bis zu jener der Trauer. Die Spuren des Krieges, die Granat- und Minentrichter werden teilweise vom unglaublichen Grün des Grases verschönt, das hier wieder wächst. Überall bilden Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten der Schlachtfelder eine internationale Geometrie der Erinnerung. Was die Kriegsdenkmäler der Gemeinden, Pfarreien, Schulen, Fabriken, Eisenbahnen usw. betrifft, so zeigen unendlich viele bis in das kleinste Dorf Frankreichs dieses Erbe des Massenmordes, der Ehre und des Grauens. Die UNESCO wird sie sicherlich bald in das Weltkulturerbe aufnehmen.

 

Annette Becker, Historikerin, Professorin der Universitäten Paris-Ouest-Nanterre-La-Défense

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Geplante Aufnahme der Grab- und Gedenkstätten der Westfront des Ersten Weltkrieges in die Weltkulturerbeliste der UNESCO

 

Die Direction des patrimoines, de la mémoire et des archive (DPMA) (Direktion für Kulturerbe, Erinnerung und Archive) des Verteidigungsministeriums unterstützt und betreut das Projekt zur Aufnahme der Grab- und Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges in die Weltkulturerbeliste. Seit 2013 ist sie Partner des Vereins „Paysages et sites de mémoire de la Grande Guerre“ (Landschaften und Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges). Denn von den 96 der vorgeschlagenen, in Frankreich befindlichen Stätten ist der Großteil im Staatsbesitz. Außerdem sind fast ein Drittel der berücksichtigten Stätten in Frankreich und Belgien Friedhöfe, die von der DPMA unter Wahrung ihrer Authentizität und Beachtung des Umweltschutzes und der Biodiversität instandgehalten werden.

 

Der Weltkulturerbeausschuss der UNESCO, der im Juli 2018 in Bahrein zusammentraf, beschloss eine neuerliche Prüfung dieses Projekts im Jahr 2021. Bis dahin wird ein Nachdenkprozess auf internationaler Ebene geführt, um zu prüfen, ob die mit Konflikten der jüngeren Zeit verbundenen Stätten unter den Gegenstand und in den Anwendungsbereich des Weltkulturerbe-Übereinkommens fallen. Dies ist eine prinzipielle Frage, die auf andere Stätten angewandt werden kann, die sich ebenfalls auf das für diese Einstufung vorgeschlagene Thema beziehen.

 

Denn dieses Vorhaben beabsichtigt nicht, an den Krieg und seine Zerrissenheit zu erinnern, sondern will im Gegenteil eine Praxis verbreiten, durch welche die Individualität der Soldaten respektiert wird. Die Beisetzung im Einzelgrab wird nach denselben Prinzipien (Identifizierung der Soldaten und Nennung ihrer Namen auf den Gräbern, Beinhäusern, Gedenkstätten, Gräber ohne Unterscheidung nach sozialem Rang, Grad, Herkunft sowie unter Beachtung der Überzeugungen der Verstorbenen) mit dem Ersten Weltkrieg zur universellen Praxis. Die Achtung des Soldaten als Individuum ist mit der Achtung für seine Familie und seine Angehörigen verbunden, die sich auf verschiedene Weise ausdrücken kann: Erteilung der Erlaubnis für Familien, bei Gräbern des Commonwealth einen kurzen Text auf den Grabstein ihres verstorbenen Angehörigen zu gravieren; in Frankreich, Rückgabe der Leichname an die Familien, die ihren Angehörigen im Familiengrab beisetzen möchten und Einführung des Rechts auf eine jährliche, vom Staat finanzierte Reise, damit ein Familienmitglied an die Grabstelle seines in einem Kriegsgrab beigesetzten Verwandten kommen kann.

 

Die Grab- und Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs sind keine Schlachtfelder oder Kampfstätten. Auch wenn der Krieg den Kontext und Hintergrund dafür bildet, sind sie nunmehr Orte des Friedens, der Einkehr, Träger der Werte wie Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschlichkeit und Frieden. Der Verteidigungsminister hat mittels der DPMA die Aufgabe, dies allen und insbesondere der jungen Generation zu vermitteln.

 

La rédaction