Operation Jubilee, Dieppe - 19. August 1942

Der Hafen von Dieppe und die Steilküste, betrachtet vom Strand in Puys, 2002.
Der Hafen von Dieppe und die Steilküste, betrachtet vom Strand in Puys, 2002. Quelle: Spezielle Sammlung

Nachdem die Deutschen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen haben, folgte am 7. Dezember der japanische Angriff auf den amerikanischen Stützpunkt in Pearl Harbour, was zum Eingreifen der USA in den Konflikt und somit zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte.

Corps 1

Anfang 1942 waren die Achsenmächte, d. h. Deutschland, Italien und Japan, an allen Fronten sehr erfolgreich. Insbesondere die Sowjetunion verzeichnete durch die deutschen Angriffe hohe Verluste. Der Wunsch nach Unterstützung durch die Alliierten war groß, insbesondere nach Eröffnung einer neuen Westfront. Dennoch entschieden sich die Alliierten erst 1943 zu einer Landung in Europa.



Das deutsche Verteidigungssystem im Westen auf dem Prüfstand


Die Angriffe auf Bruneval und Saint-Nazaire im Februar und März 1942 führten zu erheblichen Verlusten beim Feind, insbesondere durch die Zerstörung eines neuartigen Radarsystems der Deutschen. Die Alliierten erwägten daher die Möglichkeit einer groß angelegten Operation an den französischen Küsten, um das deutsche Verteidigungssystem zu schädigen.


Die Wahl fiel auf Dieppe, einen Hafen in der Obernormandie und nahe an Großbritannien gelegen, der auch per Luft bedient werden konnte. Hinzu kam, dass die in dieser Region bestehenden deutschen Verteidigungssysteme als weniger gefährlich eingestuft wurden, als die an der Küste von Pas-de-Calais. Die umliegenden Unebenheiten in dieser Gegend sind sehr zerklüftet. Markant ist auch die hohe Steilküste, die vom Meer aus kaum einnehmbar ist, wodurch die möglichen Interventionen sehr eingeschränkt wurden.

Die Küste vor Dieppe ist gekennzeichnet durch die hohe und nahezu uneinnehmbare Steilküste, die keinen Zugang zum Hinterland bietet. Quelle: DR

Die Kommandozentrale der Alliierten erstellt im April einen Aktionsplan.


Ziel der so genannten Operation Rutter ist die Zerstörung der Verteidigungsanlagen an der Küste und der strategischen Infrastruktur: Flughafen, Radarstation, Elektrizitätswerk, Hafenanlagen und Bahnstrecken, Munitions- und Treibstofflager. Ein weiteres Ziel war es, in den Besitz gewisser Dokumente im Hauptquartier der deutschen Division zu gelangen, die in Arques-la-Bataille vermutet wurde.

Der Plan sah einen zentralen Angriff auf Dieppe vor, der von Flankenangriffen in Puys und Pourville auf der anderen Seite des Hafens eingeleitet werden sollte. Dann sollten Luftangriffe auf die ferner gelegenen Batterien in Berneval und Varengeville folgen. Im Vorfeld war die Meeresfront nicht als Ziel eines Luftangriffs gedacht. Die Ausführung des Plans wurde den Kanadiern anvertraut. Die Operation wird auf den 4. Juli festgesetzt. Aufgrund ungünstiger Wetterverhältnisse wurde sie jedoch verschoben und schlussendlich gestrichen.


Dennoch wird dieses Projekt sehr schnell neu überdacht. Als Operation Jubilee wurde der Plan wieder aufgenommen, wenngleich auch mit gewissen Änderungen: Keine Beteiligung von Fallschirmjägern und keine vorherige Bombardierung. Ziel der vom Meer aus angeführten Angriffe auf Varengeville und Berneval war es, die deutschen Batterien zu neutralisieren. Der Angriff rings um Dieppe wurde unter die Befehlsherrschaft der Truppen gestellt, die in Puys und Pourville landen sollten. Die Landung wird auf 4.50 Uhr festgelegt, der Angriff auf Dieppe auf 5.20 Uhr. Die Verteidigungsstellungen sollten bis zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschaltet sein. Der ganze Angriff sollte nicht länger als 10 Stunden dauern.

Karten der Operation. Quelle MINDEF/SGA/DMPA

Die Truppen unterstanden der Befehlsgewalt von Schiffskapitän Hugues Hallet. General Roberts, Kommandant der 2. kanadischen Infanteriedivision, befehligte die Seestreitkräfte und Marschall der Luftstreitkräfte Leigh Mallory übernahm die Führung der Luftstreitkräfte.


Die Landungstruppen umfassten 4.965 Kanadier und 1.100 Briten sowie ungefähr 50 amerikanische Ranger und einige Franzosen, die an der Seite der kanadischen und britischen Streitkräfte kämpften, d. h. insgesamt ungefähr 6.000 Soldaten. Die für den Transport der Truppen und ihre Absetzung auf dem Boden eingeteilte Staffel umfasste nahezu 200 Schiffe oder für die Landung vorgesehene Kriegsgeräte. Acht Zerstörer, darunter einer unter polnischer Flagge, bildeten die Basis dieser Operation.

Die kanadischen Truppen kurz vor der Landung. Quelle: Sammlung DMPA

Corps 2

Unterstützt wurde die Operation durch zwei Kanonenboote, ungefähr 30 Schnell- und Motorboote sowie sieben französische U-Boote, von denen drei mit Besatzung der Royal Navy fuhren und vier den freien französischen Seestreitkräften unterstellt waren. Der Luftangriff wurde durch nahezu 1.000 Flugzeuge sichergestellt, insbesondere britische Jagdflugzeuge und einzelne amerikanische Bomber.


Die Verteidigung von Dieppe unterlag der 302. Infanteriedivision Deutschlands. Die Truppenstärke an den verschiedenen Landungsstellen wird auf insgesamt 2.000 Soldaten geschätzt. Die Front von Berneval bis Varengeville erstreckt sich auf 18 km. Die Küste und der Hafen werden von Batterien an der Küste und auf dem Festland, Kanonen, Stellungen für Maschinengewehre, Blockhäuser und verschiedene Festigungsanlagen verteidigt. Stacheldraht, Mauern und Kanonengräben blockieren den Zugang zu den Hauptstränden. Hinzu kommen Minenfelder, die auf großen Teilen der Küste den Zugang erschweren. Die Bodentruppen werden unterstützt durch nahezu 400 Flugzeuge der Luftwaffe, großteils Jagdflugzeuge.


Am 18. August um 10 Uhr wird der Befehl für die Operation gegeben. Am Nachmittag gehen die Truppen in den Häfen von Newhaven, Southampton, Shoreham und Portsmouth, im Süden Großbritanniens an Bord. Im Laufe des Abends treffen die Schiffe der Landungstruppen ein.


Gegen 3.00 Uhr am 19. August beginnen die Landungsoperationen. Die für die ersten vier Angriffe geplanten Männer befinden sich an Bord von Lastkähnen, die sie an die verschiedenen Landungsstellen befördern sollen. Die Operation verläuft planmäßig, bis das Kanonenboot den Weg für das 3. Kommando freigibt, das an den Stränden von Berneval und Belleville-sur-Mer landen sollte und plötzlich einem deutschen Konvoi gegenüberstand, der aus Boulogne anrückte. Die Auseinandersetzung begann. Die britischen Truppen erleiden hohe menschliche und materielle Verluste, und zur Verteidigung stehen nur noch begrenzte Mittel zur Verfügung.


Das 3. Kommando, dem nur noch sieben der ursprünglichen 23 Boote zur Verfügung stehen, konzentriert sich auf seine Mission. Um 4.45 Uhr landen am Strand von Val-du-Prêtre in Belleville 19 Männer unter Major Young. Es gelingt ihnen, die Batterie von Berneval 90 Minuten lang in Schach zu halten. Nachdem die Munition zur Neige gegangen war, schiffen sie um 8.10 Uhr wieder ein. Am Strand von Berneval ist die Operation fehlgeschlagen. Die eintreffenden Briten werden vom deutschen Kugelhagel getroffen. Nur knapp 100 Männern gelingt es, an den Strand vorzudringen. Der Dauerbeschuss durch den Feind macht jedoch jedes weitere Vordringen unmöglich. Blockiert durch die Steilküste und nach einem nahezu fünf Stunden andauernden Kampf ziehen sich die Kommandos gegen 10 Uhr zurück, um sich mit den Männern von Young zu vereinen.

Patriotische Illustrierte aus dem Jahr 1948. Quelle: Spezielle Sammlung

Am anderen Ende des Operationsbereichs ist das 4. Kommando beauftragt, die Batterie von Varengeville-sur-mer auszuschalten. Die 250 Soldaten unter Oberstleutnant Lord Lovat waren in zwei Gruppen unterteilt und landeten in Vastérival und Quiberville. Ihnen gelang es sechs Batterien zu zerstören, bevor auch sie den Rückzug antreten mussten. Die Engländer konnten ihre Mission ohne allzu hohe Verluste beenden und schifften gegen 7.30 Uhr mit vier deutschen Gefangenen an Bord wieder ein.


Die Operation in Puys und Pourville, sowie in Dieppe und im gesamten Umland unterstand den Kanadiern. Am Ziel angekommen, stehen sie nahezu überall sofort unter feindlichem Maschinengewehrbeschuss und sie kamen nicht über die Strände hinaus.


Die Soldaten des Königlichen Regiments Kanadas landeten erst 15 Minuten verspätet in Puys und standen dem Feind ohne jegliche Deckung gegenüber. Bereits in den ersten Minuten nach der Landung wurden sie nahezu vollständig ausgelöscht. Nur ungefähr 20 Soldaten gelang es, den Strand lebend zu verlassen. Die Verluste waren furchtbar: Von 650 Soldaten wurden 128 getötet und über 250 wurden gefangen genommen. Die Operation ist vollkommen fehlgeschlagen. Die deutschen Verteidigungsstellungen an der Steilküste, die insbesondere den Zugang zu Dieppe blockierten, konnten nicht eingenommen werden.


Das South Saskatchewan Regiment und die Queen's Own Cameron Highlanders of Canada landen ohne größere Schwierigkeiten zur geplanten Uhrzeit in Pourville. Während ihres Vordringens in das Landesinnere stieg die Anzahl der Verletzten dramatisch an, da der Widerstand deutlich heftiger war als erwartet. Obwohl sie einige Stellungen in ihre Gewalt gebracht hatten, mussten sie das Gebiet dennoch aufgeben und im Laufe des Morgens den Rückzug antreten. Die Verluste waren sehr hoch. Tausende Soldaten fallen während der Kämpfe und nicht einmal der Hälfte gelang es, in Pourville wieder einzuschiffen.


Um 5.20 Uhr startet der Frontangriff auf Dieppe. Die Royal Hamilton Light Infantry und das Essex Scottish stehen sofort dem Feuerhagel der deutschen Batterien gegenüber. Den meisten Kanadiern gelang es nicht, über den Strand hinaus zu kommen. Nur einer Handvoll Soldaten gelang es, in die Stadt vorzudringen. Sie waren jedoch zu wenige, um etwas auszurichten. Die speziell bestückten Panzer wurden bereits am Strand zerstört. Unter feindlichem Dauerbeschuss werden sie systematisch zerstört und können nichts mehr ausrichten.

Zerstörte Schiffe und Panzer. Quelle: Sammlung DMPA

Einzelne Panzer, die etwas weiter vordringen konnten, blieben in Sperren stecken und auch ihnen gelang es nicht, bis in die Stadt vorzudringen. Die zur Verstärkung angerückten Infanteristen Mont-Royal und die Kommandos der Royal Marines konnten die Situation nicht mehr retten. Schlussendlich konnte keines der Ziele erreicht werden.


Die Lage an den Stränden war trostlos. Um 9.35 Uhr erfolgte der Rückzugsbefehl.

Aufnahme von Verletzten an Bord eines Schiffes der Alliierten vor Dieppe. Quelle: Sammlung DMPA

Um 13.30 Uhr verlässt das letzte Schiff die Küste in Richtung England. Zurück bleiben ungefähr 3.000 Soldaten, die getötet oder in Gefangenschaft genommen wurden. Fahrzeuge, Gerätschaften und zahlreiche Waffen werden am Schauplatz zurückgelassen. Neun Stunden nach Beginn des Angriffs ist die Bilanz schrecklich: 1.197 Tote oder Vermisste, nahezu 1.500 Verletzte und ungefähr 2.000 Gefangene. Die Verluste der Kanadier waren am höchsten (über 900 Tote). 34 Schiffe, darunter ein Zerstörer, sowie 108 Flugzeuge der Alliierten sind verloren. Auf deutscher Seite werden die Verluste auf 350 Tote oder Vermisste, einige Hundert Verletzte und 34 Gefangene geschätzt. Die Luftwaffe verliert 48 Flugzeuge.

Während der Operation fielen 2.000 alliierte Soldaten in die Hände der Deutschen. Quelle: Sammlung DMPA

Kanadische Gefangene. Quelle: Sammlung DMPA

Dieser militärische Misserfolg ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: Unterschätzung der deutschen Verteidigung, Schwächen in der Unterstützung durch Luft- und Seestreitkräfte, Einsatz von ungeeignetem Material, mangelnder Informationsaustausch, ein nicht flexibler Aktionsplan. Obwohl der Preis sehr hoch war, so haben die Alliierten schlussendlich doch ihre Lektion aus diesem Fehlschlag gelernt und erfolgreich bei weiteren Landungen umgesetzt: In Nordafrika, Sizilien, Italien und letztendlich in der Normandie.

Flugblatt Courrier de l'Air, das von der britischen Luftwaffe verteilt wurde und über die Operation berichtete. Quelle: Sammlung DMPA

Zusammenfassung:

Im Rahmen der Operation Jubilee landen am 19. August 1942 6.000 Soldaten in Dieppe und Umgebung mit dem Ziel, die Verteidigungsstellungen an der Küste und strategische Infrastruktur zu zerstören Die Niederlage für die alliierten Kanadier, Briten, Amerikaner und Franzosen ist bitter. Dennoch haben sie aus ihren Fehlern gelernt und für weitere Landungen zu ihren Gunsten verarbeitet.

Gedenkstätte für das Royal Regiment of Canada und deutsche Blockhäuser mit Blick auf den Strand von Puys. Quelle: Spezielle Sammlung