Landung in der Normandie

Omaha Beach, am Nachmittag des 6. Juni. Landung der alliierten Truppen am Strand
Omaha Beach, am Nachmittag des 6. Juni. Landung der alliierten Truppen am Strand. Quelle: SHD
Corps 1

 

Am ”D-Day”, dem 6. Juni 1944, ereignet sich eine der Schlüsselphasen des Zweiten Weltkriegs.

 

Die Landung war bei Treffen in Casablanca (Januar 1943) bzw. im Quebec (August 1943) vereinbart worden, die konkrete Ausführung erforderte jedoch eine lange Abstimmung zwischen den alliierten Mächten, da die strategischen Absichten sich nicht immer deckten, und detailreiche technische Vorbereitungen.

 

Die Vorbehalte betrafen nicht nur die Zweckmäßigkeit der Landung selbst, sondern auch den Ort (Mittelmeer oder französische Atlantikküste) sowie den Zeitpunkt der Operation (1943/1944...). Auch die Modalitäten des Angriffs galt es zu debattieren (der herbe Misserfolg der Operation ”Jubilee” vom 19. August 1942 war noch im Gedächtnis aller Beteiligten). Allein die USA verfügten über das erforderliche industrielle Potenzial für die Vorbereitung und Ausstattung einer derartigen Operation, woraus sich in der konkreten militärischen Planung eine amerikanische Vormachtstellung ableitete. General Eisenhower, der den Erfolg der Operation Torch im November 1942 für sich verbuchen konnte (Landung der Alliierten in Französisch-Nordafrika), wurde zum Leiter der Operation ”Overlord” bestellt (Dezember 1943).

 

Als Zielgebiet für die Landung wird schließlich die Seine-Bucht ausgewählt: Die betreffenden Strandgebiete sind im Vergleich zur restlichen Küste weniger stark befestigt und würden sich leicht abschneiden lassen, sobald die Seine- und Loire-Brücken durch die Luftstreitkräfte zerstört sein würden.

 

 

Naval Bombardierung der Strände der Landung, Quelle: UK Regierung, frei von Urheberrechten.
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Corps 2

 

 

Die Truppen erhalten eine intensive Ausbildung, die eingesetzten Mittel und der Vorbereitungsaufwand sind beträchtlich. Der Süden Englands verwandelt sich in ein gigantisches Militärlager, in dem mehrere Zehntausend Materialeinheiten gelagert werden, u. a. Panzer, Kanonen und diverse Fahrzeuge: Am bekanntesten ist der Willys-Jeeps, von dem über 600.000 Stück hergestellt wurden der dank seiner Robustheit, Wendigkeit und Geschwindigkeit vielseitig einsetzbar war. Der Kraftstoff wird in 17 Mio. Kanistern transportiert. In den sechs Wochen vor der Landung führen die alliierten Luftstreitkräfte systematische Bombardements über dem Nordwesten Frankreichs aus, um die Aufmerksamkeit der Deutschen abzulenken (Operation Fortitude). Die technische Erfindungsgabe der Alliierten ist bemerkenswert: Es werden zwei künstliche Häfen angelegt, um den Nachschubtransport zu erleichtern (sie werden am Omaha Beach vor Saint-Laurent-sur-mer und am Gold Beach vor Arromanches installiert).

 

 



Die Deutschen ihrerseits bauen den Atlantikwall, eine gigantische Befestigungslinie, die selbst massiven Angriffen Stand halten soll. Binnen zwei Jahren werden in angestrengten Arbeiten im Rahmen der Organisation Todt (Beschlagnahme von Betrieben und Zwangsarbeit von Gefangenen) an die 15.000 Bollwerke errichtet, die entlang den Küsten Westeuropas verteilt liegen. Vervollständigt werden diese Anlagen durch ein von Generalfeldmarschall Rommel erdachtes und ab November 1943 verwirklichtes Verteidigungssystem: Sperren verschiedenster Art (Pfosten, Eisenbahnschienen, Baumstämme, Stahlbetonteile, Stachelwalzen) werden deponiert und meist mit Sprengstoff bestückt. In den Dünen werden Stacheldraht- und Minenfelder und so genannte ”Rommelspargel” installiert, 2-3 m hohe Pfähle, an denen Minen und Sprengstoff angebracht und die über einen Drahtauslöser mit einander verbunden werden.

 

 

Der Operationsverlauf

 

 

Beide Konfliktparteien gingen davon aus, dass die Küstengefechte ausschlaggebend sein würden.

 

 

 

Aufgrund von Schlechtwetter musste die für 5. Juni angesetzte Operation um einen Tag verschoben werden. In der Nacht von 5. auf 6. Juni werden hinter den deutschen Verteidigungslinien Fallschirmeinheiten abgesetzt; sie sollen einige neuralgische Punkte neutralisieren, bestimmte Zonen abstecken und dem deutschen Nachschub den Weg zu den Landungsstränden versperren. Am 6. Juni 1944 landen fünf Divisionen mit ihren knapp 4.300 Landungsbooten unter dem flankierenden Schutz von fast 500 Kriegsschiffen im Morgengrauen an den Stränden ”Utah”, ”Omaha”, ”Gold”, ”Juno” und ”Sword”. Trotz des Überraschungseffekts und der eingesetzten Feuerkraft setzen sich die deutschen Truppen entschlossen zur Wehr und fügen den Alliierten in den ersten Morgenstunden schwere Verluste zu. Die Eroberung von Omaha Beach erweist sich als besonders schwierig. Frankreich ist an dieser Bodenoperation mit dem legendären 1.

 

Marineschützenbataillon (”BFM”) unter Oberleutnant Kieffer beteiligt (besser bekannt als ”Kieffer-Kommando”), das mit den Briten am Sword Beach an Land geht. Das Bataillon setzt sich überwiegend aus Bretonen und Normannen zusammen, die sich bereits 1940 de Gaulle angeschlossen hatten; mit der Einnahme des von den Deutschen vehement verteidigten Kasinos von Ouistreham gelingt ihnen eine Heldentat. Im Verlauf des 6. Juni errichten die Alliierten Brückenköpfe für einen kontinuierlichen Materialnachschub. Herrscht zu Beginn der Offensive noch Zweifel auf deutscher Seite, setzt sich doch die Gewissheit durch, dass eine bedeutende Operation in Gang ist, und schließlich erwacht der Kampfgeist der Wehrmachtsoldaten. So kommt es zu erbitterten Bodenkämpfen, während die Städte von den alliierten Luftverbänden systematisch ins Visier genommen werden (v. a. Saint-Lo, Falaise und Caen).


Bei Einbruch der Dunkelheit ist die Lage wohl stabilisiert, aber weiterhin ungewiss. Während die deutschen Verstärkungen von überall her zu den Kampfschauplätzen abgezogen werden, gelingt es den Alliierten aufgrund des ausbleibenden Gegenschlags in der Luft und zur See, 156.000 Mann und an die 20.000 Fahrzeuge verschiedensten Typs an Land abzusetzen. Die Verluste auf Seiten der Alliierten beziffern sich auf 10.500 Mann, darunter ein Drittel im Kampf Gefallene. Insgesamt ist die Landung ein Erfolg (der deutsche Küstenwall wird zerschlagen, und die Angreifer werden nirgendwo zurückgeworfen), die Bilanz ist indessen zwiespältig: Es konnten nicht alle Ziele verwirklicht werden, und die Position von Omaha Beach bleibt unsicher. Dieser Erfolg des ”längsten Kriegstages” nimmt mit der Schlacht um die Normandie seinen eigentlichen Anfang. Es handelt sich um den zweiten Schritt in der Befreiung Frankreichs.



Die französische Originalfassung dieses Textes ist im Großen und Ganzen einem Buch von Jean-Bernard Moreau nachempfunden (”Le débarquement et la bataille de Normandie”, Le Mémorial de Caen, 2002).