Das Marseillaise, Kriegslied, in Krieges, Lied in Freiheit

Bernard RICHARD

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I- Der Begriff der Nationalhymne   II- Die Entstehung eines Kriegsgesangs    Der Autor   III- Ein Kriegsgesang von furchterregender Durchschlagskraft, ein Freiheitsgesang, der sich schon bald außerhalb Frankreichs verbreitet   IV- Ein revolutionäres Lied, das in Frankreich ab 1804 verboten ist und erst in der Republik wieder zugelassen wird   V-La Marseillase, Nationalhymne … der französischen Republikaner   VI- Ein internationales Schicksal    VII- Der Erste Weltkrieg zwischen Marseillaise und Madelon     VIII- Die Marseillaise zwischen den beiden Weltkriegen   IX- Eine Hymne und eine Fahne für beide Frankreich   X- Ungnädig aufgenommene Texte = wenig bekannte Texte?   XI-Die Marseillaise parodiert, entweiht?  Bibliographie

 

Gemälde Vincent van Gogh. 14. Juli 1886 in Paris

 

Die Marseillaise wurde erst durch das Gesetz vom 14. Februar 1879 zur französischen Nationalhymne (eine Funktion, die sie seitdem ununterbrochen erfüllt), als die Institutionen des Staates endgültig in die Hände der Republikaner fielen (abgesehen von der unglücklichen antirepublikanischen Phase von 1940 bis 1944). Am 30. Januar 1879 ersetzte der Republikaner Jules Grévy den überzeugten Royalisten Mac Mahon als Präsident der Republik. Die Wahl der Hymne, zusammen mit der Rückkehr der Regierung nach Paris, ist die erste symbolische Maßnahme – ein Jahr, bevor das Datum des 14. Juli als Nationalfeiertag gewählt wird (6. Juli 1880). Diese Hymne, die ursprünglich als Kriegsgesang für die Rheinarmee diente und als Kriegslied für die Rheinarmee bezeichnet wurde (April 1792), diente nahezu im gesamten 19. Jahrhundert in Frankreich als Kampfgesang gegen reaktionäre und autoritäre Regime. Darüber hinaus erlangte die Marseillaise schon sehr bald eine große Popularität in der ganzen Welt und wurde gesungen, um die Demonstranten in zahlreichen Ländern auf den Kampf gegen die Unterdrücker einzuschwören.

 

 

I- Der Begriff der Nationalhymne

 

Der Begriff der Nationalhymne entstand 1740 in England mit den Liedern Rule Britannia (Verehrung der Nation) und 1745 mit God save the King(Verehrung der Dynastie). Das bei Loyalisten beliebte Lied wird von den Engländern gegen den vom "Young Pretender" Charles Edward Stuart, dem letzten katholischen Anwärter auf den englischen Thron, angeführten Jakobineraufstand gesungen. Dieser Prinz, der im Sommer 1745 in Schottland landete, wird im Februar 1746 besiegt. Diese Ereignisse verhelfen schließlich dem God save the King zu einem Durchbruch in der Presse (die für die Verbreitung des Textes sorgt) und in den Londoner Theatern. Ab März 1793 entwickelt sich in England – mit den Kriegen gegen das revolutionäre und anschließend das kaiserliche Frankreich – der dynastische und nationale Kult, der fortan von diesen beiden Hymnen begleitet wird, bei denen die Zuhörer würdevoll stillstehen, mit unbedecktem Kopf und einer Hand auf dem Herzen. Frankreich folgt dem gleichen Weg mit verschiedenen Liedern, wobei sich aber die Marseillaise schnell durchsetzt (sie wird per Dekret vom 14. Juli 1795 als "Nationalgesang oder vielmehr als einer der Nationalgesänge" festgelegt), wobei sich in den Jahren der Revolution und im 19. Jahrhundert manche Zuhörer bei der sechsten Strophe niederknien, in der es heißt: "Amour sacré de la patrie" (Heilige Liebe zum Vaterland) und "Liberté ! Liberté chérie " ("Freiheit! Geliebte Freiheit"). Es handelt sich um eine religiöse Haltung, ähnlich der während des Credo oder der Elevation in der katholischen Messe. In Bezug auf diese Nationalhymnen spricht man auch von einer "Übertragung der Heiligkeit" religiöser Kulte auf den Vaterlandskult. Wir werden später noch auf diese Rituale zurückkommen. In dem noch nicht geeinten Deutschland wurde später das DeutschlandliedDeutschland über alles, komponiert. Comment traduire en français ? ’Allemagne « avant tout », ou encore « au-dessus de tout » (traduction en 1915 par le sociologue français Durkheim), ou encore « plus aimée que tout », voire« plus grande encore » ;  les termes sont amphibologiques, leur traduction incertaine car c’est une proposition dans laquelle il manque un élément essentiel, le verbe. Geschrieben wurde das Gedicht im Jahr 1841 vom Dichter und Sprachforscher August Heinrich Hoffmann (manchmal auch Hoffmann von Fallersleben genannt, nach dem Namen seines Heimatdorfes) auf der Nordseeinsel Helgoland, deren Bevölkerung deutschsprachig war, die jedoch von 1714 bis 1807 unter dänischer und von 1814 bis 1890 unter britischer Herrschaft stand, und die sich (ebenso wie das französische Straßburg) im Grenzgebiet Deutschlands befand. Dieses deutsche Lied wird zunächst im 19. Jahrhundert von den herrschenden Fürsten als zu liberal betrachtet, da es einem Ruf nach Freiheit für das deutsche Volk gleicht. Es wird erst im Jahr 1922 in der Weimarer Republik als Nationalhymne übernommen, um verschiedene dynastische Hymnen zu ersetzen, wie beispielsweise die preußische Hymne und die Hymnen zahlreicher in Deutschland herrschender Prinzen; sowie anschließend auch die kaiserliche Hymne. Die beliebte Hymne wird unter Hitler von 1933 bis 1945 beibehalten, neben dem Horst-Wessel-Lied, einer rein nationalsozialistischen Hymne. Lange vor der Parole Deutschland über allesgab es übrigens auch schon ein Österreich über alles.

 

Während sich die britische und deutsche Hymne in erster Linie auf ihr jeweiliges Land beziehen, hat die Marseillaise einen universellen Charakter (genau wie beispielsweise die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789). Diese Eigenschaft unterscheidet sie von anderen Nationalhymnen, worauf die Franzosen sehr stolz sind. Die Melodie des God save the King, die aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammt, wurde vorübergehend von verschiedenen Dichtern für andere Texte und in anderen Sprachen verwendet, beispielsweise anlässlich der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Auch der König von Dänemark, der König von Preußen, verschiedene andere deutsche Fürsten, bestimmte Schweizer Kantone und der russische Zar bedienten sich der Melodie. Trotz dieser Episoden am Rande konnte sie es nicht mit der überaus großen Beliebtheit der Marseillaise außerhalb Frankreichs aufnehmen.

 

Die Hymne wird im ersten Absatz der französischen Verfassung von 1946 (und erneut in der Verfassung von 1958) neben dem "nationalen Emblem" und "der Währung der Republik" erwähnt und als "Nationalhymne" bezeichnet.

 

 

II- Die Entstehung eines Kriegsgesangs

 

Man weiß, dass der dem Marschall Luckner (oder Lukner) gewidmete "Chant de guerre pour l’Armée du Rhin" ("Kriegslied für die Rheinarmee") (Luckner war ein bayerischer Offizier, der seit 1763 für Frankreich diente und von dem ein Minister sagte: "Sein Herz ist französischer als sein Akzent") von Claude Joseph Rouget de Lisle in der Grenzstadt Straßburg in der Nacht vom 25. zum 26. April 1792 komponiert wurde (auch die Schreibweisen "de L’isle" oder "de L’Isle" wurden überliefert), nachdem er den Abend bei dem Bürgermeister der Stadt, dem aufgeklärten Industrieunternehmer Dietrich verbracht hatte. Dies geschah in einem revolutionären Frankreich, das von einer ausländischen Invasion bedroht war, während die gesetzgebende Versammlung dem "König von Böhmen und Ungarn" den Krieg erklärte (am 20. April 1792) – das heißt Leopold II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Bruder von Marie-Antoinette. Das Vaterland war in Gefahr, wie es in der offiziellen Erklärung vom 11. Juli 1792 hieß. Es war ein Moment des patriotischen Überschwangs und des revolutionären Eifers, der das Land und seine Bevölkerung erfasste – Zivilisten ebenso wie Soldaten, Kinder ebenso wie Erwachsene. So wurden beispielsweise von den Schulen von April bis Juli 1792 an die gesetzgebende Versammlung zahlreiche patriotische Bittschriften gesendet (Louis Lumet, Les écoles en 1792 et en 1914-1917, Paris, Verlag Boccard, 1917). Schon bald strömten Freiwillige aus allen Regionen herbei, um das Land und seine neuen Institutionen zu verteidigen.

 

Der Autor

 

Aus verschiedenen Gründen wurde – und wird – angezweifelt, dass Rouget de Lisle tatsächlich der Autor des Textes und vor allem der Musik der Marseillaise war. In der Tat wurden angesichts seiner anderen Werke (sowohl der früheren als auch der späteren) seine Fähigkeiten als Dichter – er wurde sogar manchmal als „Dichterling“ verspottet –, vor allem jedoch seine musikalischen Fähigkeiten oft in Frage gestellt. Die Tatsache, dass er nur ein einziges Meisterwerk geschaffen hat, verleiht dieser These einige Plausibilität. Auch die genauen Umstände sind fragwürdig: Wie ist es möglich, dass ein Amateur in so kurzer Zeit ein derart perfektes Werk schafft, ein Lied mit magischem Text und magischer Musik, das, in den kurz vor seinem Tode geäußerten Worten seines Autors "die ganze Welt zum Singen brachte"?

 

Zu seinen Lebzeiten wird die "Autorenschaft des Genieoffiziers niemals ernsthaft angezweifelt", schrieb Michel Vovelle (S. 91), auch wenn sein Name nicht immer auf den zahlreichen handschriftlichen oder gedruckten Partituren erscheint, die im Land zirkulieren. Zwar kennt in den ersten Monaten nicht jeder gleich den Namen des Autors dieses Liedes, das sich nahezu sofort im gesamten Land verbreitet.

 

Der Text, zumindest die ersten sechs Verse, werden ihm jedoch allgemein zugeschrieben, bis auf einige wenige Detailänderungen, die in den ersten Monaten vorgenommen werden.

 

Dagegen haben Kritiker seit dem 19. Jahrhundert (und bis zum heutigen Tag) behauptet und – ihrer Überzeugung nach – bewiesen, dass die Musik nicht sein Werk war, sondern ein Plagiat von einem vorherigen oder zeitgenössischen Komponisten. Nach dem Tod des Autors im Jahr 1836 in Choisy-le-Roi begannen sich derartige Ansichten zu verbreiten. So werden auch verschiedene Deutsche als Autoren des Liedes genannt – vor allem, seitdem in den 1840er Jahren die Spannungen wegen des Rheinlieds stiegen. Zu den vermeintlichen Inspiratoren der Marseillaise zählt zum Beispiel Mozart, aufgrund eines Themas, das in seinem 25. Klavierkonzert in C-Moll erscheint, oder einer der Söhne von Johann Sebastian Bach. Da die Musik nur aus sieben Noten besteht (wie der von Michel Vovelle zitierte Saint-Saëns gesagt hätte), ist nicht auszuschließen, dass einige zufällig bereits gehörte Motive bewusst oder unbewusst aus anderen Werken übernommen wurden. Im Jahr 1842 bestätigte jedoch die Carlsruher Zeitung den deutschen Ursprung der Musik, die angeblich von einem unbekannten Komponisten namens Alleman komponiert wurde. Sechs Jahre später (im Jahr 1848) präsentierte die Leipziger allgemeine musikalische Zeitung den rheinländischen Jakobiner Forster als Autor des Texts. Die Musik stamme von Reichardt (der zu dem Zeitpunkt noch lebte und diese Tatsache mehrfach abstritt), während die Gazette de Cologne im gleichen Jahr darin ein altes Werk vermutete, das von einem gewissen Hamman oder Hamma, einem Organisten aus Meersburg, wiederentdeckt worden sei. Der deutsche Ursprung – egal, ob es sich um das Werk eines einzelnen Komponisten oder eine alte Volksweise handelt – wurde bis zu Beginn des 20. Jahrhundert häufig geltend gemacht. In Österreich wird das Werk häufig Ignace Pleyel zugeschrieben, der im September 1791 in Straßburg die Musik für ein Gedicht von Rouget de Lisle l’Hymne à la Liberté komponierte. Zwar war Ignace Pleyel im April 1792 bereits seit mehreren Monaten in Paris ansässig und baute dort Klaviere – was aber nicht verhindert hat, dass die Geschichte bis heute noch in Wien verbreitetet wird. Indessen war jedoch die französischsprachige Welt ebenfalls nicht untätig. Im Jahr 1863 enthüllte François-Joseph Fétis, Konservator des Brüsseler Konservatoriums, einen neuen Autor aus dem Jahr 1792, den "Bürger Navoiville", aber diese Hypothese wurde im darauffolgenden Jahr von Fétis selbst dementiert, nachdem sich das betreffende Manuskript als Fälschung herausgestellt hatte. Auch in Frankreich wurde das Lied verschiedenen Autoren zugeschrieben. Hierzu gehörten Jean-Baptiste Grisons, der Kapellmeister der Kathedrale von Saint-Omer, der angeblich im Jahr 1784 (oder 1787) das Oratorium Esther, ein von der Tragödie von Racine inspiriertes Werk, verfasste, in dem angeblich Note für Note die Melodie der Marseillaise erkennbar sei (diese Behauptung wurde im Jahr 1974 von Philippe Parès wieder aufgenommen in dem Artikel Qui est l’auteur de la « Marseillaise » ?, Paris, Verlag Minerva), aber es schien, dass das Werk falsch datiert war und erst danach entstand (im Jahr 1793) und dass sein Autor genau deshalb die beliebte Melodie der Marseillaise verwendete, um seine Zustimmung zum neuen Regime zu verdeutlichen. Hervé Luxardo, einer der jüngeren Historiker der Hymne (Histoire de la Marseillaise, Verlag Plon, Sammlung Terres de France, 1989) widmet der Frage ein ganzes Kapitel (Kapitel V, "Die Väter derMarseillaise"). Er schreibt: "Es gab zahlreiche Historiker, Kritiker und Musiker, die in dem Bestreben, Spuren zu hinterlassen, vergeblich zu beweisen versuchten, dass der vermeintliche Autor der Marseillaise das Lied nicht geschrieben haben könne". Einige Jahre zuvor, 1984, wies auch Michel Vovelle, der führende Experte auf dem Gebiet der Französischen Revolution, die in den 1840er Jahren aufgekommene These eines deutschen Ursprungs der Marseillaise mit klaren Worten zurück: „Damit beginnt eine Reihe von Wirrungen, die sich bis zum Ende des Jahrhunderts fortsetzen, und erst die Feder des unwiderlegbaren Julien Tiersot schreibt die Urheberschaft des Werks endgültig seinem Autor Rouget de Lisle zu.“ Dieser posthume Streit über eine ursprünglich nicht in Frage gestellte Autorenschaft spiegelt auf seine Weise die Bedeutung wider, die die Marseillaise erlangt hat (Michel Vovelle, "La Marseillaise. La guerre ou la paix", S. 85 bis 136 in Les lieux de mémoire, I, La République, unter der Leitung von Pierre Nora, Verlag Gallimard,  Sammlung Bibliothèque illustrée des Histoires, 1984). Wir werden hier nicht weiter auf diese Frage eingehen, die bereits vom "unwiderlegbaren Julien Tiersot" (Rouget de Lisle, son œuvre, sa vie, Verlag Delagrave, 1892 und Histoire de la Marseillaise, Delagrave, 1916) sowie seinen beiden musikwissenschaftlichen Zeitgenossen Constant Pierre (Les Hymnes et chansons de la Révolution française, Imprimerie nationale, 1904) und Louis Fiaux (La Marseillaise, son histoire dans l’histoire des Français depuis 1792, Verlag Fasquelle, 1918) gelöst wurde. Zwar wurde vor kurzem ein Italiener, Gian-Battista Viotti, als der tatsächliche Autor genannt, der laut dem Violinisten und Musikologen Guido Rimondi das Werk 1781 verfasste. Es ist jedoch erst noch erforderlich, das Manuskript und seine Datierung genauer zu studieren. Bisher hat sich jedenfalls bei jedem der vermeintlichen Autoren der Marseillaise herausgestellt, dass es sich um einen späteren Komponisten handelte, der durch die Hymne inspiriert wurde und anschließend von anderen für nationalistische oder politische Zwecke instrumentalisiert wurde. Hinzu kam wohl auch das Bestreben, etablierte Wahrheiten zu erschüttern oder zu zerstören". Rouget de Lisle wurde also als Autor der Marseillaise, (sowohl was die Musik als was den Text angeht) seit den 1840er Jahren sowohl in Frankreich als auch im Ausland sehr häufig in Frage gestellt. Ohne Heiligtum keine Schändung, und die heiligen Reliquien führten zu deren Allgegenwart: die Heilige Magdalena und die heilige Hymne aus Marseille durchwandern so beide Europa.

 

In Bezug auf die Autorenschaft des Textes gibt es ebenfalls Widersprüche, auch wenn sie geringer sind. Seit dem Gelehrten Julien Tiersot (Histoire de la Marseillaise, Paris, Verlag Delagrave, 1915, S. 37), wurde häufig darauf hingewiesen, dass Parolen und Verkündungen auf Plakaten zu finden waren, die an den Mauern von Straßburg prangten, aber diese Verkündungen finden sich nicht in den Archiven. Hier ist das Bataillon  Les enfants de la Patrie, in dem später die beiden Söhne des Bürgermeisters von Straßburg dienten; auf den Plakaten – die weder archiviert noch sonst wie aufbewahrt wurden – standen Parolen wie Aux armes, citoyens ! ("Zu den Waffen, Bürger!")  , Marchons ! ("Lasst uns marschieren!"), L’étendard de la guerre est déployé ("Die Kriegsstandarte ist aufgestellt"), und Jean Jaurès beschreibt in seinem Werk Histoire socialiste de la Révolution française, dass der Text der Marseillaise Rouget de Lisle "vom Volk diktiert" wurde: „In Wirklichkeit war dieses Lied nicht das Werk eines einzigen Mannes; vielmehr habe dieser lediglich die Worte des Zorns und der Hoffnung, die überall in Frankreich seit mehreren Monaten in den Herzen sprudelten, mit einem schönen Rhythmus versehen.". Wie dem auch sei: Bei der Marseillaise, dem God save the King und bei ähnlichen Werken spielen der Ursprung und die wahren Quellen des Textes und der Musik kaum eine Rolle; worauf es ankommt, ist vielmehr der unmittelbare Widerhall, den dieser "Kriegsgesang" als revolutionäres Lied in ganz Frankreich fand, seine schnelle Aufnahme in den "nationalen Mythos" und seine Übernahme als Versammlungssymbol durch die Anhänger revolutionärer Ideen in Frankreich (Straßburg, Montpellier, Marseille, Paris) und anschließend in ganz Europa.

 

Wie lässt sich die Legende, sowohl der Text als auch die Musik seien in einer einzigen fieberhaften Nacht entstanden (vom 25 zum 26. April 1792), mit der Qualität des Werkes, seinem Fortbestand sowie der Bewunderung vereinbaren, die es schon sehr bald auslöste und die immer noch anhält? Vor allem bei der Musik, mehr noch als beim Text, ist also ein gewisser Zweifel gerechtfertigt, aber erinnern wir uns daran, dass die sterblichen Überreste von Rouget de Lisle am 14. Juli 1915 in Gegenwart von Präsident Poincaré vom Friedhof von Choisy-le-Roi zum Hôtel des Invalides überführt werden.

 

In der Tat spielte die Marseillaise, dieser Militärmarsch, der nahe der Grenze des Landes entstand, schon bald eine Rolle im zivilen und militärischen Leben Frankreichs, und seine Plastizität prädestinierte ihn geradezu dazu, auch von anderen Völkern verwendet zu werden. In der Tat wurde die Marseillaise bis heute von zahlreichen Völkern im Namen des Kampfes für die Freiheit verwendet (außer natürlich von den Ländern, die von Frankreich kolonisiert worden waren). Einziges großes Bedauern im Elsass und beim in Lons-le-Saunier (Franche-Comté) geborenen Autor (wo das Glockenspiel des Theaters mehrmals täglich die ersten Takte des Refrains anschlägt): seine Benennung nach der Stadt Marseille, die Marseillaise, obwohl sie genauso gut auch die Strasbourgeoise hätte genannt werden können! Es ist ein Lied gegen Tyrannen und Despoten, das heißt gegen externe Aggressoren oder verabscheuungswürdige Regierungen, die von der Bevölkerung oder einem Teil der Bevölkerung als illegitim betrachtet werden. Lied der Freiheit – sein Text gilt direkt der Freiheit in der sechsten Strophe, durch eine berühmte Apostrophe, die später als Titel der Memoiren von Pierre Mendès France diente: "Liberté ! Liberté chérie/ Combats avec tes défenseurs. ("Freiheit! Geliebte Freiheit / Kämpfe mit deinen Verteidigern"). "

 

Durch ihren Klang, ihren Rhythmus und ihre "männlichen Parolen" ist sie ein Lied, das umso kraftvoller wirkt, wenn es von Pauken und Trompeten begleitet wird, ein Marschlied, das bei Kanonendonner gehört und gesungen werden sollte, eine Melodie, die im Freien zu spielen und im Chor zu singen ist. Dank seines schnellen Rhythmus löst es Begeisterung aus, stärkt die Moral auf dem Schlachtfeld und reißt die Truppen mit. Sein Text, in einem vom Klassizismus der Epoche geprägten Stil, ist bisweilen hochgestochen; dagegen ist der Refrain von kurzen Ausrufen oder sogar kurzen Parolen ("Zu den Waffen, Bürger…"), die von Patrioten redigiert wurden, inspiriert, die von jedermann verstanden und wiedergegeben werden können. Dieser einfache und martialische Refrain wird darüber hinaus mit oder ohne instrumentale Begleitung gesungen, während bestimmte Verse echte Interpretationsschwierigkeiten mit sich bringen. Wie jedes Volkslied, besteht die Marseillaise aus den Strophen und dem Refrain, einem einprägsamer und daher leicht von einer Gruppe oder einer Menge zu lernendem Refrain. Die musikalische Attraktivität der Marseillaise und ihr begeisternder, elektrisierender Charakter haben zu ihrem dauerhaften Erfolg beigetragen. Es gibt also auch rein musikalische Gründe, warum dieses Lied die Massen mitreißt und zusammenschweißt. Sie werden in einer noch nicht veröffentlichten Studie von Yves Audard, Fachaufsicht Musik in Burgund, die wir hier wörtlich in Auszügen wiedergeben, dargelegt. Diese Studie untersucht zunächst den Rhythmus, die melodische Struktur und die Harmonie (das heißt die Akkorde, die dem Rhythmus und der Melodie zugrunde liegen), die ihr ihren martialischen, lebhaften Charakter verleihen. Schon die ersten Noten des Liedes können eine Menschenmenge oder eine Truppe mitreißen. Yves Audard zeigt durch eine musikwissenschaftliche Argumentation, dass "die Marseillaise nicht irgendein Musikstück ist, sondern ein echtes, gut durchdachtes musikalisches Werk, das sich durch eine große Reife auszeichnet und alle Register zieht, die die musikalische Sprache dieser Epoche erlaubt". Dies wiederum wirft die Frage auf, ob es tatsächlich in einer einzigen Nacht entstand oder ob es vielmehr auf einer bereits vorhandenen Komposition basierte oder allmählich entstand. Erneut sei darauf hingewiesen, dass wir laut Yves Audard "musikalische Verfahren beobachten können, die der Kunstmusik entnommen wurden. Rouget de Lisle – sollte er wirklich der Autor dieses Marsches aus Marseille sein – kennt die Kniffe und Tricks des Fachs und weiß sie zu nutzen. Genau wie Gluck oder Méhul!... Hier hallen die Worte von Frau Dietrich wider, der Ehefrau des Bürgermeisters von Straßburg, denn sie hat angeblich in Bezug auf die Marseillaise von einer "verbesserten Form von Gluck" gesprochen.

 

Zumindest für die erste Strophe und den Refrain – die bekannter sind und häufiger gesunden werden als der Rest des Liedes –, ist der Zusammenhang zwischen dem Text und der Musik eng und sogar grundlegend. Eine Menschenmenge oder eine Truppe kann diese flinke Hymne leicht singen, die sich größtenteils auf den Umfang einer normalen Stimme beschränkt, das heißt eine Oktave, mit Ausnahme der Zeilen "Qu'un sang impur: Abreuve nos sillons!" ("Unreines Blut tränke unsere Furchen"), die einen höheren Ton erfordern. Man kann hinzufügen, dass die Klangfarbe der Marseillaise fast vollständig auf dem perfekten Akkord basiert. Alle diese musikalischen Elemente erklären die schnelle Verbreitung der Hymne in Frankreich und ihre Langlebigkeit.

 

Die Tatsache, dass sie im Juli 1792 von Freiwilligen aus Marseille nach Paris gebracht wurde, die dort das bedrohte Vaterland verteidigen wollten, und dass sie am 10. August 1792 bei der Einnahme der Tuilerien und beim Sturz der Monarchie gesungen wurde, verleiht ihr starke revolutionäre Wurzeln, die zu ihrem kriegerischen Ursprung hinzukommen.

 

Sie ist allerdings weder das erste noch das einzige revolutionäre Lied dieser Epoche in Frankreich. Lange vorher, seit 1790 oder 1789, gab es das Ça ira, ein sehr einfaches, populäres Lied, dessen Melodie sich an den Carillon national anlehnte. Es handelte sich um einen hüpfenden Kontertanz für Violine, der sich durch die Aufnahme neuer Strophen an alle Situationen anpassen lässt; es gab angeblich denjenigen Mut und Schwung, die im Regen das Marsfeld für das erste Föderationsfest im Juni-Juli 1790 vorbereiteten. Ein anderes populäres Lied, das im Laufe des Jahres 1792 von Arbeitern oder Handwerkern aus Piémont oder aus der Provence beigesteuert wurde, war die Carmagnole, eine seit dem 10. August 1792 in den Tuilerien gesungene Farandole. Bei beiden Liedern lassen sich leicht neue Strophen hinzufügen, was sie zu potenziellen Konkurrenten der Marseillaise machte. Sie waren jedoch in ihrer Tonlage zu volkstümlich, zu einfach, einer Dorfmusik zu ähnlich, um der Marseillaise in einem formaleren und feierlicheren Kontext ernsthafte Konkurrenz zu machen. Darüber hinaus waren sie nicht martialisch genug angesichts der damaligen Situation: ein revolutionäres Frankreich, das stark von seinen inneren und äußeren Feinden bedroht wurde. Der im Jahr 1793 von Marie-Joseph Chénier (Text) und Méhul (Musik) komponierte Chant du Départ wird öffentlich am 14. Juli 1794 gespielt, kurz vor dem 9. Thermidor. Er kann sich jedoch nicht gegen die zu diesem Zeitpunkt bereits gut etablierte l’Hymne des Marseillois durchsetzen. In der Tat wird in Jemmapes im November 1792 die Marseillaise angestimmt. Dagegen ist wohl die Behauptung, die Hymne sei am 20. September in Valmy gespielt worden, dem Reich der Legenden zuzuordnen. Vielmehr wurde dort nur das Ça ira  angestimmt, mit oder ohne Carmagnole, während die Marseillaise, nur wenige Tage danach in Valmy gesungen wurde, um den erfolgreichen Ausgang der Schlacht zu feiern.

 

Das Lied verbreitet sich sehr rasch, gewinnt schnell an Bekanntheit und wird ab Juli 1792 mit Chant (auch bekannt als MarcheHymne oder Chanson) des Marseillois (Marseillois in der Schreibweise von " Marseillouais " wie auch die Schreibweise " rouai " für den König) bezeichnet, weil es von Freiwilligen nach Paris gebracht wurde, die aus Marseille in die französische Hauptstadt kamen, um "das gefährdete Vaterland zu verteidigen". Außerdem wird das Lied schon sehr bald mit ausschmückenden Adjektiven versehen: Man spricht von der "Air chéri des patriotes" ("Lieblingsmelodie der Patrioten"), Hymne à la Liberté ("Hymne an die Freiheit"), "Hymne sainte des Marsellois" ("Heilige Hymne der Marseiller"), eine hastige Heiligsprechung (das französische Wort "hymne" in der weiblichen Form bezeichnet einen Laiengesang, als würde es sich um eine Sakralisierung, eine religiöse Verehrung dieses Kriegslieds handeln, das schon bald zum "nationalen Lied" wird). Als Rouget de Lisle im Jahr 1796 seine Essais en vers et prose bei Didot L’Aîné herausgeben lässt, wählt er für sein Werk den Titel "Le Chant des Combats, vulgairement l’Hymne des Marseillois " ("Lied der Kämpfer, vulgär als Hymne der Marseiller bezeichnet"). Er verwendet letzteren Titel auch für eine neue Ausgabe seiner Werke im Jahr 1825. So kommt sogar der Autor nicht um den Hinweis auf Marseille herum, indem er letztlich den von den Parisern bereits im Juli 1792 gewählten Titel übernimmt.

 

In Frankreich ist die Marseillaise nach dem 10. August 1792 an allen wichtigen Revolutionstagen präsent. Eine Orchestrierung von Gossec mit Chor, Sprechgesang usw. wird ab dem 30. September 1792 sehr häufig in der Oper gespielt, mit insgesamt 120 Darbietungen zwischen September 92 und September 95. Das Werk trägt den Titel l’Offrande à la Liberté. Eine neue Orchestrierung erfolgt im Jahr 1795 von Méhul, als die Marseillaise zum "nationalen Lied" wird; sie wird im November 1830 von Hector Berlioz für das symphonische Orchester mit vielen Blechblas- und Schlaginstrumenten überarbeitet; in seinen Memoiren erwähnte der Komponist den starken Eindruck, den bei ihm im Juli "die Musik, die Gesänge und die rauen Stimmen, die in den Straßen widerhallten", auslösten. Gossec, Méhul, Berlioz:  zahlreiche berühmte Namen, um hohe Musik bei feierlichen Anlässen zu integrieren, und das Werk von Rouget de Lisle ist dafür gut geeignet.

 

Auch beim Titel der Hymne, der zunächst uneinheitlich ist, wobei zunächst die Bezeichnung Hymne (oder Chant) des Marseillois dominiert, setzt sich, wie wir gesehen haben, allmählich die Bezeichnung La Marseillaise durch, vor allem ab 1830.

 

In der aufwendigen Inszenierung der Offrande à la Liberté, die bisweilen als "lyrische" oder sogar "religiöse Szene" bezeichnet wird, erscheint eine weibliche Allegorie der Freiheit (Statue oder Schauspielerin), vor der sich die Schauspieler, die Choristen und die Öffentlichkeit in der sechsten Strophe respektvoll und religiös verneigen, wenn es heißt "Amour sacré de la Patrie", gefolgt von "Liberté, liberté chérie". Dies ist der Beginn, der Ursprung der künftigen Verkörperung der Marseillaise als Frau, ein originelles Merkmal der französischen Nationalhymne.

 

 

III- Ein Kriegsgesang von furchterregender Durchschlagskraft, ein Freiheitsgesang, der sich schon bald außerhalb Frankreichs verbreitet

 

In diesem Zusammenhang weisen wir darauf hin, dass der Text der Hymne bestimmte Merkmale aufweist, die diese Berufung zur Universalität, zur Verwendung durch alle Völker, begünstigen, zumindest in der Vergangenheit, die sich von der Französischen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg erstreckte.

 

Es handelt sich um ein patriotisches Lied gegen den Feind mit einem stark ideologisch geprägten Text, ohne dass jedoch das Vaterland oder der Feind explizit genannt werden ("Heilige Liebe des Vaterlandes…").

 

Die Marseillaise, mit ihrem Charakter eines mitreißenden Liedes, ihrem martialischen Tempo, ihrem gegen die Tyrannen gerichteten und die Freiheit preisenden Text, war bereits 1794 gut etabliert. Darüber hinaus ließ sie sich außerhalb Frankreichs leicht anpassen, denn sie ließ sich leicht in andere Sprachen übersetzen und in andere Zusammenhänge übertragen: In den insgesamt sieben Strophen kam das Wort Franzosen nur zweimal vor (in der zweiten und fünften Strophe, die selten gesungen wurden) und kann leicht durch andere Wörter ersetzt werden, ohne den Geist des Liedes zu verändern, während das Vaterland im Refrain und in einer Strophe verehrt wird, ohne ausdrücklich benannt zu werden. Wir möchten hier als Gegenbeispiel hervorheben, dass das 1841 komponierte Deutschlandlied Deutschland über alles in drei Strophen vierzehn Mal den Begriff Deutsch oder Deutschland enthält. Die große Anpassungsfähigkeit des Texts der Marseillaise wurde in zahlreichen Adaptierungen genutzt, zumal es damals gang und gäbe war, bekannte Melodien durch die vollständige oder teilweise Änderung des Originals für neue Texte zu verwenden, besonders wenn es sich um eine bekannte und beliebte Melodie handelte. Dies war ein zusätzlicher Trumpf der Marseillaise, die schon früh populär war und für einen Marsch große musikalische Qualitäten aufwies.  Während der Revolution wird zumindest bei einer von zwölf Anpassungen, die wir hier mit dem Fachbegriff Kontrafaktur bezeichnen wollen (um nicht die abwertende Übersetzung "contrefaçon" = Fälschung zu verwenden), die Melodie der Marseillaise verwendet oder, wie sie damals häufig genannt wird, die Melodie der Marseiller. Bereits bei zahlreichen anderen Liedern wurde so verfahren, wie zum Beispiel bei der Carmagnole, von der man etwa fünfzig verschiedene Versionen kennt. Diese Praxis war im gesamten 19. Jahrhundert und darüber hinaus weit verbreitet. Unter den bekanntesten Beispielen finden sich die um 1880 entstandene Carmagnole des Syndicats eines gewissen T. Quillent ("Vive la Syndicale / Hardi, les gars / Organisons / La grève générale / Et nous vaincrons / Les patrons ! ("Es lebe die Gewerkschaft / Verwegen, die Kerle / Lasst uns / zum Generalstreik aufrufen / Und wir werden / die Eigentümer besiegen!"), oder eine Carmagnole des mineurs von François Lefebvre, Gründer der ersten Bergarbeitervereinigung in Nordfrankreich ("Vive le syndicat des mineurs / À bas tous ces gueux d’exploiteurs / Vive la République / Sociale, démocratique / Vive la République / Vive le son…!) ("Es lebe die Bergbaugewerkschaft / Nieder mit den miesen Ausbeutern / Es lebe die / soziale, demokratische / Republik / Es lebe die Republik / Es lebe der Schall der Kanonen..."). Erinnern wir uns daran, dass die anderweitige Verwendung eines Klangs, einer Melodie häufig vorkommt. Die meisten Lieder von Béranger aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beispielsweise haben den einleitenden Untertitel "sur l’air de…" ("zu einer Melodie von..."), und diese Praxis ist ebenso alt wie verbreitet – sogar bis zum heutigen Tag ("Le roi d’Yvetot auf die Melodie von Quand un tendron vient en ces lieux").

 

In Frankreich zählt der Musikologe Constant Pierre (Les Hymnes et chansons de la Révolution, 1899 und 1904) allein in der revolutionären Periode mehr als 170 verschiedene Versionen der Marseillaise. Eigene Fassungen der Marseillaise gibt es beispielsweise in Lille, Cannes, Lons-le-Saunier (Geburtsstadt von Rouget de Lisle), der Bretagne sowie zahlreichen anderen Städten und Regionen; bei anderen Gelegenheiten werden sogar beispielsweise eine Marseillaise der Bauern und eine Marseillaise  der Frauen gesungen. Seitdem hat der deutsche Forscher Hinrich Hudde, ohne Zweifel der größte zeitgenössische Experte der französischen Hymne im Zeitraum 1792–1830, insgesamt 240 Versionen identifiziert, davon lediglich etwa 20 Contre-Marseillaises, die sich gegen die Revolution richteten, darunter die Marseillaise des Poitevins von 1793 – "Aux armes Poitevins / Formez vos bataillons / Marchons, marchons / Le sang des bleus / rougira vos sillons" ,("Zu den Waffen, Männer aus Poitevins / Formt eure Bataillone / Lasst uns marschieren / Das Blut der Blauen / wird eure Furchen rot färben"), oder die Contre-Marseillaise des Abts Lusson: "Allons, les armées catholiques / Le jour de gloire est arrivé / Contre nous de la République / L’étendard sanglant est levé…") ("Auf, katholische Armeen / Der Tag des Ruhmes, der ist da / Gegen uns hat sich / die blutige Standarte der Republik erhoben… "). In Frankreich ist der Großteil der Anpassungen aus der revolutionären Periode positiv gegenüber dem neuen Geist eingestellt. Zwei Drittel der auf diese Weise identifizierten Werke sind zwischen Juli 1792 und Juli 1794 entstanden, wie die wiedergefundene Marseillaise de l’Égalité retrouvée, die in Landes auf Okzitanisch anlässlich einer Fête de la Raison (Fest der Vernunft) geschrieben und gesungen wurde (Übertragung und Übersetzung von Guy Latry in Les Landes et la Révolution, Verlag Conseil général des Landes, 1992, zitiert von Frédéric Dufourg in La Marseillaise, S 78-79, 2003, Verl. Le Félin).

 

Im Ausland erschienen zunächst direkte, wörtliche Übersetzungen, die entweder von lokalen Revolutionären oder von Feinden der Revolution stammten, die begierig waren, das Geheimnis dieser Kriegshymne zu entschlüsseln. In der Tat übte die Marseillaise – mit ihrer einzigartigen Fähigkeit, die Truppen zu begeistern – eine ähnliche Faszination aus wie ein Jahrhundert später die Technik der 75-mm- und 120-mm-Feldkanone.

 

Bereits im November 1792 finden sich eine erste Übersetzung ins Englische und zwei Übersetzungen ins Deutsche; es folgen Übertragungen in alle anderen europäischen Sprachen: Spanisch, Ungarisch, Polnisch, Schwedisch, Russisch usw., wobei alleine im Englischen im Zeitraum 1792 bis 1810 zehn verschiedene Übersetzungen kursierten.

 

Hinzu kommen Anpassungen der Marseillaise aus dem Ausland mit neuen Texten, die an spezifische lokale Gegebenheiten angepasst wurden. Besonders viele Beispiele lassen sich für die deutsche und italienische Sprache finden, die vor allem von oder für lokale(n) Anhänger(n) revolutionärer Ideen geschrieben wurden, um ihre Mitbürger zu überzeugen und zu begeistern; darunter finden sich wenn auch weniger zahlreich von Ausländern geschriebene Parodien auf die Marseillaise, um die Franzosen lächerlich zu machen oder zu provozieren.

 

Das Bürgerlied der Mainzer ist ein deutscher Gesang, der relativ bekannt ist und bei dem die französischen Befreier gut wegkommen. Er wurde zur Musik der Marseillaise geschrieben:

 

"Auf Brüder! Auf!

   Die Freiheit lacht
   Die Ketten sind entzwei,
   Uns hat sie Custine losgemacht.
   O Bürger, wir sind frei!
   Nun drückt uns kein Despot mehr
   Und raubt uns unsre Taschen leer,
   Der Mainzer ist nun frei! (bis)"

 

Die Rolle, die die Marseillaise während der Revolution bei den Erfolgen der französischen Truppen spielte, wurde häufig unterstrichen: Sie war von nun an ein Emblem, das sich direkt auf die Ereignisse auswirkte.

 

Hier ein paar Beispiele:

 

In einem Bericht an das Direktorium im Jahr 1796 verlangte ein General "eine Verstärkung um tausend Mann oder eine Auflage der Marseillaise". Ein anderer erklärte: "Ich habe die Schlacht gewonnen, aber die Marseillaise hat uns befehligt." Ein dritter war überzeugt: "Ohne die Marseillaise kann ich gegen zwei Gegner gleichzeitig kämpfen, aber mit der Marseillaise nehme ich es mit vier Gegnern auf." Und ein Freiwilligenbataillon schließlich bekräftigte: "ein eigenartiges Lied, das die Kampfkraft ungemein stärkt". Lazare Carnot, der "Architekt des Sieges", bestätigte 1794 in einem Bericht an den Wohlfahrtsausschuss, dass "die Marseillaise dem Vaterland 100.000 Verteidiger beschert hat".

 

Der (thermidorische) Nationalkonvent, der sich der Rolle bewusst war, die die Marseillaise innerhalb und außerhalb Frankreichs spielte, erklärte die Hymne in einem am 26. Messidor, Jahr III (14. Juli 1795) veröffentlichten Dekret zum "nationalen Lied".

 

 

IV- Ein revolutionäres Lied, das in Frankreich ab 1804 verboten ist und erst in der Republik wieder zugelassen wird

 

Jedes neue Regime im 19. Jahrhundert hat sein eigenes nationales oder dynastisches Lied, eine Art Anti-Marseillaise und ersetzt die Freiheit und die phrygische Mütze durch das Abbild des neuen Herrschers, in Verbindung mit Adler, Lilien, gallischem Hahn usw.

 

Im Ersten Kaiserreich wird diese Funktion vom Veillons au salut de l’Empire wahrgenommen, einem 1792 gegen Despotismus und Tyrannei komponierten Freiheitslied. Das Lied wird zwar gespielt, aber sein gefährlicher Text wird nicht gesungen: "Freiheit, Freiheit, möge uns dieser heilige Name vereinen…" verkündet sein Refrain – es handelt sich um das l’empire de la liberté (Reich der Freiheit). Hinzu kommen verschiedene Militärmärsche wie der Marche de la garde consulaire à la bataille de Marengo. Die Marseillaise findet jedoch ihren Weg zurück auf das Schlachtfeld, als es notwendig ist, die Moral der Truppen in schwierigen Momenten zu stärken, wie beim Rückzug aus Russland, dem Frankreichfeldzug oder der Schlacht von Waterloo.

 

Während der Restauration werden sowohl die Marseillaise als auch das Veillons au salut de l’Empire verboten, da sie als aufrührerische Lieder gelten. Republikanische Demonstranten oder Bonapartisten (häufig die gleichen Personen), die sie singen (zum Beispiel bei Beerdigungen großer Republikaner), müssen mit mehrmonatigen Gefängnisstrafen rechnen. Anhänger der Republik oder des Kaiserreichs singen das Lied als Provokation, vor allem während des Dreikönigsfests, des Festes des heiligen Ludwig und des Festes des heiligen Karl; darüber hinaus singen die Bonapartisten eine Version der Marseillaise, deren Refrain mit "Marchons, marchons, vengeons Napoléon!" ("Lasst uns marschieren und Napoleon rächen!") endet. Die wiederhergestellte Monarchie hat ihre eigene Hymne geschaffen, ein Vive Henri IV das kaum Spuren in der Erinnerung hinterlassen hat, obwohl sie von gewissen Zeitgenossen mit Leidenschaft gesungen wurde, die sich auf die Popularität des "guten König Heinrich" stützen, dessen Statue am 10. August 1792 zerstört und schon bald auf der Pont-Neuf wiederaufgestellt wird.

 

Als der Komponist Auber während der Restauration in die Musik einer Oper von Scribe und Delavigne einen Auszug der ersten Takte der Marseillaise einfügt, ist der enthusiastische Empfang durch einen großen Teil des Publikums derart stark, dass man einen Aufstand befürchtet. Und als Missionare – in der Überzeugung, dass sie dadurch dem revolutionären Lied seine subversive Kraft austreiben würden, um es für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, – in den Kirchen Hymnen singen lassen, die sie auf der Grundlage der Melodie der Marseillaise geschaffen haben (gewissermaßen Kontrafakturen also) und deren Texte durch und durch katholisch und monarchiefreundlich sind, befürchtet ein Präfekt, dass die Erinnerungen an diese kriegerische Melodie wieder wach werden und neue Begeisterungsströme auslösen könnten.

 

Als Mitte Juli 1830 ein Student aus der der École Polytechnique entlassen wird, nachdem er bei einem Festessen zum Abschluss des Studienjahres die Marseillaise gesungen hat, bewegt dies seine Kommilitonen dazu, sich ab dem 27. Juli den Aufständischen anzuschließen. Das Gemälde von Delacroix zeigt die wichtige Rolle, die diese Schüler der École Polytechnique bei der Juli-Revolution spielen. Während der Julimonarchie, die aus diesem vom Klang der Marseillaise begleiteten Umsturz hervorgeht, wird das Singen des Liedes zunächst zugelassen, ebenso wie Trikolore. Um von den Helden der Juli-Revolution von 1830 anerkannt zu werden, singt Louis-Philippe das Lied von seinem Balkon im Königspalast aus, gewissermaßen wie auf Bestellung, die Augen dem Himmel zugewandt und die Hand auf dem Herzen, und lässt das Lied anschließend von der Garde in den Tuilerie-Gärten spielen; dabei summt er die Melodie oder tut so, als würde er sie singen, wie der Memoirenschreiber Charles de Rémusat erzählt. Er nimmt sogar Rouget de Lisle in die Ehrenlegion auf und zahlt ihm eine – wenn auch bescheidene – Pension, die dem zurückgezogen in Choisy-le-Roi lebenden Autor einen finanziell abgesicherten Lebensabend garantiert, bis er im Juni 1836 stirbt.

 

Es sind jedoch vor allem die Republikaner, die die Marseillaise bei Unruhen oder Demonstrationen singen, häufig unter Teilnahme eines Kontingents der Studenten der École Polytechnique, zum Beispiel bei den Pariser Aufständen vom Juni 1832 und April 1834. Auch beim Aufstand der Flößer, gegen die der Staat im April 1837 in Clamecy (Nièvre) vier Husarenschwadronen in den Kampf schickt, wird die Marseillaise gesungen. Dabei besteht kein Zweifel am regimefeindlichen Charakter, den die Hymne angenommen hat: Die Männer und Frauen, die vorübergehend das Rathaus besetzen, tragen rote Bänder als Erkennungszeichen und als Protest (Jean-Claude Martinet Clamecy et ses flotteurs de la monarchie de Juillet à l’insurrection des "Marianne", 1830-1851). In Toulouse wird die Marseillaise im November 1841 von Gefangenen, die während der Aufstände gegen die Steuergesetzgebung festgenommen wurden, bei der Verlegung in ein anderes Gefängnis gesungen (Jean-Claude Caron, L’été rouge).

 

Im Juli 1833 wird die Marseillaise von der Regierung aufgegeben und durch die  Parisienne, als "nationales Lied" ersetzt, ein patriotisches Lied des romantischen Dichters Casimir Delavigne (die Musik stammt von Auber), das die Märtyrer vom Juli 1830 verehrt: "Peuple français, peuple de braves / La liberté rouvre ses bras… " ("Französisches Volk, Volk der Mutigen / Die Freiheit öffnet ihre Arme…"). Diese Hymne kommt jedoch nicht sonderlich gut an, wenn sie bei offiziellen Zeremonien anstelle der Marseillaise verwendet wird. Allerdings wird sie zusammen mit der Marseillaise von den aufrührerischen Mengen aus Handwerkern und Studenten im Februar 1848 in Paris erneut gesungen. Dabei wird sie jedoch nur als Ergänzung zur Marseillaise verwendet und nicht als Ersatz.

 

Als der Triumpbogen im Juli 1836 eingeweiht wird, wird das offiziell mit dem Titel Le Départ des Volontaires, (Auszug der Freiwilligen) bezeichnete Relief, das von einem Génie de la guerre beherrscht wird – einer geflügelten Siegesgöttin mit phrygischer Mütze –, von der Bevölkerung nahezu von Anfang an La Marseillaise genannt, nicht zuletzt auch als Herausforderung an das Regime, das sich von seinen Grundwerten entfernt hat. Das Basrelief von Rude spielte zweifelsohne eine wichtige Rolle dabei, dass die Marseillaise immer häufiger als geflügelte Frau mit einer phrygischen Mütze dargestellt wurde, die sich zum visuellen weiblichen Emblem der "Lieblingshymne" wandelte. Seitdem wird die Marseillaise häufig als Siegesgöttin dargestellt, die über den Kämpfenden schwebt. In seinem Gedicht Les Châtiments aus der Zeit des Zweiten Kaiserreichs beschreibt Victor Hugo die geflügelte Marseillaise, die durch die Kugeln fliegt. Dies ist ein Bild, das man häufig während des Ersten Weltkriegs auf patriotischen Plakaten und Postkarten findet.

 

Man sucht vergeblich eine andere Nationalhymne, für die es eine (männliche oder weibliche) figürliche Darstellung gibt. Der deutsche Gelehrte Hinrich Hudde hat die Entstehung dieser Allegorie gut beschrieben – von der während der Revolution mit dem Erscheinen der Allegorie für "Freiheit, geliebte Freiheit" gespielten religiösen Szene bis zur Marseillaise von Rude auf dem Triumphbogen. In Frankreich wird Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gelegentlich auch nur die  L'Internationale (die später die Nationalhymne der Sowjetunion wurde) als weibliche Allegorie in Form einer freien oder befreiten Frau dargestellt. Man erzählt zudem, dass die von Edouard Pottier geschriebene Internationale ursprünglich – und lange, bevor sie vertont wurde –, dazu bestimmt war, zur Melodie der Marseillaise gesungen zu werden, was sicher nicht schwer gewesen wäre.

 

Unter Louis-Philippe wird die Marseillaise schon bald von der neuen Staatsmacht vernachlässigt. Sie rückt jedoch vorübergehend wieder in den Fokus, als der König oder sein ältester Sohn Ferdinand, der Herzog von Orléans, im Jahr 1837 eine kurze Passage vor den Kadetten der Militärschule Saint-Cyr singt. Als Rouget de Lisle in den 1830er Jahren Demonstranten seine Hymne singen hörte, soll er ausgerufen haben: "… Oh je, sie singen die Marseillaise!" Auf jeden Fall war und blieb er Anhänger einer konstitutionellen Monarchie englischen Typs, ein Verfechter der Ideen von 1789 und nicht jener von 1793 und auch kein Bonapartist; er mochte Napoléon Bonaparte nicht, und er argumentierte gegen das Konsulat auf Lebenszeit, das er für eine Entartung der Freiheit hielt.

 

Sie wird feierlich im Dezember 1839 in einem Straßburger Theater gesungen, als die sterblichen Überreste von Kléber – diesem durch und durch republikanischen General – von der Kathedrale in die unter dem Platz eingerichtete Gruft überführt werden, wo zwei Jahre später seine Statue errichtet wird. Sie wird 1840 von Regierungsbeamten in einer kurzen Phase patriotischen Überschwangs wiederverwendet, als Frankreich unter dem Ministerium von Thiers den ägyptischen Pascha Mehmed Ali unterstützt und von England, Russland und Preußen bedroht wird. Es handelt sich jedoch nur um ein vorübergehendes Aufflammen: Thiers wird durch Guizot ersetzt, und die Marseillaise wird erneut als offizielle Hymne abgeschafft. Lediglich die Anhänger der Reform oder radikalerer Veränderungen gehen das Risiko ein, sie zu singen, und werden verfolgt; die Hymne wird am 28. Juli 1840 von republikanischen Demonstranten bei der Einweihung der Julisäule am Place de la Bastille gesungen; der König, der sich seit der Höllenmaschine von 1835 vorsichtig verhält, verzichtet auf eine Teilnahme. Im Dezember 1840 wird die Marseillaise erneut mit Leidenschaft mehrere Abende nacheinander in Paris von einer Menschenmenge gesungen, die darauf wartet, die Asche des Kaisers zu empfangen, und anschließend im Invalidendom während der eigentlichen Zeremonie am 15. Dezember. Die Gründerin der Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu (Sacré-Cœur), Madeleine-Sophie Barat, hört das Lied vom Hôtel de Biron (heute Musée Rodin) aus, wo sie wohnt, und wird nervös, da ihr dabei die an ihrem Heimatort Joigny erlebten Schrecken der Jahre 1792–93 wieder in Erinnerung kommen (Bernard Richard, Madeleine-Sophie Barat, sainte de Joigny, Yonne, et sa communauté dans le monde). Im Jahr 1840 scheiden sich bei der Marseillaise die Geister: Die einen sind von ihr begeistert und die anderen entsetzt.

 

Die Februarrevolution von 1848 wird ebenfalls vom Klang der Marseillaise begleitet; sie wird von den Aufständischen angestimmt, die am 23. Februar die ersten Toten der Kämpfe vom Boulevard des Capucines zur Julisäule bringen; und sie wird in Bordeaux am Abend des 24. Februar nach der Ankündigung der Ereignisse von Paris gesungen: "Junge Menschen ließen die Marseillaise im Theater singen", erzählt ein konsternierter Adliger; sie wird anschließend von Februar 1848 bis zum Staatsstreich des 2. Dezember 1851 bei offiziellen Anlässen gesungen und gespielt. Man erinnert sich insbesondere daran, wie die Marseillaise von März bis Mai 1848 im Pariser Theater von der Komödiantin Rachel, eingehüllt in eine weiße Tunika, die blauweißrote Fahne schwingend, gleich einer neuen Freiheitsgöttin des Jahres II, eine Marseillaise feierlich und gläubig gesungen wurde – in einer Haltung wie die der Liberté von Delacroix oder der Marseillaise des Triumphbogens. Rachel ist dabei selbst eine Marseillerin und personifiziert geradezu die Hymne:

 

Rachel beim Singen der Marseillaise

 

Man findet ähnliche Inszenierungen in den Theatersälen während des Krieges von 1870–71 und während des Ersten Weltkriegs; bei solchen Veranstaltungen, die den patriotischen Eifer des Publikums anfachen, springt die Marseillaise häufig von der Bühne in den Saal über.

 

Im Salon von 1849 hängt das schon bald berühmte Gemälde von Isidore Pils (Sohn eines Offiziersburschen von Marschall Oudinot), das folgenden Titel trägt Rouget de L’Isle chantant pour la première fois la Marseillaise chez le maire de Strasbourg, Dietrich. Michel Vovelle zufolge handelt es sich um "eines der größten Klischees der republikanischen Fantasie". In der Tat sollte man in diesem Bild keine getreue Darstellung der Realität einer historischen Szene erwarten. Vielmehr handelt es sich ebenso wie bei der Marseillaise von François Rude – dem berühmtesten Bild – um die fortan offizielle sinnbildliche Darstellung der Erschaffung der Hymne.

 

Das Gemälde von Isidore Pils (1849, in Straßburg seit 1919)

 

Das Werk wird im Zweiten Kaiserreich von den Republikanern in Form von Gravuren, Lithografien und sogenannten Images d'Epinal (bunte Bilderbögen) reproduziert und weit verbreitet und findet sich auch in den Schulbüchern der 1880er Jahre, während die Verwaltung der schönen Künste häufig Kopien als Wanddekoration in Rathäusern und anderen öffentlichen Gebäuden anbringen lässt. Das Gemälde wurde schließlich zum Symbol der Republik, des Vaterlands und der "verlorenen Provinzen".  Das Gemälde wird im Jahr 1919 an Straßburg übergeben; heute ist es eines der Aushängeschilder des historischen Museums der Stadt; es ist, ebenso wie die Statue von Kléber, eine Ikone Frankreichs im Elsass und der Teilnahme des Elsass an der Revolution.

 

1851 kommentierte Baudelaire in seinem Vorwort zur zweiten Ausgabe der Chants et Chansons von Pierre Dupont seinen Chant des ouvriers (1846), indem er von "dieser Marseillaise der Arbeiter" sprach, einer häufig verwendeten Metonymie, um einen leidenschaftlichen Gesang zu bezeichnen.

 

Ende 1851 erfolgt der Widerstand gegen den Staatsstreich des 2. Dezember, in der Provinz ebenso wie in Paris, häufig zur Musik der Marseillaise.

 

Im Zweiten Kaiserreich ist die Hymne verboten und wird durch einen patriotischen Gesang ersetzt, dessen Strophe mit zwei Versen den göttlichen Schutz anruft ("Puissant Dieu de nos pères / Prête-nous ton secours…") ("Mächtiger Gott unserer Väter / Gewähre uns deinen Schutz…") und der zu der Melodie des Partant pour la Syrie gesungen wird. Das Lied gleicht einem Troubadourgesang und wird offiziell als Beau Dunois bezeichnet. Es erinnert an die Kreuzzüge und geht angeblich auf die Königin Hortense, Mutter des Kaisers, zurück: Es wird vermutet, dass sie die Musik 1809 oder 1810 mit oder ohne die Hilfe des Harfenspielers Pierre d’Altimare oder sogar des Komponisten Méhul komponierte. In seinem 1870 erschienenen Werk Napoléon III, sa vie, ses œuvres et ses opinions verspottet der republikanische Historiker A. Morel diese Hymne mit folgenden Worten: "eine süßlich-fade Komposition, durchdrungen von den Düften der Pommade des Boudoirs" (A. Morel, Napoléon III, sa vie, ses œuvres et ses opinions.)

 

Ihr Verbot schlägt sich sogar in dem quasi-offiziellen Reiseführer von Paris nieder, der im Jahr 1867 herausgegeben wird (Librairie internationale), um die zahlreichen in- und ausländischen Besucher der Weltausstellung zu informieren: Auf der Tafel, die das Hochrelief von François Rude auf dem Triumphbogen darstellt, wird die Hymne weder als Marseillaise bezeichnet (ihr häufigster Name seit 1836) noch als Le Départ des volontaires,  ("Aufbruch der Freiwilligen") (ihr offizieller Name), sondern überraschenderweise als Le Chant du départ (Paris Guide, par les principaux écrivains de France, Première Partie, La Science, L’Art, S. 652).

 

Die Marseillaise von Rude auf dem Triumphbogen in Paris

 

Die Marseillaise wird häufig von republikanischen Demonstranten gesungen, zum Beispiel bei der Beisetzung von David d’Angers im Jahr 1856 oder von Béranger im Jahr danach. 1869 verwendet Henri Rochefort den als provokativ empfundenen Namen symbolisch als Titel seiner Zeitschrift; dieser Journalist hatte zuvor in La Lanterne (einer schon bald verbotenen Zeitung) geschrieben: "Frankreich hat 36 Millionen Einwohner und ebenso viele Missstände." Im Januar 1870 wird Victor Noir, ein junger Journalist der Zeitung La Marseillaise, der als Zeuge kam, um ein Duell vorzubereiten, aus nächster Nähe von Pierre Bonaparte getötet, einem für seine Brutalität bekannten Prinzen, Sohn von Lucien Bonaparte und somit Neffe des Kaisers. Bei seiner Bestattung in Neuilly-sur-Seine (Ort des Mords) sind 100.000 Personen anwesend, eine tobende Menge, die, die Marseillaise singend, mehrmals versucht, den Sarg zum Friedhof Père Lachaise zu bringen. Es handelt sich um die bisher größte öffentliche Demonstration gegen das Regime. Im Anschluss an dieses Ereignis schrieb Henri Rochefort in La Marseillaise: "Ich war so naiv zu glauben, dass ein Bonaparte etwas anderes als ein Mörder sein könnte…" – eine Bemerkung, die ihm eine Gefängnisstrafe von mehreren Monaten einbrachte und zum Verbot seiner Zeitung führte.

 

Obwohl immer noch verboten, wird die Marseillaise von der kaiserlichen Regierung in Paris in der Phase des patriotischen Überschwangs geduldet, der die französische Kriegserklärung an Preußen im Juli 1870 begleitet. Auf Wunsch der Bevölkerung wird sie am 21. Juli auf der Opernbühne von der Sopranistin Marie Sasse gesungen, die in ein weißes Tuch gehüllt ist und eine blauweißrote Fahne schwingt: Nach einem überwältigenden Hurra erhebt sich das gesamte Publikum und hört in andächtiger Stille zu, als stünde eine lebendige Allegorie der Marseillaise auf der Bühne. Es handelt sich um eine Neuauflage der Aufführung von Rachel, wie nach der Revolution von 1848. Danach wird die Hymne manchmal von der kaiserlichen Armee im preußisch-französischen Krieg gesungen oder gespielt, um die Truppen anzufeuern.

 

Aber in Sedan müssen die gefangengenommenen französischen Soldaten nach der Kapitulation von Napoléon III. vor einer preußischen Blaskapelle aufmarschieren, die, um sie zu erniedrigen, die Marseillaise in den schrillen Tönen ihrer Querpfeifen spielt. Paul Bert, Abgeordneter von Yonne, der im Oktober 1870 bei einer ähnlichen Episode in Auxerre zugegen war, erinnert sich in seiner Rede vom Oktober 1880 an diese schwere Demütigung:

 

"Wir haben sie auf diesem Platz hier gesehen, zwei Schritte von uns entfernt; wir haben sie gehört, mit ihren schrillen Querpfeifen. Sie verspotteten und beleidigten uns, indem sie unsere heilige Nationalhymne, die unsterbliche Marseillaise pfiffen. Ah, sie hatten Zeit gehabt, sie auswendig zu lernen, denn unsere Väter haben sie sie gelehrt, die Bajonette im Anschlag, in Valmy, Auerstadt und Jena! "Es ist zwar nicht erwiesen, dass die Marseillaise in Valmy tatsächlich gesungen wurde, aber die Episode gehört zum "nationalen Mythos", der diesen ersten Sieg von Freiwilligen gegen das preußische Berufsheer umgibt. In seinem Gedicht Silence à la Marseillaise geißelt Paul Déroulède ebenfalls die Schändung der Hymne in Sedan durch die preußischen Sieger.

 

"O mal que rien n’efface! ("Welch Schmerz, der nicht zu sühnen!)

   O mal que rien n’apaise! (Welch Schmerz, der nicht zu lindern!

   Le clairon prussien sonnait la Marseillaise! (Die preußischen Trompeter bliesen die Marseillaise!) "

 

Die Marseillaise wird am 4. September 1870 während der Ausrufung der Republik von der Bevölkerung in Paris und auch von den Armeen zur nationalen Verteidigung vielerorts gesungen. Zwar wird sie unter den republikanischen Regierungen von Thiers (Februar 1871 bis Mai 1873) und Marschall de Mac Mahon (Mai 1873 bis 30. Januar 1879) erneut bei offiziellen Anlässen mit ausländischen Staatsoberhäuptern weggelassen: Das Regime, das einen Mittelweg zwischen Republik und Monarchie finden muss, will das Lied nicht offiziell verwenden, da die Erinnerung an seine revolutionären Ursprünge und seine Verwendung durch die Kommune von Paris noch frisch ist. In der Tat war sie die häufigste von den Mitgliedern der Pariser Kommune gesungene Melodie, wenn auch mit einem neuen Text. Im Chanson der Commune, einem Werk von Robert Bercy, einem großen Kenner der revolutionären Lieder der Revolution bis zum heutigen Tage, finden sich vier Versionen der Hymne, ohne die anderen Lieder zu zählen, die die Marseillaise beiläufig erwähnen: Die Marseillaise von 1870, Die Marseillaise der Kommune, Die Marseillaise der Erschossenen und  Die Marseillaise der Arbeiter. Die eigentliche Marseillaise wird weiterhin als "revolutionäre französische und internationale Hymne" betrachtet. Als sie sich im Jahr 1891 trennen, singen die Teilnehmer des internationalen sozialistischen Kongresses von Paris die Marseillaise in allen Sprachen . Erst im September 1900 wird ein internationaler sozialistischer Kongress in Paris erstmals mit der Internationale beendet, die in mehreren Sprachen gesungen wird.

 

Die in der Kommune von Paris häufig gesungene Hymne, die patriotisch, republikanisch und revolutionär zugleich ist, wird von radikalen Republikanern verwendet, die sich aus moralischen Gründen den Regierungen widersetzen, obwohl sie offiziell verboten ist und vom Staat als subversiv und von zweifelhaftem Ruf betrachtet wird (ein vertrauliches Rundschreiben vom Innenminister vom 10. Juli 1872 verbietet die Feier des 14. Juli, da sie als "Vorwand für politische Versammlungen und Bankette dient", und erinnert an das Verbot der Marseillaise). Dies verhindert jedoch nicht, dass die verbotene Hymne gesungen wird, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet. Louise Michel, die seit Dezember 1871 im Zentralgefängnisses von Auberive (Haute-Marne) eingekerkert ist, während sie auf ihre Deportierung nach Neu-Kaledonien wartet, schreibt am 28. Oktober 1872 ein Gedicht mit dem Titel Anniversaire, in dem sich an die Erhebung vom 30. Oktober 1870 gegen die verräterische Kapitulation von Bazaine in Metz erinnerte (Robert Bercy, S. 121–122). Eine Strophe würdigt die Marseillaise als patriotisches und revolutionäres Lied:

 

Quand les Marseillaises ardentes (Wenn die Marseillaise-Lieder)

De nouveau passerons dans l’air, (erneut feurig erklingen,)

Leurs noms mêlés dans les tourmentes (ihre Namen mit den Stürmen gemischt)

Auront le sort dont on est fier (werden sie das Schicksal erfahren, auf das man stolz sein kann)

Et pour la suprême vengeance (und für die höchste Rache)

Il faudra bien que nous mettions (müssen wir)

Au pilori des nations (am Pranger der Nationen)

Les noms des vendeurs de la France (die Namen der Verräter an Frankreich anbringen)

 

Im September 1877 beispielsweise wird sie von der Menge gesungen, die dem Sarg von Thiers folgt, dem "Befreier des Territoriums", das sich der Republik anschließt; die Menge marschiert und provoziert die Polizei, die nicht einzuschreiten wagt, um eine Störung einer Bestattungszeremonie zu vermeiden. Die Marseillaise verschafft sich ebenfalls zum "Nationalfeiertag" des 30. Juni 1878 Zutritt, der von der Regierung eingeführt wurde, immer in Anwesenheit des Marschalls de Mac-Mahon, der sich der Notwendigkeit eines solchen Nationalfeiertags bewusst war, vor allem für ein Land, das noch im gleichen Jahr in Paris eine Weltausstellung organisierte. Monet hat die Fülle der blauweißroten Fahnen, die an diesem Tag auf Initiative der Regierung die Rue Montorgueil und die Rue Saint-Denis in Paris schmückten, auf einem Gemälde verewigt. Aus diesem Anlass mussten ein großes Orchester und mehrere Chöre die neue, als künftige französische Nationalhymne präsentierte Hymne mit dem Titel Vive la France spielen (Musik von Charles Gounod und Text des patriotischen Dichters Paul Déroulède). Nachdem die Menge still die vorgeschlagene Hymne gehört hatte, ohne zu applaudieren, verlangte sie nach der Marseillaise, was vom anwesenden Innenminister akzeptiert wurde. Daraufhin stimmten Orchester und Chöre sofort die Marseillaise an, ohne vorher geübt zu haben, und die große Menge sang unisono mit. Man findet an diesem Tag in mehreren Städten die Fahne und die Marseillaise, und es werden unter anderem Büsten der Republik in manchen Rathäusern oder an öffentlichen Orten eingeweiht.

 

 

V- La Marseillase, Nationalhymne … der französischen Republikaner

 

Schließlich wird die  Marseillaise , seit die Republik endgültig in den Händen der Republikaner liegt, nämlich nach der Entlassung von Mac-Mahon Ende Januar 1879, per Gesetz vom 14. Februar 1879 zur Nationalhymne erklärt – und dieses Mal endgültig. Das Gesetz gibt einfach an, dass der Erlass vom 26. Messidor im Jahr III (14. Juli 1795) immer noch Gültigkeit hat: So schließen sich die ebenso opportunistischen wie radikalen Republikaner der Französischen Revolution an und erklären sich zu Söhnen der Revolution. Im Oberhaus hatte die monarchistische Opposition ein Nachhutgefecht geführt und vergeblich angeprangert, dass die Hymne 1793 das Lied der Schreckensherrschaft und 1871 das der Pariser Kommune war, ohne jedoch eine Alternativlösung vorschlagen zu können. Sie konnten schließlich nicht mit „Vive Henri IV“ aus den Zeiten der Restauration daherkommen!

 

Die förmliche Vorstellung der Marseillaise als Nationalhymne hat ein wenig widersinnige Folgen. Sie verleiht diesem Lied der Revolution oder zumindest der demokratischen Opposition eine offizielle Repräsentationsfunktion, die ihm letztendlich nicht zusteht. Daraus können nur neue Oppositionsgesänge gegen das etablierte Regime, die „bürgerliche Republik“, entstehen.

 

Verständlicherweise erhielt die Marseillaise in Frankreich selbst am Ende des 19. Jahrhunderts, als sie längst die offizielle Hymne einer gemäßigten Republik geworden war, Konkurrenz vom linken Flügel mit anderen Liedern. Die Carmagnole und das Ça ira werden von der Arbeiterbewegung in den 1880er Jahren wiederaufgenommen, ebenfalls Marianne im Jahr 1886 und bald auch die Internationale.

 

Natürlich wird die Konnotation der Hymne nach der Abtretung im Jahr 1871 noch patriotischer und es ist sicherlich eine lothringische Bäuerin, die in dem 1882 von Mademoiselle Amiati, Star oder Sternchen, gesungenen Lied dem Sohn des Deutschen ihre Milch versagt, weil diese für ihre eigenen Jungen bestimmt ist, die „dereinst die Marseillaise singen werden“. Dieses Lied, Le Clairon, wurde bereits im Jahr 1873 oder 1874 von Paul Déroulède verfasst und wurde sein größter Bühnenerfolg; das Lied selbst reiht sich ein in das revanchistische Repertoire von Gaston Villemer und Lucien Delormel.

 

Zu diesem Zeitpunkt tat sich die monarchistische Rechte auch aus anderen Gründen schwer, die Marseillaise anzunehmen. Seit 1879 ist sie nun Nationalhymne, muss daher bei bestimmten offiziellen Anlässen gespielt werden und hat seitdem immer wieder für Wirbel gesorgt, insbesondere bei der Armee, wo z. B. ein Offizier seinen Soldaten verbietet, sie zu spielen, oder wo ein anderer sie ostentativ pfeift und erklärt, dass es sich um ein „politisches Lied“ handelt, das als solches in Kasernen verboten ist. Diese Offiziere werden von ihrem Minister bestraft. Auch einige kirchliche Würdenträger äußern ihre Vorbehalte. So verzichtet der neue Erzbischof von Avignon im Jahr 1880 auf die ihm zustehende öffentliche Ehrung bei der offiziellen Übernahme seines Amtes: Das immer noch gültige Konkordat von 1801 sieht vor, dass eine militärische Fanfare zu diesem Anlass den Prälaten mit der Nationalhymne begrüßt. Der Erzbischof zieht es jedoch vor, sein Amt ohne jegliche offizielle Zeremonie anzutreten, um, wie er später erklären wird, „[seine] Ohren nicht unter einer aufdringlichen Musik leiden zu lassen“.

 

Am 12. November 1980 bringt Kardinal Lavigerie, Erzbischof von Algier und Gründer der „Weißen Väter“, vor den Offizieren des französischen Geschwaders im Mittelmeer und anderen Würdenträgern auf Wunsch von Papst Leo XIII. den berühmten „Toast von Algier“ aus, einen Trinkspruch, der ein Aufruf zur Anerkennung der Republik ist, ein Skandal für die Rechten und die „Königstreuen“, fast so schlimm wie das Spielen der Marseillaise durch die Musiker des Seminars in Algier. Die Republik anerkennen, mag angehen, aber nicht die Marseillaise, die „Revolution ist“! Gegen den Kardinal und gegen diesen „revolutionären“ Papst werden heftige Artikel verfasst; bald lehnen auch breite Teile der Katholiken die kommende Enzyklika Inmitten der Besorgnisse vom Februar 1892 ab, die diese Katholiken auffordert, die neue französische Regierung anzuerkennen.

 

Hingegen wird die Marseillaise, die nur als Chorgesang echt ist, vorbehaltlos gesungen, als die Menschenmenge versucht, die Abreise des „mutigen Generals Boulanger“, des „Generals des Revanchismus“, nach Clermont-Ferrand zu verhindern. Dies verdeutlicht die Vielschichtigkeit einer Nationalhymne, die von einem Teil der Nation abgelehnt wird, nämlich von den „innerlich Ausgewanderten“.

 

Parallel dazu wird die lange Tradition der Lieder fortgesetzt, die nach Vorbild und Konnotation der Marseillaise komponiert wurden. Häufig handelt es sich um eine situationsabhängige Marseillaise .

 

1881 erscheint eine antiklerikale Marseillaise, die wir dem Polemiker Léo Taxil verdanken:

„Aux armes citoyens (Zu den Waffen, Bürger),

    Contrevles cléricaux (Gegen den Klerus)

    Votons,votons (Lasst uns abstimmen)

    Et que nos voix (Auf dass unsere Stimmen)

    Dispersent les corbeaux“ (Die Krähen vertreiben)

 

1888 ist es dann eine Marseillaise de Boulanger (zu Ehren des gleichnamigen Generals) von Gaston Villemer, einem glühenden Gambettisten, der sich wieder dem Nationalismus zugewandt hat und Autor Hunderter patriotischer Lieder ist, darunter der berühmte Marsch Vous n’aurez pas l'Alsace et la Lorraine; seine Marseillaise de Boulanger ist viel zu antiparlamentarisch, um noch republikanisch zu sein, da sich künftig die Partisanen des Generals auf breiter Front in die antirepublikanische Rechte einreihen.

 

1898 folgt während der Dreyfus-Affäre seitens der extrem populistischen Rechten eine antijüdische Marseillaise, unterschrieben mit „Plume au Vent“ und herausgegeben vom antisemitischen Nachrichtenbüro in Oran. Auf dem illustrierten Deckblatt der Partitur sind zwei Frauen abgebildet: eine Marianne mit der phrygischen Mütze, die dreifarbige Fahne vor dem Hintergrund des Eiffelturms schwenkend, und eine das Land Algerien darstellende Frau vor dem Palmenhintergrund, in einer Hand ein blutiges Schwert, in der anderen den abgetrennten Kopf eines Juden haltend. Sie sagt zu Marianne: „Folge meinem Beispiel!“ Dieses Lied, in der Tat ein Aufruf zum Mord, ist „Drumont, Déroulède, Rochefort [ehemaliger Bonaparte-Gegner, dann Kommunarde und schließlich Nationalist], Jumet und dem französischen Antisemitismus in Frankreich und Algerien“ gewidmet. Bei seiner Ankunft in Algerien im April 1898 wird Drumont von einer jubelnden Menge empfangen, die diese antijüdische Marseillaise singt, noch ehe er im Mai triumphal zum Abgeordneten für Algier gewählt wird. Eine Strophe dieses Liedes endet mit „Chassons du pays / Tout‘ cette bande de Youddis!“ (Lasst uns diese Judenbande aus dem Land jagen!) und eine andere beginnt mit „Tremblez Youpins! et vous perfides“ (Zittert, Juden! und ihr Niederträchtigen), eine Nachahmung von „Tremblez, tyrans! et vous perfides“ (Zittert, Tyrannen und ihr Niederträchtigen) aus der vierten Strophe der Marseillaise, deren Vehemenz man beibehalten, aber die Zielgruppe geändert hat...

 

Es gibt weitere polemische oder parodistische Marseillaises vor allem an den beiden äußeren Flügeln. Am linken Rand finden wir die Marseillaise fourmisienne von Clovis Hugues, auch bekannt als Marseillaise du Premier Mai, die Marseillaise des viticulteurs, die Marseillaise de la paix von Auguste Rouquet aus dem Languedoc, einem libertären und wenig konventionellen Pädagogen, der seine pazifistische Version von den Kindern des von ihm in Cempuis (Department Oise) geleiteten Waisenhauses singen ließ, ehe er zum Teil auch deswegen entlassen wurde:

 

(Refrain) „Plus d’armes, citoyens! (Keine Waffen mehr, Bürger!)

               Rompez vos bataillons! (Löst eure Bataillone auf!)

               Chantez, chantons, (Singt, lasst uns singen)

                Et que la paix (Auf dass der Friede)

                Féconde nos sillons!“ (Unsere Äcker befruchte!)

und die ersten Verse des folgenden Refrains sind nicht minder deutlich:

 

              „Plus de fusils, plus de cartouches (Keine Gewehre mehr und keine Patronen)

                Engins maudits et destructeurs …“ (Verdammte zerstörerische Maschinen…)

 

Diese Hymne erlangt einen gewissen Erfolg bei pazifistischen Lehrern, die sich zugegebenermaßen in der Minderheit befinden. Im Departement Yonne ist dieser Trend sehr stark, nicht zuletzt dank der Wirkung der Geschichtsdozenten Gustave Hervé, eines militanten sozialistischen Antimilitaristen und Gegners von Jean Jaurès, mit seiner „hervéistischen“ (d. h. antimilitaristischen und antiparlamentarischen) Veranlagung; der mit „Vaterlandsloser“ unterschriebene Artikel schlägt vor, „die Fahne auf den Mist!“ zu werfen, wofür er wiederum aus dem Staatsdienst geworfen wird. Sein Affiche rouge (Das Rote Plakat), seine verletzenden Artikel im Travailleur socialiste de l’Yonne (Sozialistischer Arbeiter im Departement Yonne), in La Guerre Sociale (Der Sozialkrieg) (später umbenannt in La Victoire– der Sieg), in seiner unregelmäßig erscheinenden Zeitung Le Pioupiou de l'Yonne (Der Landser im Departement Yonne), die er an die zur Musterung einberufenen, zukünftigen Wehrpflichtigen richtet. Es ist ein Skandal nationalen Ausmaßes, den der Lehrer Rousseau 1912 auslöst, als er seine Schüler diese Marseillaise de la paix bei der Preisverleihung in Flogny-La Chapelle (Gilles Heuré (externer Link)Gustave Hervé singen lässt. Itinéraire d'un provocateur. De l'antipatriotisme au pétainisme, Paris (externer Link), La Découverte, collection L'espace de l'histoire, 1997 (externer Link) und Plutôt l’insurrection que la guerre: l’antimilitarisme dans l’Yonne avant 1914, Tagungsbericht ADIAMOS 89 aus Oktober 2006, veröffentlicht 2007 von ADIAMOS 89 unter der Leitung von Michel Cordillot).

 

Am ultralinken Arbeiterflügel sind Vorbehalte gegen die Marseillaise als offizielle Hymne üblich, dauerhaft und wachsend, umso mehr, als Ersatzgesänge mit derselben Melodie (La Marseillaise de la crosse en l’air…) oder mit ähnlichen Melodien vorhanden sind, insbesondere die Marianne, dann die Internationale, die von einer enormen Resonanz bei der Arbeiterschaft und den Revolutionären auf der ganzen Welt profitiert. Das Werk wird im September 1870 (das genaue Datum ist nicht überliefert; möglicherweise stammt es aus dem Frühjahr 1871) von dem Pariser Künstler und Schriftsteller Eugène Pottier (1816 – 1887) verfasst. Als junger böhmischer Dichter, literarischer Autodidakt, der die „Goguettes“, Gesangsvereine in Frankreich und Belgien, frequentierte, schrieb er um 1830 ein erstes Lied mit dem Titel Vive la liberté; 1848 besang er Les Arbres de la Liberté und schuf 1852 ein Te Deum du coup d’État, eine heftige Parodie auf den Prinzpräsidenten. Zunächst Unteroffizier im Hauptquartier Paris, dann gewähltes Mitglied der Pariser Kommune und dafür später zum Tode verurteilt, flüchtet er nach London. Infolge der Amnestie im Juli 1880 kehrt er nach Frankreich zurück und besingt die Pariser Kommune, die Mauer der Föderierten, Auguste Blanqui, Jules Vallès, Edouard Vaillant. Er fristet sein Leben als Textilarbeiter mehr schlecht als recht, bis kurz vor seinem Tod sein Gedicht L’Internationale 1887 von einem Mitglied der Arbeiterpartei von Jules Guesde wiederentdeckt wird, der es im Juni 1888 von Pierre de Geyter vertonen lässt, einem Arbeiter im Formenbau in den Werken von Fives in der Nähe von Lilles, geboren in Gent und Leiter eines Arbeiterspielmannszugs. Die Internationale wird im Juli 1888 in Lille zum ersten Mal öffentlich gesungen. Am 6. November 1887 stirbt Pottier (im Mai 1908 wird ihm ein Grabdenkmal auf dem Friedhof Père-Lachaise in der Nähe der Mauer der Föderierten errichtet. Die Internationale wird schon bald als Hymne der Partei von Jules Guesde angenommen (die sich auf dem Kongress im Jahr 1893 in Französische Arbeiterpartei umbenennt). Im Juli 1889 wird die Internationale anlässlich der Gründung der Zweiten Internationalen in Paris erneut gesungen. Bei der Gründung der Französischen Sektion der Arbeiterinternationalen (SFIO, Section Française de l’Internationale Ouvrière) im Jahr 1906 wird sie zur Hymne erhoben. Von der Zweiten Internationalen wird sie 1910 zur offiziellen Hymne erklärt. Von diesem Zeitpunkt an wird sie in sämtliche Sprachen übersetzt und macht damit ihrem Namen alle Ehre. Auch von ihr gibt es verschiedene Varianten je nach aktuellem Kontext, beispielsweise im Jahr 1901 La Grève générale, des ehemaligen Kommunarden Georges Debock mit derselben Melodie wie die Internationale: „Pour la chute finale / Des exploiteurs tyrans / La grève générale / Nous fera triomphants“ (Für den endgültigen Fall / der tyrannischen Ausbeuter / wird der Generalstreik / uns zum Sieg führen).

 

Allerdings hebt Michelle Perrot in ihrer Dissertation über die Arbeiterstreiks in den Jahren 1880 bis 1890 hervor, dass auf den 164 von ihr untersuchten Demonstrationen 64 Mal die Marseillaise und 30 Mal die Carmagnole angestimmt wurde: momentane Beibehaltung der Gesänge der Französischen Revolution, Bewahrung des subversiven Charakters, in Opposition zur Marseillaise. Natürlich gibt es in den Anfängen des Ersten Mai in den frühen 1890er Jahren noch kaum Ersatzlieder für die Marseillaise, die allen bekannt sind. Von daher singt man immer noch diese Marseillaise – neben den Gelegenheitsliedern, die speziell beispielsweise für die Schichtarbeiter geschrieben wurden. Aber in der Folge löst die Internationale sie für lange Zeit als Revolutionslied in der französischen Arbeiterbewegung ab, während beide Hymnen außerhalb Frankreichs häufig miteinander verknüpft bleiben. Auch bleibt die weibliche Darstellung der Republik, natürlich ganz in Rot gekleidet und mit rotem Kopfputz, lange Zeit in den Bildern der Arbeiteraufmärsche präsent, neben denen des Arbeiters mit der geballten Faust oder ein Werkzeug schwingend.

 

Am anderen Ende des politischen Spektrums singt man auch die Nationalhymne – und nicht nur bei den Nationalisten. Als ab 1902 die Mitglieder von Ordensgemeinschaften, vorrangig Lehrer, aufgrund drastischer Maßnahmen seitens des Premierministers Émile Combes ihre Einrichtungen schließen oder verlassen, singt die sie unterstützende Meute kämpferische Lobgesänge, aber häufig auch die Marseillaise als Lied der Freiheit, hier der Freiheit der Lehre für diese Opfer der „Freimaurerverfolgung“: Diejenigen, die der etablierten Ordnung widersprechen, zeigen gern die offiziellen Hoheitszeichen, Hymne oder Fahne, um die Ordnungskräfte daran zu erinnern, dass auch sie Teil des Landes sind.

 

 

VI- Ein internationales Schicksal  

 

Kurz vor seinem Tod soll Rouget de Lisle im Frühjahr 1836 gesagt und wiederholt haben: „Ich habe die Welt zum Singen gebracht“.

 

Folgen wir dem Laufe der Zeiten, so folgen wir der Marseillaise ins Ausland.

 

Auf den amerikanischen Demonstrationen gegen den zweiten Golfkrieg und die Invasion des Iraks ertönt sie in Kalifornien, als Anspielung auf die Bemühungen des Präsidenten Jacques Chirac und seines Premierministers, den Ausbruch von Feindseligkeiten zu verhindern.

 

1989 wird sie von Regimegegnern auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking sowohl auf Französisch als auch auf Chinesisch vor einer beeindruckenden Gipsminiatur der Freiheitsstatue gesungen.

 

In der Volksrepublik China hat die Marseillaise immer noch den Status eines „sozialistischen Liedes“ oder eines „patriotischen Liedes“, das die Schüler in der Schule lernen müssen, und zwar eher auf Chinesisch als auf Französisch. Frédéric Dufourg, Literaturprofessor und Autor eines Werkes über die Marseillaise für Schulen, erzählt, wie er im Jahr 1988, als er als einziger Europäer in einem drittklassigen Hotel im tiefsten China untergebracht war, aufgefordert wurde, die Hymne anzustimmen, um seine Nationalität bekanntzugeben, und wie alsbald nicht nur die chinesischen Zuhörer sie ganz leicht auf Französisch erkannten, sondern stramm standen und  selbst in den Chorgesang mit Melodie und Text einfielen. Die Marseillaise findet man in China auch in patriotischen Filmen, die dem Langen Marsch von 1949 gewidmet sind, in denen Mao persönlich sie auf Chinesisch singen lässt, um seine Truppen zu begeistern: Hier haben wir eine Marseillaise, die am anderen Ende der Welt eine wichtige Rolle spielt!

 


 

(Man kann diesen schwungvollen Gesang auf Youtube hören, und zwar auf  http://www.youtube.com/watch?v=S2MX9CPaMCQ&sns=em,  oder : https://m.youtube.com/watch?v=IbeVCRXBZNk, oder auf :http://www.dailymotion.com/video/x8v12g_la-marseillaise-en-chinois_music, oder :https://m.youtube.com/watch?v=_dchWfh_vC0)

 


 

Im April 1931 wird die Marseillaise, die als Universalhymne der Freiheit betrachtet wird, während der offiziellen Zeremonie zur Einführung der spanischen Republik in Madrid vor der Hymne patriotique de Riego gespielt, die erneut zur Nationalhymne eines Spaniens wurde, das soeben die Republik ausgerufen hatte.

 

In genau diesen 1930er Jahren übernimmt die sozialistische Partei Chiles, die später von Salvador Allende angeführt wird, die Musik der französischen Hymne mit einem eigenen spanischen Text. In Peru hatte die APRA, die Amerikanische Revolutionäre Volksallianz, eine Partei, die aus der peruanischen Linken hervorging, bereits früher dasselbe getan und im August 1930 in Lima in einem Volksaufstand die Macht an sich gerissen; ihr Kriegsgesang war eine peruanische Marseillaise bzw. ein revolutionäres Lied zur Melodie der Marseillaise. Und der Aufstand begann mit einem französischen Film über die Französische Revolution in einem Großkino in Lima vor dem ausgepfiffenen Präsidenten...

 

Die Volksallianz, nun gezähmt, kam mit dem Präsidenten Alan García, der bis Juni 2011 diese Funktion innehatte, erneut an die Macht und auch die Marseillaise profitierte in diesem Land und unter dieser Präsidentschaft von einem Sonderstatus.

 

Zur Feier des Sieges über die Alliierten im Jahr 1918 taufte Uruguay eine Straße in seiner Hauptstadt auf den Namen  Marseillaise. Und die Union Jeanne d’Arc, die „Gesellschaft französischer und uruguayischer Damen“, gegründet 1910, vermehrt die guten Taten zugunsten der Frontsoldaten während des Krieges durch Spendensammlungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Stricknachmittage usw. Die Bildpostkarte, die anlässlich des „Journée française en Uruguay“ (des französischen Tages in Uruguay) am 14. Juli 1916 herausgegeben und verkauft wird, zeigt auf dem Deckblatt eine Jeanne d’Arc zu Pferd, La Marseillaise von Rude und eine Marianne mit der phrygischen Haube. Halten wir fest, dass später, in den 1970er Jahren, in Uruguay ein Denkmal in Form des Lothringischen Kreuzes als Hommage an eine andere Ikone errichtet wird: „Für Charles de Gaulle, Weltbürger“.

 

Im April 1917 erklingt die Marseillaise in Sankt Petersburg zum Empfang von Lenin, der in einem verplombten Eisenbahnwaggon aus der Schweiz eintrifft. Bereits im Februar 1917 wird sie von den Demonstranten bei der ersten demokratisch-sozialistischen Revolution in Russland gesungen und nach Oktober 1917 ist die Marseillaise auf Russisch für eine Weile die offizielle Hymne des sowjetischen Russlands.

Im Jahr 1905 ist es ebenfalls eine Marseillaise auf Russisch, die in Odessa von den aufständischen Seeleuten des Panzerkreuzers Potemkin Potemkin gesungen wird. Nun verbündet sich in diesen Jahren aber das zaristische Russland mit dem republikanischen Frankreich. Wenn bei offiziellen Anlässen die Nationalhymnen der beiden Länder in Frankreich oder in Russland gespielt werden, drosseln die Musiker der republikanischen (oder, je nach Ort, der zaristischen) Garde mit Absicht den Rhythmus der Marseillaise, um sie „zurechtzustutzen“, ihr die rasante Lebhaftigkeit zu nehmen oder ihr gar den majestätischen Rhythmus eines Oratoriums zu verleihen: als protokollarisches Zeichen des Respekts für einen Verbündeten, den man keinesfalls verärgern möchte! Darin liegt die ganze Schwierigkeit, wenn man einerseits als Nationalhymne und andererseits als Revolutionslied bekannt und bei den absolutistischen Monarchien und anderen autoritären Regimes gefürchtet ist. Ähnlich ist eine Zeichnung des Humoristen Henriot in der Satirezeitschrift Charivari vom 23. September 1896 zu sehen, auf der Präsident Félix Faure der Marianne, die sich gerade für den Empfang von Nikolaus II in Paris schminkt, den Rat gibt: „Nicht zu viel rot, nicht wahr, mein liebes Kind! "

 

Im 19. Jahrhundert wir die  Marseillaise sogar noch häufiger für revolutionäre Zwecke eingesetzt.

 

Am 3. August 1892 wird der ehemalige schottische Bergmann und sozialistische Führer Keir Hardie, einer der Gründungsväter der britannischen Arbeiterpartei, in das Unterhaus gewählt; er betritt es mit einer Schirmmütze, die auf seinem Kopf festgeschraubt zu sein scheint. An Bord der Pferdekutsche, die ihn ins Parlament bringt, spielt ein Hornist die Marseillaise, die von da an in Ermangelung eines konsensfähigen, englischen Arbeiterliedes Standard ist. Und immer weiter wird sie ständig von verschiedenen radikal-reformistischen Bewegungen im 19. Jahrhundert gesungen – auf Englisch und mit den Umständen angepassten Texten.

 

Als brasilianische Zivilisten und Militärangehörige im November 1889 in Rio de Janeiro ihren Kaiser Pedro II abwählen und vertreiben und die Republik ausrufen, ist es die Marseillaise, die sie auf dem großen Platz anstimmen. In einem ganz anderen Sinn, nämlich spöttisch, lassen die Preußen nach ihrem Sieg über die französischen Armeen im Jahr 1870/71 die Marseillaise auf den Querflöten ihrer Kapellen vor den besiegten Soldaten oder Zivilisten spielen. Was für eine demütigende Komödie!

 

Die „Europäischen Revolutionen“ von 1848 folgen dem Rhythmus der Marseillaise, in Budapest auf Ungarisch, in Wien und Berlin auf Deutsch, in Rom auf Italienisch, in Warschau auf Polnisch und in Paris auf Französisch.

 

Auch die liberalen Revolutionen von 1830 werden von der Marseillaise, begleitet: im Oktober 1830 in Brüssel gegen den niederländischen Regenten, der den Belgiern durch den Wiener Kongress von 1815 aufgezwungen wurde; in Warschau im Jahr 1831 gegen den bald darauf ausgelöschten russischen Zaren - und zuvor sang die französische Meute „Aux armes, Polonais!“ (Zu den Waffen, Polen!) in ihrer Konnotation.

 

Im Dezember 1825 singen die liberalen Adeligen die Marseillaise in Sankt Petersburg, als sie versuchen, dem neuen Zaren Nikolaus I eine Verfassung aufzuzwingen: Leider schlägt die Revolte der Dekabristen fehl. In den 1820er Jahren ist es in Griechenland wieder die Marseillaise, die von den Aufständischen gegen die Ottomanen angestimmt wird – dieses Mal auf Griechisch.

 

Schließlich wird sie in diesem revolutionären Zeitalter natürlich überall gesungen und wir haben zahlreiche ihrer Adaptionen gesehen – und in so vielen Sprachen! Es ist wohl eher eine Legende als eine bewiesene Tatsache, dass sie in Mexiko von Franzosen und den Einwohnern dieser Stadt im Jahr 1794 im Chor gegen die „Seuche“ gesungen wurde, die gerade eben über den Ozean gekommen ist.

 

Somit ist die Marseillaise sehr viel mehr als ein französisches Lied oder eine französische Hymne: Sie wird von den Kämpfern für die Freiheit, die Unabhängigkeit, die politische oder soziale Revolte quer durch das Europa des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesungen, häufig sogar in ihren Muttersprachen.

 

Seit sie im Februar 1879 zur Nationalhymne Frankreichs bestimmt wurde, ist ihre Funktion als Revolutionslied und Hymne der Freiheit im Ausland wesentlich ausgeprägter als in Frankreich selbst.

 

 

VII- Der Erste Weltkrieg zwischen Marseillaise und Madelon

 

Die Marseillaise hat die Ängste der Soldaten überdeckt und zur Aufrechterhaltung der Moral der Truppen beigetragen. Ihre bildliche Darstellung, die meistens aus dem Relief von Rude stammt, ist auf zahlreichen Pressezeichnungen, Plakaten, Briefmarken und Postkarten zu sehen: eine weibliche Gestalt mit Flügeln, die die Truppen zum Sieg führt, die Soldaten der Revolution ebenso wie die „Poilus“ (französische Soldaten). Sie ist die „Ersatzmarianne“, die eine wie die andere ist Schöpfung der Französischen Revolution und wie die Linke interpretiert auch die gemäßigte Rechte bereitwillig den Ersten Weltkrieg, der wie eine Wiederholung von Valmy - gegen die Preußen -, von Jemappes und anderen Schlachten der Soldaten im Jahr II beginnt, als Krieg der Freiwilligen, der Bürger, der Habenichtse (Victor Hugo), die zu Hilfe geeilt sind, um das bedrohte Vaterland zu verteidigen (11. Juli 1792), um das Vaterland der Freiheit gegen Barbarei und Tyrannei zu verteidigen … Der Preuße unter den Revolutionskriegen, ja selbst des Ersten Kaiserreichs, des Kriegs von 1870 – 1871, der sich Elsass und Lothringen genommen hat, den Boden der Marseillaise und von Jeanne d’Arc, der des Ersten Weltkriegs, selbst Feind…

 

 „Va, passe ton chemin, ma mamelle est française (Verschwinde, geht weiter, meine Brust ist französisch)
N’entre pas sous mon toit, emporte ton enfant (Tritt nicht ein unter mein Dach, bring dein Kind fort)
Mes garçons chanteront „La Marseillaise“ (Meine Jungen werden die „Marseillaise“ singen)
Je ne vends pas mon lait au fils de l’Allemand!“ (Ich verkaufe meine Milch nicht an den Sohn des Deutschen!) “
Le fils de l’Allemand,  dargeboten im Eldorado im Jahr 1882
(in Frédéric Robert, La Marseillaise, Paris, 1989)

 

Blaise Cendras, ein Schweizer, der sich bereits seit dem dritten Kriegstag als Freiwilliger engagierte, erzählte, wie seine Kompanie an seinem ersten Weihnachtsfest in den Schützengräben, wo er einen Arm verlor, ein altes Grammophon organisierte und in dem Moment, in dem die keine fünfzig Meter entfernten Deutschen O Tannenbaum anstimmten, die  Marseillaise erklingen ließ: die heilige, weltliche Nationalhymne gegen ein deutsches Volkslied, das für einige mit Frömmigkeit verbunden war! Mit der Union Sacrée und einer vorübergehend ausgelöschten Internationalen veröffentlicht die sozialistische und anarchisierende Zeitung Le Bonnet Rouge bereits am 3. August 1914 ein Flugblatt mit dem Titel "Die Marseillaise ersetzt die Internationale“. Und weiter heißt es: „Vorwärts nun! Sozialisten, meine Brüder, verbannen wir die Internationale und unsere rote Fahne. Ab heute singen wir die Marseillaise und unsere Fahne ist die Trikolore. Wie 1793 trägt die eine in ihren Falten, die andere in ihren Strophen die Seele der freien Völker“. Die Erinnerung der Soldaten an das Jahr II nährt die Verbindung der Linken mit der Bewegung Union Sacrée und der Marseillaise. Der ehemals pazifistische und antimilitaristische Dichter Gaston Montéhus (Autor von La Butte rouge, La Rouge Églantine und des berühmten Gloire au 17e, das die Soldaten feiert, die sich geweigert hatten, gegen den Aufstand der Winzer im Languedoc 1907 vorzugehen) schließt sich dieser Bewegung an und proklamiert in seinem Brief eines Sozialisten:

 

„Qu’il sach’que dans la fournaise (Möge er wissen, dass in diesem Glutofen)
Nous chantons „la Marseillaise“ (Wir die „Marseillaise“ singen),
Car dans ces terribles jours (Denn in diesen schrecklichen Tagen),
On laiss’ „L’Internationale“ (Bewahrt man die „Internationale“)
Pour la victoire finale (Für den endgültigen Sieg),
On la chant’ra au retour!“ (Wir werden sie auf dem Heimweg singen) "

 

Wir befinden uns genau in diesem Ausnahmezustand der Verteidigung des nationalen Territoriums gegen den feigen Angreifer, der Verteidigung der Zivilisation, des Rechts gegen die Barbarei. Trotzdem kommt es im Jahr 1917 zu Meutereien und die Meuterer selbst haben diesen nicht enden wollenden Krieg satt. Sie singen niemals die Marseillaise, aber häufig dieInternationale, wenn nicht gerade die Carmagnole oder die Gloire au 17e, (Ruhm und Ehre dem 17. Regiment) vor dem Hintergrund der roten Fahne: eine lebhafte und aktive Erinnerung an die Symbole der sozialen Unruhen um die Jahrhundertwende, die Belle-Epoque.

 

Montéhus, selbsternannter „Sänger des Volkes“, findet nach diesem Ausnahmezustand des Krieges mit Le Cri d’un damné de la terre (Der Schrei eines Verdammten dieser Erde) oder Le Cri d’un gréviste (Der Schrei eines Streikenden) im Jahr 1936 zu seinen Wurzeln als Sänger von Arbeiterliedern zurück. Allerdings wird ihn seine etwas „exaltiert-patriotische“ Phase während des Ersten Weltkrieges seiner Bewunderer berauben, darunter Lenin, der ihn bei seinem Besuch in Paris 1909/1910 gehört hat.

 

Bleibt noch anzumerken, dass während des Krieges Dutzende von Liedern mit der Melodie der Marseillaise und anderen Texten komponiert wurden – für oder gegen den Krieg, für oder gegen den Patriotismus.

 

Man singt die ureigentliche Marseillaise oder Gelegenheitslieder mit ihrer Melodie oder man nimmt Bezug auf ihren Text, wie bei Théodore Botrel in Rosalie, wie die Soldaten das französische Bajonett nennen, fast so berühmt wie die 75-mm-Kanone; dieses Lied vermischt in Knittelversen auf parodistische Art und Weise ein Trinklied mit der Marseillaise:

 

 „Rosalie les cloue en plaine (Rosalie nagelt sie auf der Ebene fest)
Ils l’ont eue déjà dans l’aine (Sie fühlen sie schon in der Leiste)
           Verse à boire ! (Schenk ein!)
Dans l’rein bientôt ils l’auront (Bald spüren sie sie in der Niere)
            Buvons donc ! (Also lasst uns trinken!)
Soit sans peur et sans reproches (Ganz ohne Angst und ohne Mitleid)
Et du sang impur des Boches (Auf dass das unreine Blut der Boches)
             Verse à boire ! (Schenk ein!)
Abreuve encore nos sillons (Noch unsere Felder tränke)
              Buvons donc ! (Also lasst uns trinken!) "

 

Schon seit langem dem Patriotismus verbunden, vermehrt Edmond Rostand bis zu seinem Tode im Jahr 1918 die Oden an die Marseillaise, die den Soldaten des Jahres II mit den Frontsoldaten verbindet. Im Jahr 1923 werden seine Gedichte unter dem Titel Vol de la Marseillaise zusammengeführt. Dieses Werk ist literarisch gesehen kaum von Wert, aber es trägt zur Moral der Truppen bei.

 

Beispiele für patriotische Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg

 

     

 

 

Die Hymne ist für Propagandazwecke, zur „Stimmungsmache“ auf Medaillen, Plakaten und Postkarten allgegenwärtig und stärkt so die Moral an der Front und im Hinterland.

 

Die patriotische Instrumentalisierung oder die Parodien auf die Nationalhymne im Ersten Weltkrieg sorgen bei einigen für Verstimmung, darunter Maurice Fombeure, der später über diese Lieder schreibt, dass „sie eher klinischen als literarischen Ursprungs sind“ (Une soirée au Beuglant, ou le sabotage de « La Marseillaise » dans les caf’ conc’) oder auch der Sänger Deyrmon in einem Roman, Soldat:

 

„Ça n’s’rait rien d’nous offrir (Das sollte man uns nicht anbieten,)
    Ces niaiseries si peu françaises, (Diese so wenig französischen Spielereien),
     Mais l’plus fâcheux, c’est qu’pour les couvrir, (Aber am ärgerlichsten ist, dass man, um sie zu bemänteln),
     On fait donner "La Marseillaise" ! (die „Marseillaise“ geben muss!) "

 

Respekt oder Respektlosigkeit vor der Nationalhymne.

 

Lieber als die Marseillaise singt der Soldat gerne Quand Madelon, geschrieben 1913 von Louis Bousquet zur Musik von Camille Robert. Dieses im März 1914 von Bach und Polin, den Komikern der Truppe, komponierte Lied über den Infanteriesoldaten an der Front hat erst nach der Kriegserklärung Erfolg und anschließend touren seine Schöpfer durch die Kasernen und Quartiere. Ihre Texte sind ein wenig frech und böse, mit dieser Madelon, der „man unter den Rock greift“, die man „um die Taille oder unters Kinn fasst“; dieses Lied, das man mit Wein und Herz verbindet, spricht zum Frontsoldaten, der davon träumt, mit der Kellnerin zu schäkern, und dabei an die Landsmännin denkt, die er nach dem Krieg heiraten oder wiedersehen wird. Sie entspricht so ganz seinen Träumen und seiner Denkweise und ähnelt damit dem Tommy, der lieber Tipperary als God save the King singt. Nach dem 11. November übrigens komponieren neue Autoren eine Madelon de la Victoire (Madelon des Sieges) (Lucien Boyer, der für dieses Lied den Orden der Ehrenlegion erhält) mit Texten auf Französisch und Englisch, dann eine Madelon de la Paix, (Madelon des Friedens), womit der Friedensvertrag von Versailles gemeint ist.

Es bleibt dabei, dass der Erste Weltkrieg dazu geführt hat, dass die Marseillaise endgültig von den Rechten anerkannt wird, selbst von einer extremen und lange Zeit widerstrebenden Rechten.

 

VIII- Die Marseillaise zwischen den beiden Weltkriegen

 

Nach dem Krieg klingt sie ein wenig nach „Veteran“. Keine Demonstration der Rechten, die nicht mit einer gesungenen Marseillaise beginnt oder endet: Vom Wesen her eher patriotisch denn republikanisch wird sie häufig von der Rechten und sogar von der extremen Rechten beansprucht. Man stellt sie sich gerne vor, wie sie in den zwanziger oder dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts von einer Karikatur eines Franzosen mit Baskenmütze und Schnäuzer gesungen wird, um den Hals dekoriert und mit den Abzeichen einer nationalistischen Vereinigung, einer Liga, versehen. Und man denkt an Jeanne d’Arc, eine andere einverleibte Berühmtheit. Als man übrigens Rouget de Lisle am 14. Juli 1915 während des Ersten Weltkrieges ehrt, wird seine Asche feierlich im Invalidendom, also „rechts“, und nicht im Pantheon, also „links“, beigesetzt – eine Huldigung des Autors dieses Liedes, das hauptsächlich aufgrund der Umstände für ein patriotisches Lied gehalten wird –, mit einer flammenden Rede des Präsidenten Poincaré, die dem derzeitigen Krieg gewidmet ist, den er als die „brutalste und äußerst raffiniert vorbereitete Aggression“ bezeichnet, nämlich den der Deutschen im Jahr 1914. Eine Instrumentalisierung der Nationalhymne, von der die Linke sich langsam entfernt. Eine komplexe Marseillaise, erst links, dann rechts!

 

Ab 1935 jedoch, als sich abzuzeichnen beginnt, dass die Volksfront radikale, sozialistische und kommunistische Kräfte vereint, wird die Marseillaise in der Arbeiterbewegung rehabilitiert, und zwar nicht nur als Lied eines bedrohten Vaterlandes durch nationalsozialistische und faschistische Nachbarn, sondern auch als revolutionäre Vorläuferin der Internationale. Die extreme Linke hatte die Marseillaise in den 1920er Jahren abgelehnt. Noch am Morgen nach dem Aufstand vom 6. Februar 1934 verteidigte der Dichter Aragon die Internationale mit erbitterten Worten gegen die Marseillaise, für ihn nichts weiter als ein nationalistische Leidenschaften preisendes Lied. In einem Gedicht im Gedichtband Hourra l’Oural, schreibt er:

 

„Je salue ici (Ich grüße hier)
    L’Internationale contre la Marseillaise (die Internationale gegen die Marseillaise)
    Cède le pas, O Marseillaise (Gib den Weg frei, oh Marseillaise,)
    À l’Internationale car voici (für die Internationale, denn jetzt)
    L’automne de tes jours, voici (ist der Herbst deiner Tage, jetzt)
    L’Octobre où tombent tes derniers accents“ (ist der Oktober, wo deine letzten Töne erklingen)"

 

Sie wird dennoch wieder von der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) angenommen oder, wie die Antikommunisten sagen, wieder vereinnahmt, als die Volksfront sich zu organisieren beginnt. Maurice Thorez hat sie auf den Parteiversammlungen nach der Internationale singen lassen. Im spanischen Bürgerkrieg trägt eine internationale Brigade ihren Namen. Darüber hinaus wird die Hymne zum Titel eines Films, der 1937/38 von Jean Renoir, damals Weggefährte der Partei, realisiert wird. Der Film wird auf neuartige Weise finanziert, nämlich durch öffentlichen Spendenaufruf bei den militanten Gewerkschaftlern und Politikern; der Film erzählt eine kurze Episode aus der Geschichte der Französischen Revolution, angefangen bei der Pariser Erhebung der Freiwilligen aus Marseille im Juli 1792 bis zum Zeitpunkt nach der Schlacht von Valmy im September. Dennoch enttäuscht La Marseillaise von Renoir als Film bei seinem Erscheinen auf der Leinwand 1938 im Rex-Kino in Paris sowohl die Linke als auch die Rechte, da er den revolutionären Ereignissen eine zu brüderliche und einvernehmliche Sichtweise verleiht. Der kurz zuvor erschienene Napoléon von Abel Gance gestaltet seine Marseillaise wesentlich lebhafter, z. B. als Danton die Menge dazu bringt, sie zu singen, oder als die Soldaten des Jahres II ihren Schritt an die musikalische Phrase anpassen, was umso erstaunlicher ist, als die ersten so „wortreichen“ Versionen des Napoléon ein Stummfilm waren.

 

IX Eine Hymne und eine Fahne für beide Frankreich

 

Unter der Besatzung gedeiht die Hymne in allen Bereichen des politischen Lebens.

 

Sie gehört zu den Liedern des Widerstands, der Gegner von Pétain, von Hitler.

 

 Häufig wird sie von den zu Tode verurteilten Widerständlern, ob der Linken oder der Rechten zugehörig, vor dem Exekutionskommando gesungen. Als am 22. Oktober 1941 die 27 Geiseln von Châteaubriant, darunter Guy Môquet, ein Junge von 17 Jahren, das Lager von Choisel verlassen und auf drei deutsche Lastwagen verfrachtet werden, um in der Nähe erschossen zu werden, singen sie die Marseillaise, in die alsbald alle im Lager verbliebenen Gefangenen einfallen, und „während der ganzen Fahrt bis zum Steinbruch in Soudan haben sie nicht aufgehört zu singen: L’Internationale, Le Chant du Départ sowie die Marseillaise… Und vor jeder Salve ist ihr Ruf zu hören: ”Vive la France!’’ " (Aussage des Leiters der örtlichen Kommandantur an den Unterpräfekten von Châteaubriant, Bernard Lecornu, der sie in Un Préfet sous l’occupation allemande, Châteaubriant, Saint-Nazaire, Tulle, Verlag France-Empire, Paris 1984, wiedergibt). Dieser 22. Oktober 1941 kennzeichnet zum Klang der Marseillaise einen wichtigen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten.  Im darauffolgenden Jahr, am 27. Mai 1942, sind es diese dramatische Episode und diese Männer, die auf ihrer Reise in den Tod die Nationalhymne singen, an die Paul Claudel in seinem äußerst scharfen und entrüsteten Brief an Kardinal Gerlier erinnert; darin prangert er Kardinal Baudrillart, diesen „leidenschaftlichen Kollaborateur“, an, der gerade mit prachtvollen, offiziellen, religiösen Trauerfeiern geehrt wurde: „Wenn der Kardinal auf der anderen Seite ankommt, werden die 27 Erschossenen an der Spitze einer Armee, deren Zahl täglich wächst, ihre Waffen anlegen und für ihn Spalier stehen. Für die Nacheiferer von Cauchon konnte die Kirche Frankreichs nicht genug Weihrauch bekommen. Für die geopferten Franzosen gibt es kein Gebet, keine Geste der Barmherzigkeit oder der Empörung“ (Claudel, Journal, II, 1933-1953, Verlag Gallimard, 1991, S.400-401, zitiert von Philippe Burrin, La France à l’heure allemande, 1940-1944, Verlag du Seuil, Sammlung Points Nr. H 238, S.228-229).

 

Zahlreiche Schilderungen dieser Zeit beschwören die Rolle der Nationalhymne herauf. Jean Guéhenno schreibt in seinem Journal des années noires (Verlag Gallimard 1947, Neuauflage als Taschenbuch Nr. 1719, S. 420-421): " 3. November 1943. Die Deutschen erschießen jeden Tag Verurteilte oder Geiseln in Fresnes. V… erzählt, dass sich jeden Morgen die gleiche bewundernswerte Szene abspielt. Das Kommando geht von Zelle zu Zelle, wird über Dachrinnen, Rohrleitungen, Wasserleitungen weitergegeben: "Um sechs Uhr für die Insassen der Zelle 32". Zur genannten Uhrzeit beginnt das gesamte Gefängnis die Marseillaise oder den Le Chant du départ zu singen. Die Gefangenen haben alle Scheiben zerbrochen, damit die Opfer beim Überqueren des Hofes ihr Abschiedslied hören können. Die Deutschen haben das Singen verboten, sie werden Exempel statuieren, foltern, erschießen. Vergebens. Das Gefängnis singt weiter. Die Erinnerung daran darf uns nicht verlorengehen." Auch bei der Befreiung eines Konzentrationslagers ist es häufig die Marseillaise, die von den Deportierten in ihren jeweiligen Muttersprachen gesungen wird. Jean Léger, ein Überlebender eines Lagers, erzählt von diesem Ereignis in seinem Buch (Jean Léger, Petite Chronique de l’horreur ordinaire, Verlag A.N.A.C.R. Yonne, Auxerre, 1998, S. Nachdem sich in Allach, Nebengebäude von Dachau, am Vorabend des 30. April 1945 die SS ihrer Waffen und Uniformen entledigt hatte und verschwunden war, schiebt sich am Morgen vorsichtig ein Helm über die Böschung, gefolgt von weiteren, und schließlich reißen die Befreier den Stacheldraht nieder …Eine Marseillaise sprudelt spontan hervor und mir scheint, als hätte ich sie in anderen Sprachen als unserer eigenen gehört“. Und es ist natürlich eine Marseillaise, die bei der BBC auf Französisch die Ankündigungen des Sieges begleitet, als am 8. September 1943 Victor Emmanuel III und Marschall Badoglio der Waffenstillstand aufgezwungen wird. Ein aufmerksamer Zuhörer, Léon Werth, in Déposition, journal de guerre 1940-1944, (Verlag Viviane Hamy, 1992, S. 519), berichtet: „Die Neuigkeit wurde zunächst schnörkellos, ohne Vorbereitung oder Kommentar, bekanntgegeben, mit einer Marseillaise als Schlusspunkt. “ Derselbe Autor berichtet am Sonntag, 23. November 1941 (Déposition, S. 103), wie der Vater François, ein Stuhlmacher, ihm leise die sechste Strophe vorsang, während er dabei die Strohsitzfläche eines Stuhls fertigstellte. „Er unterbricht seine Arbeit, lässt dabei aber nicht den Binsenzweig los." Und als würde er mit gesenkter Stimme beten, sind die Worte doch klar zu verstehen, und er singt:

 

Liberté, liberté chérie (Freiheit, geliebte Freiheit)

Conduis, soutiens nos bras vengeurs… (Du führst, du stützt unsere rächenden Arme …)

 

Er singt für sich und für mich. Er singt, als spräche er ein Gebet …Ein alter Stuhlmacher singt mir eine Strophe aus der La Marseillaise vor und ich bin tief berührt. “ Wie könnte es auch anders sein? Freilich ist es diese sechste Strophe, die den Marschall so sehr berührt und singen lässt, dass seine Partisanen sie „die Strophe des Marschalls“ nennen, aber hier, in diesem Zusammenhang, ist es sicherlich nicht der Marschall, der verehrt wird, sondern die geliebte Freiheit.

 

In der sogenannten freien oder „nicht besetzten“ Zone gehört die Hymne zu diesem Zeitpunkt zu allen Paraden der Waffenstillstandsarmee in Vichy und in den Garnisonsstädten, einer Armee, die die Schwäche ihrer Bewaffnung und ihrer Zweckbestimmung hinter dem Glanz ihrer Uniformen, Fahnen und Gesänge versteckt. Die von den Zivil- oder Militärbehörden angestimmte Marseillaise und insbesondere die 6. Strophe „Heilige Vaterlandsliebe“, die auch die „Strophe des Marschalls“ genannt wird, ist nicht dieselbe Marseillaise wie die subversive Fassung, die auf den Demonstrationen vom 11. November, 1. Mai oder 14. Juli außerhalb der offiziellen Zeremonien gesungen wird und diesen direkt trotzt. Dasselbe ließe sich natürlich auch über die Kokarde oder die Trikolore sagen, die beide durch das, was sie für den Träger symbolisieren, identisch und doch so verschieden sind: auf der einen Seite offiziell, auf der anderen gefährlich, illegal und trotzig.

 

Bei der großen Parade – „Fahnenfestparade“ – die im „Lager von Vichy“ am 28. Juni 1941 stattfindet, übergibt Marschall Pétain in Begleitung von Admiral Darlan dem General de La Porte du Theil, dem Generalkommissar der Chantiers de la Jeunesse (Pflichtarbeitslager für Jugendliche) feierlich die Fahne der Lager, zusammen mit dem Francisque-Abzeichen, vor zweitausend Jugendlichen, die auf der Veranstaltung am Vorabend zahlreiche Lieder und Turnübungen präsentierten. Bei der Übergabe erschaffen diese zweitausend Jugendlichen „auf dem im Morgenlicht liegenden Gelände und ihre jungen Gesichter dem Leiter zugewandt, die Hymne des Marschalls“, wie ein Gefangener schrieb.

 

Sie hatten diese Hymne zwei Wochen lang in ihren Lagern eingeübt, mannschaftsweise, in verschiedenen Tonarten. In diesen enormen Verbund von zweitausend jungen Stimmen mischen sich langsam und einfach naive Parolen: "Glorreicher Soldat unseres Frankreichs, nimm unsere von Herzen kommende Ehrung an. Sieger von Verdun, wahres Symbol der Tapferkeit, möge Gott dich behüten und beschützen und unsere Fahnen schützen) – und das mit einer so reinen, so gewaltigen und fast liturgischen [sic] Musik und einer überraschenden Hingabe – überraschend selbst für die, die doch schon hundert Mal die Kraft der den Marschall vergötternden Gesänge gehört hatten. Seit diesen Jahrhunderten hat in Frankreich kein anderer Gesang diese Intensität und diese ruhige Lyrik erreicht“ (Jean Bouchon in dem Heftchen "À 20 ans dans les Chantiers de la Jeunesse, Beilage zur Ausgabe 38 von Vaillance, l’hebdomadaire d’une France plus belle). Wenn es „seit Jahrhunderten kein anderes Lied in Frankreich gab …“, so hieße dies, die Marseillaise… herabzusetzen … nicht ganz, denn der lyrische Journalist fährt fort: „Die Marseillaise, die darauf folgte, gewann noch weiter an Vornehmheit. "Da hat also eine „Hymne des Marschalls“ die Nationalhymne übertroffen, aber auch verstärkt.

 

Der Historiker Jean-Claude Richard hat in der Zeitschrift Etudes Héraultaises des Jahres 2012, Ausgabe 42, das Dossier des 14. Juli 1942 in Montpellier und Umgebung untersucht. Der Historiker Jean-Claude Richard hat die Etudes Héraultaises, Nr. 42 von 2012, die Akte vom 14. Juli 1942 in Montpellier und Umgebung untersucht. In der Kreisstadt des Départements haben die Zeremonien laut des am 15. von der kontrollierten Presse veröffentlichten Berichts würdevoll und ohne Probleme stattgefunden: Totenglocke und Niederlegung der Blumengebinde um 8:30 Uhr am Ehrenmal, religiöse Zeremonien um 10:00 Uhr in der Kathedrale und in der evangelischen Kirche – immer noch in Anwesenheit der Obrigkeit, die sich am Nachmittag im Petit Lycée einfindet, um dort der Preisverleihung beizuwohnen, bei der die Rede des Kommandanten der 16. Militärdivision, General de Lattre de Tassiny, folgenden Passus enthielt: „Der militärische Führer ist der Jugendbeauftragte mit der schlussendlichen Erinnerung an „die legendäre Figur … ein Versprechen der Erfahrung … Marschall Pétain“.

 

Der Bericht des Polizeikommissars an den stellvertretenden Präfekten gibt jedoch eine ganz andere Realität wieder, sowohl für die Kreisstadt als auch andere Orte. Er berichtet, dass „von der heimlichen Widerstandsbewegung „Combat“ und von der Kommunistischen Partei, die die ausländischen Propagandathemen aufgriffen, ein großer Propagandaaufwand betrieben wurde. " Er beschreibt insbesondere, dass gegen 18:30 Uhr rund hundert die Marseillaise singende Personen in Palavas anwesend waren. " In Montpellier spazierten zur gleichen Uhrzeit rund einhundert Abzeichen tragende Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder, langsam in kleinen Gruppen über die Rue de la République; eine von ihnen stimmte die Marseillaise an und entfernte sich nach sofortigem Eingreifen der Agenten in aller Stille. In der Rue Foch wird die Anzahl der Personen, die sich zur gleichen Uhrzeit mit der Absicht einer Demonstration versammelt hatten, auf ungefähr 500 geschätzt … Gruppen, die in die Nebenstraßen abgedrängt wurden, sangen die Marseillaise… "

 

Erinnern wir uns hier mit Guy Scarpetta (in der Extra-Ausgabe der Monde mit dem Titel 1945, un monde éclaté sort de la guerre) an diesen Zug von 700 Deportierten aller Nationalitäten, darunter Franzosen, Polen, Spanier, die im Juli/August 1944 von Toulouse auf dem Weg nach Dachau sind, eine Herde, die gut bewacht und mangels einer Brücke in der Nähe, zu Fuß in einem harten Marsch von 17 km von der rechten zur linken Uferseite der Rhône wechselt. Als die Deportierten den Marktflecken Chateauneuf-du-Pape durchqueren, singen sie die Marseillaise, "wie um den in ihren Häusern eingesperrten Bewohnern zu signalisieren, dass sie ‚Frankreich sind‘". Und der Autor fügt hinzu: „Einige von ihnen [Überlebende von Dachau] haben mir erzählt, dass die Marseillaise für die einen ein Nationallied war, für die anderen ein republikanisches Lied, und für wieder andere ein Lied der Revolution. Und für viele war sie alles auf einmal.“ Die Marseillaise  - französisch und universell…

 

Natürlich handelt es sich bei den Liedern, die die Marseillaise auf Demonstrationen und bei den Widerstandskämpfern begleiten, nicht um die, die die Anhänger von Pétain singen, wie Maréchal, nous voilà !" (Marschall, hier sind wir!)“ von André Montagard, aufgenommen von André Dassary, einen gern unterrichteten und in den Schulen gesungenen Marsch, der aber bei offiziellen Zeremonien sehr viel seltener als die Marseillaise gesungen wurde. Es ist festzuhalten, dass der Text dieses Liedes zu „pfadfindermäßig“, ja sogar zu infantil ist, um den Erwachsenen zu gefallen: :

 

 

„Tous tes enfants qui t’aiment et vénèrent tes ans, (Alle Kinder, die dich lieben und deine Jahre verehren)

   A ton appel suprême ont répondu « présent » (haben auf deinen höchsten Aufruf mit „anwesend“ geantwortet)

   Maréchal nous voilà ! (Hier sind wir, Marschall) Devant toi, le sauveur de la France, (Vor dir, dem Retter Frankreichs)

   Nous jurons, nous tes gars, de servir et de suivre tes pas (Schwören wir, wir, deine Männer, zu dienen und dir zu folgen)

   Maréchal nous voilà ! (Hier sind wir, Marschall) "

 

Anpassungsfähigkeit einer Leithymne, die der Französischen Revolution entstammt. Die Getreuen des Marschalls singen sie in der sogenannten freien Zone bei offiziellen Gelegenheiten. Aber auch die Demonstranten, die den lokalen Anweisungen folgen oder denen aus London und später aus Algier, oder auch die zum Tode verurteilten Geiseln im Augenblick des Todes, und auch die Deportierten singen sie bei bestimmten Gelegenheiten und wagen manchmal sogar einige Revolutionslieder. Was die Franzosen in der unbesetzten Zone betrifft, so singen auch sie den Marche lorraine (Lothringischen Marsch), weitere Lieder mit militärischer Tradition und das Chant des partisans (Lied der Partisanen) von Joseph Kessel und Maurice Druon, ein neues Lied, das tatsächlich seit der Befreiung bekannt ist und seither auch gefahrlos gesungen wird.

 

Die Marseillaise gibt ihren Namen mehreren heimlichen Zeitungen des Widerstands, häufig Zeitungen, die von der PCF (Kommunistische Partei Frankreichs) kontrolliert werden, wie die in Marseille seit Dezember 1942, die auch nach der Befreiung noch erscheint. Seit November 42 trägt eine Wochenzeitschrift des unbesetzten Frankreichs in London immer noch diesen Titel. 

 

X- Ungnädig aufgenommene Texte = wenig bekannte Texte?

 

Die Befriedung der Marseillaise ist ein häufig geäußerter Wunsch. Jedes Mal, wenn ein Minister in Frankreich empfiehlt, dass die Marseillaise in der Schule gelehrt werden soll (Jean-Pierre Chevènement in den 1980er-Jahren, Éric Besson im Jahr 2009), tauchen Kritiken gegen die kriegerischen, „hasserfüllten“ Texte der Nationalhymne auf, ob es sich um „féroce soldats (wilde Soldaten)“ oder um das „Aux armes, citoyens! (Zu den Waffen, Bürger!)“ und vor allem um das „Qu’un sang impur abreuve nos sillons! (Auf dass unreines Blut unsere Äcker tränke!)“ handelt! Ende Januar 1793 dient diese Zeile als Beschriftung für einen Holzschnitt mit dem bluttriefenden abgetrennten Kopf von Ludwig XVI, geschwenkt von der Hand des Scharfrichters (Musée Carnavalet). Dieses Bild ist gewalttätig, genau wie diese Äußerung, die sich an die Tyrannen, die Aristokraten, die Feinde der Freiheit richtet. Im Januar 1989 erklärt Abt Pierre, wie so viele andere im 19. und 20. Jahrhundert, unter dem Applaus der Teilnehmer des internationalen Forums der Solidarität: „Lasst uns aus Anlass der Zweihundertjahrfeier der Revolution die hasserfüllten Worte der Marseillaise gegen eine Botschaft der Liebe austauschen“. Später unterstützt ein von der Le Monde am 30. Juni 1989 veröffentlichter Leserbrief von Jean Toulat, Priester, vehement diesen Vorschlag … und verhallt unbeachtet. Pater Jean Toulat, Pazifist, sehr aktiver Anhänger der Gewaltlosigkeit, setzt seinen Kampf fort und veröffentlicht 1992, zwei Jahre vor seinem Tod (1994), ein Werk mit dem Titel Pour une Marseillaise de la Fraternité, das nicht sehr weit verbreitet ist.

 

Unter den zahlreichen Vorschlägen für andere Texte befindet sich eine neue Marseillaise de la paix (Friedensmarseillaise), die im Jahr 2005 von Graeme Allwright geschrieben wird, einem neuseeländischen, in Frankreich lebenden Sänger und Songwriter von Protestliedern; Grundlage ist das berühmte gleichlautende Gedicht von Lamartine aus dem Jahr 1841 und eine weitere Marseillaise de la paix aus dem Jahr 1893 des anarchistischen Lehrers Paul Robin:

 

 „Pour tous les enfants de la terre (Für alle Kinder dieser Erde)
Chantons amour et liberté. (Besingen wir die Liebe und die Freiheit.)
Contre toutes les haines et les guerres (Gegen Hass und alle Kriege)
L’étendard d’espoir est levé (erhebt sich die Fahne der Hoffnung)
L’étendard de justice et de paix. (Die Fahne der Gerechtigkeit und des Friedens.)
Rassemblons nos forces, notre courage (Lasst uns unsere Kräfte, unseren Mut vereinen,)
Pour vaincre la misère et la peur (Um das Elend und die Angst zu besiegen,)
Que règnent au fond de nos cœurs (Auf dass in unseren Herzen regieren)
L’amitié la joie et le partage. (Die Freundschaft, die Freude und das Teilen.)
La flamme qui nous éclaire, (Die Flamme, die uns erleuchtet,)
Traverse les frontières (Soll die Grenzen überschreiten)
Partons, partons, amis, solidaires (Auf, auf, Freunde, solidarisch)
Marchons vers la lumière“. (Marschieren wir ins Licht.)

 

Es gibt weitere Forderungen nach einer Überarbeitung dieser Hymne, deren Text als „entsetzlich, blutrünstig, aus einer anderen Zeit, rassistisch und fremdenfeindlich“ bezeichnet wird – so die Worte des Schauspielers Lambert Wilson bei einem Interview von RTL am Vorabend vor der Übernahme des Vorsitzes beim Festival in Cannes 2012. Die Liste der Verfechter einer Textänderung ist lang: Vor oder nach Lambert Wilson, der selbst ein glühender Verehrer des Abts Pierre ist, dessen Rolle er in einem schönen Film übernommen hat, finden wir auch Pater Ceyrac, einen Missionar in Indien, den Schriftsteller Bernard Clavel, Pierre Desproges, Françoise Giroud, Pierre Bergé, Charles Aznavour, Georges Brassens und sogar den ehemaligen Präsidenten – und Mitglied der Académie française - Valéry Giscard d’Estaing, der vielleicht immer noch seinen Misserfolg bezüglich der Verlangsamung des Rhythmus der Hymne bedauert, aber dieses Mal im Jahr 2008 den Text angreift: „Die Phrasen sind lächerlich! Nicolas Sarkozy und Angela Merkel stehen unter dem Triumphbogen und man ist gerade dabei, unsere Felder mit unreinem Blut zu tränken! " Es werden aber keine Ausländer angegriffen, sondern nur die Feinde der Freiheit – egal, ob sie Franzosen oder Ausländer sind. Bestimmt haben – oder hatten sie – bei einem neuen friedlicheren Text „mit dem Rücken zur Wand gestanden“, vielleicht hätten einige von ihnen die Beibehaltung der Worte von 1792 vorgezogen.

 

Jedenfalls kann die Marseillaise in Frankreich, zumindest seit sie im Februar 1879 zur französischen Nationalhymne wurde, nicht nur als eine Hymne für die Freiheit mit starker ideologischer Bürde betrachtet werden, sondern auch als Hymne einer langen und prestigeträchtigen Vergangenheit, als ein Objekt des französischen Erbes, das als solches in seiner Gesamtheit respektiert werden muss, solange es freilich nicht pauschal als Erbe der Revolution verworfen wird. Daher sind der Text und die Musik der Marseillaise für viele als Element des französischen Erbes und sogar des Welterbes beizubehalten und jede Änderung wäre ein unverzeihlicher Fehler; dasselbe gilt übrigens für ihren lebendigen, martialischen Rhythmus, den Präsident Giscard d’Estaing damals vergeblich zu ändern versuchte.

 

Jeder kennt die außergewöhnlichen Umstände bei der Erschaffung der Hymne in einem Augenblick patriotischen Hochgefühls und der Bedrohung durch eine Invasion des Landes, das die Vehemenz und den übertriebenen Charakter einiger bestimmter Ausdrücke erklärt und rechtfertigt.

 

Hinsichtlich des genauen und oft in Abrede gestellten Passus, nämlich des „sang impur“ (des unreinen Blutes), das unsere Felder tränkt, kommt hier eine Erläuterung von Michel Vovelle und Jean-Clément Martin, anerkannten Historikern der Revolutionszeit. Beide waren Leiter des Instituts für Revolutionsgeschichte an der Sorbonne, das 1937 auf Initiative von Jean Zay, Minister für Volksbildung, zur Vorbereitung auf den 150. Jahrestag der Revolution gegründet wurde.

 

Nach ihren Auskünften findet man das Original des „sang impur“ (des unreinen Blutes) in den Bemerkungen von Barnave, einem Anwalt aus Grenoble und Abgeordneter des Dritten Standes, Ende Juli 1789, nachdem die Meute am 22. Juli zwei Bankiers ermordet hatte, die sie für Spekulanten hielt, die das Volk aushungern wollten, und dann ihre abgetrennten Köpfe auf der Spitze eines Spießes schwenkend durch Paris trug. Es handelte sich um Berthier de Sauvigny, Generalintendant in Paris seit 1771, und Foullon de Doué, Finanzminister und Schwiegervater des Vorgenannten; beide waren vor allem für die Versorgung der Regimenter mit ausländischen Söldnern zuständig, die vom König seit dem 12. Juli rund um Paris aufgestellt worden waren.

 

Barnave, der das barbarische Verhalten der Meute kennengelernt hatte, soll gesagt haben: „Das Blut, das fließt, ist es also so rein? “, das heißt, dass seiner Meinung nach die beiden hingerichteten Personen zweifellos schuldig waren und daher die Bestrafung verdient hatten, dass sie für ihre Fehler mit dem „Preis ihres Blutes“ bezahlten. Im Übrigen findet man in einigen Manuskripten oder gedruckten Versionen der Marseillaise der ersten Tage manchmal den folgenden abgewandelten Refrain:  " Que tout leur sang abreuve nos sillons ! (Auf dass all ihr Blut unsere Felder tränke!) ", wobei "leur sang  " (ihr Blut) nur das der Gegner sein konnte, der Gegner der Patrioten. Drei Jahre später haben die Worte von Rouget de Lisle, oftmals als Zeitgeist verschrien, hier und in anderen Passagen seines Textes mit Bezug auf diese Worte von Barnave, die schon fast zu einem Sprichwort geworden sind, Beifall hervorgerufen. Somit versteht man den Sinn dieses Ausdrucks des „sang impur“ (des unreinen Blutes) in Frankreich während der Revolution als das Blut der Schuldigen. So hat Jean-Clément Martin in den parlamentarischen Archiven der Revolutionsjahre Dutzende von Ausdrücken des „sang impur“ (unreinen Blutes) als Blut der Feinde der Revolution und der Freiheit gefunden, jedoch keinen Ausdruck in dem Sinne des Blutes von Patrioten. Hier einige Beispiele, die dieser Akademiker im April 1792 beigetragen hat:

 

„Für ganz Frankreich ist Blut geflossen, aber fast überall war es das unreine Blut der Feinde der Freiheit, der Nation, die sich seit langem auf ihre Kosten mästeten“ (Napoléon Bonaparte, Brief an seinen Bruder Joseph, 9. August 1789).

 

„Hat man ihren ungeduldigen Hausgöttern nicht diesen Galonné, diesen Breteuil, diesen Brienne usw. geopfert, deren unreines Blut niemals die Tränen sühnt, die sie uns haben vergießen lassen …? " 16. Januar 1790, Band 11, S. 205.

 

Man kann auch noch daran erinnern, dass die Verteidiger einer modernen Theorie von Boulainvilliers über den Adel im 17. und 18. Jahrhundert bestätigten, dass die Adeligen von reinem – und blauem – Blut der Franken waren, während die Bürgerlichen, Abkömmlinge der von den Franken unterworfenen Gallier und Römer, ein unreines Blut hatten, rotes Blut, das Blut der Besiegten. Dennoch dreht im Januar 1789 Abt Sieyès in Qu’est-ce que le tiers état die Theorie wie einen Handschuh um und bestätigt den Stolz der Bürgerlichen auf ihre gallo-romanische Abstammung: reines Blut des Volkes gegen das unreine Blut der Aristokraten und anderer Volksfeinde. Noch im Jahr 1903 nimmt Jean Jaurès eine Deutung vor, und zwar anlässlich eines Plädoyers zugunsten der Internationalen, in der er das " sang impur “ (unreine Blut) des Refrains der  Marseillaise als " das Echo einer sinnlos grausamen Parole von Barnave“ präsentiert, ehe er die genaue Interpretation des Abgeordneten aus der Dauphiné über das rinnende Blut zitiert (Jean Jaurès, La Petite République socialiste, 30. August 1903)"

 

Freilich würde die ahistorische und falsche Interpretation des unreinen Blutes als Blut der Patrioten die Hymne von jeder Kritik wegen Gewalt gegen den Widersacher reinwaschen und sie so „politisch korrekt“ machen. Aus diesem Grunde nehmen einige sie in krassem Widerspruch zum Gebrauch über die Jahrhunderte hinweg an, wie er beständig und ausschließlich in den 1792 bis 2003 formuliert wurde.

 

Wenn man diesen eindeutigen historischen Kontext des Revolutionszeitalters nicht kennt und wenn man dann den Ausdruck in die Welt nach 1945 überträgt, dann erscheint das „unreine Blut“, von dem die Marseillaise sich wünscht, dass es die Felder tränkt, als Ausdruck einer blutrünstigen Wildheit und vor allem eines unerträglichen Rassismus nach dem Nazi-Schrecken. Den Ausdruck zu löschen, hieße, zunächst einen Anachronismus zu begehen. Das wäre in gewisser Weise auch ein Durchtrennen der Nabelschnur, die die Republik mit ihrer Mutter, der Französischen Revolution, verbindet und käme somit einem Muttermord gleich. Insgesamt scheint es besser zu sein, diese beiden Verbrechen zu verhindern, ohne jedoch den Vandalismus zu vergessen, den die Plünderung eines Objekts, das zum Erbe Frankreichs und der Welt gehört, darstellen würde. Worte des Historikers oder des Bürgers? Vergessen wir nicht, dass wir noch nicht die Ökologen und die Grünen angehört haben, die die Verunreinigung unserer Ackerflächen durch das unreine Blut der Feinde der Freiheit anprangern...

 

Bleibt also festzuhalten, dass die Marseillaise ebenso wie die Französische Revolution für einige immer noch blutrünstig ist. Die Gewalttätigkeit der Revolution war zweifellos eher eine Begleiterscheinung als gewollt, absichtlich und grundlegend für jede Revolution, wie eine gewisse historische Schule, nämlich die von François Furet, bestätigt oder verlautbaren lässt. Sehr häufig entstammt die Ablehnung der Marseillaise einer Anprangerung des Terrors von 1793/94, ohne eine Weigerung oder gerade eine Weigerung zu sein, eine Herabwürdigung der Französischen Revolution und des republikanischen Systems oder gar der Demokratie.

 

Erst jüngst betraf eine Auseinandersetzung die Ode an die Freude aus der Neunten Symphonie von Beethoven, deren Musik (nicht der Text) vom Europäischen Rat 1972 und dann von der Europäischen Union 1985 als europäische Hymne beschlossen wurde. Es ist das Arrangement des österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan, das dann übernommen wurde; ein Arrangement, für das dieser Dirigent (erst er selbst, dann seine Erben) bei jeder Aufführung Urheberrechte geltend macht... Da belegt zu sein scheint, dass der Österreicher Karajan von 1935 bis 1945 Mitglied der NSDAP war, vielleicht einfach aus opportunistischen Karrieregründen, und darüber hinaus seinen Eintritt in diese Partei bereits nach der Machtergreifung durch Hitler im Jahr 1933 beantragt haben soll, hat die offizielle Hymne Europas nun einen schalen Beigeschmack. Die Ode trägt die brüderlichen Werte dank ihres Textes von Schiller („Alle Menschen werden Brüder …“), aber ihr Arrangeur scheint nicht dieselbe Vorbildlichkeit gehabt zu haben, die man zu Recht von ihm erwartet hatte. Rouget de Lisle hat für seine Marseillaise wenigstens keine Urheberrechte in Anspruch genommen. Darüber hinaus hat er, zweifellos verwundert darüber, dass Bonaparte ihn weder anerkannt noch gefördert hat, den Ersten Konsul im Namen der Freiheit kritisiert, indem er sich im Juni 1802 gegen die Konsulschaft auf Lebenszeit aussprach, um dann später in einem Gedicht den Kaiser mit Nero zu vergleichen. Mittlerweile belasteten materielle Schwierigkeiten sein Überleben und vielleicht auch aus Überzeugung schrieb er in der Restauration Lieder über den Ruhm der Bourbonen, wie Henri IV, wobei er vergeblich hoffte, dass es zur französischen Hymne wird. Er führte ein chaotisches, aber insgesamt ehrenwertes Leben, wenn wir uns diesen Anachronismus erlauben dürfen, in der Retrospektive ein Werturteil zu fällen. Rouget de Lisle ist nicht der letzte Komponist von Hymnen, der versucht, sich an das veränderte Regime anzupassen. Es ist bekannt, das Sergei Michalkow, von dem der Text der offiziellen Hymne der Russischen Föderation von 1944 stammt, im Jahr 1977 eine erste Änderung vornahm, als aus „uns erzog Stalin“ „der große Lenin erleuchtete uns den Weg“ wurde, und vor gar nicht langer Zeit wurde im Jahr 2000 auf Wunsch von Wladimir Putin insbesondere „die starke und unbeirrbare Sowjetunion“ durch das „ewige Russland“ ersetzt. „Das Schicksal meint es gut mit mir. Ich habe alle Etappen der Geschichte unseres Vaterlandes durchlebt“, erklärte er im Jahr 2000 (eine Erklärung, die am 2. September 2009 von  Le Monde aufgenommen wurde). Rouget de Lisle hatte weniger Erfolg und größere Schwierigkeiten.

 

Kommen wir auf einige Textstellen der Marseillaise, zurück, die von einigen Leuten als blutrünstig, kriegerisch und kriegstreibend kritisiert werden (aber handelt es sich schlussendlich nicht ursprünglich um ein Kriegslied?) : Viele Franzosen kennen diese Textstellen gar nicht, abgesehen vom Refrain Aux armes, citoyens (Zu den Waffen, Bürger …), und in der Regel werden unwissende Jugendliche von heute mit den nicht konfessionellen guten Schülern von Jules Ferry verglichen.

 

Ein Text von vielen aus den unveröffentlichten Notizbüchern eines Frontsoldaten an der Yonne aus den Jahren 1914 - 1918 erlaubt eine Relativierung. Es handelt sich um das „Fahrtenbuch“ des Soldaten Léon Piette. 1917 vom Feind gefangen genommen, wird er nach dem Waffenstillstand befreit und, immer noch in Deutschland, mit einigen Kameraden von revolutionären, pazifistischen Deutschen zu einem Treffen eingeladen, das der notwendigen Verständigung der beiden Völker dient, um „derartige Katastrophen in Zukunft zu verhindern“.  Er beschreibt das Ende dieses Treffen in seinem Fahrtenbuch wie folgt: „Am Ende der Sitzung haben sie [die Organisatoren] uns gebeten, zusammen unsere Marseillaise zu singen [hier handelt es sich also um eine Fraternisierung ehemaliger Gegner – und das auf Französisch!]. Wir haben aus vollem Halse die erste Strophe und den Refrain gesungen. Aber man stelle sich unsere Verwirrung vor, als wir, die Franzosen, beim Anstimmen der zweiten Strophe fast alle ins Hintertreffen gerieten. Wir erinnerten uns nicht mehr und es gab nur wenige Deutsche, die sie sangen; wir hätten sie singen müssen, das war beispielsweise ein wenig steif, wir haben uns geschämt! " Freilich scheinen die französischen Gefangenen des Zweiten Weltkrieges den Text besser gekannt zu haben.

 

Obwohl ihre Melodie wohlbekannt ist, ist es ihr Text eher weniger – und das seit viel längerer Zeit, als man denkt. Also noch einmal: Warum sollte man den Text jetzt ändern? Es ist übrigens dieser Text zu dieser Melodie, den Jessye Norman am 14. Juli 1989 in eine Trikolore gehüllt in aller Öffentlichkeit auf dem Place de la Concorde bei dem großen Umzug (mit 8.000 Teilnehmern aus aller Welt, darunter Musiker, Tänzer, Statisten usw.) singt. Dieser Umzug wurde von Jean-Claude Goude speziell für die 200-Jahrfeier kreiert, einem für die ganze Welt offenen Spektakel, das eben genau La Marseillaise genannt wurde.

 

 

XI- Die Marseillaise parodiert, entweiht?

 

Wir müssen nicht bis zum Revolutionszeitalter zurückgehen, auch nicht bis zu einem antimilitaristischen Aktivisten, der Anfang des 20. Jahrhunderts vorschlug, die Trikolore auf einen Misthaufen zu pflanzen. Beginnen wir einfach mit dem bekannten Song der Beatles All you need is love. Dieser schnell bekannt werdende Song kam im Juni 1967 „weltweit“ heraus und seine ersten Takte stammen aus der Marseillaise. Verbreiteten die Beatles hier Spott? Wollten sie den Kontrast zwischen einem Kriegslied und der von ihnen verbreiteten Botschaft der Liebe unterstreichen? Oder wollten sie dem universellen Charakter der Hymne ihre Ehrerbietung zeigen? Darüber wurde lange Zeit diskutiert. Obwohl die Kultur der Beatles selbst kaum universell zu nennen ist und ihre Kenntnisse bezüglich des Textes der französischen Hymne zweifellos schwach sind, spricht doch vieles für eine, wenn auch verschobene, Hommage: die Auswahl einer auf der ganzen Welt bekannten Melodie für eine weltweite Ausstrahlung, also eine Hommage an den universellen Charakter der Marseillaise. Daher hatte General de Gaulle sich nicht geärgert...

 

Dann kam der Aufschrei wegen der Verlangsamung ihres Rhythmus im Jahr 1975 auf Wunsch des Präsidenten Giscard d’Estaing unter dem Vorwand, ihr mehr Würde verleihen zu wollen, an der es ihr seiner Ansicht nach im Vergleich zu anderen Nationalhymnen mangelte: Im November 1975 spricht er über „ihre langsame und staatstragende Betonung“. Aus allen Richtungen hagelte es Proteste und im darauffolgenden Jahr musste man zu ihrem lebhaften Rhythmus zurückkehren. Einige Jahre später übte der damals schon ehemalige Präsident Selbstkritik: „Ich hatte Unrecht […], die Hymne gehört der Öffentlichkeit, der Nation“.

 

In den Jahren 1979/80 gab es einen neuen Skandal rund um die Marseillaise „im Reggae-Stil“ von Serge Gainsbourg. Er gab diesem Song den respektlosen Titel Aux Armes et caetera. Es ist vor allem ein erbitterter Artikel des Journalisten Michel Droit im Le Figaro, der die Affäre auslöst. Gainsbourg antwortet mit einem bissigen und vor Ironie triefenden Artikel mit dem Titel „On n’a pas le con d’être aussi Droit“. Als Fallschirmspringer 1980 ein Konzert des Künstlers in Straßburg stören und Chaos in der Halle anrichten, singt der Künstler mit erhobener Faust auf der Bühne zackig alle Strophen der echten Marseillaise... Es ist viel eher der zweifelhafte Ruf des Sängers, der, so scheint es, die Schmähschrift von Michel Droit ausgelöst hat, als diese Adaptation der Hymne, eine sicherlich bewusst verschobene Parodie, aber eher leichtfertig als frevelhaft. Als er ein Jahr später – für sehr viel Geld – ein Originalmanuskript der Hymne von Rouget de Lisle bei einer Auktion ersteigert, will der Sänger wohl beweisen, dass ihm diese Hymne nicht egal ist, es sei denn, er wollte sich damit ein Image erkaufen...

 

Heute wird sie manchmal in den Stadien gepfiffen, vor allem, wenn die französische Mannschaft im Stade de France auf eine Fußballmannschaft aus Nordafrika trifft. Im Oktober 2001 war es das Spiel Frankreich – Algerien, im November 2007 Frankreich – Marokko und im Oktober 2008 Frankreich – Tunesien. Bereits im Mai 2002 wurde die Marseillaise vom korsischen Publikum beim französischen Pokalspiel Lorient – Bastia gepfiffen. Bestimmt haben einige gesagt „Was macht sie hier in einem solchen Umfeld [das dem sportlichen Hahn förderlicher ist als der Nationalhymne]? " Diese unverschämten Pfiffe, ein Sakrileg in Anwesenheit von Regierungsbehörden, dem Präsidenten der Republik, Ministern, sind auf keine Unkultur zurückzuführen. Sie bekunden sehr bewusst eine starke Opposition und prangern den Gegner, wenn nicht sogar den Feind an, indem sie ihn über ein Hauptsymbol Frankreichs stigmatisieren: Das Pfeifen einer Nationalhymne kommt dem Verbrennen der Fahne gleich, ein stark symbolischer Akt, der manchmal von einer wütenden Meute begangen wird, um eine Aggression oder eine ausländische Besatzung anzuprangern.

 

Diese Angriffe gegen die Nationalhymne rufen Empörung, scharfe und manchmal dissonante Reaktionen hervor, da der Marseillaise immer ein Hauch von Weihe anhaftet, der das Vaterland und die Republik umweht. Am 23. Januar 2003 hatte die Nationalversammlung den Strafbestand der „Beleidung von Symbolen der nationalen Einheit“ eingeführt, für den eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten oder eine Geldstrafe von 1.500 Euro verhängt werden kann. Wie kann man aber die Rädelsführer, die Schuldigen, finden und festnehmen, wenn sich so zahlreiche Rabauken im Stadion befinden? Im Oktober 2008 wird von der Regierung der Ausschluss der Öffentlichkeit angekündigt, wenn die Marseillaise erneut in einem Stadion gepfiffen wird. Das bedeutet immerhin den Ausschluss von mehreren zehntausend Zuschauern. Diese Pfiffe zeugen weniger von einer Unkultur, von mangelndem Wissen um die nationale Erinnerung als von dem Willen, gegen eine Gesellschaft, gegen fehlerhafte Integration und die Preisgabe von „Stadtvierteln“ zu protestieren. Die „Ersttäter“ sind tatsächlich mehrheitlich Jugendliche, deren Eltern oder auch schon Großeltern aus den ehemaligen Kolonien stammen. Ein von Le Monde am 17. Oktober 2008 nach dem Spiel Frankreich – Tunesien befragter Jugendlicher erklärt, dass er genug davon habe, dass man ihm vorhält, Araber zu sein, und sich sagen lassen muss „Geh zurück in dein Land“, während doch schon sein Großvater, schwarzäugig und kraushaarig, die französische Staatsbürgerschaft erworben hatte. Aber die Diagnose ist noch kein Heilmittel gegen die so festgestellte Krankheit und die von den Politikern gegen diese feindlichen Demonstrationen empfohlenen Maßnahmen, nämlich die vollständige Räumung des Stadions, kann die für die Aufrechterhaltung der Ordnung Verantwortlichen kaum überzeugen („50 000 Personen auf die Straße schicken …“).

 

Wenn sie nicht gerade entweiht wird, wird die Marseillaise von den politischen Kräften, so könnte man sagen, monopolisiert, zurückverlangt, „instrumentalisiert“: Sie wird von den Demonstranten gesungen, die am 30. Mai 1968 über die Champs-Élysées hereinbrechen, um die 68er Bewegung mit ihren Slogans wie „Der Kommunismus wird nicht untergehen!“ anzuprangern! "  Und auch von den Abgeordneten der Rechten wird sie im Juni 2003 in der Nationalversammlung gesungen, und zwar als Antwort auf die von der Linken bei einer besonders hitzigen Debatte über die Rentenreform intonierten Internationalen, dann wiederum wird sie als „Lied des Aufbruchs“ genommen, dieses Mal am 20. Januar 2009 von den sozialistischen Abgeordneten, die gegen die Diskussionsbedingungen eines Entwurfs protestierten, dessen Ziel die Beschränkung der Redezeit und des Änderungsrechts im Parlament war.  Und bei den beiden letzten Gelegenheiten antwortet der Präsident der Versammlung (zunächst Jean-Louis Debré, dann Bernard Accoyer) mit von Ironie gefärbtem Humor, dass „die Versammlung kein Gesangsverein“ ist.

 

Bleibt anzumerken, dass diese Entweihung wie auch diese Instrumentalisierungen beweisen, dass die Marseillaise, mehr noch als die Figur der Marianne immer ein starkes Symbol bleibt und keinesfalls der Vergessenheit anheim gerät. Noch im 21. Jahrhundert wird sie nicht durch den Zorn der Zensur bedroht, wenn ein Sänger wie Yannick Noah, jetzt die bevorzugte „Ikone“ der Franzosen, zur Melodie der Marseillaise eine ätzende Kritik über diese seiner Meinung nach zu martialische Hymne singt.

 

Eine Sache erstaunt allerdings: Während die Marseillaise als fast seit Februar 1879 durchgängig bestehende Nationalhymne ein wichtiges Symbol der Französischen Republik ist, tragen sehr wenige öffentliche Straßen ihren Namen. Laut Les noms de rues disent la ville, einer soliden topomastischen Untersuchung des Linguisten Jean-Claude Bouvier (Verlag Christine Bonneton, Paris, 2007) gab es im Jahr 2007 nur fünf Straßen mit dem Namen Marseillaise, und zwar in Straßburg (1919), Belfort, Dieppe, Nantes und Paris, während Les Droits de l’Homme (die Menschenrechte) an über zweihundert Straßen zu finden ist – und das ist immer noch meilenweit von den fünf häufigsten Namen in den Kommunen Frankreichs entfernt: de Gaulle, 3.736 Mal; la République, 3.240 Mal; Louis Pasteur, 3.179 Mal; Victor Hugo, 2.477 Mal; Jean-Jaurès, 2.007 Mal (Daten von Jean-Claude Bouvier).

 

Auf die Attentate im Januar und November 2015 antworten die Menge, die Versammlungen, die Stadien angesichts der Angriffe auf die Freiheiten und die Demokratie mit dem Singen der Marseillaise, des Protest- und Befreiungsliedes.

 

Erinnern wir uns daran, dass die erste Tonaufnahme der Hymne aus dem Jahr 1898 (die älteste noch erhaltene Aufnahme) zusammen mit anderen Dokumenten ausgewählt wurde, um Frankreich in der Digitalen Weltbibliothek (der WDL, Word Digital Library), Website: www.wdl.org), die im April 2009 von der UNESCO eingeführt wurde, zu repräsentieren.

 

Bibliographie

-Hinrich Hudde,  "Un air et mille couplets: La Marseillaise und "les Marseillaises" pendant  la Révolution" in La chanson française et son histoire, Tagungsbericht vom 30. April bis 3. Mai 1986, im Schloss Rauischholzhausen, veröffentlicht unter der Leitung von Dietmar Rieger, Verl. GNV (GunterNarr Verlag), Koll. Etudes littéraires françaises, Tübingen, 1987.

 

-H. Hudde,  "Comment la Marseillaise devint femme", Mots. Les langages du politique, Nr. 70, La politique en chansons, November 2002.

 

-Hervé Luxardo, Histoire de la Marseillaise, Plon, Paris, 1989 (umfangreiche Bibliographie und teilweise ironische Betrachtung der Verbundenheit mit der Revolution und der Republik, vielleicht aus Angst, bei Akademikern als vom Chauvinismus beeinflusst gehalten zu werden).

 

-Frédéric Robert, La Marseillaise, Vorwort von Michel Vovelle, Verl. La Documentation française, Koll. Imprimerie nationale 1, Paris, 1989 (die am meisten vollständige und faktisch offizielle Veröffentlichung).

 

-Michel Vovelle, "La Marseillaise. La guerre ou la paix", in Les lieux de mémoire,  t. I, La République,  unter der Leitung von Pierre Nora, Gallimard, Koll. Bibliothèque illustrée des histoires, Paris, 1984 (eine leidenschaftliche Betrachtung).

 

-Patrick Besnier, "L’Opéra comme fête révolutionnaire" in Les fêtes de la Révolution, Tagungsbericht von Clermont-Ferrand (Juni 1974) zusammengetragen von Jean Ehrard und Paul Viallaneix, Verl. Société des Études Robespierristes, Paris, 1977.

 

-Esteban Buch, "L’hymne qui sent le soufre", Zeitschrift Le Monde, Horizons Débats, 3-4. Mai 2009 (von einem Forschungsdirektor der EHESS).

 

-Jean-Pierre Callot, Histoire de l’Ecole Polytechnique. Ses légendes, ses traditions, sa gloire, Verl. Stock, Paris, 1975.

 

-Jean Descola, Les Messagers de l’indépendance. Les Français en Amérique latine. De Bolivar à Castro, Verl. Robert Laffont, Paris, 1973 (wenig referenziertes Werk mit Aussagen und Dialogen sämtlicher Protagonisten dieses schönen Zeitalters).

 

-Serge Dillaz, La Chanson sous la IIIe République (1870-1940), Verl. Tallandier, 1991.

 

-Frédéric Dufourg, La Marseillaise, Verl. Le Félin, Paris, 2003, Neuauflage 2008 (Kurzdarstellung in didaktischer und humorvoller Art, für den Einsatz als Lehrmaterial, mit einigen fragwürdigen Interpretationen).

 

-H.W. Engels, Gedichte und Lieder deutscher Jakobiner, Stuttgart, 1971 (Lied der Bürger von Mainz).

 

-Chantal Georgel und Christian Amalvi, Une icône républicaine: La Marseillaise de Pils 1849), Ausstellungskatalog des Musée d’Orsay, Februar 1989 (über dasselbe Thema, Kurzartikel von Chantal Georgel, L’Histoire, Nr. 119, Februar 1989).

 

-Grégoire Kauffmann, Édouard Drumont, Verl. Perrin, Paris, 2008.

 

-Maurice de La Fuye und Émile GuÉret, Rouget de L’Isle inconnu, Verl. Hachette, Paris, 1943 (anektodenhaft… und marschallistisch, als die Autoren 1943 anprangern "die Auswanderer, die glauben ihr Land zu retten, indem sie ihrem Chef den Gehorsam verweigern").

 

-André Loez, 14-18. Les refus de la guerre. Une histoire des mutins, Verl. Gallimard, Koll.   folio-histoire, Paris, 2010.

 

-Jean-Clément Martin, "Le sang impur de la Révolution", S. 111-124 der Zeitschrift Mentalités, Nr. 1, gewidmet den Affaires de sang, unter der Leitung von Arlette Farge, Verl. Imago, Paris, 1988, Artikel über die Wiederaufnahme und teilweise Änderung durch den Autor inRévolution et Contre-révolution en France de 1789 à 1995. Les rouages de l’Histoire, Verl. Presses universitaires de Rennes, Koll. Histoires, Rennes, 1996, S. 19 bis 28.

 

-Jean-Claude Martinet, Clamecy et ses flotteurs de la monarchie de Juillet à l’insurrection des « Marianne », 1830-1851, Verl. Armançon, Précy-sous-Thil, 1995.

 

-A. Morel, Napoléon III, sa vie, ses œuvres et ses opinions, Verl. Armand Le Chevalier, Paris, 1869 und 1870.

 

-Bernard Richard, Madeleine-Sophie Barat, sainte de Joigny (Yonne), et sa communauté dans le monde, Verl. La Gazette 89, 89500 Égriselles-le-Bocage, 2009.

 

-Frédéric Robert, "Une guerre, des chansons… ", Europe, Nr. 421-422, Mai-Juni 1964, Sonderausgabe 1914.