Geologische Betrachtung des Chemin des Dames

Der Chemin des Dames, der einstige Spazierweg der beiden Töchter Ludwig XV., wird 1914 aufgrund seiner besonderen Topografie zu einem strategischen Abschnitt der Kämpfe, die sich im Aisne-Gebiet abspielen. Dieser Abschnitt hebt daher die Bedeutung der Geologie als Wissenschaft hervor, deren Beiträge für den Verlauf des Ersten Weltkriegs sehr wichtig sind.

 

Der Chemin des Dames liegt auf einem strategisch wichtigen Gebirgskamm. Nachdem sich dort 1814 eine Schlacht unter Napoleon abgespielt hatte, wurde der Ort nach dem Krieg von 1870 befestigt. Er liegt auf einem Hügel mit einem Gipfel aus Kalkgestein, der einige Dutzend Meter dick und von zahlreichen Steinbrüchen durchfurcht ist, die „Creutes“ genannt werden und Schutz wie in einer Höhle bieten. Dieser Weg spielt in den vier Jahren des Konflikts eine wichtige Rolle bei der Festigung der Frontlinie.

 

Blockdiagramm des Chemin des Dames. Dieses weitgehend Ost-West ausgerichtete Plateau zeugt unter anderen

von den Tertiärböden, die von einem Kalkgesims aus dem erdgeschichtlichen Zeitalter des Lutetiums überragt werden. Die Erhebung von Laon und das Waldmassiv von Saint-Gobain,

die weiter nördlich liegen, haben denselben geologischen Ursprung. Das Plateau des Chemin des Dames wird im Norden vom Ailette-Tal

und im Süden vom Aisne-Tal begrenzt. Auf den Karten und aus der Luft hat es die Form eines Eichenblatts,

die durch die Erosion entstanden ist. © F. Hanot 2017

 

1914-1918, DEN CHEMIN DES DAMES HALTEN

 

Ab dem Sommer 1914 durchqueren die Deutschen den Abschnitt, später ziehen sie sich im Laufe der ersten Schlacht an der Marne dorthin zurück. Zwischen 13. und 15. September versuchen die Engländer und Franzosen sie zu vertreiben, jedoch erfolglos. Im Abschnitt wird es ruhig. Die Deutschen richten ihre Befestigungsanlagen auf dem Gebirgskamm ein, während die Franzosen die Flanken besetzen.

 

Die französische Offensive am Chemin des Dames beginnt am 16. April 1917. Die Verluste sind aufgrund der Geländebeschaffenheit beträchtlich. Vom 20. Mai bis Ende Juni brechen Meutereien aus. Die Deutschen sind darüber informiert. Sie nutzen diese zum Start eines Gegenangriffs. Zwischen Juli und November 1917 leben Franzosen und Deutsche teilweise ganz nahe beieinander, insbesondere in der Drachenhöhle. Im Oktober 1917 sind mehr als 500 Deutsche in den Stollen des Steinbruchs von Montparnasse verschanzt, einer Schlüsselposition für das Plateau und die Straße zwischen Laon und Soissons. Die Franzosen halten den Chemin des Dames, aber im Mai 1918 wird der Abschnitt bei einer neuerlichen deutschen Offensive wieder eingenommen. Er wird erst im Juli 1918 zurückerobert.

 

Quartier der Jäger im Steinbruch von Montparnasse, La Malmaison (Aisne). © E. Mas/ECPAD/Verteidigung

 

EIN BESONDERES GELÄNDE

 

Diese Region im Norden der Aisne zeichnet sich durch eine besondere Topographie aus, die zwei Gebiete bildet. Das Gebiet von Soissons im Süden entspricht einem breiten Plateau, das von Wasserläufen tief durchschnitten wird. Der Chemin des Dames ist eine isolierte Untereinheit davon, die intensiv von der Aisne und der Ailette zergliedert wird. Er stellt eine natürliche Festung dar. Die Erosion war dort so stark, dass stellenweise nur schmale Säulen (Coucy) oder Stege (Hurtebise) bestehen. Diese komplexe Topographie zeichnet sich auch durch Täler aus, die lokal „Cuves“ (Becken) genannt werden. Das Gebiet von Laon im Norden seinerseits besteht aus einzelnen Zeugenbergen, zu denen das Waldmassiv von Saint Gobain und die Anhöhe von Laon gehören.

 

Der Chemin des Dames. Französischer Schützengraben im Jahr 1917. © Roger-Viollet

 

Die Oberfläche des Plateaus auf Höhe des Chemin des Dames befindet sich auf einer durchschnittlichen Höhe von 190 Metern. Die Kreide wird im Osten am Fuße des Berges in einer Höhe von etwa 60 Metern in La Ville-aux-Bois-les-Pontavert sichtbar. Daher ist es ein etwa 130 Meter dicker Stapel aus Tertiärböden, der die Anhöhe des Chemin des Dames bildet. Diese Schichten, die sich im Laufe von 50 Millionen Jahren angesammelt haben, waren ursprünglich durchgehend. Sie haben sich die meiste Zeit in mariner Umwelt in einem Meer abgelagert, das zuerst nach Norden und dann nach Westen hin offen war.

 

Vor etwa 2 Millionen Jahren hat sich die Erhebung im Norden des Pariser Beckens verstärkt und ein Kippen bewirkt. So haben sich die Schichten mit einer leichten Neigung gegen Süden schräg gestellt. Die Erosion durch Wasserläufe hat die lockersten Böden (Sand und Lehm) angegriffen und die härtesten Böden (Kalk) in Form von Anhöhen erhalten.

 

Beispiel einer Skulptur im Steinbruch von Montigny in Machemont (Oise), angefertigt von einem Legionär namens Bucher

(5. Kompanie des Marschbataillons der Fremdenlegion). © F. Hanot

 

Neben dem Gelände macht das Wasser den Abschnitt einzigartig. Das eingedrungene Wasser wird zuerst von den Lehmböden von Laon aufgehalten und bildet eine Reihe kleiner Quellen. In der Tiefe haben die zahlreichen, ganzjährigen Quellen die Ansiedlung der meisten Dörfer am südlichen Hang des Chemin des Dames gefördert.

 

Jedes Dorf, jeder Bauernhof und jedes Schloss besitzt seinen Steinbruch im sandigen Kalkgestein des Lutetiums. Aus diesem Gestein ist der architektonische Reichtum der Region entstanden. Diese über Jahrhunderte genutzten Steinbrüche bilden häufig ein ausgedehntes Labyrinth mit vielen Verzweigungen. Die Steinbrüche des Bauernhofes von La Malmaison, von Bohéry und des Château de la Motte sind perfekte Beispiele dafür. Die Schluchten sind ebenfalls mit ehemaligen Betrieben zur Gesteinsgewinnung gespickt, sodass sie uneinnehmbare Zufluchtsorte liefern.

 

DIE GEOLOGIE IM DIENSTE DER MILITÄRSTRATEGIE

 

Immer schon hatte die Topographie eine große strategische Bedeutung. Es geht darum, die höchsten Punkte zu halten. Das machen die Deutschen bei ihrem Rückzug während der ersten Schlacht an der Marne im September 1914. Diese Position wird umso besser gehalten, als der Rand des Plateaus, der über dem Aisne-Tal liegt, im Süden weitgehend von Höhlen durchzogen wird, die eine ideale Position für die Maschinengewehrstellungen bilden. Die unterirdischen Steinbrüche, deren Dach ausreichend dick ist, halten Bombardierungen stand.

 

Zwischen dem großflächigen Steinbruch Montparnasse (Barbarossa Höhle) im Westen und der Caverne du Dragon (Drachenhöhle) weisen die Hänge des Chemin des Dames mehr als hundert Höhlen auf, die den deutschen Truppen viel Schutz bieten. Sie werden je nach ihrer Position zur Frontlinie verschieden genutzt.

 

Jene, die sowohl an der Front als auch im Abschnitt des Plateau de Californie oberhalb von Craonne lagen, waren uneinnehmbare Positionen über den so verlustreichen Hängen des Plateaus.

 

Jene dahinter dienten als beliebte Kasernen und Rettungsstationen, da sie schützende und temperierte Bereiche waren. Die langen Aufenthalte der wartenden Truppen ermöglichte einigen, ihr künstlerisches Talent zum Ausdruck zu bringen und uns wahre Kunstwerke oder ergreifende Augenzeugenberichte zu hinterlassen.

 

Deutscher Tunnel unter dem Chemin des Dames. © J-P. Batteux

 

DIE DEUTSCHEN TUNNEL

 

Die Deutschen nutzten die Geologie, besonders durch den unter dem Lutetium-Kalk vorhandenen, wenig gefestigten Sandstein (Sandstein von Cuisen). Der Fortbestand dieser Tunnel, die in den Sandstein gegraben und einfach mit Holz ausgekleidet wurden, war durch eine widerstandsfähige Kalkdecke gewährleistet. Mit ihnen konnten die Soldaten Verbindungen über mehrere hundert Meter herstellen.

 

Nicht alle diese Tunnel hatten dieselben Ziele. Manche sollten eine Verbindung zwischen einem alten Steinbruch und dem Hinterland herstellen, wie in Bray-en-Laonnois mit der Creute de Froidmont (Tauentzien-Höhle) und der Vaumaires-Schlucht, oder mit der Caverne du Dragon (Drachenhöhle) und dem Nordhang des Plateaus. Andere standen nicht mit den Creutes in Verbindung. Sie erlaubten den Soldaten, die Schützengräben der Front oder die Laufgräben dazwischen geschützt vor den Blicken der Franzosen zu erreichen.

 

Bei der Vorbereitung ihrer schrecklichen Offensive im April 1917 hatte die französische Artillerie praktisch keine Auswirkung auf diese unterirdischen Bauten. Neben den Schwierigkeiten der französischen Frontsoldaten beim Vorrücken auf den schlammigen Hängen fanden sie sich auch in einem Feuersturm wieder. Die Deutschen haben vom Vorhandensein dieser Tunnel sehr stark profitiert. Diese oft unbekannten unterirdischen Bauten spielten daher eine bedeutende Rolle für den Verlauf der Operationen. Da sie im deutschen Abschnitt liegen, scheinen sie sehr selten in den Ausführungsplänen auf und werden in einigen Marschtagebüchern und Operationen nur knapp erwähnt.

 

Auch wenn die Geologie eine entscheidende Rolle für den Verlauf der Kämpfe am Chemin des Dames gespielt hat, kam ihr in zahlreichen anderen Frontabschnitten ebenfalls eine Schlüsselrolle zu. Neben dem Graben von Tunneln und der Wasserversorgung wurde das Wissen der Geologen auch für zahlreiche andere, weniger bekannte und ungewöhnliche Aspekte genutzt. Zum Beispiel dienten die Erstellung von Karten für panzertaugliche Verkehrswege, das Fachwissen über das Material von Flugkompassen und Quarzkristalle der Entwicklung der ersten Sonare zur Entdeckung von U-Booten.

 

Viele Geologen wurden auch wegen des Anwendungsbereichs ihres Berufes in Anspruch genommen, das heißt zum Auffinden von Rohstoffen zur Versorgung der Kriegsindustrie: Kupfer, Aluminium, Antimon, Quecksilber, Zinn, Wolfram usw.

Franck Hanot - Präsident von CDP Consulting/Frédéric Simien - Leiter der Éditions du BRGM

Franck Hanot - Président de CDP consulting/Frédéric Simien - Responsable des Éditions du BRGM