11. November 1943

Sous-titre
Parademarsch der Maquisards von Ain in Oyonnax

Ehrenwache für die Trikolore ©Kollektion Musée Départemental d'Histoire de la Résistance et de la Déportation - Ain.
Ehrenwache für die Trikolore ©Kollektion Musée Départemental d'Histoire de la Résistance et de la Déportation - Ain.

Vor 70 Jahren, am 11. November 1943, initiiert der Kapitän Romans-Petit, Chef des Mauquis Ain und Hochjura, eine Militärparade in Oyonnax zur Erinnerung an den 11. November und zur Demonstration der Stärke und der Disziplin der Résistance gegenüber den Deutschen.

Corps 1

Diese Parade findet in einem vollständig besetzten Frankreich statt, das der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht und dem autoritären Vichy-Regime unterworfen ist. Denn seit dem 11. November 1942 hält die deutsche Wehrmacht Frankreich besetzt und kontrolliert, unterstützt durch die Polizeikräfte von Vichy, das Land mit Repressionen gegen die Résistance, die einen verstärkten Zulauf verzeichnet.

Trotz aller Divergenzen ist diese Résistance ist im Kampf vereint. Am 27. Mai 1943 gelingt Jean Moulin die Gründung des Nationalen Widerstandsrats (Conseil National de la Résistance CNR). Die Kämpfer im Untergrund (Geheimarmee, FTP, ORA) kämpfen gemeinsam gegen den Feind und die Franzosen, die sich in seine Dienste stellen. Die Résistance wurde auf breiter Ebene von all denen genährt, die die Unterdrückung und Knechtschaft ablehnten. Sie wurde in den verschiedenen Untergrundgruppen (Maquis), denen sich ab Februar 1943 alle jungen Männer anschlossen, die sich dem Arbeitsdienst in Deutschland entziehen wollten, zu einem Massenphänomen.

Henri Romans-Petit. Quelle: Kollektion Thérèse Morrier.

In diesem Kontext sammeln sich die Untergrundgruppen in Ain und Hochjura unter dem Kommando von Luftwaffenkapitän Petit, der den Widerstandsnamen Romans annimmt. Die Bevölkerung dieser Berg- und Waldregion hegt starke patriotische Gefühle. Die Region Bourg-en-Bresse war der Wohnsitz von General Delestraint und Ort zahlreicher organisatorischer Treffen und Aktionen des Widerstands. Auch Jean-Moulin hat an einigen teilgenommen. Die Zeitung Bir-Hakeim erfährt eine große Verbreitung.

In der Bir-Hakeim-Ausgabe vom Dezember1943 steht: ”Am 11. November haben die Jungs vom Maquis ihren Vorfahren in Oyonnax mit einer Kranzniederlegung ihre Ehre erwiesen.”
Quelle: gallica.bnf.fr

Ab Ende 1942 organisieren sich die Untergrundkämpfer in Ain und Hochjura. Sie werden geführt von Kapitän Romans-Petit und wachsen von Ende 1942 bis Ende 1943 von 200 auf 7.500 Kämpfer an. Sie organisieren oftmals beeindruckende Handstreiche, insbesondere Anfang September 1943 in Artemare und im Oktober in Bourg-en-Bresse. Für die, die sich diesen Maquisards angeschlossen haben, und all denjenigen, die Widerstand leisten, zeigen diese Aktionen, dass sich im besetzten Frankreich eine neue Untergrundarmee zum Kampf formiert hat. Für einen Teil der vor allem ländlichen Bevölkerung wirken manche Maquis (Kampfgruppen im Untergrund) jedoch oftmals als ”Terroristeneinheiten”, auch wenn die anti-deutsche Haltung tief verankert und das Vichy-Regime zunehmend abgelehnt wird. Auch die feindliche Propaganda spielt da mit hinein.

Corps 2

Deshalb beschließt Kapitän Romans-Petit anlässlich des 25. Jahrestages des Waffenstillstands von 1918, an diesem Tag eine Parade in Oyonnax zu organisieren. Mit dieser Militärparade verfolgt er das Ziel, den Toten des Ersten Weltkriegs zu gedenken und zu demonstrieren, dass die Kämpfer des bewaffneten Widerstands militärisch organisierte und geführte Soldaten in Uniform sind.

Die Träger des Kranzes vor dem Rathaus. Von links nach rechts: René Escoffier, Julien Roche, Marius Roche und De Lassus St. Genies. Quelle: Kollektion Museen im Departement Ain

Der Bericht über die Militärparade vom 11. November 1943 ist wohlbekannt und die Unterlagen zu diesem Punkt sind sehr erhellend. An diesem Tag schotten die Widerstandskämpfer und Maquisards Oyonnax ab, errichten rund um die Stadt Straßenbarrieren und überwachen die Häuser der wenigen Kollaborateure. Romans-Petit wird später erklären, dass er die Stadt ohne Widerstand kontrolliert hat. ”In nur eineinhalb Minuten war alles blitzschnell neutralisiert, die Post und die Polizeiwache ebenso wie die Gendarmerie und die Feuerwehr, während die Kommandogruppen alle Zufahrt nach Oyonnax abgeriegelt haben.” Man weiß im Übrigen, dass die Widerstandskämpfer insbesondere unter den Gendarmen viele Mitwisser und Helfer hatten.

Die Maquisards in den Straßen von Oyonnax. Quelle: Kollektion Museen im Departement Ain

Das Defilee erfolgt in perfekter Militärtradition bis zum Ehrenmal für die Toten. Dort wird ein Blumengebinde in Form eines Lothringer Kreuzes mit der Aufschrift ”Den Siegern von morgen für die Sieger von 1914-1918” niedergelegt. Nach einer Schweigeminute und den Totenglocken erschallt die Marseillaise, von der versammelten Bevölkerung mit Inbrunst intoniert.

Die Maquisards in den Straßen von Oyonnax. Quelle: Kollektion Museen im Departement Ain

Rückkehr der Maquisards in die Feldlager unter dem Beifall der Bevölkerung. Quelle: Kollektion Museen im Departement Ain

Die Untergrundzeitung Bir-Hakeim veröffentlicht eine Fotoreportage des Journalisten André Jacquelin über die Zeremonie, die einige Wochen später auch von den großen Zeitungen der angelsächsischen Presse abgedruckt wird. Die Medienresonanz dieser Aktion ist also enorm und es gilt als gesichert, dass sie den Zuwachs der Widerstandskräfte und die Versorgung des Widerstands mit Waffen durch die Alliierten erleichtert hat. Trotzt des fortgesetzten Kampfes, der in den folgenden Monaten, und insbesondere im Frühjahr 1944, eine blutige Unterdrückung der Untergrundgruppen in Ain und Hochjura durch die Besatzungsmacht zeitigt, schalten sich die Deutschen nicht unmittelbar nach dieser Parade ein. Aufgrund ihres Symbolcharakters wird diese Aktion im Gedächtnis bleiben.

Postkarte mit Sonderstempel zum Gedenken an die Militärparade von Oyonnax, 1983. Quelle: Kollektion Museen im Departement Ain

Später wird Oberst Romans-Petit, Arnulfpark der Befreiung, erklären: ”Diese Aktion ist von nun an Teil der populären Bildsymbolik ... Wir, die Widerstandskämpfer, mussten unsere Existenz beweisen, um verstärkte Unterstützung zu erhalten. Das war eines unserer Ziele. Es wurde erreicht. ”

Der ”Franzose”, Ehrenmal für die Toten, vor 1945 im Park René Nicod von Oyonnax und später auf dem Friedhof von Oyonnax. Quelle: GNU Free Documentation License