Die Tirailleurs sénégalais (Senegalschützen) im Frankreichfeldzug

Sous-titre
1940

Senegalschütze, 1939. Quelle: Museum der Marinetruppen
Senegalschütze, 1939. Quelle: Museum der Marinetruppen

 

Wie im Ersten Weltkrieg greift Frankreich auch im Zweiten Weltkrieg auf sein Kolonialreich zurück. Teile seiner Kolonialtruppen, darunter einige Senegalschützen, nehmen am Frankreichfeldzug 1940 teil.

Corps 1

Die Kämpfe der Tirailleure

 

Senegalschützen einer gemischten Einheit im Einsatz im Elsass, September-Dezember 1939. © ECPAD

 

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sind sechs Regimenter der Tirailleurs sénégalais (RTS, Senegalschützen) in Kontinentalfrankreich stationiert: das 12. RTS in La Rochelle und Saintes, das 14. RTS in Mont-de-Marsan und Tarbes, das 4. RTS in Toulon und Fréjus, das 8. RTS in Toulon und Marseille, das 16. RTS in Montauban, Cahors und Castelsarrasin und das 24. RTS in Perpignan und Sète. Sie verteilen sich auf die 1., 2. und 4. koloniale Infanteriedivision (DIC), während die 3. DIC keine afrikanischen oder madegassischen Mitglieder hat. Die Kolonialtruppen werden zwischen September 1939 und Mai 1940 neu geordnet. Drei neue, aus Reservisten gebildete Divisionen werden auf die Beine gestellt, die 5., 6. und 7. DIC. Mit der Verstärkung aus Afrika können im April 1940 neue Regimenter geschaffen werden, das 25. und 26. RTS, welche die 8. DIC bilden. Die 9. DIC, die gerade in Südfrankreich ausgebildet wird, kann nicht zusammengestellt werden und Teile von ihnen werden vor Ort im Kampf eingesetzt.

 

Senegalschützen steigen in einen Lastwagen, Elsass September-Dezember 1939. © ECPAD

 

Das französische Hauptquartier verfügt daher am Vorabend der deutsche Offensive an der französischen Front über acht koloniale Infanteriedivisionen. Die Senegalesen sind dort mit Infanteristen der kolonialen Infanterieregimenter und Artilleristen der kolonialen Artillerieregimenter eingeteilt. Das 4., 8., 14., 16., 24., 25. und 26. RTS und die Bataillone des 12. RTS werden an der Front eingesetzt. Die Mitglieder anderer Korps werden auf die Regimenter aufgeteilt, die aus Bataillonen und gemischten Kompanien bestehen, dem 5., 6., 27., 28., 33., 44., 53. und 57. RICMS (gemischtes senegalesisches koloniales Infanterieregiment). Der Großteil dieser Regimenter beteiligt sich an den Operationen innerhalb der kolonialen Divisionen. Später, nach ihrer Vernichtung in den Kämpfen zwischen Mai und Juni 1940, werden die Überlebenden anderen Einheiten angegliedert. Die Gesamtzahl der zum 1. April 1940 mobilisierten Soldaten wird auf 179.000 Senegalesen geschätzt, jene der in den Kämpfen in Kontinentalfrankreich eingesetzten Soldaten auf etwa 40.000.

Senegalschützen bei der Ausbildung am 81 mm-Mörser, Elsass September-Dezember 1939. © ECPAD

 

Die in allen Frontabschnitten - in den Ardennen, an der Somme, der Maas, der Aisne, in der Champagne, an der Loire und der Rhône - vertretenen Senegalesen kämpfen verbissen, wobei sie oft besser ausgerüsteten deutschen Formationen gegenüberstehen.

Zug senegalesischer Maschinengewehrschützen (Hotchkiss), Elsass September-Dezember 1939. © ECPAD

 

Die 1. und 6. DIC werden in den Argonnen eingesetzt. Das 12. und das 14. RTS kämpfen in den Ardennen und an der Maas (Kämpfe in Beaumont, Brillon, Bourmont). Während eines Rückzugs in den Vogesen zwischen dem 18. und 21. Juni werden diese Tirailleure südlich von Sion gefangen genommen. Das 5. RICMS wird in den Kämpfen in den Ardennen (La Berlière, Vouziers) und dann in Tilloy und Bellay praktisch vernichtet, während das 6. RICMS seine Stellung im Norden des Waldgebietes Le Grand-Dieulet und dann im Wald von Belval verteidigt.

Die 4., 5. und 7. DIC sind an der Verteidigung der Somme beteiligt. Das 16. und das 24. RTS, die am 16. Mai in diesen Abschnitt verlegt werden, führen besonders schwere Kämpfe in Fouilloy, Villers-Bretonneux und Aubigny. Sie werden am 10. Juni in der Nähe von Erquinvillers im Departement Oise vernichtet. Das 44. RICMS leidet zusammen mit dem 53. RICMS unter deutschen Angriffen am Südufer der Somme in Le Quesnoy und Hangest, während das 53. RICMS drei Tage lang verzweifelten Widerstand in Airaines leistet. Das 33. und das 57. RICMS sind allen Gefechten gegen den deutschen Brückenkopf vor Amiens ausgesetzt (Gefechte in Saleux und Dury).

 

Gesamtansicht des senegalesischen Lagers, Fréjus Februar 1940. © ECPAD

 

Weitere Einheiten, wie das 27. und das 28. RICMS zeichnen sich in der Normandie aus, wo sich das 44. RICMS auch in Vernon hervortut, aber auch in den Regionen der Loire und in Lyon sowie bei der Verteidigung der Mittelmeerküste. Das 8. RTS verteidigt die Seine und Yonne in der Region von Moret, bevor es sich an die Loire und an die Cher - wo es sich Verzögerungskämpfe liefert - sowie die Creuse und die Vienne zurückzieht. Das 26. RTS verteidigt die Seine und die Eure. Nachdem es sich in Feucherolles hervortat, wo es die Deutschen in Schach halten sollte, um den Rückzug anderer Divisionen zu decken, ist es gezwungen, sind an die Loire, die Indre, die Creuse und später an die Dordogne zurückzuziehen. Das 25. RTS, das aus der 8. DIC ausgegliedert wurde und als Reserve der Alpenarmee diente, wird in der Region Chasselay - Montluzin bei Operationen eingesetzt, mit denen das Vorrücken der deutschen Truppen nach Lyon aufgehalten werden soll. Das 4. RTS beteiligt sich an der Verteidigung von Menton gegen die italienischen Truppen.

Im April und Mai 1940 werden autonome Bataillone geschaffen und ebenfalls an der Nordostfront eingesetzt, das 17. (Abschnitte Salbris, dann Vierzon beim Rückzug der Truppen an die Loire und die Cher), das 19. und das 22. BATS, welche die Mittelmeerküste verteidigen, ebenso wie das 13. oder das 14. BATS (Region Voreppe).

 

Senegalschützen bei der Ausbildung an einer 25 mm-Panzerabwehrkanone, zwischen Aisne und Maas Frühjahr 1940. © ECPAD

 

Neben den bei diesen Kämpfen erlittenen schweren Verlusten sind die Senegalschützen auch Opfer schrecklicher Repressalien durch die deutschen Truppen. Diese erfolgen in Form von Hinrichtungen der Gefangenen direkt am Kriegsschauplatz. Mehrere Fälle wurden ans Licht gebracht, wie jener der Senegalesen vom 53. RICMS in Airaines im Somme-Gebiet: am 7. Juni 1940 sind der Hauptmann N’Tchoréré, der die 7. Kompanie anführt, und die Überlebenden seiner Einheit gezwungen sich zu ergeben, nachdem sie ihre Stellung beharrlich verteidigt und alle ihre Kampfmittel aufgebraucht hatten. Sie werden vom Feind sofort hingerichtet. Am 19. und 20. Juni werden fast 200 senegalesische Gefangene des 25. RTS in der Region von Lyon (Montluzin, Chasselay…) getötet. Es gibt zahlreiche Beispiele, an der Côte-d’Or, der Oise...

Die Verluste unter den Schützen werden auf fast 17.000 Mann geschätzt. Darüber hinaus befinden sich ungefähr 15.000 Senegalschützen nach dem Waffenstillstand in den Händen des Feindes, der sie in Frankreich in sogenannten „Frontstalags“ (Frontstammlagern) interniert. Viele ertragen die Internierungsbedingungen nicht und werden krank. Sie werden dann freigelassen und den französischen Behörden übergeben, die sich bis zur Befreiung um sie kümmern. Einigen gelingt die Flucht, um sich der französischen Widerstandsbewegung anzuschließen. In zahlreichen Widerstandsgruppen, vor allem im Vercors, wo sie sogar eine „senegalesische Staffel“ in einem Panzerregiment, den 11. Kürassieren, bilden, zeichnen sie sich im Laufe der Befreiungskämpfe aus.

 

Waffenunterricht im Lager Fréjus, Februar 1940. © ECPAD

Die Senegalschützen erhalten für ihre Tapferkeit und ihre Tüchtigkeit im Frankreichfeldzug mehrere Orden und Auszeichnungen, sowohl einzeln als auch gemeinsam. So erhalten unter anderen das 1. Bataillon des 6. RICMS, das 53. und das 57. RICMS militärische Auszeichnungen. Die Fahne des 53. RICMS wird außerdem mit dem Schriftzug „Airaines 1940“ versehen. Diese außergewöhnliche Tatsache ist deshalb besonders erwähnenswert, da im Hinblick auf den Feldzug 1940 nur wenige Aufschriften gewährt wurden.

Senegalesische Infanteriekolonne, April 1940. © ECPAD

 

Eckdaten:

1. September 1939: Beginn des deutschen Angriffs auf Polen.

3. September 1939: Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland.

21. März 1940: Rücktritt der Regierung Édouard Daladier, Bildung der Regierung Paul Reynaud.

10. Mai 1940: Beginn der deutschen Offensive im Westen: Einmarsch in die Niederlande, Belgien und Luxemburg.

13. Mai 1940: Deutscher Durchbruch bei Sedan.

15. Mai 1940: Paul Reynaud verkündet Winston Churchill, dass „die Schlacht verloren ist“. Kapitulation der niederländischen Armee.

15. Mai - 12. Juni 1940: Ardennenschlacht.

17. - 18. Mai 1940: Besetzung von Brüssel, Antwerpen und Saint-Quentin durch die Deutschen.

18. Mai 1940: Gefecht bei Beaumont. Marschall Pétain wird Staatsminister und Vizepräsident des Rates.

19. Mai 1940: Ernennung von General Weygand an Stelle des Generals Gamelin zum Oberkommandierenden der französischen Armee.

23. - 28. Mai 1940: Gefecht bei Fouilloy.

24. - 28. Mai 1940: Gefecht bei Dury.

26. - 28. Mai 1940: Schlacht bei Aubigny. Gefecht bei Saleux.

28. Mai - 4. Juni 1940: Schlacht von Dünkirchen. Kapitulation der belgischen Armee (28. Mai).

5. - 8. Juni 1940: Durchbruch durch die letzten französischen Verteidigungslinien an der Somme und der Aisne.

5. - 7. Juni 1940: Gefecht bei Villers-Bretonneux.

5. - 6. Juni 1940: Kämpfe bei Condé-Folie, Le Quesnoy, Hangest und Airaines.

10. Juni 1940: Gefecht bei Vernon. Italien tritt an der Seite Deutschlands in den Krieg ein.

10. - 25. Juni 1940: Alpenschlacht.

13. - 14. Juni 1940: Gefecht bei Tilloy und Bellay.

14. Juni 1940: Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, das zur offenen Stadt erklärt wird.

15. Juni 1940: Schlacht von Brillon.

16. Juni 1940: Gefecht bei Feucherolles. Rücktritt von Paul Reynaud, Bildung des Kabinetts Philippe Pétain.

17. Juni 1940: Frankreich bittet um den Waffenstillstand.

18. Juni 1940: Lyon wird zur offenen Stadt erklärt.

18. - 19. Juni 1940: Schlacht von Bourmont.

19. - 20. Juni 1940: Gefechte bei Montluzin, Chasselay.

20. Juni 1940: Gefecht bei Salbris.

22. Juni 1940: Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstands auf der Lichtung von Rethondes bei Compiègne.

24. Juni 1940: Unterzeichnung des französisch-italienischen Waffenstillstands in Rom.

25. Juni 1940: Der Waffenstillstand tritt in Kraft.

Corps 2

Die Geschichte der Senegalschützen:

Die Senegalschützen sind koloniale Infanterietruppen, die in Afrika südlich der Sahara rekrutiert wurden.

Die ersten schwarzen Soldaten, die in Frankreich dienen sollten, sind ehemalige Sklaven im Vertrauensverhältnis, die „Laptoten“, die im 18. Jahrhundert rekrutiert wurden, um die Sicherheit der Schiffe der Französischen Ostindienkompanie zu gewährleisten, die Handel mit Afrika trieb.

Das Korps der Senegalschützen wird 1857 durch ein Dekret Napoleons III. gegründet. Von da an nehmen die Tirailleure bis zu ihrer Abschaffung in den 1960er-Jahren an allen Kolonialfeldzügen Frankreichs teil. Sie kämpfen zu Ende des 19. Jahrhunderts in Schwarzafrika und 150 von ihnen sind insbesondere an der Marchand-Mission (1896-1899) beteiligt. Sie greifen auch in Marokko ein (1912-1934).

 

Senegalschütze (1913), von Jean-Luc Tichadou. Quelle: Museum der Marinetruppen

 

Die Senegalschützen spielen eine aktive Rolle bei der Verteidigung oder Rückeroberung des Staatsgebietes in den beiden Weltkriegen. Von den zwischen 1914 und 1918 rekrutierten 161.250 Schützen kommen 134.000 auf verschiedenen Schauplätzen zum Einsatz, insbesondere auf den Dardanellen und an der französischen Front, in Verdun oder an der Somme (1916), während andere in Überseegebieten als Truppe der Staatsgewalt dienen. Während des Zweiten Weltkriegs nehmen sie sowohl an der Schlacht um Frankreich 1940 als auch an allen Kämpfen des Freien Frankreichs teil. Dabei greifen sie vor allem in Gabun (1940) und in Bir Hakeim (1942) ein oder landen mit der 1. Armee (1944) in der Provence.

Senegalschütze, April 1940. © ECPAD

 

Die Schützen nehmen auch an den beiden großen Konflikten der Entkolonialisierung in Indochina (1945-1954) und Algerien (1954-1962) teil.

Die Regimenter der Senegalschützen werden 1958 in Marineinfanterieregimenter umgewandelt, bevor sie zwischen 1960 und 1962 endgültig abgeschafft werden.

 

Den für Frankreich gefallenen Senegalschützen

Da ist die Sonne.

Sie spannt den Jungfraun die Brüste.

Sie lässst auf den grünen Bänken die Greise lächeln.

Sie würde unter der Muttererde die Toten wecken.

Ich höre Kanonenlärm – komm das aus Irun? –

Man schmückt die Gräber mit Blumen, man wärmt den unbekannten Soldaten.

Euch aber, meine dunklen Brüder, nennt niemand.

Man verheißt Fünfhunderttausenden eurer Kinder den Ruhm der zukünftigen Toten, dankt ihnen im Voraus, den künftigen dunklen Toten.

Die schwarze Schande!

Hört mich, Senegalschützen, in der Einsamkeit der schwarzen Erde und des Todes,

In eurer Einsamkeit ohne Augen und ohne Ohren, einsamer noch als ich in meiner dunklen Haut in der tiefsten Provinz,

Ohne die Wärme eurer Kameraden, die bei euch liegen wie einst im Schützengraben, wie einst beim Dorfpalaver,

Hört mich, ihr Schwarzhautschützen, wenn ihr auch ohne Augen und Ohren von Nacht umhüllt seid.

Wir haben keine Klageweiber gemietet, auch nicht die Tränen eurer früheren Frauen.

Sie erinnern sich nur an eure Zornesausbrüche und ziehen die Kraft der Lebendigen vor.

Das Klagen der Klageweiber ist zu deutlich,

Die Wangen eurer Frauen sind zu schnell getrocknet, wie die Fouta-Bäche in der Trockenzeit.

Die heißesten Tränen sind zu deutlich und zu schnell von den vergesslichen Lippen getrunken.

Wir bringen euch, hört uns, wir, die wir eure Namen in den Monaten eures Todes entfernen,

Wir bringen euch in diesen Tagen der Angst ohne Erinnerung die Freundschaft eurer Alterskameraden.

Ah! Könnte ich nur eines Tages mit einer kohlschwarzen Stimme singen!

Die Freundschaft der Kameraden, so inbrünstig und empfindlich wie das Herz, so stark wie Sehnen.

Hört uns, ihr im Wasser in den tiefen Ebenen des Nordens und Ostens hingestreckten Gefallenen.

Werdet dieser roten Erde teilhaftig, dieses vom Blut der weißen Hostien unter der Sommersonne rot gefärbten Bodens.

Senegalschützen, nehmt den Gruß eurer schwarzen Kameraden entgegen,

FÜR DIE REPUBLIK GEFALLEN!

 

Léopold Sédar Senghor, Hosties noires (Schwarze Hostien), 1948