Marie-Madeleine Fourcade

1909-1989
Bildquelle: © Ministère de la Défense-DMPA

Ab 1940 im Widerstand, war Marie-Madeleine Fourcade die einzige Frau, die als Chef eines bedeutenden Netzwerkes der französischen Résistance, Alliance, anerkannt wurde. Ihre Biografin Michèle Cointet erzählt uns ihren ungewöhnlichen Werdegang. 

 

Marie-Madeleine Bridou entkommt dem Konformismus des gutbürgerlichen Milieus, in das sie 1909 hineingeboren wird. Sie lebt getrennt von ihrem Ehemann Édouard Méric, einem in Marokko arbeitenden Verwaltungsangestellten, mit ihren beiden Kindern in Paris. Sie teilt ihre Zeit auf zwischen „Radio-Cité“ und dem Generalsekretariat der antikommunistischen und antideutschen Publikationen des Kommandanten Loustaunau-Lacau, Gründer des Netzwerks Corvignolles und La Spirale, ihres Lehrmeisters in Sachen Geheimdienst. Die Liebe zu einer während einer Kindheit in Shanghai verklärten Heimat, wo ihr Vater als Generalagent der Messageries Martimes und…. „Honorable Correspondant“ (was in etwa einem Geheimagenten entspricht) tätig ist, ihre Illusionslosigkeit gegenüber Pétain, lösen im Juni 1940 einen Reflex aus: da die Männer die Waffen niedergelegt haben, müssen die Frauen sie ergreifen.

Dennoch lässt sie sich überzeugen, Loustaunau-Lacau nach Vichy zu folgen, angezogen von einer Generaldelegation der mächtigen Légion française des combattants. Es entsteht ein Netzwerk, das sich auf Marseille und Vichy konzentriert und einen Nährboden für die Anwerbung patriotischer Ministerial- und Verwaltungsbeamter darstellt. Der Bruch mit Vichy lässt nicht lange auf sich warten, nachdem der Admiral Darlan im Februar 1941 Loustaunau-Lacau aus der Legion entlässt. Der Kriegsverlauf bietet ihnen die Möglichkeit, sich aktiv gegen Hitler zu engagieren. Tatsächlich bedrohen die U-Boot-Einsätze das Überleben der Briten. Informationen über das Auslaufen von U-Booten von Lorient sind lebenswichtig. Nur die Franzosen können sie liefern. Im April 1941 wird ein Kontakt in Lissabon hergestellt, von wo Loustaunau-Lacau Geld und einen ersten Radiosender mitbringt, die effizienteste Waffe, da dadurch die mehrwöchigen Postwege wegfallen und endlich eine unmittelbare Antwort möglich ist. Alliance wird davon bis zu 17 Stück besitzen. Da Marie-Madeleine nicht wie Loustaunau-Lacau in Paris erwischt worden war, organisiert sie in der Zone Nord und im Westen das Netzwerk Alliance, dessen Name die Treue zu England und die Gleichwertigkeit der Partner widerspiegelt. Die Deutschen werden ihm den Namen „Arche Noah“ geben, da seine Mitglieder als Pseudonyme Tiernamen gewählt haben.

Im Mai 1941 wird Loustaunau-Lacau in Algier verhaftet, verurteilt und an die Deutschen ausgeliefert. Nach dieser Episode verweigert Marie-Madeleine politische Engagements, wodurch sie sich von Mitgliedern wie dem General Alamichel entfernt, der sich De Gaulle anschließen wollte. Auf Drängen ihrer Kameraden tritt sie die Nachfolge von Loustaunau-Lacau an und wählt einen neutralen Namen: POZ 55. Da die Ergebnisse hervorragend sind, erkennen die Briten die Frau, deren Identität endlich enthüllt ist, schließlich als Chef der militärischen Nachrichtendienste an, womit sie die einzige in Europa ist, die diesen Status genießt. Sie besitzt ein großes Organisationstalent, ist autoritär, streng, versteht es Menschen mitzureißen, ist beherzt und beweist genügend Flexibilität, um dem Rat der Briten zu folgen, das Netzwerk zu dezentralisieren und in mehrere Untergruppen wie Sea Star oder die bemerkenswerten Druiden von Georges Lamarque aufzuteilen.

Alliance wirbt besonders im öffentlichen Dienst an und weist eine Besonderheit auf: 24% der Mitglieder sind Frauen, was das Netzwerk zur Widerstandsorganisation mit der höchsten Frauenquote macht. Alliance spielte seine wichtigste Rolle während der Atlantikschlacht. Informationen über die TCO (deutsche Transporte in Richtung Osten) wurden geliefert, eine erste Information Dank Amniarix (Jeannie Rousseau) bezüglich der Versuche der V1 und V2 in Peenemünde, Aufnahmen der Abschussrampen im Nordwesten Frankreichs, sowie eine detaillierte Karte der Verteidigungsanlagen entlang der Atlantikküste. Marie-Madeleine organisiert am 4. November 1942 den Aufbruch per U-Boot im Hafen von Le Lavandou von General Giraud, der die Landung der Alliierten in Algier empfangen muss. 

Nachdem sie auf Grund der Verhaftung ihres Stellvertreters Faye im September 1943 in England festsitzt, gelingt es ihr, im Juli 1944 nach Frankreich zurückzukehren und sie führt nach ihrer Flucht aus einer deutschen Kaserne Nachrichtendienste in der Vorhut der Armee von General Patton aus.

Sie ist von seelischen und materiellen Notlagen sehr berührt und kümmert sich mehr als zwanzig Jahre lang um die Überlebenden und die Familien eines Netzwerks, das schwere Verluste hinnehmen musste – 431 Tote und Vermisste, was mehr als ein Drittel der Mitglieder ausmacht. Sie veröffentlicht ihre Erinnerungen in Form von Memoiren unter dem Titel L’Arche de Noé und verteidigt das Gedenken an den Widerstand als Vorsitzende des Comité d’action de la Résistance. Mit ihrem Ehemann Hubert Foucade, einem Mitglied der Freien französischen Streitkräfte, ist sie an der Rückkehr an die Macht von General de Gaulle 1958 beteiligt. Sie ist weder die Ikone einer politischen Partei, noch eine militante Antifaschistin, aber sie ist ihrer Auffassung des Widerstands immer treu geblieben: ein wirksamer, patriotischer Kampf gegen Hitlerdeutschland.


Michèle Cointet, emeritierte Universitätsprofessorin, In Les Chemins de la Mémoire, 239/Oktober 2013

 

Weitere Informationen :
Marie-Madeleine Fourcade-Un chef de la Résistance, éd. Perrin, 2006.