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Philippe Viannay

1917-1986
Philippe Viannay (au centre). ©Fondation de la Résistance, AERI, coll. Défense de la France DR

 

Nichts hatte ihn darauf vorbereitet, dem Krieg ins Auge zu sehen und in den Widerstand zu gehen. Und dennoch wird Philippe Viannay mit 25 Jahren der unumstrittene Anführer einer der wichtigsten Widerstandsbewegungen in der Zone Nordfrankreich. Rückblick auf den Werdegang eines freiheitsliebenden Mannes, der ein Vorreiter in verschiedensten Bereichen war.

 

Im Universum der großen Führungspersönlichkeiten der Résistance nimmt Philippe Viannay einen besonderen Platz ein. Obwohl er die Gruppe Défense de la France (DF), eine bedeutende Widerstandsbewegung in der Zone Nordfrankreichs geleitet hat, ist er weniger bekannt als viele seiner seine Kollegen, wie Frenay, Bourdet oder das Ehepaar Aubrac, um nur einige zu nennen. Seine Jugend – 1940 ist er gerade erst 23 Jahre alt, seine Weigerung, nach dem Krieg eine politische Karriere einzuschlagen, die posthume Veröffentlichung seiner Memoiren…, all dies erklärt dieses relative Stillschweigen. Zugleich erinnern sich alle, die im begegnet sind – sei es im Dunkel des Widerstands oder im Ausbildungszentrum für Journalisten (CFJ), im Club Jean Moulin oder im Segelklub „Centre nautique des Glénans“ - mit viel Emotionen an eine äußerst charismatische Persönlichkeit. Was auch immer seine Verdienste waren, es geht hier nicht darum, eine hagiographische Sicht auf einen Widerstandskämpfer zu liefern, sondern darum, die Besonderheit einer wichtigen Führungsperson der Armee im Schatten zu erforschen.

Philippe Viannay wird 1917 in einem konservativen Umfeld geboren: Sein Vater steht der PSF des Colonel la Rocque nahe, seine Mutter entstammt eher dem niedrigen Amtsadel. Er war übrigens der Meinung, dass seine Familie einer „Ehrenbourgeoisie“ angehörte, die Geld verachtete, obwohl sie ein wenig davon hatte. Nach einem Jahr in einer Vorbereitungsklasse (hypokhâgne) am Lycée Louis-le-Grand beginnt er ein Philosophiestudium und zieht auch das Priesteramt in Betracht, eine Berufung, die er 1938 beiseite legt, um sein Studium an der Sorbonne fortzusetzen.

Nachdem er 1940 tapfer gekämpft hat, kommt er nach Paris zurück, fest entschlossen, wie es das Leitmotiv sagt, „Etwas zu tun“. Und tatsächlich plant er ab Oktober 1940 die Herausgabe einer Untergrundzeitung nach der Idee eines Arbeitgebers seiner Freunde, Marcel Lebon. Mit Hilfe eines ehemaligen Studienkollegen, Robert Salmon, und der Studentin Hélène Mordkovitch, die er an der Sorbonne kennen gelernt hat und 1942 heiratet, gibt er eine Untergrundzeitung namens Défense de la France heraus, deren erste Ausgabe am 14. Juli 1941 erscheint.

Kann man sich von seinen Ursprüngen emanzipieren? Der Werdegang Viannays lädt zu einer nuancierten Antwort ein. Der Spross einer konservativen katholischen Familie übernimmt in mehrerer Hinsicht die Reflexe seines Milieus. DF hält bis 1942 eine Linie ein, die Petain unterstützt und ihm fälschlicherweise eine widerständische Gesinnung zuschreibt. Der Philosophiestudent konstruiert seinen Kampf auch auf ethischem Niveau. Er versucht nicht, militärisch gegen den Besatzer vorzugehen, sondern ruft vor allem zu einer moralischen Mobilisierung auf.

Gleichzeitig entfernt sich Viannay von seinem Milieu. Weit davon entfernt, dem Marschall blind zu folgen, sieht er im Kampf gegen die Deutschen eine absolute Priorität. Und Dank Hélène Viannay wird DF zu einem Ort, an dem sich eine eher rechts situierte Bourgeoisie vor allem mit russischen Emigranten, die eher links anzusiedeln sind, vermischt. 

Durch sein Charisma, sein Organisationstalent und seine offene Geisteshaltung gibt Viannay anschließend seiner Bewegung eine neue Richtung. Sich der Tatsachen bewusst, verlässt die Zeitung schrittweise die Linie Petains, um nach einem Umweg über Giraud schließlich de Gaulle zu unterstützen. Vor allem tritt die DF progressiv in den bewaffneten Kampf ein und gründet Freikorps und anschließend Maquis, insbesondere in Bourgogne-Franche-Comté und Seine-et-Oise. Aber es gelingt ihm nicht, sich bei der France Combattante durchzusetzen. Obwohl er die Mittel erhält, die es ihm unter anderem gestatten, ein Büro für falsche Papiere zu finanzieren, ist seine Bewegung nicht Bestandteil des Conseil national de la Résistance. Ohne Zweifel hatte Viannay mehr organisatorisches als politisches Talent! Deshalb zieht er es 1944 vor, in Seine-et-Oise, wo er schwer verletzt wird, zu kämpfen, als in Paris die offizielle Herausgabe von Défense de la France /France Soir vorzubereiten.

 

Viannay

Albert Bernier, Philippe Viannay (in der Mitte) und Françoise de Rivière, Maquis von Seine-et-Oise, August 1944.
© Fondation de la Résistance, AERI, coll. Défense de la France DR

 

Obwohl er Abgeordneter der beratenden Versammlung ist, beendet Viannay nach der Befreiung seine politische Karriere und seine Arbeit bei France-Soir. Hingegen gründet er, mit dem Ziel Journalisten auszubilden, deren Mangel an Professionalismus er vor dem Krieg festgestellt hatte, das CFJ, beteiligt sich an der Zeitung France-Observateur, und ruft den Segelklub „Centre nautique des Glénans“ ins Leben. In diesem Sinne bleibt er seinen Postulaten treu. Obwohl er sich über die Union de la Gauche socialiste und später den Club Jean Moulin für öffentliche Angelegenheiten interessiert, bevorzugt er, sich in der zivilen Gesellschaft einzubringen – ein roter Faden, der sein Engagement im Widerstand mit seinen Engagements während der ruhigeren Zeiten der wieder gefundenen Republik verbindet. Er stirbt 1986 im Alter von 69 Jahren.


Olivier Wieviorka, Autor von Une certaine idée de la Résistance, Seuil, 1995, Neuaufl. 2010. In Les Chemins de la Mémoire, 240/November 2013