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Polizisten und deutsche Agenten im besetzten Frankreich

© SHD

”Die Gestapo”! Die Geheimpolizei der Nazis fasst im Allgemeinen unsere Vorstellung der deutschen Agenten zusammen, die im besetzten Frankreich ihre Operationen ausgeführt haben. Dennoch sind ihre Profile sehr unterschiedlich und entsprechen nicht unseren üblichen Vorstellungen. Insbesondere die Mitglieder der Gestapo werden anfangs nur selten im besetzten Frankreich eingesetzt, wo die Unterdrückung vor allem dem Verantwortungsbereich der militärischen Verwaltung und der so genannten Geheimen Feldpolizei (GFP) unterstand.

Corps 1

Eine Militärpolizei, deren Aufgabe die Unterdrückung war

Bei den Mitgliedern der Geheimen Feldpolizei (GFP) handelt es sich teilweise um Berufspolizisten, deren Mehrheit aus dem Bereich der Kriminalpolizei stammt. Dies trifft auch auf Hermann Herold zu (siehe Tonbildschau), der von 1940 bis 1944 im besetzten Frankreich einige Verantwortungsbereiche unter sich hatte. Herold ist im Jahr 1891 geboren und trat 1919 nach der Demobilisierung der Polizei bei. 1924 wird er Kommissar der Kriminalpolizei in Stuttgart. Von 1929 bis 1935 ist er Leiter der Kriminalpolizei in Heilbronn. Obwohl er 1937 der NSDAP beitritt, ist er nicht Mitglied der SS. Bei Kriegsausbruch wird er mit der Leitung einer GFP-Einheit betraut, deren Einsatzgebiet im Westen lag. Der Sieg gegen Frankreich führt ihn bis nach Bordeaux, wo er sich vorübergehend niederlässt. Im Dezember 1940 wird er zum Leitenden Feldpolizeidirektor des militärischen Verwaltungsbezirks C in Dijon (Besançon, Dijon, Nancy, Troyes) ernannt. Von dort aus leitet er mehrere Regionalgruppen der GFP, die sich alsbald als die Polizeigruppe der Besatzungsmacht herausstellt, die für Unterdrückung bekannt ist.

Diese Gruppen werden größtenteils in die SIPO-SD eingebunden, die im Mai/Juni 1942 maßgeblich die Zügel hinsichtlich Unterdrückung in der Hand hält. Ungefähr 20 dieser GFP-Gruppen, die jeweils aus ungefähr 100 Männern bestand, wechselten die Uniformen und traten der SIPOSD bei: Ihr Anliegen war es, keinesfalls die Kompetenzen der Polizei aufzugeben, die bereits seit zwei Jahren effizient in diesem Gebiet tätig war. Manche leitende Polizisten und Militärbefehlshaber werden ebenfalls in die SIPO-SD eingebunden und übernahmen dort wichtige Stellen. Zu ihnen zählte auch Herold, der im Juni 1942 zum Kommandeur der SIPO-SD (KdS) in Poitiers ernannt wurde, zuständig für die Departements Charente, Charente-Inférieure, Deux-Sèvres, Vendée und Vienne. Diesen Posten behält er inne bis zur Evakuierung der deutschen Dienste im Sommer 1944.

Corps 2

Die Polizeispione

In der SIPO-SD arbeitet Herold mit anderen Führungskräften der SD, dem Geheimdienst der Partei, zusammen. Dies ist das andere Gesicht, das die Gruppe von deutschen Polizisten und Agenten im besetzten Frankreich an den Tag legte. Roland Nosek (siehe Tonbildschau), im Jahr 1940 33 Jahre alt, der wie Herold fließend französisch spricht, ist ein Beispiel hierfür. Als Experte für Geheimaktionen ist er 1939 verantwortlich für den Geheimdienst VI der SIPO-SD in Wiesbaden. Im Mai 1940 erhält er von seinem Vorgesetzten Max Thomas die Anordnung, den Vormarsch der deutschen Truppen Richtung Westen zu verfolgen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie der SD im zukünftig besetzten Gebiet agieren kann. Er ist zweifelsohne der erste Agent der SIPO-SD, der im Juni 1940 in Paris eintrifft, noch vor Helmut Knochen, der das erste Sonderkommando der SIPO-SD im besetzten Frankreich übernehmen wird. Seine Aufgabe bestand in der Unterdrückung und Verfolgung der Feinde des Reichs. Nosek ist zunächst damit beauftragt, politische Informationen über Frankreich zusammenzutragen, im Rahmen einer Sektion VI-P.

Bei diesen SD-Kadern handelt es sich um junge Männer, mehrheitlich aus mittleren, städtischen Gesellschaftsschichten, zu 60% mit Studienabschluss, insbesondere in Rechtswissenschaften, ein Drittel von ihnen Träger von Doktortitel, die während ihrer Universitätszeiten nationalistische, anti-republikanische, anti-kommunistische und antisemitische Ideen verfolgt hatten. Durch die Niederlage im Jahr 1918 sind sie schwer traumatisiert von der deutschen Nation, die komplett den Boden unter den Füßen verloren hatte, was ihren ”Einstieg in die Politik” erklärt. Ideologen und Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet, handelt es sich bei diesen Personen nicht um einfache Verwaltungsangestellte der Nachrichtendienste und der Geheimpolizei. Ihre Aufgabe ist es, die politischen Feinde des Reichs direkt anzusprechen, sämtliche Informationen aufzuzeichnen, um sie dann besser bekämpfen zu können. Ihre oft steilen Karrieren reichen von leitenden Funktionen vor Ort bis hin zur Leitung ganzer Büros in Berlin, wo sich die Verwaltungszentrale der SIPO-SD befand.

Eine politisch agierende Polizei

Die Mitglieder der Gestapo, der politischen Polizei des Regimes, werden ausgewählt, um Experten der Polizeiarbeit bereitzustellen und das Strafrecht der Nazis umzusetzen. Unter ihnen sind viele Juristen und Funktionäre vertreten. Diese Experten sind insbesondere bekannt für ihre radikale, gewalttätige und ideologische Weltanschauung. Für das erste Sonderkommando der SIPO-SD im besetzten Frankreich benennt Heinrich Müller, Leiter der Gestapo in Berlin, Karl Boemelburg, einen erfahrenen Polizisten, geboren im Jahr 1885, der seine französischen Gegenspieler gut kannte und der ein Fachmann war für kommunistische Ausrichtung. In den verschiedenen Diensten der SIPO-SD sind jedoch nicht nur Menschen mit Erfahrungen vertreten. Es mangelt an Personal und somit liegt es auf der Hand, dass eine Rekrutierung der Männer in Deutschland notwendig wurde. Die Person, die in Paris zuerst Generral Delestraint und dann Jean Moulin (siehe ”Schlechte Nachrichten” aus Frankreich) einer Befragung unterzog, Ernst Misselwitz, war kein Berufspolizist sondern ein ausgebildeter Arbeiter. Er war bereits sehr früh, 1932, der nationalsozialistischen Partei beigetreten und wurde dann bei Kriegsausbruch zur GFP zwangsversetzt und dann aufgrund seiner Sprachkenntnisse nach Frankreich geschickt. Er gehört bald dem Kader IV E an, unter der Leiter von Hans Kieffer, zuständig für die Niederschlagung des ”nationalen Widerstands”.

Zu erwähnen gilt es zudem, dass die Gruppe des Gestapo-Kader Ende 1943 teilweise neu zusammengestellt wurde, nachdem Polizeifunktionäre mit neuen Erkenntnissen von der Ostfront zurückgekehrt waren. Die Landung der Alliierten war ein erwarteter Nachweis dessen und Berlin sah sich veranlasst, dieser neuen Situation mit noch radikaleren und gewalttätigeren Männern und Methoden zu begegnen.

Thomas Fontaine

Historiker und Forscher am Zentrum für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts in Paris 1

WEITERE INFORMATIONEN

Die Befragung von Roland Nosek trägt das Aktenzeichen GR 28 P 7 68.

  • Interrogatoire d'Hermann Herold par les services spéciaux français en Allemagne (extrait), 6 septembre 1945. © SHD

  • Interrogatoire de Roland Nosek par les services spéciaux français en Allemagne (extrait), 1946. © SHD