Konzentrationslager Natzweiler-Struthof

Chapeau

Das im annektierten Elsass befindliche Lager Natzweiler-Struthof wird im November 1944 von den Alliierten entdeckt. In der Geschichte einmalig wurden die verhängnisvollen Taten in den Nebenlagern jenseits des Rheins bis 1945 fortgesetzt.

Gravure de Henri Gayot
Texte

Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof wurde im Mai 1941 in dem vom Dritten Reich annektierten Elsass von den Nazis errichtet. In diesem Lager werden insbesondere politische Deportierte und Widerstandskämpfer inhaftiert. Die Besonderheit des Lagers war es, dass es das am meisten westlich gelegene Konzentrationslager war. Aufgrund seiner geografischen Lage ist es das erste Lager, das von den Alliierten in Westeuropa am 25. November 1944 entdeckt wurde. Das Lager Lublin-Majdanek wurde von der Roten Armee bereits am 23. Juli 1944 entdeckt. Die Geschichte des Lagers Natzweiler endet jedoch nicht mit dem Eintreffen der amerikanischen Soldaten im Elsass. Im versteckt gelegenen Lager jenseits des Rheins werden die tödlichen Gräueltaten bis April 1945 fortgesetzt. Dies ist ein einmaliger und besonders schrecklicher Fall, der Tausenden Deportierten den Tod brachte, obwohl das Hauptlager bereits "befreit" war.

Diese einmalige Geschichte wird in der Ausstellung "Wir werden wieder frei sein: das zweifache Ende des Lagers Natzweiler" dargestellt, die in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Land Baden-Württemberg und den NS-Gedenkstätten in Deutschland über die Nebenlager von Natzweiler erstellt wurde und von dem Verein Gedenkstätte Neckarelz repräsentiert wird. Die Kartographie spielt hierbei eine bedeutende Rolle, da sie die Besonderheit eines Konzentrationslagers an der Westgrenze des Reichs besser widerspiegelt als ein langer Text.

Während im Sommer 1944 die Alliierten und die Kämpfer des Freien Frankreich von der Normandie und der Provence aus weiter nach Frankreich hinein vordringen, stellen die Vogesen die letzte natürliche Verteidigungslinie der Deutschen dar. Die Nazis verschärfen die Unterdrückung der Bevölkerung in den Vogesen und beschuldigten sie der Zusammenarbeit mit den Alliierten. Es kommt zu weiteren zahlreichen Deportationen sowie Schnellhinrichtungen von Widerstandskämpfern, insbesondere auf dem Gelände von Struthof. Am 1. September befiehlt die Inspektion der Konzentrationslager (IKL, verantwortliche Organisation für die Konzentrationslager) aus Oranienburg, die nahezu 6.000 Deportierten per Zug aus dem Lager zu evakuieren. Der Lagerkommandant Fritz Hartjenstein verfasst zu diesem Anlass folgende Anweisungen: "Es können mehr Inhaftierte mit guter körperlicher Verfassung zusammengepfercht werden, als Kranke oder Arbeitsunfähige. […] Das Lager und seine Nebenstellen müssen in perfektem Zustand und sauber zurückgelassen werden".


Im November 1944 ist die Evakuierung abgeschlossen. Als am 25. November eine Abordnung der 3. amerikanischen Infanteriedivision in den doppelt mit Stacheldraht geschützten Innenbereich des Lagers vordringt, ist das Lager Natzweiler-Struthof bereits leer. Es finden sich weder tote noch lebendige Deportierte vor Ort. Die Anlagen hingegen sind alle noch intakt. Die Baracken, das Krematorium, die Gaskammer, Berge von Kleidern und riesige Haufen von Haaren lassen erahnen, wie die Realität in der "Hölle des Elsass" ausgesehen hatte.

Dennoch drang dies nur teilweise ins Bewusstsein ein. Im Winter 1944/1945 werden Dutzende andere Lager entdeckt und der Name Natzweiler gerät bei dieser Litanei in Vergessenheit. Währenddessen wird das System der Konzentrationslager durch das Vorhandensein weiterer Lager in den annektierten Gebieten östlich des Rheins neu organisiert. Die Verwaltung wird zunächst von Dachau übernommen, später dann von Guttenbach und Binau. Es wird nicht nur der Name "Lager Natzweiler" übernommen, sondern es entstehen sogar 20 neue Nebenlager, wo zwischen September 1944 und April 1945 weitere 19.833 neue Deportierte erfasst werden! Manche kamen aus Lagern, die sich in bereits von den Alliierten befreiten Zonen befanden. Hierzu zählten auch ungarische Jüdinnen, die zwischen Januar 1944 und Januar 1945 eintrafen. Obwohl Deutschland bereits begann auseinanderzufallen, werden in Natzweiler die Gräueltaten verbissen weiter ausgeführt. Dies ist ein Beispiel für den bedingungslosen Kampf bis zum Ende, der von NS-Deutschland gefordert wurde.

Für die Deportierten, die durch die Überbelegung der Konzentrationslager und die immer mehr chaotischen Zustände in Deutschland mehr denn je leiden mussten, wurde das Überleben immer schwieriger. Sie vergruben sich in den Werkstätten immer öfter unter der Erde, um sich vor den Bombenangriffen der Alliierten zu schützen. Gleichzeitig mussten sie Tag und Nacht für SS-Fabriken oder Privatunternehmen, wie z. B. Daimler, Krupp und Mauser Schwerstarbeit verrichten. Die Sterberate stieg dramatisch an. Isaac Wassertein ist einer der zehn Deportierten, deren Leben im Rahmen der Ausstellung gezeigt wird. Im Nebenlager von Bisingen wurden er und seine Kameraden gezwungen, Öl aus bituminösem Schiefer zu extrahieren, um daraus Kraftstoff herzustellen: "Diese Arbeit war sehr hart... Wir hatten kaum Werkzeuge, um diese Arbeiten zu verrichten. Die Steine waren so kalt und eisig, dass unsere Finger daran festklebten. Dies erinnert an die Sklavenarbeiten im "antiken Ägypten". Viele der von den Deportierten hergestellten Objekte werden in der Ausstellung zur Schau gestellt: ein Teil eines Flügels eines Messerschmitt Flugzeugs, ein Ölkanister für Schiefer, ein Maschinengewehr MP 40 usw.

Das endgültige Ende des Lagers Natzweiler im April 1945 ist ein Beweis dafür, dass die eigentliche empfundene Freude, die üblicherweise mit Bildern der "Befreiung" verknüpft wurde, nicht ganz der Wirklichkeit entsprach. Eine Zeichnung sowie eine geografische Karte zeigen das Ausmaß der bestialischen Zustände in dieser Epoche. Die Zeichnung ist ein Werk des talentierten polnischen Malers Mieczys?aw Wisniewski, der gemeinsam mit seinem Bruder Tadeusz nach Dachau deportiert wurde und dessen Weg dann ins Lager Mannheim-Sandhofen (Nebenlager von Natzweiler) führte. Im März 1945 erreicht er das Lager Kochendorf, von wo aus er zu Fuß nach Dachau evakuiert wurde. Bei der Befreiung des Lagers lag er aufgrund seiner Typhuserkrankung im Koma. Erst viel später malte er, wie diese Todesmärsche abgelaufen sind, eine blasse Umgebung mit verstörten Deportierten, die viel zu schwach waren, um zu gehen, und somit am Wegesrand erschossen wurden. Die geografische Karte, ein Werk des deutschen Historikers Arno Huth, zeigt die Komplexität dieser Evakuierungen, der Märsche und der Transporte in den letzten Kriegswochen. Besessen von der Idee, dass kein einziger Deportierter in die Hände der Befreier fallen dürfe, verlagern die Nazis ihre Gefangenen ohne Ende, teilweise sogar ohne Ziel, und nahmen somit Tausende Tote in Kauf.

Die Ausstellung ist im Europäischen Zentrum für deportierte Widerstandskämpfer zu sehen, im Hof des ehemaligen Hauptlagers von Natzweiler, in Struthof. Es finden sich dort außerdem Filmaufnahmen eines Zeitzeugen und ehemaligen französischen Deportierten von Natzweiler, Albert Montal, der diese Todesmärsche zwischen den Nebenlagern miterlebt hat. Dank dem Engagement des Nationalen Büros für Kriegsveteranen und Kriegsopfer und der Unterstützung des Landes Baden-Württemberg konnte diese Ausstellung mehrfach kopiert und auch an anderen Standorten präsentiert werden, insbesondere in den ehemaligen Nebenlagern von Natzweiler. In ungefähr 40 Institutionen, Vereinigungen und Gedenkstätten wird diese Ausstellung im Laufe des Jahres 2015 beidseitig des Rheins zu sehen sein. Dieser Wunsch zum gemeinsamen Schreiben von Geschichte führte zur Erstellung einer neuen Kartographie, die das gemeinsame Gedächtnis symbolisiert.


Auteur
Frédérique Neau-Dufour - Direktorin des Europäischen Zentrums für deportierte Widerstandskämpfer

Mehr kennen

Bibliografie :

Le KL Natzweiler et ses kommandos : une nébuleuse concentrationnaire des deux côtés du Rhin, Robert Steegmann, La Nuée bleue, 2005.

Museum :

Artikeln der Zeitschrift

Andere Artikeln

Struthof histoire du camp
NN – Spurloses Verschwinden von Deportierten
Charles Delestraint
Jacques Stosskopf